Adventmail 2022/08 (Reisen)

Recherchen im Internet können auch eine Art Reise sein, die zu spannenden Entdeckungen führt. Heute eine unfreiwillige Reise: Napoleon Bonapartes Fahrt nach St. Helena, die letzte Reise des umtriebigen Korsen, den seine Eroberungszüge durch ganz Europa, nach Ägypten und Russland geführt hatten. Ich vertiefte mich in die Umstände von Napoleons Verbannung, die ihn bis zu seinem Tod in den Südatlantik führte.
Und wie oft bei solchen Internet-„Reisen“ geriet ich vom Hundertsten ins Tausendste. Der spektakulär gescheiterte Imperator lebte sechs lange Jahre auf St. Helena. Dass ich drei Stunden Recherche für dieses Adventmail aufwendete, ist also nur recht und billig.
Die erste Verbannungsreise Napoleons auf die Insel Elba dauerte vom 25. bis zum 27. April 1814; er blieb dort bis Februar 1815. Nach dem Ende der Herrschaft der 100 Tage und Waterloo bestieg Napoleon laut Entscheid der Alliierten am 8. August 1815 in Plymouth die HMS (Her Mayesty’s Ship) Northumberland mit Kurs auf St. Helena. Am 15. Oktober erblickte er die Insel (die nur fast so groß ist wie Graz) zum ersten Mal.
Weder die Hoffnung auf eine Emigration nach Amerika noch auf politisches Asyl in Großbritannien hatte sich erfüllt. Der bitter enttäuschte Napoleon durfte immerhin 26 Personen, darunter Offiziere, Diener und seinen Arzt, als Entourage mit auf die neunwöchige Schiffsreise nehmen. Der nur 168 cm große Franzose liebte es, an Deck zu spazieren und tat dies schon regelmäßig auf der berühmten HMS Bellerophon, die ihn nach Plymouth gebracht hatte und zwei Wochen lang sein Domizil bis zum Aufbruch nach St. Helena war. „Napoleon ging gewöhnlich gegen 17 Uhr an Deck spazieren, gefolgt von einem formellen Abendessen um 18 Uhr“, heißt es auf Wikipedia über seinen dortigen Aufenthalt. Dem Korsen wurde der Respekt britischer Gentlemen gezollt: „Die Matrosen und Offiziere zogen ihre Hüte ab und hielten Abstand, wenn Napoleon an Deck kam. Sie sprachen nur mit ihm, wenn er sie dazu aufforderte.“
Ob das auch auf der Northumberland der Fall war, fand ich nicht heraus. Sie war ein 55 m langes und nicht mal 15 m breites Segelkriegsschiff der Royal Navy für eine Besatzung von maximal 720 Mann. Es gab damals – und zwar seit den 1780ern – bereits Dampfschiffe. Diese waren aber erst nach Ressels Erfindung der Schiffsschraube 1836 konkurrenzfähig.
„Es war Abneigung auf den ersten Blick“, teilt die Zeitschrift Spektrum in einem lesenswerten Artikel auf Napoleons Ankunft am Sonntag, 15. Oktober 1815, auf St. Helena mit. „Das ist kein schöner Ort. Ich wäre besser in Ägypten geblieben“, soll der 46-Jährige nach der beschwerlichen Anreise geäußert haben. Die Insel vulkanischen Ursprungs war besser als Elba gewählt, um jegliche politische Ambitionen des Korsen fortan zu vereiteln: Aufgrund ihrer Abgeschiedenheit – 1900 Kilometer westlich der afrikanischen, 3300 östlich der brasilianischen Küste – gab es auf St. Helena nie eine indigene Bevölkerung, sie blieb bis ins 16. Jahrhundert unbewohnt, entdeckt wurde sie von Portugiesen, später kolonialisiert vom British Empire. Lange Zeit verband nur ein Postschiff St. Helena mit dem Rest der Welt. Nun hat die Insel einen Flughafen.
Napoleon hasste diesen Ort, seine schroffen Felsen, das zerklüftete Gebirge, das sich als Regenfänger für die feuchte Atlantikluft 800 m hoch auftürmt, den Nebel, den Wind. In der ihm zugewiesenen Bleibe Longwood House, einem heruntergekommenen Landsitz, wimmelte es von Ratten und penetranter britischer Observation. Gekränkt fühlte sich der Korse auch dadurch, dass ihn die Briten partout nicht als Kaiser anreden wollten. Zur Inselbevölkerung zählten damals rund 4200 zivile Einwohner und 2500 Militärs, die zur Bewachung des berühmten Exilanten abkommandiert waren.
Dieser schrieb üppige Memoiren („Denkwürdigkeiten zur Geschichte Frankreichs unter Napoleon“), hatte eine letzte Affäre mit der Gattin eines seiner Offiziere und starb am 5. Mai 1821 an Magenkrebs.

Wohl schöner als St. Helena: die wanderbare Caldera auf Corvo, der kleinsten der Azoren

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