Adventmail 2022/17 (Reisen)

Nicht nur ich bin reisefreudig, auch unter euch AdventmailadressatInnen finden sich viele, die gern und oft in die Ferne schweifen. Was haben sie für Tipps abseits der gängigen Reiseziele? Ich bat sechs von euch dazu um kurze Beiträge.

Martina (Sozialmanagerin, Ex-Politikerin, Schwester; 61 besuchte Länder)
Obwohl ich so viele Länder der Welt wie möglich besuchen möchte, hab ich seit 2006 ein Herzens-Land, in das es mich seither unzählige Male gezogen hat. Ich kann sagen, ich kenne Spanien besser als die meisten Spanierinnen. Heuer hab ich eine Woche in Kantabrien mit meinem besten Freund, der dort geboren ist, verbracht. Die nordspanische Region westlich des Baskenlandes ist kein klassisches touristisches Ziel, die Hauptstadt Santander verbinden die meisten mit einer Bank. Kantabrien ist regenreich, daher sehr grün und als Milch- und Rindfleischregion in Spanien geschätzt. Während meines Aufenthaltes im Juli hatte es hochsommerliche Temperaturen und nur einen einzigen Regentag, was man als außergewöhnliches Glück bezeichnen kann. Ja es ist dort kühler als im restlichen Spanien. Atemberaubende Küstenlandschaften mit weitläufigen Sandstränden, historisch bezaubernde Dörfer wie Santillana der Mar, Wanderrouten wie der Pinienwald von Liencres, hochwertigste Fisch- und Meeresfrüchtegerichte, (schon ziemlich) frische und wellenreiche Badesessions im Atlantik und die äußerst freundlichen Kantabrierinnen haben diese Woche für mich außergewöhnlich gemacht. Ich empfehle dringend, ein Mietauto zu nehmen und die Gegend rund um Santander zu erkunden. Will man in der Stadt bleiben, hat man auch dort eine echte Perle mit dem kilometerlangen Sandstrand „El Puntal“, zu dem regelmäßig Boote fahren. Santander und Umgebung ist Spanienurlaub abseits von vollen Stränden, Temperaturen um die 40 Grad, Fotospeisekarten mit Tiefkühlpaella und Sangria – es ist Spanienurlaub für Fortgeschrittene.
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Rudi (Religionspädagoge i.R., Grafiker, Student der Germanistik; 43 besuchte Länder)
Třebíč liegt ca. 50 km nördlich von Znaim/Znojmo in Tschechien. Die kleine Stadt an der Igel/Jihlava ist voller Überraschungen. Die wuchtige romanische Prokopius-Basilika, der bestens gepflegte große jüdische Friedhof auf dem Berg, das ehemalige jüdische Viertel am Fluss (Karl-Markus-Gauß, Die unaufhörliche Wanderung: Třebíč ist „heute eine Stadt ohne Juden mit dem schönsten jüdischen Viertel Europas“) und der 400-m lange Hauptplatz mit den „schwarzen“ Sgraffito-Häusern u.v.a.m. …
Mich fasziniert die Stadt und ich fahre meist von Znojmo aus hin oder zurück – mit dem Rad. Auf dem Weg liegt die Kleinstadt Jarmeritz/Jaroměřice nad Rokytnou mit dem zauberhaften Barockschloss.
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Christoph (Gründer von “Goalkeepers – zukunftsfähig wirtschaften”, davor Sonderbeauftragter der Bundesregierung für Humanitäre Hilfe und Caritas-Auslandshilfe-Chef; 54 besuchte Länder)
Ich bin ein Schnell-Verlieber. Kaum reise ich in ein anderes Land, bin ich diesem hemmungslos verfallen: der Art der Menschen zu leben, der Kultur, dem Außergewöhnlichen und dem Alltäglichen. Meine Erfahrung: Besonders ist es überall. Ich reise gerne mit dem Fahrrad. Neben vielen anderen Vorteilen hat Reisen mit dem Fahrrad den Effekt, nicht nur touristische Höhepunkte zu erleben. Das Fortbewegungsmittel bringt es mit sich, dass ich mich die meiste Zeit in den Zwischenräumen bewege: auf der Landstraße, hinter der Rückseite der Dörfer, entlang des kleinen Bachs, vorbei am alten Kirchlein mit beschaulichem Friedhof, der oft viel vom Leben und Sterben erzählt. Die Mühsal des Tretens erzwingt Pausen und diese sind wunderbare Chancen des Erkundens von kleinen Sensationen. Eine Reiseempfehlung: Mit dem Fahrrad entlang des Neusiedlersees nach Sopron.
Startpunkt könnte Schützen am Gebirge sein (gut mit dem Zug von Wien erreichbar), dann über Rust und Mörbisch nach Ungarn. In Ungarn wird es dann sanft hügelig, vergleichbar mit der Landschaft des mittleren Burgenlandes. Durch Wälder, zwischen Weingärten, immer mit grandiosem Blick auf den See. Wichtig: Stehenbleiben, sich umdrehen und die Aussicht, die Landschaft, den Duft der Natur genießen. Und dann, Sopron: Die Stadt, zu der wir Burgenländer früher Ödenburg gesagt haben, weiß zu beeindrucken. Viele historische Gebäude, großartige Plätze und feine Lokale laden ein, in diesem Zentrum des ehemaligen Deutschwest-Ungarns zu verweilen. Ein großes Kleinod gleich nach der Staatsgrenze, die dank der EU – fast – keine Rolle mehr spielt. Von Sopron geht’s dann übrigens wieder mit dem Zug sehr bequem nach Wien zurück.
Gefühlt war ich schon in allen Weltgegenden. Besonders ist es überall. Vor allem in den Zwischenräumen.
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Silvia (Angestellte, ca. 25 Länder, wenn Kurzbesuche mitgezählt werden)
Ich weiß nicht, wie präsent anderen Menschen Montenegro als Urlaubsziel ist, für mich war es das jedenfalls bis vor einem halben Jahr überhaupt nicht. Freunde, die im April dort waren, haben unsere Neugier geweckt, und im September sind wir spontan selbst hingefahren.
Besonders begeistert sind wir von der Vielfalt an Möglichkeiten in diesem kleinen Land, das nur so groß wie Tirol ist: Badeurlaub am Meer, Besuch historischer Altstädte, wandern in den Bergen, Bootsfahren am Skadarsee (dem größten See am Balkan), vom einfachen bis zum Luxushotel, Einsamkeit und Menschenmengen, für jeden Geschmack findet sich hier etwas.
Leider war unsere Zeit in Montenegro viel zu kurz, und das kleine Stück Bosnien-Herzegowina am Heimweg hat große Lust entfacht, diese Gegend (vielleicht schon nächstes Jahr?) wieder zu besuchen.
Wenn ich dich neugierig gemacht habe, kannst du hier unseren Roadtrip nachlesen.
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Tomas (Literaturhaus-Leiter in Salzburg, Cousin)
Kein Geheimtipp
Wie viele Länder ich in meinem Leben bereist habe, weiß ich nicht. Es geht nicht um Zahlen, sondern um Eindrücke, Erlebnisse, Erinnerungen. Es geht um die Verbindung von Orten mit Menschen. Es geht um Gefühle. Im argentinischen Rosario wurde ich durch Zufall – und eine Portion Frechheit – in die einstige Wohnung von Comandante „Che“ auf einen Kaffee eingeladen. In Island bin ich um Mitternacht zum mächtigen Gullfoss gewandert – begleitet von einer faszinierenden Angst, der tosend-laute Wasserfall würde mich magisch hinunterziehen, wenn ich noch einen Schritt näher käme. Unvergesslich die Stimmung beim gemeinsamen Frühstück der Passagiere auf dem Schiff über das Schwarze Meer vom georgischen Batumi ins ukrainische Odessa. Und von Alderney, eine der weniger bekannten Channel Islands, erhielt ich Jahre nach meinem Aufenthalt einen Brief von der dort gestrandeten Österreicherin, die sich an unsere Begegnung erinnerte und mich über den Tod ihres Mannes in Kenntnis setzte.
Alle Reisen – besonders jene, die man alleine unternimmt – sind auch Reisen zu einem selbst. Am besten, sich in der Fremde in eine Straßenbahn oder in einen Bus setzen, fahren, unterwegs sein, irgendwo aussteigen und sich neugierig treiben lassen. Schließlich reist man, um zu reisen – und nicht, um irgendwo anzukommen.
PS. Sollte jemand auf der japanischen Insel Okinawa nach einem Strandspaziergang oder nach dem Paddeln durch Mangrovenwälder Hunger bekommen: Best food ever gibt es im …. Sehnsucht hat keine Endstation.
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Karin (Lehrerin für Geographie/Wirtschaftskunde und Englisch i.R., Ex-Schulkollegin)
Für mich ist reisen Inspiration, Leben, Luft zum Atmen, Abenteuer und Entspannung.
Ich habe 3 Jahre in Südostasien auf der Insel Taiwan gelebt und in dieser Zeit habe ich die Insel kennen und lieben gelernt. Taiwan wird zurecht „Isle de Formosa“ (dt.: wunderschöne Insel) genannt. Sie ist nicht einmal halb so groß wie Österreich und bietet Reisenden eine Vielfalt an Möglichkeiten.
An der Südspitze findet man zahlreiche Strände, im Inselinneren gibt es hohe Berge, ideal zum Wandern und Bergsteigen (z.B. Yu Shan, 3952m). An der Ostküste liegt die beeindruckende Taroko-Schlucht mit Thermalquellen. Und nicht zu vergessen: Metropolen wie Taipeh, Kaohsiung und Taichung locken mit ihren geschäftigen Nachtmärkten, wo die chinesische Tradition auf westliche Moderne trifft.
Die Menschen sind sehr offen, freundlich und hilfsbereit. Durch die Nord-Süd-Verbindung mit einem Hochgeschwindigkeitszug lässt sich die Insel einfach bereisen. Taiwan ist meine zweite Heimat geworden. Bei jedem meiner Besuche entdecke ich wieder etwas Neues.

Man muss genau schauen, um meine Wandergruppe an der felsigen Küste der Insel Santo Antao, Kap Verden, zu entdecken.

Adventmail 2022/10 (Reisen)

Filme über das Reisen – viele davon großartig – gibt es zuhauf, und auch Listen mit den “besten Roadmovies” finden sich im Internet zuhauf. Zurecht von vielen als Nr. 1 geführt wird Dennis Hoppers und Peter Fondas “Easy Rider” (1969), der wie kaum ein anderer das Lebensgefühl und Freiheitsbedürfnis der Endsechziger ins Bild rückt und dazu auch noch großartige Musik wie “Born to be wild” von Steppenwolf beisteuert. Der “Evangelische Film-Beobachter” schrieb 1970 über den äußerst billig produzierten Erstling „Ein in Darstellung, Fotografie und Musik faszinierend schöner Film, der dem legalisierten Terror unserer Gesellschaft ein aufrichtig empfundenes, aber romantisch verklärtes Bild vom einfachen Leben in einer einfachen natürlichen Umgebung entgegensetzt.“ Interessant aus heutiger Sicht ist der ungeschminkte Blick auf das verstockt konservative, ausgrenzungs- und gewaltbereite Amerika, das bis heute ein Reservoir für demokratiegefährdende Politik à la Trump bildet.

Weitere höchst empfehlenswerte Reise-Filme:

  • Thelma & Louise (Rodley Scott, 1991) mit zwei von Geena Davis und Susan Sarandon dargestellten Frauenfiguren (für Brad Pitt und Harvey Keitel blieben nur Nebenrollen), die durch einen vereitelten Vergewaltigungsversuch zu Outlaws werden.
  • Blues Brothers (John Landis, 1977): John Belushi und Dan Akroyd reisen als Brüder Jake und Elwood Blues durch die Lande und bringen ihre alten Bandmitglieder wieder zusammen. Noch mehr als “Easy Rider” lebt der Film von der schon legendären Musik und Gastauftritten von Größen wie Ray Charles, Aretha Franklin, James Brown, John Lee Hooker oder Chaka Khan.
  • Into the Wild (Sean Penn, 2007): Ein Film über Einsamkeit. Hauptfigur ist ein junger Spross einer wohlhabenden Familie, der nach dem Abschluss seines Studiums von Karriereerwartungen und Besitz lossagt und eine Reise durch die USA und schließlich in die Wildnis Alaskas antritt.
  • Vogelfrei (Agnès Varda, 1985): Die junge Mona (Sandrine Bonnaire mit 18!) will in absoluter Freiheit leben und zieht als Landstreicherin durch das winterliche ländliche Südfrankreich.
  • Nomadland (Chloé Zhao, 2020) Eine trauernde Witwe aus Nevada (Frances McDormand) verlässt nach dem Tod ihres Mannes und der Schließung des nahegelegenen Gipssteinbruchs ihre inzwischen entvölkerte Heimatstadt und reist mit einem Van als Haus zu Gelegenheitsjobs quer durch die USA – wie viele andere, für die der amerikanische Traum nichts als ein unerreichbarer Traum ist.
  • Lohn der Angst (Henri-Georges Clouzot, 1953) sah ich vor Jahrzehnten und habe noch immer Bilder davon im Kopf. Yves Montand als Abenteurer, der zusammen mit letztlich scheiternden Gefährten per LKW eine Ladung Sprengstoff über kaum befahrbare Straßen befördert.
  • Rain Man (Barry Levinson, 1988) Feschak Tom Cruise gibt Charlie Babbitt, der seinen autistischen älteren Bruder Raymond (Dustin Hoffman) von einem Behindertenwohnheim in Ohio nach Kalifornien kutschiert, weil der Flugangst hat.
  • Midnight Run – Fünf Tage bis Mitternacht (Martin Brest, 1988) Ähnliches Thema, aber hier wird Flugangst vorgetäuscht: von einem Buchhalter, der die Mafia für wohltätige Zwecke betrog. Mein Lieblingsschauspieler Robert De Niro als Ex-Polizist soll den Flüchtigen nach Los Angeles bringen.
  • Wilde Erdbeeren (Ingmar Bergman, 1957) Filmklassiker über einen alten Professor, der während einer Autofahrt durch Tagträume und Erinnerungen mit seinen Fehlern konfrontiert wird.
  • Little Miss Sunshine (Jonathan Dayton und Valerie Faris, 2006) In dieser unterhaltsamen Komödie bricht eine ganze skurrile Familie nach Los Angeles auf – zu einem Schönheitswettbewerb, an dem die Jüngst unbedingt teilnehmen möchte.
  • Duell (Stephen Spielberg, 1971) Ein TV-Thriller war der Erstling des späteren Blockbuster-Regisseurs, der so gruselig erfolgreich war, dass er später sogar in die europäischen Kinos kam.
Im Hafen von Kopenhagen (großes Kino!)