Adventmail 2012/04 (Geburt)

Wer in Regionen mit niedrigem Lebensstandard reist, wird sich als reflektierter Mensch sicher irgendwann des unverdienten Glückes bewusst werden, in einem reichen und sicheren Land wie Österreich geboren zu sein.
„Switzerland is the best place to be born in the world“, hieß es erst gestern in zahlreichen Medien. Unser Nachbarland liegt an der Spitze eines „where-to-be-born index“, das die (prognostizierte) Lebensqualität in 80 Ländern vergleicht. Für diese Liste des Economist Intelligence Unit (EIU) wurden neben wirtschaftlichen auch ökologische, soziale und kulturelle Gesichtspunkte miteinbezogen, z.B. subjektive Lebenszufriedenheit, Verbrechensrate, Vertrauen in öffentliche Institutionen und „health of familiy life“.
Österreich liegt in dem Ranking an 13. Stelle, auf Leader Schweiz folgen Australien und drei skandinavische Länder, Deutschland ist 16.
Das EIU-Ranking ist wie alle Listen dieser Art mit Vorsicht zu genießen. Ein geglücktes Leben hängt von so vielen – auch unvorhersehbaren – Faktoren ab, und vor Unglücksfällen, Liebesschmerz und Krankheit ist man auch in wohlhabenden Ländern nicht gefeit. Dennoch: Die glücklichsten Menschen leben laut Studien in den wohlhabenden Industriestaaten Dänemark, Schweiz, Island, Niederlande und Kanada.
Überall dort ist übrigens die Geburtenrate niedrig (um 10 Geburten pro 1.000 Ew.), in afrikanischen Staaten wie Niger (51), Uganda (47) und Mali (46) dagegen um ein Vielfaches höher. Schon klar, dort sind viele Kinder eine Art Altersversorgung und die Säuglingssterblichkeit ist hoch. Aber ist die Unfähigkeit/Unwilligkeit von Ländern, die eigene Bevölkerungszahl durch eine Balance bei Geburten und Todesfällen zumindest stabil zu halten, nicht auch Zeichen einer ab-/aussterbenden Kultur? Oder ist das FPÖ-Software?

Adventmail 2012/03 (Geburt)

Ich bin Vater dreier Söhne und war – unvergesslich für mich – bei der Geburt von Gregor (25), Moritz (24) und Fabian (16) helfend und dann glücksstrahlend dabei. In einem Kreißsaal war ich allerdings noch nie. Das „Kreißen“ (= Kreischen) des Entbindungsschmerzes erlebte ich beim ersten Mal in einem wohnzimmerähnlichen Raum im Geburtshaus Nußdorf mit, bei den beiden weiteren Geburten mit Hebammenhilfe im trauten Heim.
Obwohl Hausgeburten bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts in allen Teilen der Welt vorherrschende Normalität waren, war damals im Bekanntenkreis manchmal die Frage zu hören: Warum als angehende Eltern so ein Risiko auf sich nehmen? Nun, laut der deutschen „Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe“ sind Hausgeburten ähnlich sicher sind wie klinische Geburten. Und, was auch unsere Hebammen damals glaubhaft versicherten, etwaige Komplikationen bedeuten Verzögerung, und Verzögerung bietet Gelegenheit, doch noch ins Spital zu wechseln.
In vertrauter Umgebung zu entbinden bzw. dabei zu helfen erwies sich für uns als beste Lösung, zumal uns in den Tagen danach Helferinnen unterstützten. Etwas unangenehm war mir jedoch, dass der damals siebenjährige Moritz (im Unterschied zum Distanz haltenden Gregor) während der Geburt Fabians mehrmals ins Schlafzimmer kam und ungeniert in Augenschein nahm, ob etwas bzw. wie viel vom Geschwisterchen schon zu sehen war…
Warum ich mich jetzt daran erinnere? Weil Gregor noch im Dezember Vater wird und ich in Gedanken oft bei ihm, seiner Carmen und meinem künftigen Enkerl bin.

Adventmail 2012/02 (Geburt)

Geburt heißt Anfang. Und mit dem heutigen ersten Adventsonntag, nicht mit dem 1. Jänner, beginnt das (lateinische) Kirchenjahr. Der Advent – die Zeit der “Ankunft” -endet wiederum mit einer Geburt, jener im Stall von Bethlehem.
Falls es dazu kommt. Denn Panikmachesoteriker wollen uns weismachen, dass der Welt am 21.12.2012 die Apokalypse droht. Ich bin ziemlich sicher, dass es in drei Wochen so wie bei ähnlichen Prognosen wieder heißen wird: “Weltuntergang mangels an Beteiligung abgesagt”.
Wie auch immer: Anfang und Ende, Tod und Geburt, Untergang und Neubeginn hängen eng miteinander zusammen. Dass das (lateinische) Christentum den Beginn des Jahreszyklus in der dunklen Jahreszeit ansetzt und die Geburt des Erlösers kurz nach der längsten Nacht, am vormaligen Festtag des Sonnengottes Sol Invictus (25. Dezember), ist ungewöhnlich. Andere Religionen/Kulturen wie die alten Römer (1. März), die Bahai, Khmer, Tamilen und der thailändische Mondkalender beginnen das Jahr im Frühling, wenn die Natur neu erwacht.
Die orthodoxen Kirchen wiederum feiern Neujahr am 1. September, Kopten und Rastafari am 11. September, die französischen Revolutionäre mit dem Jahrestag ihrer Monarchieabschaffung am 22. September (1792), die Kelten am 31. Oktober. Ein variables Neujahrsfest haben Juden und Muslime.
Wie heißt es so schön in Hermann Hesses wunderbarem Gedicht “Stufen”:
“… Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe / bereit zum Abschied sein und Neubeginne, / um sich in Tapferkeit und ohne Trauern / in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, / an keinem wie an einer Heimat hängen, / der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, / er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten…”

Adventmail 2012/01 (Geburt)

„Ich fühle mich wie neugeboren“, sagt man. Und damit ist nicht gemeint: erschöpft, trotz käseschmiereverpickter Äuglein geblendet vom Licht der Welt, orientierungslos, instinktgesteuert und zugleich absolut angewiesen.
Nein, „wie neugeboren“ steht für frische Kräfte, Aufbruch, Euphorie und tiefes Wohlbefinden.
Dabei kann sich niemand an seine Geburt erinnern. In einem Internet-Forum stieß ich zwar auf einen Mann, der behauptete, die grünen Kacheln im Kreißsaal noch vor Augen zu haben. Ich glaube das nicht. Denn gerade der Sehsinn ist bei Neugeborenen noch ganz schwach und entwicklungsbedürftig. Laut physiologischer Forschungen können sie nur 20 bis 30 cm weit gut sehen, sehen alles nur zweidimensional und kommen auch mit den Farben noch nicht zurecht.
Der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth („Die Zeit“ 45/2010) spricht im Blick auf früheste Kindheitserinnerungen von einer biologischen Grenze: Bei Kindern, die jünger als zwei bis drei Jahre sind, seien die relevanten Bereiche im Gehirn noch nicht gut genug ausgebildet, um Erinnerungen korrekt abspeichern und auch lange Zeit später wieder abrufen zu können. Meint man dennoch frühere Erinnerungen zu haben, handle es sich oft um später von anderen Personen Erzähltes, so Roth.
Meine eigene früheste Kindheitserinnerung ist zu banal, als dass sie mir später von anderen erzählt worden wäre: Ich weiß noch, dass sich meine erste Pflegemutter, eine Frau Strauß in Bruck an der Mur, darüber mokiert hat, dass ihr Mann, der Onkel Karl, seinen Kaffee im Stehen beim Küchentisch trank. Da ich mit drei Jahren zu meiner zweiten Pflegemutter, Frau Dietz, kam, muss dieses „einschneidende Erlebnis“ davor gewesen sein.

Adventmails 2012 (Ankündigung)

Liebe AdventmailbezieherInnen!
„Geburt“ soll das Thema meiner diesjährigen vorweihnachtlichen Zusendungen von 1. bis 24. Dezember sein. Das passt nicht nur zum weltweit meistbegangenen Fest im Gedenken an die Menschwerdung Gottes in einem wehrlosen Baby im „Nahen Osten“. Sondern es gibt diesmal auch eigene biografische Anknüpfungspunkte (auf die ich im Verlauf der Mails noch eingehen werde).
Für den heurigen Advent habe ich davon abgesehen, Euch um Beiträge zu ersuchen. Im Vorjahr* tat ich das für die Serie „3 Fragen an…“, und nicht nur ich freute mich über viele spannende Kurzinterviews. Vielleicht mache ich Vergleichbares in den kommenden Jahren nochmal, aber diesmal reizte es mich, ein explizit weihnachtliches Thema von verschiedensten Seiten zu beleuchten, und das, ohne erst „einsammeln“ zu müssen. Selbst Erlebtes und Gedachtes wird dabei immer wieder einfließen.
WICHTIG: Diesmal versende ich keine Mails, sondern verbreite die 24 „Kästchen“ über diesen Link (http://www.advent.springmaus.de/zeig.php?kalender=2897) zu einem virtuellen Adventkalender im Internet sowie für Facebook-Mitglieder über die Gruppe „Adventmails RME“. Das vermeidet übervolle Mailboxen und überlässt Euch mehr Freiheit, wie intensiv Ihr meine Kurzartikel nutzen wollt.
Am Samstag geht’s los, ich wünsche Euch Schmunzelanlässe, Aha-Erlebnisse und sonstige Bereicherungen in der Vorweihnachtszeit.
Alles Liebe,
Robert

Adventmail 2011/24 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meinen Fußballfreund …
MARKUS, 44, Professor für neutestamentliche Bibelwissenschaft an der evang.theolog. Fakultät der Uni Wien, Würnitz (NÖ)

1.) Zur Zeit der Geburt Jesu gab es viele Endzeitverkünder und Umkehrrufer. Warum hat sich grad Jesus durchgesetzt?
Jesus hat sich nicht durchgesetzt: Er ist als Gekreuzigter gescheitert. Durchgesetzt hat sich seine Botschaft, weil sie den Menschen vermittelt hat, dass die Gegenwart der neuen Gottesbeziehung nicht erst irgendwann in der Zukunft geschieht, sondern schon jetzt, wenn sie sich auf Gottes barmherzige Zuwendung einlassen, ihr Leben verändert. Bestätigt hat sich diese Botschaft für seine Anhänger und Anhängerinnen nach dem Scheitern in Visionen des Auferstandenen, sie hat aber ihre Faszination nicht daraus allein, sondern aus dem Inhalt.

2.) Die katholische Kirche verweigert Frauen die Priesterweihe, die evangelische ordiniert seit der Nachkriegszeit auch Frauen. Welche ist näher an der biblischen Vorgabe?
Heimspiel, 90. Minute, 3:3, Stanglpass von Mitscha-Eibl, Öhler braucht den Ball nur ins Tor zu drücken: Wer sich an Jesus und Paulus orientiert, wird – so das Gehirn noch strukturiert funktioniert – nichts anderes sagen können: Geschlechterdifferenzen spielen keine Rolle in der Kirche. “Da ist weder männlich noch weiblich”, schreibt Paulus und erwähnt sogar eine Apostelin. Wer sich an den (nicht von Paulus stammenden) späten Briefen orientiert, die eine stärkere Anpassung der Christen und Christinnen an gesellschaftliche Rollenbilder widerspiegeln, wird sich auf das Schweigegebot für die Frau berufen können, das sogar in einen echten Paulusbrief nachträglich hineingeschrieben wurde. Tor, Tor, Tor: Klar ist aus der Bibel, trotz ihrer patriarchalen Prägung, ganz klar zu erkennen: Frauen haben in der Kirche in allen Bereichen völlig uneingeschränkte Gleichheit, genauso wie Hundebesitzer, Schifahrerinnen, Skythen, Steirer …

3.) Meine drei boyz sind (als Kinder eines Theologenpaars) alles andere als fasziniert von Religion. Gelingt es DIR, deine Söhne zu interessieren?
Naja, es kommt darauf an, was mit “Interesse” gemeint ist: Ich habe den Eindruck, dass “Religion” kein bestimmender Faktor im Leben meiner drei Kinder ist, sie das aber auch nicht als völlig irrelevant abtun würden. Immerhin haben sie zuletzt bei den Gemeindevertretungswahlen mitgemacht, kommen (sehr selten) auch mal in einen Gottesdienst mit, und haben alle in Religion maturiert bzw. der dritte hat es noch vor. Aber Theologie wollte leider keiner machen, obwohl der Jonathan (Psychologiestudent, Anm.R.) da sicherlich auch gut aufgehoben wäre.

*

Meine Lieben,
hiermit endet die diesjährige Adventmailserie. Sie hat – wie ich mehreren Feedbacks entnehme – nicht nur mir viel Spaß gemacht. Ich nehme dies als Bestätigung, dass ich viele interessante Pers*nlichkeiten in meinem Bekannten- und Freundeskreis habe – EUCH! Und ich bin sehr happy darüber. Den aktiv Beteiligten danke ich n*chmals herzlich für die Mühe, die sie sich gemacht haben. Und allen Schreibenden und Lesenden wünsche ich Festtage und dann auch ein Jahr 2012 v*ll mit dem Geschenk bereichernder Begegnungen und tragender Beziehungen. R*bert

Adventmail 2011/23 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meine Schulkollegin aus meiner Kapfenberger Gym-Zeit …
ULRIKE, 51, ao. Univ.Prof. am Anglistik-Institut, Uni Innsbruck, Präsidentin der „International Association of Multilingualism“, Rott am Inn (Bayern)

1.) Du beschäftigst dich wissenschaftlich viel mit Mehrsprachigkeit. Wann ist denn der günstigste Zeitpunkt, eine Zweit- oder Drittsprache zu erlernen?
Spontane Antwort: Es gibt keinen günstigsten Zeitpunkt, sondern eine Reihe von Faktoren, die man berücksichtigen muss. Allgemein gilt noch immer die Annahme, dass der frühe Erwerb vorteilhaft wäre (“the earlier the better”). Es gibt aber mittlerweile einige Studien (zB. aus span. bilingualen [katalanisch/spanisch] Kontext zu Englisch als dritter Sprache), die belegen, dass diese Annahme so nicht stimmt, da auch Erwerb, der später einsetzt, zu gleichem Lernerfolg führen kann. Was aber von größter Bedeutung ist, ist die Anzahl der Stunden und bestimmt auch die Qualität des Unterrichtes.

2.) Erziehst du deine eigenen beiden Kinder mehrsprachig?
Ja, wenn man Obersteirisch und Oberbayrisch als Teile einer Mehrsprachigkeit sieht, zu der nun im Falle meines älteren Sohnes Latein und Englisch und im Falle meines jüngeren Englisch dazugekommen sind. Nicht im Sinne von derartiger zwei/mehrsprachiger Erziehung, dass ich sie z.B. auf Englisch anspreche, da diese Art (L1 Deutschvariante/L2 Fremdsprache) der mehrsprachigen Erziehung auf emotionaler Ebene nur ganz selten funktioniert und ich daher auch davon abrate. Sprache ist auch Ausdruck einer Gefühlswelt, die sich z.B. in kulturgeprägten Märchen/Geschichten/Kinderreimen spiegelt und Eltern sollten auch diese Ebene von Sprache vermitteln können.

3.) I would like to brush up mein etwas zähflüssig gewordenes Schulenglisch – aber ohne allzu großen Aufwand. Was kannst du mir raten?
Ich rate gerne zu englischsprachigen Hörbüchern, die man auch beim Autofahren hören kann.

Adventmail 2011/22 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meinen zweitältesten/jüngsten Sohn…
MORITZ, 23, Student, Wien

1.) Der deutsche Starphilosoph Richard David Precht hat kürzlich bei einem Gesprächsabend in Wien verpflichtende Sozialdienste für junge Männer und Frauen gefordert. Sein Argument: Praktisch alle Zivildienstabsolventen bewerten ihre Tätigkeit im Nachhinein als Bereicherung und Horizonterweiterung, und viele bleiben weiterhin freiwillig engagiert. So eine institutionalisierte „Solidaritätsschule“, so Precht, wiegt schwerer als der staatliche Eingriff in die persönliche Freiheit. Du warst neun Monate Zivi in einer Behinderten-Einrichtung. Was sagst DU zu dem Thema?
Halte ich für keine schlechte Idee. Mir hat mein Zivildienst Spaß gemacht. Ich hatte vorher noch keinen Job, so habe ich einen Einblick in die Arbeitswelt bekommen. Es war auch sehr interessant, weil es ein Bereich war, mit dem ich sonst vermutlich nie in Kontakt gekommen wäre.
Allerdings muss ich schon sagen, dass es nicht allen Zivildienern bei uns so gegangen ist wie mir. Es gab auch Leute, die mit einer solchen Arbeit nicht klarkommen. Ich weiß nicht, ob diese auch davon profitieren, bzw. die Einrichtung, wenn Aufgaben schlampig oder halbherzig gemacht werden. Dennoch: Wie ich gehört habe, ist es dem Großteil der Zivis im Behindertenwohnhaus wie mir ergangen. Und das, obwohl die meisten, die bei der Lebenshilfe landen, Leute sind, die sich zu spät um eine andere Zivildienststelle gekümmert haben. Viele von ihnen machen auch weiterhin Springerdienste oder Besuchsdienste, um den Kontakt zu halten.

2.) Es heißt oft, “Sandwichkinder” hätten es nicht leicht. Wie siehst du das? Ist es eher ein Vorteil, einen großen und einen kleinen Bruder zu haben, oder ein Nachteil, weil man wegen der vielen Aufmerksamkeit für “den Großen” und das “Nesthäkchen” eher übersehen wird?
Ich weiß nicht so recht, ob ich mich je wirklich als Sandwichkind gefühlt habe. Für mich war es durch die Altersunterschiede zu meinen Brüdern immer viel mehr “Gregor und Moritz” (1 1/2 Jahre Abstand) und “Fabian” (8 Jahre dahinter), oder, wenn‘s ums Computerspielen ging, immer “Fabian und Moritz”. Ich habe mich da immer mehr als der Bruder gesehen, zu dem beide anderen auf ihre eigene Art einen sehr vertrauten Draht haben, den sie zueinander vielleicht nicht so haben.
Auf der anderen Seite bin ich mir total sicher, dass jede schlechte Note in der Schule darauf zurückzuführen ist, dass ich der mittlere bin.
Ich denke schon auch, dass es Auswirkungen auf mein soziales Umfeld hat. Ich finde mich nämlich auch in meinem Freundeskreis sehr stark in derselben Rolle wieder.

3.) Bei der Aufnahmeprüfung fürs Sportstudium musstest du Leichtathletik, Schwimmen, Ballsport und Turnen absolvieren – eine ziemliche Bandbreite also. Was davon liegt dir am meisten und wirst du somit weiter forcieren?
Rhythmik hast du noch vergessen. Das war lustigerweise nämlich für die meisten “richtig guten” Sportler bei der Prüfung die größte Hürde.
Zu deiner Frage:
Für mich ist eigentlich total klar, dass ich weiterhin Turnen will. Diesen Sport habe ich ja bereits vor einem Jahr im Rahmen eines USI-Kurses für mich entdeckt. Mit der ursprünglichen Motivation mir Basics für Free-Running zu erlernen, habe ich mir ein paar USI-Kurse angeschaut und mich dann für Boden und -Geräteturnen entschieden. Ich dachte mir, bevor ich Salti, Flickflacks und diverse andere Sachen im Freien versuche, lerne ich lieber die korrekte Ausführung erst in der Halle. Free-Running ist ein Trendsport mit einer ständig wachsenden Community, der in den letzten Jahren entstand. Für die Leute unter euch, denen das nichts sagt, hier ein speziell gut gelungenes Video:
http://www.youtube.com/watch?v=dHy9W9LpvlQ&fb_source=message
Mich fasziniert die Körperbeherrschung und dass man dafür nicht mehr als den eigenen Körper plus Umgebung benötigt. Bodenturnen war eigentlich auch die erste Sportart, die ich betrieben habe ohne direkten Konkurrenzkampf. In meinem Kurs feuern wir uns gegenseitig an, gratulieren uns bei erstmalig gestandenen Tricks und bleiben sogar oft nach der Stunde noch ein bisschen in der Halle und üben weiter. Es ist jedes Mal ein unglaublich tolles Gefühl, einen neuen Trick zu lernen und ihn zum ersten Mal zu stehen.
Da ich sowieso regelmäßig Fußball und im Sommer auch Volleyball spiele, wird die zweite forcierte Sportart wohl Schwimmen sein. Dazu hab ich keine Geschichte, aber jeder, der schon mal einen Schwimmer oben ohne gesehen hat, wird meine Motivation verstehen… 😉

Adventmail 2011/21 (Drei Fragen an…)

Heute gibt’s ausnahmsweise zweimal drei Fragen,
und zwar an meine Nachbarin in der autofreien Mustersiedlung, Petra, und an meinen Bruder Thomas, der Autos in Sofia verkauft und in Bad Schallerbach (OÖ) lebt.

PETRA, 44, Wien, Geschäftsführerin Netzwerk Soziale Verantwortung

1.) Du lebst jetzt seit 10 Jahren in der Autofreien Mustersiedlung. Hältst du – frei nach Freud – Auto-Triebverzicht für einen Lebenskulturgewinn?
Ja, unbedingt, Autoverzicht ist Lebenskulturgewinn! Darüber hinaus weniger Stress, keine Autowerkstätten und keine mühsame Diskussion mit Mechanikern. Und – kein Stau in der Früh bei der Fahrt in die Arbeit. Dafür stattdessen: bewundernde Blicke beim Ausziehen der Radüberhose, wenn das kleine Schwarze zum Vorschein kommt, und der Radhelm cool an die Abendtasche gehängt wird …

2.) Was sollte man mit denen machen, die sich trotz der vertraglich vereinbarten Autofreiheit morgens zu ihrem Auto schleichen?
Ich habe das auch bereits in einer Sitzung des Mieterbeirates eingebracht – ich bin dafür, diesen MieterInnen und EigentümerInnen, die Autos besitzen oder regelmäßig nutzen (inkl. Elektroautos), den Zugang zu den Gemeinschaftsräumen zu verweigern.

3.) Du warst lange Zeit in der Entwicklungszusammenarbeit tätig: Warum denkst du sind die ÖsterreicherInnen relativ spendenfreudig für EZA, machen aber bei diesem Thema so wenig Druck auf die Regierung/en, dass kaum ein Bericht über staatliche Entwicklungshilfe ohne das Wort „beschämend“ auskommt?
Eine gute argentinische Freundin hat dazu mal gesagt: “un chancho gordo no se mueve” – ein dickes Schwein bewegt sich nicht. Dieses Bild trifft sehr gut den Partizipationswillen von uns ÖsterreicherInnen 😉

3 Fragen an meinen Bruder
THOMAS, 36, Geschäftsführer von Porsche Bulgarien

1.) Du lebst seit sieben Jahren unter der Woche am Balkan. Inwieweit reist du allmontäglich auch in eine andere Mentalität?
Nach sieben Jahren kann ich sagen, dass die Österreicher mit den Bulgaren viel gemeinsam haben. Beide haben wir nicht so viel Selbstvertrauen, aber doch einiges am Kasten. Beide sind wir eher gemütlich und abwartend, wir kommentieren lieber, als dass wir etwas unternehmen. Beide sind wir große Fußballfans und werden immer von der Nationalmannschaft enttäuscht. In beiden Ländern habe ich das Gefühl, dass wir mehr machen und schaffen sollten. Das Potenzial ist groß, vor allem in Bulgarien… Natürlich gibt es auch Unterschiede. Hier spielt sich alles auf sehr niedrigem Niveau ab. Meine Bulgarisch-Lehrerin, die 35 Jahre an der Universität unterrichtet hat, bekommt 200 Euro Pension. Und das Leben hier ist nicht so viel billiger als in Österreich. Insofern ist das eine andere Realität.

2.) Was meinst du als Manager: War die Finanzkrise des Jahres 2008 erst der Vorgeschmack auf eine Wirtschaftskrise, bei der uns allen noch Hören und Sehen vergehen wird?
In Bulgarien hatten wir in unserer Branche in den Jahren 2008 und 2009 einen Gesamtmarktrückgang von 70 %. Und für die Leute hier war das keine Krise. Die hatten schon etwas ganz anderes erlebt. Nach der Wende war von heute auf morgen das Geld nichts mehr wert. Und nach Einführung des Währungsbords Ende der 90er mussten die meisten Bulgaren echt ums Überleben kämpfen.
Daher sage ich, das jetzt ist keine Krise. Das ist das normale Auf und Ab in der Wirtschaft. Das gibt es immer. Kann schon sein, dass ein Staat pleitegeht – aber auch das ist nicht ungewöhnlich. Ich weiß nicht, wie oft Österreich schon pleite war. Schon einige Male.
Langfristig wird es bergauf gehen. Ich glaube an uns, wir entwickeln uns immer weiter.

3.) Du hast als Schüler/Student Tennis gespielt und gekickt, in einer Hardrock-Band eigene Lieder gesungen, Ölbilder gemalt, in New Orleans und Sidney gelebt und „nichts anbrennen lassen“. War es für dein heutiges Standing wichtig, deine „Jugendträume“ verwirklicht zu haben?
Absolut. Ganz wichtig. Ich zehre noch immer von den schönen Erinnerungen. Das ist eine große Energiequelle. Vor allem auf das mit der Band bin ich stolz, da ich mich damals gegen unseren Vater durchgesetzt habe.

Adventmail 2011/20 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meinen Freund und Studienkollegen…
SEPP, 51, AHS-Lehrer und Schulbibliothekar, Graz

1.) Mir gingen in meiner kurzen Berufsphase als Reli-Lehrer Schüler ziemlich auf den Keks, die Religion als “Ventilfach” betrachteten. Wie sorgst DU für Disziplin?
Ich habe das Glück, an einer Schule Religion zu unterrichten, in der auch Ethikunterricht angeboten wird – verpflichtend für all jene, die ohne rel. Bekenntnis sind, aber auch für alle, die sich vom Religionsunterricht abmelden. Dadurch kann ich bei meinen SchülerInnen von einem Mindestmaß an Lernbereitschaft und Interesse für das Fach ausgehen. Unter “Disziplin” verstehe ich nicht eine Friedhofsruhe, die zwar für mich als Vortragenden manchmal ganz angenehm wäre, die aber wohl eher lähmt und zum Einschlafen verführt. Ich wünsche mir eine entspannte Atmosphäre, in der es möglich ist, miteinander zu arbeiten, Erfahrungen auszutauschen, sich neues Wissen anzueignen. Diese Atmosphäre ist nicht mit Druck und Drill herzustellen, sondern erwächst aus gegenseitigem Respekt und einer großen Portion an Humor.

2.) Was ist das Wichtigste am Versuch, bei jungen Menschen Interesse an Religion zu wecken?
Das Interesse kann bei den meisten nur geweckt werden, wenn Religion mit ihrer konkreten Lebenswelt zu tun hat (nur die Reiferen, unabhängig vom Alter, wollen und können sich auch auf Wirklichkeiten außerhalb ihres Erfahrungshorizonts einlassen). Ein Gott, den wir im Elfenbeinturm der Sakristeien verstecken und von dem wir in einer den Jugendlichen völlig unverständlichen Sprache sprechen, kann bei den jungen Menschen nicht ankommen. So mancher Jugendliche findet Gott vielleicht eher in der Disko oder bei seiner großen Liebe als im kalten Kirchenraum.

3.) Brauchen wir Gott – oder kommt man ohne sie auch ganz gut zurecht?
SchülerInnen teilen mir immer wieder mit, dass sie “Gott eigentlich nicht brauchen”. Wenn ich genauer nachfrage, merke ich, dass sie dem fordernden, strengen Gott (der anscheinend die ihn verehrenden Menschen für sein Ego braucht) den Rücken kehren wollen. Eine Sehnsucht nach dem Gott der Liebe, der mein Glück und meine Freiheit will, der mich annimmt, so wie ich bin, diese Sehnsucht kann ich fast bei all meinen SchülerInnen feststellen – und auch bei mir!