Adventmail 2012/24 (Geburt)

weihnacht

damals

als Gott
im schrei der geburt
die gottesbilder zerschlug

und

zwischen marias schenkeln
runzelig rot
das Kind lag

(Kurt Marti, aus dem Gedichtband „geduld und revolte“, 1984)

Ein Weihnachtslied

Es wird ein Neu-
geborenes herbeigesehnt
ein Kind das sprechen
kann mitten im Wort-
gemetzel

Es wird ein Neu-
geborenes herbeigesehnt
ein Kind das gehen
kann über die Erd-
bebenerde

(Eva Zeller, „Stellprobe. Gedichte“, 1989)

Adventmail 2012/23 (Geburt)

Statt einer Kopfgeburt über das Thema „Kopfgeburt“ lieber nochmal ganz persönlich:
Heuer werde ich am Heiligen Abend wohl ein Neugeborenes im Arm halten, wie schon am Montag im Wilhelminenspital. Und wieder werde ich berührt sein von den winzigen Fingern, den wie zufällig sich öffnenden Äuglein und der gelegentlichen „Busensuchgrimasse“. So ein kleines Geschöpf nahe bei sich zu haben macht sanft und still; es schmilzt Eisherzen und befriedet die Seele. Dankbarkeit ist ein grundlegender Aspekt von Spiritualität, sagte mir der weise/greise David Steindl-Rast in einem Interview im Mai. Und zutiefst dankbar bin ich, dass das Christkind heuer in Gestalt meines Enkerls zu uns kommt: Gabriel, der Herzengel.
Aber ich werde auch an einen denken, der diesmal nicht wie in den vergangenen Jahren beim Weihnachtsfest dabei ist, weil er – jünger als ich und viel zu früh – im Sommer plötzlich verstarb. Ich wünsche mir, dass für ihn eine Kerze am Tisch steht.
Tod und Leben, sterben und geboren, Sarg und Krippe werden heuer somit ganz nah beieinander liegen. Die (nicht nur weihnachtliche) Botschaft dazu: Mach das Beste aus deinem Leben, nütze jede Gelegenheit zu Herz- und Horizonterweiterung, pflücke den Tag – es könnte der letzte sein.
Euch AdressatInnen wünsche ich zum Geburtsfest Jesu kleine und große Glückmomente. Lasst euch berühren vom Flügelschlag der Engel – in welcher Gestalt auch immer sie sich zeigen.

Adventmail 2012/22 (Geburt)

Weit mehr als 6 Millionen Videos sind das Ergebnis, wenn man unter „birth“ auf YouTube sucht („Geburt“ bringt 146.000 Ergebnisse, deutlich weniger als „birth Jesus“). Darunter sind viele Filme, bei denen wohl nicht nur ich mir denke: So genau wollte ich es gar nicht wissen.
Ich halte es schon für tendenziell schamgrenzüberschreitend, von der eigenen Geburt Großaufnahmen mit allen Details machen zu lassen. Und erst recht, das Produkt auf ein weltweit abrufbares Medium hochzuladen. Oder: Ich stelle mir vor, Eltern und Schwiegereltern kommen erstmals nach einer Geburt auf Kaffee und Torte vorbei, und der stolze Vater präsentiert auf Projektionsleinwand ein Video von Blasensprung und Presswehen: „… und jetzt kommt gleich der Mutterkuchen…“ Iiiih.
Da schon lieber Professionalität und Nachdenklichkeit bei Filmen rund ums Gebären. Z.B. der Diagonale-prämierte Film “In die Welt”, in dem Regisseur Constantin Wulff mit Szenen aus dem Alltag in der Wiener Semmelweisklinik einen nüchternen Einblick in das Drama, den Schmerz und die Schönheit des In-die-Welt-Kommens gibt. „Man kann sehr viel über eine Gesellschaft lernen“, meinte der Regisseur, „wenn man näher betrachtet, wie man mit dem Gebären umgeht“.
Empfehlenswert ist auch „Das Wunder des Lebens“, das auch die vorgeburtliche Entwicklung veranschaulicht. Gedreht hat der schwedische Fotograf und Filmemacher Lennart Nilsson, einer der berühmtesten Wissenschaftsjournalisten der Welt.
Wie es in anderen Kulturen zugeht, zeigt die französische Doku „Der erste Schrei“. Marie-Claire Javoy reiste dafür einmal um die Erde einer Sonnenfinsternis hinterher und fing ein, wie man in Afrika, Asien oder Alaska, bei Naturvölkern oder unter Esoterikern, im kalten Klinikum oder auf hartem Slumboden das Licht der Welt erblickt. Wer reinschauen mag: „Der erste Schrei“ beginnt mit einer Unterwassergeburt mit „Delphinassistenz“.

Adventmail 2012/21 (Geburt)

„Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen“, heißt es provokant im Johannesevangelium. „Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden“, sagt Jesus dort dem alten Pharisäer Nikodemus. Und weiter: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.“
Nicht von Reinkarnation ist hier die Rede – das war dem jüdischen Denken fern. Sondern von Wiedergeburt durch die Kraft des schöpferischen Geistes Gottes, meist verdeutlicht durch das Wasserritual der Taufe.
Claudia und ich wählten diese Worte als Evangelium 1986 bei unserer Hochzeit. Die Überlegung dabei: Am Beginn einer Ehe ist es gut, sich zu vergegenwärtigen, dass man im Leben auf Führungen vertrauen kann, die auf gute Wege führen. Und im weiteren Verlauf des Zusammenlebens wollten wir uns abseits vorgegebener Bahnen für das Neue, Überraschende, Unplanbare offenhalten. Das bewährte sich, als eine unerwartete dritte Schwangerschaft zumindest mir anfangs Angst vor jahrelanger Einschränkung machte. Und das führte mich in Talsohlen des Lebens, als wir uns vor fast zehn Jahren trennten und ich lange brauchte, um mich neu zu verwurzeln.
Und immer noch bin ich überzeugt: Lebendigkeit kann nicht in streng abgezäunten Terrains bewahrt werden. Das Sich-Einlassen auf Neues geschieht und beglückt schon im Moment der Geburt und dann noch hunderte Male im weiteren Leben mit großen und kleinen Unvorhersehbarkeiten bis zur gewaltigen letzten Pforte – dem Tod.

Adventmail 2012/20 (Geburt)

Ein Großteil der Gestirne entstand im Frühstadium des Universums vor mehr als zehn Milliarden Jahren. Aber auch heute noch werden Sterne „geboren“. Darüber möchte ich heute schreiben, weil mich Astronomie schon als Teenager faszinierte und ein klarer Sternenhimmel auch manchen Agnostiker demütig werden lässt. Als ich übrigens heuer im Oktober beim Trekking im Hohen Atlas nachts manchmal mein Zelt verlassen musste, sah ich den bisher wunderbarsten Nachthimmel meines Lebens.
Die Sternentstehung folgen einem bestimmten Schema: Riesige Gasnebel ziehen sich durch ihre eigene Gravitation zusammen und fangen an, sich zu drehen. Sie verdichten sich über Jahrmillionen bis zu einer Kugel – dem Protostern. Dieser wächst stetig, irgendwann hat er so viel Masse angesammelt, dass aufgrund des zunehmenden Drucks und der hohen Temperatur in seinem Inneren (10 Millionen Grad!) Wasserstoff zu Helium fusioniert wird. Langsam fällt der Rest an Staub und Gasen auf den Stern und die Geburtshülle wird durchsichtig.
Je nach der Menge an Materie, die einem Protostern zur Verfügung steht, entwickelt er sich weiter. Bei wenig Materie entsteht ein massearmer Stern wie zum Beispiel ein roter Zwerg. Bei mittlerer Masse entsteht ein Stern wie unsere Sonne, bei viel Masse entstehen blaue Riesen. Die kleinen Sterne haben eine höhere Lebenserwartung, weil sie ihren Wasserstoff wegen geringerer Temperaturen viel langsamer verbrennen. Blaue Riesen bestehen gerade mal ein bis zwei Millionen Jahre – eine für Sterne extrem kurze Zeit.
Unsere Sonne ist ein 4,6 Milliarden Jahre alter gelber Zwerg, der mindestens so lange in ähnlicher Form weiterbesteht. Wenn danach die Ausdehnung zu einem heißen Roten Riesen erfolgt, wird es auf der Erde richtig ungemütlich, und wir sollten uns in der Galaxie nach Alternativen umsehen.

Adventmail 2012/19 (Geburt)

Julius Caesar kam per Kaiserschnitt zur Welt. Das behauptet zumindest der römische Schriftsteller Plinius d.Ä. und leitet sogar den Namen “Caesar” von lat. “caedere” (= schneiden/auf- bzw. herausschneiden) her. Der medizinische Terminus lautet dementsprechend sectio caesarea (“cäsarischer Schnitt”). Allerdings ist diese Geburtsweise Caesars eine Legende, da seine Mutter Aurelia die Geburt überlebte. Und das kam bis weit in die Neuzeit bei einem Kaiserschnitt praktisch nicht vor.
Erst im 6. Jahrhundert findet sich im Römischen Recht die christlich motivierte Verpflichtung, einer im Sterben liegenden oder soeben verstorbenen Schwangeren das Kind herauszuschneiden, um zumindest dessen Leben zu retten. In der klassischen Periode Roms davor galt das Leben eines Babys nicht viel, der pater familias konnte ohne juristische Folgen über das Leben seiner Angehörigen verfügen.
1881 führte der deutsche Gynäkologe Ferdinand Adolf Kehrer den Kaiserschnitt erstmals nach der bis heute üblichen Methode durch: Bauchdecke und Gebärmutter werden nicht mehr von oben nach unten, sondern quer aufgeschnitten und danach die Gebärmutter fest mit dem Bauchfellüberzug vernäht. Verbesserte Operationstechniken, Betäubung und Entzündungshemmung trugen dazu bei, dass die Sterblichkeit der Mütter auf unter ein halbes Prozent gesenkt werden konnte. Zuletzt entbanden knapp ein Drittel aller österreichischen Schwangeren per Kaiserschnitt – was Hebammen als Ausdruck einer übertriebenen Angst vor der Geburt kritisieren.
Oder ein Ausdruck übertriebenen Bedürfnisses nach Lebensplanung? Wäre interessant zu wissen, ob am 12.12.2012 nicht nur besonders viele Hochzeiten stattfanden, sondern auch viele Kaiserschnitte vorgenommen wurden…

Adventmail 2012/18 (Geburt)

Quizfrage: Was haben folgende Personen gemeinsam?
Entführungsopfer Natascha Kampusch, Noel Gallagher von der britischen Band Oasis, US-Schauspielerin Natalie Wood, der brasilianische Fußballgott Edson Arantes do Nascimento (=Pelé), das russische Topmodel Natalja Michailowna Wodjanowa und Noëlle Lenoir, französische Ex-Ministerin für Europäische Angelegenheiten.
Richtig: einen auf Weihnachten hinweisenden Namen.
Alle diese Varianten leiten sich nämlich von “dies natalis” ab, was “am Tag der Geburt” (Jesu) bedeutet. Die Namen Noel, Natalie, Noelle, Noelie und Natascha stehen also für geboren bzw. der/die Geborene…, und es verwundert nicht, dass Eltern sie besonders gerne bei einem Geburtstag am 24. Dezember vergeben.
Die lateinischen Herkunftswörter dazu sind das Partizipium „natus“ bzw. das Verb „nasci, (geboren werden). Ableitungen davon sind auch Renate/Renatus/Reto/René – Wiedergeborene/r. Trotz dieser dem christlichen Glauben fremden Bedeutung gibt es Heilige namens Renate/Renatus, z.B. Renatus von Angers, der Patron für eine gute Entbindung.

Adventmail 2012/17 (Geburt)

Ein feuchttrüber Sonntag im Dezember. Es ist der dritte im Advent; in den Gottesdiensten ist von Johannes dem Täufer zu hören. Die entsprechende Evangeliumsperikope bei Lukas regt Kardinal Schönborn zu einem Seitenhieb auf Korruption und auch “kleine Unehrlichkeiten” an. Ich schreibe darüber eine Meldung, weil ich an diesem Wochenende Dienst habe.
In den Zeitungen dominiert der Finanzskandal in Salzburg, auch von den Nachwehen des Massakers an einer Grundschule in Connecticut ist zu lesen. Doppelseitig wird wie zuletzt so oft der angebliche Weltuntergang am 21. Dezember, den ohnehin nur Idioten und Geschäftemacher ernstnehmen, thematisiert und ironisiert.
Dann ein Anruf: Du bist Großvater! Gabriel Ephraim Luzius ist geboren – ein Sonntagskind, ich hatte es schon geahnt.
Ich freue mich riesig und denke mir: DAS ist die richtige Antwort auf verantwortungslose Zockerei, Massenmord an 20 Erstklasslern und Apokalypsegeschrei. Ein Kind ist uns geboren. Neues Leben und eine neue Geschichte beginnen. Gottes Segen mit dir, Gabriel, du Herzenkel!

Adventmail 2012/16 (Geburt)

Was schenkt man anlässlich der Geburt eines Kindes? Im Fall des neugeborenen Heilands waren es noch die königlichen Attribute Gold, Weihrauch, Myrrhe. Im Fall des am 19. Oktober zur Welt gekommenen Sohnes der Soulsängerin Adele waren es – glaubt man der britischen Zeitung “The Sun” – profanere, aber durchaus auch charmante Dinge. “Saß gerade neun Monate ein”, stand auf einem der geschenkten Baby-Strampler, und “Meine Mama ist ein Rockstar” auf dem anderen.
Die edle Spenderin war ein anderer Popstar, nämlich Rihanna, die ein großer Adele-Fan ist. Auch die frischgebackene 24-jährige Mutter, die zum Zeitpunkt ihrer Niederkunft mit dem Titelsong zum neuen James-Bond-Film “Skyfall” die Charts stürmte, wurde bedacht. Adele bekam von ihrer fast gleichaltrigen Kollegin aus Barbados Reizwäsche, wie “The Sun” weiß. “Du musst sexy bleiben, Yummy Mummy” soll auf dem Gratulationskärtchen gestanden sein.
Wobei: Sexy zu sein ist meiner Erfahrung nicht das allererste Bedürfnis nach einer Geburt. Bei den allermeisten Jung-Eltern reduziert sich die Beischlaf-Frequenz zunächst einmal drastisch. Was angesichts von körperlichen Geburtsnachwirkungen, Baby im Schlafzimmer und Stillerfordernissen nicht verwundert.
Adele soll sich sehr gefreut haben. Und ich denke, so einschneidend eine Geburt auch ist – es ist sicher eine gute Idee, eine junge Mutter bald mal wieder als Frau wahrzunehmen statt nur als Mutter.

Adventmail 2012/15 (Geburt)

Ob es ein Bub oder Mädchen wird, lässt sich am Bauch einer Schwangeren ablesen. Diese Überzeugung ist weit verbreitet, ich habe sie selbst mehrfach aus dem Mund von Verwandten gehört.
Jedoch – egal ob spitz oder eher breit, hoch oder tiefliegend: Der Bauch der Mutter ist noch viel weniger als persönliches Fühlen und Spüren geeignet, das Geschlecht des Ungeborenen zu verraten. In einer Untersuchung der Universität Baltimore fanden Forscher keinerlei Zusammenhang zwischen Bauchform und Geschlecht. Selbst die Träume der Schwangeren hatten eine höhere Trefferquote.
Ein anderer Schwangerschaftsmythos ist die These, dass Babys intelligenter werden, wenn sie noch im Mutterleib mit Musik von Mozart beschallt werden. Einschlägige Studien lassen jedoch keinerlei Rückschlüsse in diese Richtung zu. Ein Zusammenhang von Musikrezeption und Denkvermögen lässt sich nicht nachweisen.
Hinzu kommt, dass die Bedingungen im Mutterleib für das Hören von Musik nicht gerade optimal sind: Die Bauchdecke und das Fruchtwasser dämpfen von außen kommende Geräusche und verfremden sie. Unmittelbar konfrontiert ist das Ungeborene hingegen mit den Geräuschen, die der Körper seiner Mutter produziert: mit ihrem Herzschlag oder Verdauungsvorgängen.
Doch auch wenn die mütterlichen Fürze (Mozart hätte diese Deftigkeit wohl gefallen) dem Baby vertrauter sind als die kleine Nachtmusik, kann es nicht schaden, den Wohlklang von Klassik auf das Gemüt der Mama – und damit indirekt auch auf den Fötus – wirken zu lassen.
Die Eingabe von “Baby Mozart” auf YouTube ergibt übrigens immerhin 25.000 Treffer.