Adventmail 2012/01 (Geburt)

„Ich fühle mich wie neugeboren“, sagt man. Und damit ist nicht gemeint: erschöpft, trotz käseschmiereverpickter Äuglein geblendet vom Licht der Welt, orientierungslos, instinktgesteuert und zugleich absolut angewiesen.
Nein, „wie neugeboren“ steht für frische Kräfte, Aufbruch, Euphorie und tiefes Wohlbefinden.
Dabei kann sich niemand an seine Geburt erinnern. In einem Internet-Forum stieß ich zwar auf einen Mann, der behauptete, die grünen Kacheln im Kreißsaal noch vor Augen zu haben. Ich glaube das nicht. Denn gerade der Sehsinn ist bei Neugeborenen noch ganz schwach und entwicklungsbedürftig. Laut physiologischer Forschungen können sie nur 20 bis 30 cm weit gut sehen, sehen alles nur zweidimensional und kommen auch mit den Farben noch nicht zurecht.
Der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth („Die Zeit“ 45/2010) spricht im Blick auf früheste Kindheitserinnerungen von einer biologischen Grenze: Bei Kindern, die jünger als zwei bis drei Jahre sind, seien die relevanten Bereiche im Gehirn noch nicht gut genug ausgebildet, um Erinnerungen korrekt abspeichern und auch lange Zeit später wieder abrufen zu können. Meint man dennoch frühere Erinnerungen zu haben, handle es sich oft um später von anderen Personen Erzähltes, so Roth.
Meine eigene früheste Kindheitserinnerung ist zu banal, als dass sie mir später von anderen erzählt worden wäre: Ich weiß noch, dass sich meine erste Pflegemutter, eine Frau Strauß in Bruck an der Mur, darüber mokiert hat, dass ihr Mann, der Onkel Karl, seinen Kaffee im Stehen beim Küchentisch trank. Da ich mit drei Jahren zu meiner zweiten Pflegemutter, Frau Dietz, kam, muss dieses „einschneidende Erlebnis“ davor gewesen sein.

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