Heute gibt’s ausnahmsweise zweimal drei Fragen,
und zwar an meine Nachbarin in der autofreien Mustersiedlung, Petra, und an meinen Bruder Thomas, der Autos in Sofia verkauft und in Bad Schallerbach (OÖ) lebt.
PETRA, 44, Wien, Geschäftsführerin Netzwerk Soziale Verantwortung
1.) Du lebst jetzt seit 10 Jahren in der Autofreien Mustersiedlung. Hältst du – frei nach Freud – Auto-Triebverzicht für einen Lebenskulturgewinn?
Ja, unbedingt, Autoverzicht ist Lebenskulturgewinn! Darüber hinaus weniger Stress, keine Autowerkstätten und keine mühsame Diskussion mit Mechanikern. Und – kein Stau in der Früh bei der Fahrt in die Arbeit. Dafür stattdessen: bewundernde Blicke beim Ausziehen der Radüberhose, wenn das kleine Schwarze zum Vorschein kommt, und der Radhelm cool an die Abendtasche gehängt wird …
2.) Was sollte man mit denen machen, die sich trotz der vertraglich vereinbarten Autofreiheit morgens zu ihrem Auto schleichen?
Ich habe das auch bereits in einer Sitzung des Mieterbeirates eingebracht – ich bin dafür, diesen MieterInnen und EigentümerInnen, die Autos besitzen oder regelmäßig nutzen (inkl. Elektroautos), den Zugang zu den Gemeinschaftsräumen zu verweigern.
3.) Du warst lange Zeit in der Entwicklungszusammenarbeit tätig: Warum denkst du sind die ÖsterreicherInnen relativ spendenfreudig für EZA, machen aber bei diesem Thema so wenig Druck auf die Regierung/en, dass kaum ein Bericht über staatliche Entwicklungshilfe ohne das Wort „beschämend“ auskommt?
Eine gute argentinische Freundin hat dazu mal gesagt: „un chancho gordo no se mueve“ – ein dickes Schwein bewegt sich nicht. Dieses Bild trifft sehr gut den Partizipationswillen von uns ÖsterreicherInnen 😉
3 Fragen an meinen Bruder
THOMAS, 36, Geschäftsführer von Porsche Bulgarien
1.) Du lebst seit sieben Jahren unter der Woche am Balkan. Inwieweit reist du allmontäglich auch in eine andere Mentalität?
Nach sieben Jahren kann ich sagen, dass die Österreicher mit den Bulgaren viel gemeinsam haben. Beide haben wir nicht so viel Selbstvertrauen, aber doch einiges am Kasten. Beide sind wir eher gemütlich und abwartend, wir kommentieren lieber, als dass wir etwas unternehmen. Beide sind wir große Fußballfans und werden immer von der Nationalmannschaft enttäuscht. In beiden Ländern habe ich das Gefühl, dass wir mehr machen und schaffen sollten. Das Potenzial ist groß, vor allem in Bulgarien… Natürlich gibt es auch Unterschiede. Hier spielt sich alles auf sehr niedrigem Niveau ab. Meine Bulgarisch-Lehrerin, die 35 Jahre an der Universität unterrichtet hat, bekommt 200 Euro Pension. Und das Leben hier ist nicht so viel billiger als in Österreich. Insofern ist das eine andere Realität.
2.) Was meinst du als Manager: War die Finanzkrise des Jahres 2008 erst der Vorgeschmack auf eine Wirtschaftskrise, bei der uns allen noch Hören und Sehen vergehen wird?
In Bulgarien hatten wir in unserer Branche in den Jahren 2008 und 2009 einen Gesamtmarktrückgang von 70 %. Und für die Leute hier war das keine Krise. Die hatten schon etwas ganz anderes erlebt. Nach der Wende war von heute auf morgen das Geld nichts mehr wert. Und nach Einführung des Währungsbords Ende der 90er mussten die meisten Bulgaren echt ums Überleben kämpfen.
Daher sage ich, das jetzt ist keine Krise. Das ist das normale Auf und Ab in der Wirtschaft. Das gibt es immer. Kann schon sein, dass ein Staat pleitegeht – aber auch das ist nicht ungewöhnlich. Ich weiß nicht, wie oft Österreich schon pleite war. Schon einige Male.
Langfristig wird es bergauf gehen. Ich glaube an uns, wir entwickeln uns immer weiter.
3.) Du hast als Schüler/Student Tennis gespielt und gekickt, in einer Hardrock-Band eigene Lieder gesungen, Ölbilder gemalt, in New Orleans und Sidney gelebt und „nichts anbrennen lassen“. War es für dein heutiges Standing wichtig, deine „Jugendträume“ verwirklicht zu haben?
Absolut. Ganz wichtig. Ich zehre noch immer von den schönen Erinnerungen. Das ist eine große Energiequelle. Vor allem auf das mit der Band bin ich stolz, da ich mich damals gegen unseren Vater durchgesetzt habe.