Ich schrieb ein Gutteil dieser Adventserie während meines Kuraufenthalts im Oktober in Bad Gleichenberg. Und kaum jemand, der davon wusste, verzichtete darauf, mich auf einen möglichen „Kurschatten“ anzusprechen. Mit etwas Besorgnis meine Liebste (die selbst ein halbes Jahr davor auf Kur war), und auch mein 80-jähriger Vater, der mir in einem Telefonat vor Antritt lebenserfahren sinngemäß ankündigte: Am ersten Kurtag werden gleich alle Claims abgesteckt…
Nun ja, die Realität unter den meist von einer FFP2-Maske versteckten PatientInnen (die sogar bei der Wassergymnastik zu tragen war) sah anders aus. Sei’s drum. Das Bedürfnis, mir durch erotische Attraktivität Selbstbestätigung zu holen, hat sich über die Jahre deutlich verringert. Jetzt schmunzle ich altersmilde über die Zeit meiner ersten richtigen Beziehung zu Studienbeginn, als ich Erl(i)ebnisse erfand, um meine bis dahin bestehende „Jungmännlichkeit“ zu verleugnen.
Sexuelles Verlangen, um das es im heutigen Adventmail geht, lässt mit zunehmendem Alter nach, die Gelassenheit (die hatten wir schon) diesbezüglich nimmt meist zu. Wobei: So wie wir Babyboomer die sexuelle Aktivität unserer Eltern unterschätzten, können (und wollen) sich wohl auch unsere erwachsenen Kinder Mama und Papa nicht beim Liebesakt vorstellen. Ist erst die Menopause als Stolperstein bewältigt, der abnehmende Testosteronspiegel, die höhere Anfälligkeit für Diabetes, Bluthochdruck und Blasenschwäche… dann steht einer ausgelebten Libido bis ins hohe Alter nichts im Wege.
Ohne PartnerIn wird’s freilich schwierig, weiß die Statistik: In der Gruppe der über 80-Jährigen sind noch 31 Prozent der in einer Beziehung lebenden Männer und 25 Prozent der Frauen sexuell aktiv, ohne Beziehung sinkt dieser Anteil bei Männern auf 7 Prozent – bei 80plus-Frauen war kein nachweisbarer Anteil mehr vorhanden.
Ein sehr gelungener Film über Erotik im Alter ist übrigens „Wolke 9“ von Andreas Dresen (D, 2008).
Monthly Archives: January 2025
Adventmail 2021/11 (Gefühle)
Sommer im hohen Norden – damit verbinde ich laaange lichtvolle Tage in menschenarmer, friedvoller Natur, an denen die Sonne nur für kurze Nachtstunden verschwindet. Völlig anders empfand 1892 ein Einheimischer bei seinem Spaziergang an der Ostküste des Oslofjords: „Ich ging den Weg entlang mit zwei Freunden – die Sonne ging unter – der Himmel wurde plötzlich blutig rot … Ich sah hinüber […] die flammenden Wolken wie Blut und Schwert – den blauschwarzen Fjord und die Stadt – Meine Freunde gingen weiter – ich stand da zitternd vor Angst – und ich fühlte etwas wie einen großen, unendlichen Schrei durch die Natur“, schrieb Edvard Munch (1863-1944) später ein Prosagedicht darüber in sein Tagebuch.
Weit bekannter als dieser literarische Entwurf wurde dessen Visualisierung: Das Bild „Der Schrei“ entstand zwischen 1893 und 1910 in verschiedenen Versionen, ausgeführt in verschiedenen Techniken, mit Pastellfarben, in Öl, als Graphik und Lithografie.

Munchs Bild wurde zur Ikone der modernen Bildenden Kunst und gilt als Wegbereiter des Expressionismus. Der Wirkung der von feurigen Farbströmen umspülten Hauptfigur, geschlechtslos, mit panisch aufgerissenen Augen und Mund, die Hände in einer Geste des Entsetzens an das kahlköpfige Haupt gelegt, kann ich mich nicht entziehen. Das Gemälde hätte auch als Illustration von „Angst“ gepasst, ich wähle „Schrecken“ als eindrücklich vermittelte Emotion. Die Natur wird vom damals erst 30-jährigen norwegischen Maler zum Resonanzraum seines Zustands albtraumhafter Verzweiflung. Und Munch blieb psychisch labil, durchlitt Nervenzusammenbrüche und tragische Liebesgeschichten, sprach allzu sehr dem Alkohol zu. Seinen Erfolgen als Künstler tat dies keinen Abbruch. Wie heißt es so schön: “Letztlich ergibt alles einen Gin.”
Adventmail 2021/10 (Gefühle)
„Cringe“ ist das Jugendwort des Jahres 2021. Der für das Gefühl von Fremdscham stehende Begriff erhielt in einem Onlinewahlverfahren unter Jugendlichen 42 Prozent der Stimmen, wie der Langenscheidt-Verlag Ende Oktober mitteilte. Ich gebe zu, „cringe“ war mir vor dieser Meldung völlig unbekannt. Bevor meine Söhne jetzt peinlich berührt – also „cringy“- werden, sage ich: Wurscht. Fremdschämen lasse ich hier weg, denn bei Scham muss ich nicht in die Ferne schweifen.
Ich widme mich hier der „flygskam“, einem Neologismus, der Ende 2017 aus Schweden dahergeflogen kam. Inzwischen findet sich die „Flugscham“, also die Hemmung zur Benutzung von Verkehrsflugzeugen aus Umweltschutzgründen, nicht nur im Duden, sondern auch in mir.
Ich rekapituliere: Seit 2017 war ich mit dem Flieger (beruflich) in Jerewan und Zürich/Genf sowie (privat) auf den Kap Verden, den Azoren, in Oslo, Thailand und heuer auf Teneriffa. Die dabei mitverursachten Treibhausgas-Emissionen machen auch meine beiden Sommerurlaube mit dem E-Bike – 2020 von St. Moritz nach Wien, 2021 vom Reschensee durch Süd- und Osttirol, Kärnten und die Steiermark – nicht wett. Anlässlich des UN-Klimagipfels war zu lesen, dass die Anreise von Umweltministerin Leonore Gewessler nach Glasgow per Bahn 27 kg Emissionen verursachte, mit dem Auto wären es 452 kg und mit dem Flieger gar 648 kg gewesen.
Den Appell von Kirchenvertretern vom Papst abwärts, man müsse seinen Lebensstil auf „enkeltauglich“ ändern, um Gottes gute Schöpfung zu bewahren, wie es im Kerzlschluckerdeutsch heißt, verbreite ich als Kathpress-Redakteur alle paar Tage. Ja, eh. Aber gar nicht mehr in ferne Länder reisen? Keine faszinierenden Landschaften wie auf Island, La Réunion oder in Neuseeland entdecken? Das wäre ein schmerzvoller Verzicht, selbst wenn es natürlich auch in Österreich und Umgebung – erreichbar mit Bahn oder Rad – Herz und Horizont Erweiterndes zu sehen gibt.
Technische „Lösungen“ wie umweltfreundlichere Treibstoffe statt Kerosin werden noch Zeit brauchen. Bis dahin bin ich wohl jenseits der 70 und bevorzuge Sofa statt Jungle Trails. Es ist ein Dilemma. Und um ehrlich zu sein: Ich favorisiere eine „österreichische Lösung“: ein bissl Verzicht, aber nicht so, dass es weh tut. Und Ihr?

Adventmail 2021/09 (Gefühle)
Zur heutigen Emotion „Ekel“ erzähle ich eine Geschichte aus meiner Kindheit. Meine alleinerziehende Mutter brachte mich Knirps tagsüber bei einer Pflege- bzw. Tagesmutter unter, die ungeachtet ihrer Herzenswärme ein strenges Regiment führte. Zu essen war, was auf den Tisch kam. Z.B. Schwammerlreis, aus dem ich die dottergelbe Waldernte heimlich aussortierte und hinter die Kredenz warf oder in meine Lederhose steckte. Bei Rahmsuppe, von mir ähnlich verabscheut, war das nicht möglich. Und in Zeiten der in den 1960ern als normal betrachteten schwarzen Pädagogik war es schlichtweg undenkbar, sich solchen Vorgaben Erwachsener direkt zu widersetzen.
Jahre später schrieb ich, beeinflusst durch Peter Turrinis biografische Gedichte, folgenden Text darüber:
Als ich klein war
hatte ich Angst
Meine Pflegemutter hatte Rahmsuppe gekocht.
Ich hasste Rahmsuppe.
Meine Pflegemutter sagte: Iss!!!
Ich aß und mich ekelte.
Der Kümmel würgte mich.
Ich erbrach das Verschluckte wieder in den Teller.
Meine Pflegemutter merkte nichts.
Ich aß weiter,
schluckte Rahmsuppe und Erbrochenes hinunter
und auch Furcht und Verzweiflung.
Was mir zu denken gibt:
Heute finde ich Rahmsuppe gar nicht so übel.
Nachbemerkung: Schwammerl und Pilze aller Art esse ich jedoch bis heute nicht. Diese Art des Widerstands gönne ich mir auch als nunmehriger Feinschmecker und Waldliebhaber.
Adventmail 2021/08 (Gefühle)
Dr. Bruce Banner ist Nuklearphysiker im Dienst der Waffenindustrie. Beim Versuch, den jungen Rick Jones vom Testgelände einer von ihm entwickelten „Gamma-Bombe“ zu retten, fällt Banner einem Attentat zum Opfer und nimmt eine gewaltige Dosis Gammastrahlung auf. Das bewirkt jedoch nicht – wie bei unsereinem/r –Krebs, Leukämie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Trübungen der Augenlinse, nein, Bruce Banner wird zum Superhelden „Hulk“ und verwandelt sich fortan bei jedem Anflug von Wut in ein grünes, muskelbepacktes Monster.
Es geht also um Wut – ein in unserer Kultur meist verpöntes Gefühl, weil es nicht der gesellschaftlich erwarteten Selbstbeherrschsucht entspricht. Und ich muss zugeben, auch ich habe kein besonderes Talent dafür, in manchen Situationen zum „Häferl“ zu werden und so Psychohygiene zu betreiben oder meinen Willen durchzusetzen. Meine Aggression nimmt meist den Umweg über Stichelei und Sarkasmus.
Dabei zeigen wissenschaftliche Studien, dass häufig unterdrückte Wut zu Krankheiten wie erhöhtem Cholesterinspiegel, Bluthochdruck, größerem Herzinfarktrisiko und Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems führen kann. Manche PsychologInnen gehen davon aus, dass unerwünschte Folgen auch Depressionen, Essstörungen und Alkoholismus sind.
Also – nur Mut zur Wut als reinigendem Gewitter? Nun ja, „Blitzableiter“ wären nicht schlecht, bevor durch Tobsucht das Familienporzellan fliegt oder im Jähzorn gar Gewalt ins Spiel kommt. Es wird empfohlen, „Wut angemessen auszudrücken oder zu kanalisieren, etwa durch Sport, Gespräche, Imaginationen, kreativen Ausdruck oder Entspannungsmethoden“, weiß das immerkluge Wikipedia.
Am 1. Dezember schmunzelten wir in der Redaktion über Tipps von „Beziehungsratgeber“ Papst Franziskus, wie mit Zorn in einer „reifen Beziehung“ umzugehen sei: “Manchmal streiten wir uns, das kommt vor. Manchmal fliegen auch die Teller, na gut, das kommt vor”, wurde Franziskus von unseren Rom-KollegInnen zitiert. Entscheidend sei, dass man den Tag nie beende, ohne Frieden zu schließen. Dafür reiche oft am Abend „eine kleine Geste wie ein Tätscheln oder Streicheln“, riet der 84-Jährige. Auf jeden Fall gelte es, “Kalten Krieg am nächsten Tag” zu verhindern.
Adventmail 2021/07 (Gefühle)
“Es gibt ja immer wieder Bereiche, bei denen man der Zukunft mit Sorge entgegenblickt. Ich lege Ihnen ein paar Bereiche vor, bitte geben Sie zu jedem Bereich an, ob Sie da dem kommenden Jahr 2021 mit großer Sorge entgegenblicken, mit etwas Sorge oder ohne Sorge.” Diese Umfrage im Auftrag des „Standard“ wurde im Advent letzten Jahres 809 repräsentativ ausgewählten ÖsterreicherInnen über 16 Jahren gestellt. Es zeigte sich, dass im ersten Corona-Jahr nicht Gesundheit oder aber der Klimawandel die größte Besorgnis auslöste, sondern Wirtschafts- und Verteilungsthemen: Jeweils knapp die Hälfte der Befragten befürchteten ein Sparpaket aufgrund der hohen Staatsausgaben bzw. eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in Österreich. Knapp dahinter mit 46 % „große Sorge“-Nennungen die Angst vor Steuererhöhungen.
Ob die Integration ausländischer MitbürgerInnen gelingt (38 %), lag in dieser Sorgeliste noch vor möglichen unerwünschten Nebenwirkungen einer (damals noch gar nicht verfügbaren) Covid-Impfung (36 %). Nur etwas mehr als ein Drittel äußerte Sorge über ausreichende Maßnahmen gegen die Erderwärmung.
Unter „ferner liefen“ im Ranking mit jeweils zwischen 10 und 12 % Nennungen die auf den persönlichen Lebensbereich bezogenen Antwortangebote: „Ob ich in meiner Arbeit Erfolg haben werde“, „ob ich genügend Zeit für meine Familie habe“, „ausreichend Zeit für Hobbys und Interessen“ und „ob meine Beziehung/Ehe glücklich verläuft“ … – allesamt Themen, die nur wenigen Sorge bereiten. Das deckt sich mit vielen anderen Studien (und auch meiner eigenen Befindlichkeit), die in Bezug auf Persönliches immer deutlich mehr Optimismus belegen als auf gesellschaftliche, politische oder globale Themen.
Meine Sorge Nummer 1: die Umweltzerstörung, die im Unterschied zu Corona viel zu allmählich geschieht, als dass wirklich mutige, einschneidende Gegenmaßnahmen gesetzt werden. Gänzlich unrepräsentativ ein Blick auf meine nachfolgenden Generationen: Mein jüngster Sohn Fabian (25) nennt die Gesundheit seiner Liebsten als größte Zukunftssorge, meinem ältesten Enkel Gabriel (bald 9, soeben Covid-genesen) fällt auch nach längerem Nachdenken nichts ein, was ihm ernsthaft Sorgen bereitete – oh selige Kindheit!
Größer angelegt war eine im Oktober 2020 veröffentlichte Umfrage darüber, wovor Menschen in 142 Ländern Angst haben.
Unter einer großen Sorgenlast stand ein berühmter österreichischer Entertainer, zumindest, wenn man diesem Lied Glauben schenkt…
Adventmail 2021/06 (Gefühle)
Kein anderes Foto hat bei mir in den vergangenen Jahren ein so starkes Gefühl von emotionalem Schmerz ausgelöst wie jenes von Alan Kurdi. Der Knirps aus einer syrisch-kurdischen Flüchtlingsfamilie wurde nicht einmal drei Jahre alt. Seinen leblosen, auf dem Bauch liegenden Leichnam, bekleidet, die Schuhe noch an den Füßen, fotografierte die türkische Fotojournalistin Nilüfer Demir 2015 an einem Strand bei Bodrum, wo der Bub angeschwemmt wurde. Sie habe „den verstummten Schrei des Jungen hörbar machen“ wollen, sagte sie über die Aufnahmen. Mir und Tausenden anderen kamen bei diesem zum Sinnbild von Flüchtlingsleid gewordenen Foto die Tränen. Österreichs sehr junger Außenminister sagte vier Monate später im Interview der deutschen „Welt“ über die notwendige Sicherung der EU-Außengrenzen: „Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen.“
Nicht nur Alan, auch sein fünfjähriger Bruder Ghalib und seine Mutter Rehanna ertranken Anfang September 2015 beim Versuch, von der Türkei auf die griechische Insel Kos zu gelangen. Nur der Vater Abdullah überlebte die gefährliche, teuer bezahlte Fahrt in einem gekenterten Schlepperboot. Bereits davor waren zwei Versuche der Familie Kurdi gescheitert, nach Kanada zu gelangen, wo in Vancouver eine Tante von Alan und Ghalib lebte.

Bei seiner Reise in den Irak traf sich Papst Franziskus nach der Messe im Stadion von Erbil am 7. März 2021 mit Abdullah Kurdi zu einem langen Gespräch. Der Vater von Alan lebt mittlerweile dort in der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan (wohin ich einmal auf eine Pressereise mitflog), ist wieder verheiratet und hat einen Sohn. Dass die Medien 2015 das Foto des kleinen Alan abdruckten, nannte er im Interview von „Focus“ richtig: „Die Menschen dürfen nicht wegsehen, was Schreckliches passiert auf dem Weg nach Europa, nur weil man uns vorher kein Visum geben will. Jedes Mal, wenn ich wieder höre, dass ein Boot untergegangen ist, fange ich an zu weinen.“
Adventmail 2021/05 (Gefühle)
Zum Gefühl „Erleichterung“ könnte ich die Geschichte erzählen, als mein damals im Volksschulalter befindlicher mittlerer Sohn Moritz in der verwinkelten Altstadt von Split verlorenging und dann selbst den Weg zum Hafen mit der Fähre zurück auf die Insel Brac fand.
Ich widme mich aber lieber der sowohl psychischen als auch physischen Erleichterung und den dazugehörigen Örtchen. Denn wir alle kennen wohl aus eigener Erfahrung den wachsenden Druck, uns ehebaldigst aus „kleiner“ oder „großer Not“ (wie es in meiner Kindheit hieß) befreien zu müssen, und wissen, wie angenehm es ist, nach schweißtreibender Zurückhaltung der Physiologie endlich freien Lauf lassen zu dürfen.
Der „stille Ort“ ist ein beliebtes Thema von Ausstellungen geworden. Sie sind betitelt mit „Klo & so“ (2012, Gmunden), “Von wegen stilles Örtchen. Toiletten in Wien”(2015), „Spot on“ (2019, Rapperswil, CH) oder deftiger mit “Scheiße sagt man nicht!” (2016, Detmold, D) und „Drauf geschissen!“ (2019, Bad Homburg, D).
Aborte – ein seit Mitte des 18. Jahrhunderts belegter Begriff für einen bewusst „abgelegenen Ort“, oft mit einem Herzchen an der Tür – sind zweifellos ein Thema der Kulturgeschichte und der olfaktorisch abgehärteten Forschung: Grabungsfunde an Euphrat und Tigris, in Ägypten, Athen und im Römischen Reich bezeugen Aborte und Sickerschächte, Kanalanlagen zwischen Wohnhäusern und Flüssen, steinerne Klosettsitze und Nachttöpfe. Im Mittelalter waren Aborte in Klöstern, Burgen und Städten zu finden, später auch auf Adelssitzen, bei Großbauern und Wirtshäusern. Erst im 19. Jahrhundert verbreiteten sie sich auch bei Handwerkern und Kleinbauern. Es war wieder der höfische und großbürgerliche Bereich, der im 19. Jahrhundert den Fortschritt mit dem Wasserklosett (von engl. „closet“, kleines Zimmer) einläutete. Auf dem Land galt das “WC” bis nach dem Zweiten Weltkrieg als unnötiger städtischer Luxus, da man den wertvollen Dünger nicht einfach wegspülen wollte.
PS: Die App „Public Toilets in Vienna“ hilft bei dringenden Bedürfnissen in Wien.
PPS: Willi „Ostbahn-Kurti“ Resetarits bekannte in „Willkommen Österreich“ freimütig, seine Brüder Lukas und Peter hätten ihm zum 70er eine „Rosettenwaschanlage“ geschenkt.
PPPS:. Kein Schmäh: Ich schreibe dieses Kästchen am 19. November und stoße bei den Recherchen darauf, dass heute der internationale Toilettentag ist!
Adventmail 2021/04 (Gefühle)
Zur heutigen Emotion „Bewunderung“ ein Rückblick: Als Teenager bewunderte ich Sportstars am meisten. Ab etwa 10 Jahren las ich entsprechende Biografien, meine Helden waren Jochen Rindt, dessen Tod in Monza 1970 mich entsetzte, Karl Schranz, dessen Ausschluss von Olympia 1972 mich empörte, Annemarie Pröll, die mir nicht genug siegen konnte, und Muhammad Ali, für dessen Fights ich mitten in der Nacht vor dem Fernseher saß.
Später folgten MusikerInnen wie John Lennon (die Songs der Beatles begleiteten mich schon lange vor meinem Interesse für John und auch Paul), Billie Holiday, David Bowie und Stevie Wonder, Persönlichkeiten wie Nelson Mandela, Erich Fried, Johannes XXIII., Ingeborg Bachmann und Barack Obama (kaum Frauen, ich weiß).
Letzterer ist auch Ranglistenerster in der 2020 erstellten „YouGov“-Studie mit mehr als 45.000 Befragungen in 42 Ländern und Territorien. Wer mag, soll jetzt kurz die Augen schließen und raten, wer in den Top 10 der meistbewunderten Männer und Frauen weltweit vorkommt – die Lösung schreibe ich am Ende dieses Beitrags.
Inzwischen merke ich, dass meine Neigung, ja sogar die Bereitschaft zur Bewunderung herausragender Menschen gesunken ist. Liegt wohl am Alter und an der geschwundenen Notwendigkeit, mich an anderen zu orientieren, um mein Eigenes zu finden.
Aber Bewunderung im Sinn von Hochachtung, Wertschätzung, Stolz für und über andere empfinde ich natürlich immer noch. Sie ist halt näher gerückt und nicht mehr so „unerreichbar“ wie ehedem. Beispiele?
- die Fähigkeit meines jüngsten Sohnes Fabian, sich an komplizierte Spielanleitungen zu erinnern und sie (nochmals) höchst verständlich zu erklären
- die Naturbegeisterung und Bewegungsfreude meines 80-jährigen Vaters, der mehrmals wöchentlich auf Berge in der Umgebung Salzburgs steigt
- der Wissensdurst und das umfassende Interesse meines Freundes Rudi, die auch nach seiner Pensionierung ungebrochen sind
- die Art, wie mein Chef Paul sein Chefsein ausübt – auf Austausch bedacht und wohltuend unhierarchisch in einer meist recht hierarchischen Kirche
- die Art, wie mein Freund Seppl mit seiner langjährigen Parkinson-Krankheit umgeht, wie viel verschmitzte Altersweisheit er angehäuft und sich zugleich Agilität bewahrt hat, die mich z.B. beim Tischtennis chancenlos sein lässt
- die Anteilnahme meiner Frau Claudia am Leben anderer und ihre unzerbrechliche Bereitschaft, sich für andere einzusetzen
Und hier – reichlich US-lastig – die zehn im Jahr 2020 meistbewunderten Frauen und Männer: Michelle Obama, Angelina Jolie, Königin Elizabeth II., Oprah Winfrey, Jennifer Lopez, Emma Watson, Scarlett Johansson, Peng Liyuan, Taylor Swift, Shakira; Barack Obama, Bill Gates, Xi Jinping, Narendra Modi, Jackie Chan, Cristiano Ronaldo, Jack Ma, Dalai Lama, Elon Musk, Keanu Reeves. Jeweils 18.: Greta Thunberg und Papst Franziskus.
Adventmail 2021/03 (Gefühle)
Belustigung bzw. amusement nennt sich die einzige auf Humor bezogene Gefühlsregung in der emotionalen Landkarte der Berlekey-Forscher. Eindeutig zu wenig, wie ich finde. Schon die alten Römer unterschieden zwischen dem extrovertierten „gaudium“ und der zurückhaltenden „laetitia“. Und jedeR von uns kennt den emotionalen Unterschied zwischen schenkelklopfenden Lachanfällen und feinsinniger, mit erhobener Augenbraue garnierter Ironie.
Sei’s drum. Humor nimmt in meinem Gefühlshaushalt jedenfalls einen wesentlich wichtigeren Raum ein als nur ein 27stel des Emotionsregisters. Ich blödle und lache gern – und bin damit auch Gott nahe, wenn der große Soziologe Peter L. Berger (auf den zu treffen ich während meines Studiums in Graz das Vergnügen hatte) recht hat: Humor zeigt die Fähigkeit des Menschen an, die oft harte Wirklichkeit, das scheinbar fix Vor-Gegebene als lächerlich auszuhebeln, ihm eine fantasievolle, absurde, jedenfalls belustigende Alternative entgegenzuhalten. Humor verweise auf die Transzendenzfähigkeit und sei somit eng verwandt mit Religion, so Bergers These.
Meine daran anknüpfende Annahme: Im Himmel wird mehr gelacht als frohlockt. Und Gott würde über folgenden Witz zumindest schmunzeln – einen der wenigen, die ich mir über Jahre merke und den ich vor Jahren aus dem Mund einer inzwischen verstorbenen Großtante meiner Söhne hörte:
Der Papst ist es leid, mit dem Papamobil immer nur kutschiert zu werden. Er möchte selber auch einmal ans Steuer und setzt diesen Wunsch ungeachtet der Bedenken seines mit ihm Platz tauschenden Fahrers auch um. Das Kurven durch die engen Gassen Roms macht ihm sichtlich Spaß, er wird immer mutiger und schneller – und wird prompt von einem Carabinieri gestoppt. Der Polizist blickt ins Wageninnere, erkennt den Lenker und wird blass. Er bittet den Papst, am Straßenrand zu halten und wendet sich etwas abseits an seinen Vorgesetzten. Es entspinnt sich per Telefon folgender Dialog:
„Maresciallo, ich habe gerade jemanden wegen Schnellfahrens angehalten, habe aber Bedenken, eine Strafe zu verhängen. Der Betreffende ist nämlich hochrangig.“
„Das mag ja sein, aber Carabinieri sind unbestechlich. Das Ansehen der Person spielt keine Rolle.“
„Ich weiß, Maresciallo, und normal hätte ich auch keine Bedenken. Aber diesmal handelt es sich um eine wirklich sehr hochrangige Person…“
„Dio mio – um wen denn?!“
„Also genau weiß ich es auch nicht, Maresciallo. Aber der Papst ist sein Chauffeur…“