Adventmail 2021/09 (Gefühle)

Zur heutigen Emotion „Ekel“ erzähle ich eine Geschichte aus meiner Kindheit. Meine alleinerziehende Mutter brachte mich Knirps tagsüber bei einer Pflege- bzw. Tagesmutter unter, die ungeachtet ihrer Herzenswärme ein strenges Regiment führte. Zu essen war, was auf den Tisch kam. Z.B. Schwammerlreis, aus dem ich die dottergelbe Waldernte heimlich aussortierte und hinter die Kredenz warf oder in meine Lederhose steckte. Bei Rahmsuppe, von mir ähnlich verabscheut, war das nicht möglich. Und in Zeiten der in den 1960ern als normal betrachteten schwarzen Pädagogik war es schlichtweg undenkbar, sich solchen Vorgaben Erwachsener direkt zu widersetzen.
Jahre später schrieb ich, beeinflusst durch Peter Turrinis biografische Gedichte, folgenden Text darüber:

Als ich klein war
hatte ich Angst

Meine Pflegemutter hatte Rahmsuppe gekocht.
Ich hasste Rahmsuppe.
Meine Pflegemutter sagte: Iss!!!
Ich aß und mich ekelte.
Der Kümmel würgte mich.

Ich erbrach das Verschluckte wieder in den Teller.
Meine Pflegemutter merkte nichts.
Ich aß weiter,
schluckte Rahmsuppe und Erbrochenes hinunter
und auch Furcht und Verzweiflung.

Was mir zu denken gibt:
Heute finde ich Rahmsuppe gar nicht so übel.

Nachbemerkung: Schwammerl und Pilze aller Art esse ich jedoch bis heute nicht. Diese Art des Widerstands gönne ich mir auch als nunmehriger Feinschmecker und Waldliebhaber.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *