Sommer im hohen Norden – damit verbinde ich laaange lichtvolle Tage in menschenarmer, friedvoller Natur, an denen die Sonne nur für kurze Nachtstunden verschwindet. Völlig anders empfand 1892 ein Einheimischer bei seinem Spaziergang an der Ostküste des Oslofjords: „Ich ging den Weg entlang mit zwei Freunden – die Sonne ging unter – der Himmel wurde plötzlich blutig rot … Ich sah hinüber […] die flammenden Wolken wie Blut und Schwert – den blauschwarzen Fjord und die Stadt – Meine Freunde gingen weiter – ich stand da zitternd vor Angst – und ich fühlte etwas wie einen großen, unendlichen Schrei durch die Natur“, schrieb Edvard Munch (1863-1944) später ein Prosagedicht darüber in sein Tagebuch.
Weit bekannter als dieser literarische Entwurf wurde dessen Visualisierung: Das Bild „Der Schrei“ entstand zwischen 1893 und 1910 in verschiedenen Versionen, ausgeführt in verschiedenen Techniken, mit Pastellfarben, in Öl, als Graphik und Lithografie.

Munchs Bild wurde zur Ikone der modernen Bildenden Kunst und gilt als Wegbereiter des Expressionismus. Der Wirkung der von feurigen Farbströmen umspülten Hauptfigur, geschlechtslos, mit panisch aufgerissenen Augen und Mund, die Hände in einer Geste des Entsetzens an das kahlköpfige Haupt gelegt, kann ich mich nicht entziehen. Das Gemälde hätte auch als Illustration von „Angst“ gepasst, ich wähle „Schrecken“ als eindrücklich vermittelte Emotion. Die Natur wird vom damals erst 30-jährigen norwegischen Maler zum Resonanzraum seines Zustands albtraumhafter Verzweiflung. Und Munch blieb psychisch labil, durchlitt Nervenzusammenbrüche und tragische Liebesgeschichten, sprach allzu sehr dem Alkohol zu. Seinen Erfolgen als Künstler tat dies keinen Abbruch. Wie heißt es so schön: “Letztlich ergibt alles einen Gin.”