Kein anderes Foto hat bei mir in den vergangenen Jahren ein so starkes Gefühl von emotionalem Schmerz ausgelöst wie jenes von Alan Kurdi. Der Knirps aus einer syrisch-kurdischen Flüchtlingsfamilie wurde nicht einmal drei Jahre alt. Seinen leblosen, auf dem Bauch liegenden Leichnam, bekleidet, die Schuhe noch an den Füßen, fotografierte die türkische Fotojournalistin Nilüfer Demir 2015 an einem Strand bei Bodrum, wo der Bub angeschwemmt wurde. Sie habe „den verstummten Schrei des Jungen hörbar machen“ wollen, sagte sie über die Aufnahmen. Mir und Tausenden anderen kamen bei diesem zum Sinnbild von Flüchtlingsleid gewordenen Foto die Tränen. Österreichs sehr junger Außenminister sagte vier Monate später im Interview der deutschen „Welt“ über die notwendige Sicherung der EU-Außengrenzen: „Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen.“
Nicht nur Alan, auch sein fünfjähriger Bruder Ghalib und seine Mutter Rehanna ertranken Anfang September 2015 beim Versuch, von der Türkei auf die griechische Insel Kos zu gelangen. Nur der Vater Abdullah überlebte die gefährliche, teuer bezahlte Fahrt in einem gekenterten Schlepperboot. Bereits davor waren zwei Versuche der Familie Kurdi gescheitert, nach Kanada zu gelangen, wo in Vancouver eine Tante von Alan und Ghalib lebte.

Bei seiner Reise in den Irak traf sich Papst Franziskus nach der Messe im Stadion von Erbil am 7. März 2021 mit Abdullah Kurdi zu einem langen Gespräch. Der Vater von Alan lebt mittlerweile dort in der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan (wohin ich einmal auf eine Pressereise mitflog), ist wieder verheiratet und hat einen Sohn. Dass die Medien 2015 das Foto des kleinen Alan abdruckten, nannte er im Interview von „Focus“ richtig: „Die Menschen dürfen nicht wegsehen, was Schreckliches passiert auf dem Weg nach Europa, nur weil man uns vorher kein Visum geben will. Jedes Mal, wenn ich wieder höre, dass ein Boot untergegangen ist, fange ich an zu weinen.“