Adventmail 2021/05 (Gefühle)

Zum Gefühl „Erleichterung“ könnte ich die Geschichte erzählen, als mein damals im Volksschulalter befindlicher mittlerer Sohn Moritz in der verwinkelten Altstadt von Split verlorenging und dann selbst den Weg zum Hafen mit der Fähre zurück auf die Insel Brac fand.
Ich widme mich aber lieber der sowohl psychischen als auch physischen Erleichterung und den dazugehörigen Örtchen. Denn wir alle kennen wohl aus eigener Erfahrung den wachsenden Druck, uns ehebaldigst aus „kleiner“ oder „großer Not“ (wie es in meiner Kindheit hieß) befreien zu müssen, und wissen, wie angenehm es ist, nach schweißtreibender Zurückhaltung der Physiologie endlich freien Lauf lassen zu dürfen.
Der „stille Ort“ ist ein beliebtes Thema von Ausstellungen geworden. Sie sind betitelt mit „Klo & so“ (2012, Gmunden), “Von wegen stilles Örtchen. Toiletten in Wien”(2015), „Spot on“ (2019, Rapperswil, CH) oder deftiger mit “Scheiße sagt man nicht!” (2016, Detmold, D) und „Drauf geschissen!“ (2019, Bad Homburg, D).
Aborte – ein seit Mitte des 18. Jahrhunderts belegter Begriff für einen bewusst „abgelegenen Ort“, oft mit einem Herzchen an der Tür – sind zweifellos ein Thema der Kulturgeschichte und der olfaktorisch abgehärteten Forschung: Grabungsfunde an Euphrat und Tigris, in Ägypten, Athen und im Römischen Reich bezeugen Aborte und Sickerschächte, Kanalanlagen zwischen Wohnhäusern und Flüssen, steinerne Klosettsitze und Nachttöpfe. Im Mittelalter waren Aborte in Klöstern, Burgen und Städten zu finden, später auch auf Adelssitzen, bei Großbauern und Wirtshäusern. Erst im 19. Jahrhundert verbreiteten sie sich auch bei Handwerkern und Kleinbauern. Es war wieder der höfische und großbürgerliche Bereich, der im 19. Jahrhundert den Fortschritt mit dem Wasserklosett (von engl. „closet“, kleines Zimmer) einläutete. Auf dem Land galt das “WC” bis nach dem Zweiten Weltkrieg als unnötiger städtischer Luxus, da man den wertvollen Dünger nicht einfach wegspülen wollte.
PS: Die App „Public Toilets in Vienna“ hilft bei dringenden Bedürfnissen in Wien.
PPS: Willi „Ostbahn-Kurti“ Resetarits bekannte in „Willkommen Österreich“ freimütig, seine Brüder Lukas und Peter hätten ihm zum 70er eine „Rosettenwaschanlage“ geschenkt.
PPPS:. Kein Schmäh: Ich schreibe dieses Kästchen am 19. November und stoße bei den Recherchen darauf, dass heute der internationale Toilettentag ist!

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