„Cringe“ ist das Jugendwort des Jahres 2021. Der für das Gefühl von Fremdscham stehende Begriff erhielt in einem Onlinewahlverfahren unter Jugendlichen 42 Prozent der Stimmen, wie der Langenscheidt-Verlag Ende Oktober mitteilte. Ich gebe zu, „cringe“ war mir vor dieser Meldung völlig unbekannt. Bevor meine Söhne jetzt peinlich berührt – also „cringy“- werden, sage ich: Wurscht. Fremdschämen lasse ich hier weg, denn bei Scham muss ich nicht in die Ferne schweifen.
Ich widme mich hier der „flygskam“, einem Neologismus, der Ende 2017 aus Schweden dahergeflogen kam. Inzwischen findet sich die „Flugscham“, also die Hemmung zur Benutzung von Verkehrsflugzeugen aus Umweltschutzgründen, nicht nur im Duden, sondern auch in mir.
Ich rekapituliere: Seit 2017 war ich mit dem Flieger (beruflich) in Jerewan und Zürich/Genf sowie (privat) auf den Kap Verden, den Azoren, in Oslo, Thailand und heuer auf Teneriffa. Die dabei mitverursachten Treibhausgas-Emissionen machen auch meine beiden Sommerurlaube mit dem E-Bike – 2020 von St. Moritz nach Wien, 2021 vom Reschensee durch Süd- und Osttirol, Kärnten und die Steiermark – nicht wett. Anlässlich des UN-Klimagipfels war zu lesen, dass die Anreise von Umweltministerin Leonore Gewessler nach Glasgow per Bahn 27 kg Emissionen verursachte, mit dem Auto wären es 452 kg und mit dem Flieger gar 648 kg gewesen.
Den Appell von Kirchenvertretern vom Papst abwärts, man müsse seinen Lebensstil auf „enkeltauglich“ ändern, um Gottes gute Schöpfung zu bewahren, wie es im Kerzlschluckerdeutsch heißt, verbreite ich als Kathpress-Redakteur alle paar Tage. Ja, eh. Aber gar nicht mehr in ferne Länder reisen? Keine faszinierenden Landschaften wie auf Island, La Réunion oder in Neuseeland entdecken? Das wäre ein schmerzvoller Verzicht, selbst wenn es natürlich auch in Österreich und Umgebung – erreichbar mit Bahn oder Rad – Herz und Horizont Erweiterndes zu sehen gibt.
Technische „Lösungen“ wie umweltfreundlichere Treibstoffe statt Kerosin werden noch Zeit brauchen. Bis dahin bin ich wohl jenseits der 70 und bevorzuge Sofa statt Jungle Trails. Es ist ein Dilemma. Und um ehrlich zu sein: Ich favorisiere eine „österreichische Lösung“: ein bissl Verzicht, aber nicht so, dass es weh tut. Und Ihr?
