Ich schrieb ein Gutteil dieser Adventserie während meines Kuraufenthalts im Oktober in Bad Gleichenberg. Und kaum jemand, der davon wusste, verzichtete darauf, mich auf einen möglichen „Kurschatten“ anzusprechen. Mit etwas Besorgnis meine Liebste (die selbst ein halbes Jahr davor auf Kur war), und auch mein 80-jähriger Vater, der mir in einem Telefonat vor Antritt lebenserfahren sinngemäß ankündigte: Am ersten Kurtag werden gleich alle Claims abgesteckt…
Nun ja, die Realität unter den meist von einer FFP2-Maske versteckten PatientInnen (die sogar bei der Wassergymnastik zu tragen war) sah anders aus. Sei’s drum. Das Bedürfnis, mir durch erotische Attraktivität Selbstbestätigung zu holen, hat sich über die Jahre deutlich verringert. Jetzt schmunzle ich altersmilde über die Zeit meiner ersten richtigen Beziehung zu Studienbeginn, als ich Erl(i)ebnisse erfand, um meine bis dahin bestehende „Jungmännlichkeit“ zu verleugnen.
Sexuelles Verlangen, um das es im heutigen Adventmail geht, lässt mit zunehmendem Alter nach, die Gelassenheit (die hatten wir schon) diesbezüglich nimmt meist zu. Wobei: So wie wir Babyboomer die sexuelle Aktivität unserer Eltern unterschätzten, können (und wollen) sich wohl auch unsere erwachsenen Kinder Mama und Papa nicht beim Liebesakt vorstellen. Ist erst die Menopause als Stolperstein bewältigt, der abnehmende Testosteronspiegel, die höhere Anfälligkeit für Diabetes, Bluthochdruck und Blasenschwäche… dann steht einer ausgelebten Libido bis ins hohe Alter nichts im Wege.
Ohne PartnerIn wird’s freilich schwierig, weiß die Statistik: In der Gruppe der über 80-Jährigen sind noch 31 Prozent der in einer Beziehung lebenden Männer und 25 Prozent der Frauen sexuell aktiv, ohne Beziehung sinkt dieser Anteil bei Männern auf 7 Prozent – bei 80plus-Frauen war kein nachweisbarer Anteil mehr vorhanden.
Ein sehr gelungener Film über Erotik im Alter ist übrigens „Wolke 9“ von Andreas Dresen (D, 2008).