Adventmails 2015/20 (Flucht)

Heute schreibt meine Kinofreundin Michaela über eine syrische Gastfamilie in ihrer Hausgemeinschaft – und das ausgiebig. Aber es lohnt sich (und außerdem ist heute – hoffentlich mußegetränkter –Samstag). Danke, Michaela!
Seit einigen Wochen hängt ein besonderes Bild an unserer Haustür. Unser Haus das ist das Wohnprojekt Wien im 2. Bezirk und “wir”, das sind die Bewohnerinnen, die dieses Haus gemeinsam geplant und gekauft haben und jetzt als Gemeinschaftsprojekt selbst verwalten. Das Bild haben unsere neuesten Mitbewohnerinnen gemalt. Ahmad, Alaa und ihr dreijähriger Sohn, Moudeh, sind im September von Syrien geflüchtet und wohnen nun seit über zwei Monaten bei uns. Das Bild zeigt die Schrecken des Krieges, der sie in die Flucht getrieben hat, nachdem sie zuvor aus Sicherheitsgründen mehrmals im eigenen Land umgezogen waren.

Gäste aus Syrien im Wohnprojekt Wien im 2. Bezirk

Sie haben damals sehr lang überlegt, haben sie erzählt, ob nur Ahmad, der sowohl vom Heer Assads als auch von der IS schon sehr nachdrücklich als Mitkämpfer “angefragt” worden war, oder auch Alaa, damals bereits hochschwanger (ihr zweites Kind kommt dieser Tage zur Welt) und der kleine Moudeh den beschwerlichen Fluchtweg auf sich nehmen sollen. Schließlich haben sie – fast in letzter Minute – beschlossen, gemeinsam zu fliehen. Über die Türkei und Griechenland sind sie nach Österreich gekommen.
Hier waren sie zunächst mit Hunderten anderen in der Stadthalle notuntergebracht, was vor allem für Moudeh und Alaa sehr belastend war. Eine Helferin hat ihre Verzweiflung damals erkannt, sie kurzerhand mitgenommen und vorübergehend im Büro ihres Mannes untergebracht. Über einen Arbeitskollegen, dessen Schwägerin bei uns im Haus wohnt, hat sie dann erfahren, dass es hier eine Wohnmöglichkeit geben könnte.
Denn ziemlich genau zum gleichen Zeitpunkt hat unsere Hausgemeinschaft beschlossen, unser größtes Gästeappartement im Dachgeschoss an eine Flüchtlingsfamilie zu vergeben. Das “Matching” war also perfekt, und Alaa, Moudeh und Ahmad sind nun bei uns. Kurz zuvor hatte eine Familie im Haus bereits eine syrische Frau nach der Flucht bei sich in der Wohnung aufgenommen.
Wenn es nach „Quoten“ ginge, die derzeit oft und oft so unselig diskutiert werden, hätten wir damit eine Quote von rund 5 % in unserem Haus. Das ist im Vergleich zu all dem Diskutierten zahlenmäßig sehr viel, in der Realität des Alltags nichtsdestotrotz aber kaum spürbar und leicht mitzutragen.
Rasch hat sich im Haus ein Unterstützerinnen-Kreis aus einigen Bewohnerinnen gebildet, Recherchen und Begleitung bei notwendigen Amtswegen wurden aufgeteilt, und gemeinsam mit der Familie, bei der die drei zunächst untergekommen waren, Unterstützung bei Arztbesuchen, Kindergartensuche, beim Deutschlernen und in vielen anderen Aspekten rund um das neue Leben hier in Österreich angeboten.
Die Balance zwischen Hilfe und Selbstständigkeit ist dabei immer wieder herausfordernd. Nicht alles lief und läuft reibungslos, viel haben wir schon von- und miteinander gelernt.
Wir wissen nun, dass unser heimischer Kürbis vielen Syrerinnen überhaupt nicht schmeckt, Second-Hand-Kleidung im arabischen Raum unüblich ist und das Darauf-Angewiesen-Sein als beschämend erlebt wird, auch wenn klar ist, dass sich daran derzeit nur wenig ändern lässt, und dass wir haben erfahren, dass das hiesige Kindergarten-Eingewöhnungs-Prozedere befremdlich und ablehnend wirken kann. Wir kennen immer mehr syrische Gerichte, treffen uns zuweilen zum “Frauen-Tee” und lernen deutsche und arabische Worte. Schokolade schmeckt uns allen gleichermaßen. Auch übers hiesige Asylverfahren haben wir schon einiges gemeinsam gelernt. Alaa, Moudeh und Ahmad haben mittlerweile eine “weiße Karte”, d.h. dass Österreich sich als für ihr Asylverfahren zuständig erklärt und ihren Asyl-Antrag entgegengenommen hat. Mittlerweile wird auch die Grundversorgung, wie für Asylwerberinnen vorhergesehen, ausbezahlt (200 Euro monatliches Verpflegungsgeld pro Erwachsenen, 90 Euro pro Kind plus Wohngeld). Bis vor kurzem waren die drei bis auf die finanzielle Unterstützung aus unserem hausinternen Solifonds ohne Geld. Was sie hatten, haben sie für die Flucht gebraucht. Auch jetzt zahlen wir als Hausgemeinschaft ein wenig “dazu”. Die dafür notwendigen wenigen Euros pro Monat sind selbst für unsere jungen studierenden Mitbewohnerinnen kein Thema und leistbar. In vielerlei Angelegenheiten heißt es für unseren neuen syrischen Mitbewohnerinnen nun warten. Zunächst auf die Geburt ihres zweiten Kindes, die absehbar und für die alles gut vorbereitet ist. Weit uneinschätzbarer als die Dauer einer Schwangerschaft ist die Länge des Asylverfahrens. Vor allem das Nicht-arbeiten-Dürfen belastet. Ahmad war es gewohnt, hart zu arbeiten und damit gut für seine Familie zu sorgen. Er besucht jetzt engagiert einen Deutschkurs und hat sich im Rahmen von “More”, dem Flüchtlingsprogramm der Universitäten, als Student an der TU eingeschrieben und hofft, bald wieder im Bau(ingeneur)wesen arbeiten zu können.
Alaa lernt im Selbststudium und hier mit uns im Haus so gut es geht Deutsch. Für Frauen mit Babys und Kleinkindern fehlt es an Sprachkursen mit Kinderbetreuung.
Die Situation in der Heimat ist bedrückend, die Sorge um Familienangehörige groß. Trotzdem wird oben am Dach, wenn wir in der Küche beisammen sitzen, auch viel gelacht.
Viel musste in der Heimat zurückgelassen werden, ihren wunderbaren Humor haben Ahmad und Alaa mitgenommen. “Mir wurde ja schon bei der Hochzeit eine Reise nach Europa versprochen”, hat Alaa neulich erzählt. “Eigentlich hab ich mir da ja Paris als Ziel und eine Flugreise vorgestellt. Jetzt sind wir hier in Wien. Das ist auch gut.”
Damit es wirklich “gut” werden und sein kann, für Ahmad, Alaa und Moudeh, vor allem aber, damit auch für die vielen anderen Menschen auf der Flucht, die noch immer in Notunterkünften oder in der Kälte an Grenzen warten, irgendwo ein „new home“ (wie auf dem gemalten Bild) gefunden wird, muss sich noch vieles tun. Dass „Menschen nach der Flucht aufnehmen“ nicht immer einfach und trotzdem eigentlich ganz leicht und sehr bereichernd ist, zeigt das Zusammenleben in unserem Haus.
Um so größer die Schande, dass derzeit auch in Österreich Zäune aufgebaut werden, um Menschen wie Alaa, Moudeh und Ahmad draußen zu halten.

Adventmails 2015/19 (Flucht)

Wenn an diesem Wochenende die Schirennläufer mit 100 und mehr Sachen die Grödener Abfahrt runtersausen, ist das ein guter Anlass, um über die dabei wirkenden Fliehkräfte zu recherchieren. Über die dortige Saslong fand ich keine Daten dazu, doch auf der Kitzbüheler Streif, die (zumindest in Österreich) als die schwierigste Abfahrt der Welt gilt, werden die Athleten angeblich Fliehkräften bis zum Zehnfachen ihres Körpergewichts ausgesetzt. Hieße das, die Kniegelenke eines Bröckerls wie Klaus Kröll oder Dominik Paris müssten dann in Hochgeschwindigkeitskurven bis zu einer Tonne Belastung aushalten? Klingt doch etwas unwahrscheinlich, auch wenn das in der demnächst im TV zu sehenden Doku „Streif – One Hell of a Ride“ behauptet wird.
Bei Formel-1-Rennfahrern ist der Nacken der belastetste Körperteil, heißt es. Etwa 5 g Fliehkraft zerren daran in einer Kurve. Kopf und Helm wiegen dann nicht mehr nur 7,5 Kilogramm, sondern 37,5 Kilogramm.
Ärger scheinen die Fliehkräfte bei den Teilnehmern der „Red Bull Air Race“-Weltmeisterschaft zu sein. Wenn die Piloten ihre Flugzeuge möglichst schnell durch einen aus aufblasbaren „Air Gates“ bestehenden Slalomkurs lenken, erreichen sie Geschwindigkeiten von bis zu 370 km/h. Bei den engen Kurven knapp über dem Boden bedeutet dies Fliehkräfte von bis zu 10 g.
Schneller, höher, stärker. Dazu ein Witz: Streiten sich drei Buben, wessen Vater der schnellste von allen ist. Sagt der erste: „Meiner ist Chauffeur. Der rast mit seinem Mercedes in zwei Stunden nach Salzburg!“. Der zweite darauf: „Das ist ja gar nichts. Mein Vater ist Pilot und düst mit dem Airbus mit 950 km/h in drei Stunden nach Marokko!“ Der dritte bleibt ungerührt: „Schnellster ist trotzdem meiner. Der ist Magistratsbeamter in Wien und hat Dienst bis 16 Uhr, ist aber jeden Tag schon um 15 Uhr zuhause!“
Auf YouTube gibt es beeindruckende Videos zum Thema, z.B. über Rummelplätze, wo ohne Fliehkraft gar nix geht, oder was passiert, wenn eine Spielplatzdrehscheibe mit Mopedantrieb beschleunigt wird oder wie ein LKW etwas zu forsch in die Kurve fährt.

Adventmails 2015/18 (Flucht)

Als Teenager sah ich “Papillon” (1973) mit Steve McQueen und Dustin Hoffman im Kino. Die spannende Geschichte um die Flucht aus einer Strafkolonie in Französisch-Guayana beeindruckte mich so, dass ich danach auch noch den autobiografischen Roman von Henri Charrière las.
Es folgten noch einige weitere Filme über Gefängnisausbrüche in meiner “Cineastenkarriere”, etwa die Komödie “I Love You Phillip Morris” (2009) mit Jim Carrey in der Rolle des Trickbetrügers und Hochstaplers Steven Russell, der in der Gefängnisbibliothek den ebenfalls schwulen Phillip (Ewan McGregor) kennen und lieben lernt. Der mit einem Hochbegabten-IQ ausgestattete Steven täuscht, um sich selbst und Phillip zu befreien, seinen eigenen Tod vor. Als „Anwalt“ gelingt es ihm, auch Phillip zu befreien. Das alles ist tatsächlich passiert, auch dass man den beiden auf die Schliche kam und sie wieder einsitzen mussten.
Mein absoluter Lieblings-FluchtausdemGefängnis-Film ist aber “Die Verurteilten” (1994) nach einer Short Story von Stephen King. Tim Robbins spielt darin den – zu Unrecht – zu lebenslanger Haft verurteilten Andy, Morgan Freeman dessen Freund und Mithäftling „Red“. Der frühere Bankmanager Andy muss einen Spießrutenlauf mit Übergriffen durch andere Insassen und brutale Aufseher erdulden, erringt aber allmählich das Vertrauen des korrupten Bankdirektors und wäscht für ihn in großem Umfang Bestechungsgelder. Red, Spezialist für Besorgungen aller Art, verschafft Andy einen kleinen Geologenhammer und das Poster eines leicht bekleideten Filmstars. Jahre vergehen, bis sich durch Zufall Andys Unschuld herausstellt. Doch der Bankdirektor vernichtet die Beweise dafür, weil er seinen Buchhalter nicht verlieren will und dessen Wissen um seine Machenschaften fürchtet.
Wie Andy mithilfe von Hammer und Poster doch freikommt und zuletzt Red nach dessen Entlassung in Mexiko wieder trifft, macht den 142 Minuten langen Film höchst sehenswert und auch zu einer großen Geschichte über Freundschaft. Nicht umsonst belegt der Film seit mehreren Jahren ununterbrochen den ersten Platz in den Top 250 der Internet-Filmdatenbank IMDb. Und Guido Tartarotti, mein Lieblings-Kolumnist, erwähnte kürzlich „Die Verurteilten“ in einer „Kurier“-Glosse. Er zitierte Andy mit Worten, die gut zu Weihnachten passen: „Die Hoffnung ist eine gute Sache. Vielleicht sogar die beste. Und gute Dinge können nicht sterben.“

Adventmails 2015/17 (Flucht)

„Wir wollten die Flucht nach vorne antreten.“ Mit diesem Satz begründete Ex-Skisprungtrainer Alex Pointner in der “Tiroler Tageszeitung” am Allerseelentag, warum er und seine Frau Angela nach dem Selbstmordversuch ihrer Tochter an die Öffentlichkeit gingen. Klartext reden, um Gerüchte und Mauschelei hintanzuhalten, so das Motiv hinter der Darlegung des Paares, wie sie mit diesem Familientrauma umgehen.
Ich erfuhr davon nicht aus der Zeitung, sondern zu Allerheiligen durch das “Ö3-Frühstück bei mir”, als die Pointners bei Claudia Stöckl zu Gast waren. Fast ein Jahr davor, am 5. November 2014, wollte die 16-jährige Nina nicht mehr leben. Wie ihr jüngerer Bruder Max litt sie unter Depressionen, genetisch bedingt, so Mutter Angela. Sie berichtete im Radio auch vom Moment, als sie ihre leblose Tochter im Freizeitraum des Innsbrucker Hauses fand. „Es war der schrecklichste Moment meines Lebens, von diesem Vorfall zu erfahren. Die erste Zeit war ich wie gelähmt“, sagte Alex, mit 32 Medaillen als Skisprungtrainer so erfolgreich wie kein anderer zuvor. „Natürlich habe ich mich oft gefragt, ob ich als Trainer zu viel unterwegs war, mich zu wenig um die Familie gekümmert habe”, bekannte er. Sein Therapeut sagte: “Man kann Vergangenes nicht wiedergutmachen. Aber man kann es jetzt gut machen.“ Seine Frau Angela – ebenfalls therapeutisch begleitet – sucht Ausgleich im Schreiben zu finden, jüngst erscheint ihr Fantasy-Roman über einen Koma-Patienten.
Auch Tochter Nina liegt jetzt im Wachkoma, Prognosen sind aufgrund des Sauerstoffmangels nach dem Suizidversuch verhalten. Es ist die Hoffnung, die den Pointners Kraft gibt, und Angela beharrt darauf, dass sie sich davon „nicht abbringen lässt“.
Davon im Radio zu hören, hat mich berührt – auch ein wenig unangenehm. Aber vielleicht muss man ja berühmt sein und nach der Erfolgstrainerlaufbahn nun mit Vorträgen sein Brot verdienen bzw. gerade ein Buch veröffentlicht haben, um das Bedürfnis zu haben, auf diese Art “die Flucht nach vorne anzutreten“.

Falls jemand „Frühstück bei mir” nachhören will: https://www.youtube.com/watch?v=L8-TdI6gNLo

Adventmails 2015/16 (Flucht)

Auf dem Berliner Oranienplatz protestierte von Oktober 2012 bis April 2014 eine Gruppe afrikanischer Flüchtlinge gegen den Umgang mit Asylwerbern. Dieses Thema greift Jenny Erpenbeck in ihrem jüngsten, penibel recherchierten Roman „Gehen, ging, gegangen“ auf, der es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2015 schaffte. Hauptperson ist aber kein Flüchtling, Erpenbeck beschreibt die Ereignisse aus der Sicht eines gerade emeritierten Universitätsprofessors für alte Sprachen. Dieser Richard ist ein einsamer Bildungsbürger, die Frau gestorben, er von der Geliebten verlassen. Kinder hat er nicht, so lebt er allein in seinem Haus vor den Toren Berlins, das ihm aus DDR-Zeiten verblieben ist.
Unterwegs zum Einkaufen in Berlin kommt er an einer Demo auf dem Oranienplatz vorbei, die die afrikanischen Flüchtlinge bei ihrem Hungerstreik unterstützen soll. Doch Richard bemerkt live gar nichts davon, erst ein abendlicher Bericht in den TV-Nachrichten weckt sein Interesse. Er kehrt auf den Platz zurück, mit Notizbuch und Stift ausstaffiert, befragt er die Geflüchteten über ihre Geschichte. “Wenn du Glück hast, wirst du geschlagen, wenn du Pech hast, wirst du erschossen“, bekommt Richard zu hören. Oder: “Dann haben sie aus den Telefonen die SIM-Karten herausgenommen und vor unseren Augen zerbrochen, dann die Speicherkarten … Broke the memory.“
Der alte Wissenschaftler wird aktiv. Versorgt die Flüchtlinge mit Kleidung und Nahrung, begleitet sie zu anstehenden Behördenterminen, quartiert einige der Männer bei sich ein, arbeitet sich, zunehmend fassungslos, durch den europäischen Paragrafendschungel und erkennt: “Mit Dublin II hat sich jedes europäische Land, das keine Mittelmeerküste besitzt, das Recht erkauft, den Flüchtlingen, die übers Mittelmeer kommen, nicht zuhören zu müssen. Ein sogenannter Asylbetrüger ist also auch jemand, der eine wahre Geschichte dort erzählt, wo man sie nicht anhören muss.”
Doch trotz der wachsenden Empathie behält Richard die „europäische Brille“ auf, nennt die Flüchtlinge “Fremdling” oder “Schwarzhäutige” bzw. gibt ihnen Spitznamen, weil er sich die afrikanischen Namen nicht merken kann. Das mögen manche Rezensenten nicht. „Für Richard ist das Unglück der anderen Projektions- und Reflexionsfläche für die Ambivalenzen seiner eigenen Existenz“, heißt es etwa in der NZZ. Und der „Spiegel“ reibt sich an dem „Wohlstandsbürger, der sich weltoffen und aufgeklärt fühlt und die eigene, von Ressentiments durchsetzte Ignoranz nicht bemerkt“. Erpenbecks Roman sei „auf Feuilletons und Preisjurys zugeschrieben; anders gesagt: auf Leser zugeschrieben, die sich in Richard wiederfinden werden“. Na und? Jenny Erpenbeck hat ein Anliegen. Und eine gesunde Empörung, die sie im „profil“ so formulierte: “Sich wegen eines Krieges auf den Weg zu machen, die zerstörte Heimat verlassen zu müssen, ist eine Tragödie, und da wollen wir diese Menschen allen Ernstes in Zäune laufen lassen, die mit dreieckigen Rasierklingen bestückt sind?“
Auf „Perlentaucher“ ist eine lange Bücherliste zum Thema Flucht und Vertreibung zu finden. Darauf finden sich Namen wie Anna Seghers, Walter Benjamin, Christa Wolf und Günter Grass.

Adventmails 2015/15 (Flucht)

Apropos Eskapismus: Angesichts von Kriegen und Terrorakten, der Klimaerwärmung, den Plastikteilchen in den Weltmeeren, der „Vererbung“ von Bildungsarmut, des Verlustes an politischer Kultur, der Ausbeutung der Amazon-Angestellten, der ungelösten Finanzkrise undundund lieber eine Folge von „Game of Thrones“ oder den neuen Bond anzuschauen, mit Rapid Wien, dem FC Barcelona oder Bayern München mitzufiebern, sich über den Hintern von Kim Kardashian oder das neue Kleid von Kate Middleton zu ereifern – Ist das nicht eine Art Wirklichkeits- oder Weltflucht?
Ich gestehe, auch ich habe starke Realitätsfluchtbedürfnisse, wenn ich im Advent geschenkebesorgungsbedingt das Gewusel und Gedudel in einem Einkaufszentrum ertragen muss, in Öffis auf Teenager treffe, die vor lauter Handywischen nicht mitbekommen (wollen), dass ihr Sitzplatz gebraucht wird, oder wenn ich als Chef vom Dienst in der Redaktion den 17. Artikel gegenlesen muss…
Der britische Schriftsteller und damalige Philologe in Oxford, J.R.R. Tolkien, hielt 1939 – ein halbes Jahr vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und zwei nach seinem Phantasy-Erstling „Der Hobbit“ – einen vielbeachteten Vortrag „On Fairy Stories“ (Über Märchen), in dem er sich energisch gegen Vorwürfe des Eskapismus verteidigte: “Why should a man be scorned (verachtet) if, finding himself in prison, he tries to get out and go home? Or if, when he cannot do so, he thinks and talks about other topics than jailers and prison walls?” Die Literatur sieht Tolkien wie lange vor ihm Sigmund Freud in seinem Aufsatz „Der Dichter und das Phantasieren“ als eine Möglichkeit, Wünsche und Sehnsüchte in Erfüllung gehen zu lassen, die in der „wirklichen“ Welt unerfüllbar sind. Ähnliches behauptete bekanntlich Karl Marx in Bezug auf die Religion als „das Opium des Volkes“.
Wer so spricht, hält die Welt für ein Gefängnis. Das tue ich nicht, halte gelegentlichen Eskapismus aber dennoch für legitim, ja sogar für eine not-wendige Ablenkung vom allzu Schweren oder allzu Täglichen. Leicht-Sinn belebt nämlich.

Adventmails 2015/14 (Flucht)

Einer gegen alle, alle gegen einen – der auf der Flucht ist. Das ist das Spielprinzip von „Scotland Yard“, dem Spiel des Jahres 1983, in dem sich ein „Mr. X“ durch gewiefte Taktik dem Zugriff der Häscher zu entziehen sucht. Mit U-Bahn, Bussen und Taxis macht er auf dem Stadtplan der Londoner City verdeckte Züge und muss nur zwischendurch immer wieder mal seinen Standort verraten, um seinen Verfolgern die Gelegenheit zu besserer Koordination zu geben. Schaffen es diese bis zum 24. Zug, Mr. X zu erwischen oder ihm jeden Ausweg abzusperren, haben sie gewonnen; wenn nicht, gibt es nur einen Sieger.
Im Hause Mitscha-Eibl wurde immer viel gemeinsam gespielt – Brettspiele wie „Die Siedler von Catan“, „Cluedo“, Heimlich & Co.“, „Bluff“ oder eben „Scotland Yard“, in den letzten Jahren mit den ebenfalls spielbegeisterten Krömers auch „7 Wonders“, „Pandemie“ sowie Kartenspiele wie „Hearts“, „Hose runter!“ oder „Tichu“ (der gegenwärtige Favorit!). Früher war ich auch mehrmals Gast beim Spielefest im Wiener Austria Center, bevor mir der Massenandrang zuviel wurde. Jedenfalls schätze ich es, dass sich auch in meiner autofreien Siedlung in Floridsdorf regelmäßig eine kleine Runde zum Was-auch-immer-Spielen zusammenfindet.
Gemeinsam zu spielen unterhält, fördert Fairness, Solidarität und Intelligenz und ist eine Form von Eskapismus, die ich jeder/m nur empfehlen kann. Unterm Christbaum werden wohl auch wieder ein, zwei neue Spiele liegen. Wer von Euch ist auch gerne Brett- oder KartenspielerIn und möchte mal auf eine Partie vorbeikommen?

Adventmails 2015/13 (Flucht)

„Die reichen Staaten sollten sich auf eine andere, gewaltige Flüchtlingsbewegung gefasst machen: die Klimaflüchtlinge.“ So beginnt ein Gastbeitrag des Hamburger Rechtsphilosophen Reinhard Merkel im Feuilletonteil der FAZ (22.9.2015). Als „Jahrhundert des Flüchtlings“ bezeichnete 1995 ein Bericht des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge das zwanzigste Jahrhundert. „Heute wissen wir, dass es das 21. sein wird“, meint Merkel. Die gegenwärtige Flüchtlingskrise in Europa sei Vorbotin eines künftigen Zustands der Welt, der bleiben wird: eines Zeitalters erzwungener Migration. „Kriege, Bürgerkriege, Naturkatastrophen und Armut wird es geben, wie es sie immer gab, und wie eh und je werden sie unzählige Menschen zum Verlassen ihrer Heimat nötigen. Aber ihr Anteil am Umfang der globalen Migration wird in den kommenden Jahrzehnten weit übertroffen werden vom Einfluss eines anderen Verursachers: dem des Klimawandels.“
So, jetzt male ich mal schwarz: Wenn schon ein regional überschaubarer Konflikt eine solche Entsolidarisierung auslöst wie jener in den ISIS-Staaten Syrien und Irak, was geschieht dann erst, wenn – wie von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon schon 2009 prognostiziert – die klimabedingte Völkerwanderung vor 2050 bis zu 350 Millionen Flüchtlinge auf den Weg bringt? Die Abschottung würde ebenso gigantisch wie aussichtslos sein, um ihre Existenz Gebrachte würden als „Wirtschaftsflüchtlinge“ abgewiesen, und in Europa rechtfertigte man all dies mit notwendigem Schutz vor aufgebauschten Bedrohungen. „Wir können nicht die ganze Welt aufnehmen!“, „Sollen doch auch einmal die Saudis/Amerikaner/Chinesen…!“, „Die haben doch eine ganz andere Kultur/Religion/Mentalität!“ – solche Sätze werden zu hören sein und sind es schon, der Nationalismus wird blühen, und der Aggression nach außen werden innerstaatliche Gräben entsprechen.
Würde ich in einem stracheregierten Österreich noch gerne leben wollen? Nein, aber ich würde durchzutauchen suchen, in der Hoffnung auf Einsicht bei der nächsten Wahl.
„Da wird ei‘m halt angst und bang,/ Die Wöd steht auf kaan’ Foi mehr lang“, sang Johann Nestroy 1833 als fatalistischer Schuster Knieriem angesichts des drohenden Kometen. 15 Jahre später kam es zwar nicht zu einem Einschlag, aber zu einer Revolution. Heute heißt dieser Komet Klimaerwärmung – und was kommt in 15 Jahren?

Adventmails 2015/12 (Flucht)

„Was ich noch zu sagen hätte,/ dauert eine Zigarette/ und ein letztes Glas im Steh’n“, sang Reinhard Mey einst. Dieses „letzte Glas“ nennt man in der Schweiz „Herrgöttli“, in deutschen Landen „Scheidebecher“, „Absacker“ oder „Schlürschluck“. Und bei uns in (Ost-)Osterreich „Fluchtachterl“.
In der Online-Version des Österreichischen Wörterbuches (www.oesterreichisch.net) ist „Fluchtachterl“ zwischen „Flitscherl“ (leichtlebige Frau) und „Flügerl“ (Getränk aus Red Bull und Wodka) eingetragen und als „letztes Glas Wein vor dem Aufbruch“ beschrieben.
Die Bezeichnung Scheidebecher stammt ursprünglich aus dem norddeutschen bzw. westfälischen Raum. Das hinderte den österreichischen Paradedichter Franz „Es ist ein gutes Land“ Grillparzer aber nicht daran, das Piefkewort in „Worte des Abschieds“ zu verwenden: „Und da Gefühle mitgefühlt nur heilen, / Vergiß auch du uns nicht, die schwach und jung, / Und wie wir heut den Scheidebecher teilen, / So teile mit uns – die Erinnerung.“
Das ist brav gedichtet, Grillparzerl. Aber besser – und österreichischer – wäre doch gewesen:
Mehr als jedes Fluchtachterl
gilt etwas als ein Suchtmachterl,
das grad, wenn Gottes Lichtbringerl
erfreut auch alle Nichtsingerl:
Es leckt sich jedes Kind’s Züngerl,
wenn’s gibt die süßen Windringerl,
und auch die Hochge-Nusskipferl*
sind niemals ein Verdrussgipferl.
Und ruft man mich zum Festschluckerl;
ich lieber im Geäst** huckerl
und füll mein Süßigkeitenbäucherl,
wie’s ist seit alten Zeiten Bräucherl,
bis zum letzten Friststünderl,
wenn’s kommt, das liebe Christkinderl
Der Baumbehang – ein Suchtmachterl,
mehr als jedes Fluchtachterl.

*besser wäre hier gewesen: Vanillekipferl. Aber: eine Silbe zuviel, und: kein Reim…
**gemeint ist natürlich das Geäst des Christbaums

Adventmails 2015/11 (Flucht)

Die Insel Lampedusa, mit rund 20 km2 Fläche etwa so klein wie die zu Wien gehörenden Wasserflächen, liegt – man kann es so drastisch sagen – am Arsch von Europa: 100 km südlicher als Tunis, etwa auf der Höhe von Kreta und Zypern, die Luftlinie von Rom dorthin ist ähnlich lang wie jene von Rom nach Österreich. In ihrem Namen steckt “Lampa”, das Licht des Leuchtturms, und der verspricht Rettung mitten im Meer. Lampedusa war immer Stützpunkt für Schiffbrüchige und Durchreisende aus Europa nach Afrika und umgekehrt.
Wenn die erste Reise eines neugewählten Papstes nicht in die politischen Machtzentren der Welt führt, nicht in die Metropolen der Ökumene oder in Städte mit prachtvollen Bischofskirchen und auch nicht in die Sommerresidenz Castel Gandolfo, sondern auf das kleine, arme, von Flüchtlingsschicksalen umbrandete Lampedusa, dann ist das ein Zeichen. Franziskus, der Prophet auf dem Stuhl Petri, setzte dieses Zeichen am 8. Juli 2013. Er traf Einheimische und Bootsflüchtlinge, bei einer Bootsfahrt vor der Küste warf der Papst einen Kranz ins Mittelmeer – zum Gedenken an die Menschen, die bei der gefährlichen Überfahrt von Nordafrika ums Leben kamen. Zu diesem Zeitpunkt schätzte man die Zahl der dabei ertrunkenen oder verdursteten auf mindestens 20.000.
In seiner Predigt bei der Messfeier im Hafen von Lampedusa beklagte der Papst – inzwischen vielzitiert – die heutige “Globalisierung der Gleichgültigkeit”. Diese mache alle zu “anonymen Verantwortlichen ohne Namen und ohne Gesicht”. Immer wieder erreichten ihn Nachrichten über umgekommene Bootsflüchtlinge und hätten sich wie ein Stich ins Herz angefühlt, sagte Franziskus. „Und da habe ich gespürt, dass ich heute hierher kommen musste, um zu beten, um eine Geste der Nähe zu setzen, aber auch um unsere Gewissen wachzurütteln, damit sich das Vorgefallene nicht wiederhole.“ Franziskus richtete bei der Messe auch Grüße an die muslimischen Flüchtlinge. “Die Kirche ist euch nahe auf eurer Suche nach einem würdevolleren Leben für euch und eure Familien.”
Ich war immer papstkritisch, die Glorifizierung des „Heiligen Vaters“ (wenn, dann ist das Gott!) ist mir unangenehm. Paul VI., der erste Papst meiner Erinnerung, war mir zu langweilig, Johannes Paul I. zu kurz im Amt, Johannes Paul II. zu lang im Amt, Benedikt XVI. zu knöchern. Aber Franziskus, der nach seiner Wahl mit Buona Sera grüßte, mit einem geschenkten gebrauchten Kleinwagen herumfährt und zum Entsetzen seiner Securitys spontan an einer Roma-Siedlung halten lässt, völlig überraschte Briefschreiber anruft, Straßenzeitungen lange Interviews gibt, rund um den Petersplatz Duschen für Obdachlose bauen lässt, Hölderlin-Gedichte, Tango und den Fußballklub von San Lorenzo liebt – auf den steh ich total.