Über Robert Mitscha-Eibl

Katholischer, weltoffener Publizist im aktiven Ruhestand; gebürtiger Steirer, durch Theologie- und Germanistikstudium ausgebildeter Lehrer, später Redakteur bei Kathpress, verheiratet mit Claudia, dreifacher Vater, fünffacher Großvater

Adventmail 2025/2 (Anfang/Ende)

Das neue Jahr hat schon begonnen. Zumindest das Kirchenjahr, das nach katholischer wie evangelischer Tradition immer am ersten Adventsonntag beginnt, heuer also am 30. November (orthodoxe Christ:innen begingen ihr Neujahrsfest schon am 1. September). Die Trennung von christlich-sakraler und profaner Zeitgliederung und Kalenderordnung besteht erst seit der Reformation. Noch deutlich später dran war die Lateinische, also „westliche“ Kirche mit Zentrum Rom: Bis zur Festsetzung des Neujahrstages im Jahr 1691 durch Papst Innozenz XII. auf den 1. Jänner galt in weiten Teilen Europas der 6. Januar (Hochneujahr) auch als profaner Jahresbeginn.

Auf die Alten Römer gehen die Monatsbezeichnungen von September bis Dezember zurück – also 7./8./9./10. Monat. Damit war es bereits lange vor Christi Geburt vorbei. Ab dem Jahr 153 v. Chr. wurde der Beginn des Amtsjahrs vom 1. März auf den 1. Jänner verlegt, auf den Tag des Amtsantrittes der Konsuln. Mit Caesars (julianischer Kalender-) Reform begann dann auch das Kalenderjahr zu diesem Zeitpunkt und tut das bei uns bis heute.

Einer nachvollziehbaren Logik folgt die Festsetzung des Jahresbeginns, wenn der Frühling zur Tag- und Nachgleiche anfängt. Am 21. März ist Neujahr im Iran, bei den Kurden, in Indien und Pakistan sowie weiteren -istan-Ländern (Tadschik-,Usbek-, Kirgis-, Turkmen- und Afghanistan).

Beweglichen Terminen folgen unsere älteren Glaubensgeschwister: Rosch ha-Schana feierten Juden 2025 ab Sonnenuntergang des 23. September, 2026 (im Judentum schon das Jahr 5787) ist der Termin dann 12./13. September. Die jüngeren Geschwister können etwa alle 33 Jahre doppelt feiern: Denn das muslimische Jahr ist etwa 11 Tage kürzer als unser der Sonne folgendes und verfügt über keine Schaltmonate; dadurch wandert der Neujahrstermin kontinuierlich nach vorne. Der chinesische Neujahrstag fällt auf einen Neumond zwischen dem 21. Jänner und dem 21. Februar – heuer war der 29. Jänner der Beginn des Jahres der Schlange.

Christ:innen beginnen ihre Zeitrechnung mit der (eigentlich früher erfolgten) Geburt Jesu, Muslime mit der Hidschra, der Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina im Jahr 622 n. Chr. Im Buddhismus orientiert man sich am Todesjahr des Buddhas Siddhartha Gautama 544 v. Chr., im Judentum an der biblisch errechneten Schöpfung des Himmelsgewölbes durch JHWH am Jom Rischon, dem 6. Oktober 3761 v. Chr.

Andere Kulturen leiteten ihre Zeitrechnung vom Amtsantritt der jeweiligen Herrscher ab, so die altägyptische. Die altgriechische Jahreszählung fußte auf Olympiaden (die erste nach 776 v. Chr.), die Römer zählten ab urbe condita („753 stieg Rom aus dem Ei“). Gerade mal 13 Jahre dauerte der 1792 verordnete französische Revolutionskalender, ähnlich kurz die von Mussolini ausgerufene „Era Fascista“, die er 1927 mit 1922 beginnen ließ. „Tausendjährige Reiche“ dauern meist deutlich kürzer, Gott sei Dank.

Adventmail 2025/1 (Anfang/Ende)

Udo Jürgens war erst 43, als er singend behauptete, dass „Mit 66 Jahren“ das Leben anfängt. Der Text stammte von einem noch deutlich jüngeren, vom damals 27-jährigen Linzer Wolfgang Hofer, der viele weitere Jürgenslieder textete. „Ihr werdet euch noch wundern, wenn ich erst Rentner bin“, heißt es, und dann ist die Rede von Motorrad und Lederdress, Straßenmusik und Diskobesuch, Jazzbandgründung und Blumen beim San-Francisco-Trampen.

Nun, ich wurde im September 66 und kann mich für diesen klischeehaft humorbemühten Text nicht erwärmen. Der Neubeginn als Rentner ist für mich kein Aufbruch ins Ausgeflipptsein, kein Durchbruch zu Dingen, die man sich vorher versagte. Auch wenn ich (weiterhin) ausgedehnte Radtouren unternehme oder rund um die alte Donau laufe, merke ich das zunehmende Alter. Der Ruhepuls ist deutlich höher als zu meinen Halbmarathonzeiten, der Bauch nicht mehr so straff, Falten und Altersflecken nehmen zu, Sehkraft und Gehör nehmen ab, Haare wachsen an Stellen, wo sie unerwünscht sind, Wehwehchen stellen sich ein und brauchen länger, bis sie wieder abklingen. Oder bis ich mich an sie gewöhne.

Neu sind Verantwortlichkeiten für die so richtig alt gewordenen Eltern und die Rücksichtnahme auf körperliche Beeinträchtigungen der Ehefrau. Neu ist auch der erforderliche Interessensausgleich durch meine deutlich erhöhte Präsenz im gemeinsamen Haushalt. Und angenehm neu ist die weggefallene fixe Arbeitszeit: Ich kann – gegen Honorar und/oder zu meinem Vergnügen – schreiben, wann ich Lust habe. Die Frei-Zeit kann ich/können wir für viele Reisen und Ausflüge nutzen, für Kontaktpflege, für Museumsbesuche und Einkäufe zu Zeiten, da andere in der Arbeit sind.

Unterm Strich ist es ein angenehmer Lebensabschnitt. Und in DEM Punkt haben Jürgens/Hofer hoffentlich recht: „Mit sechsundsechziiiig ist noch lang noch nicht Schluss.“

Lesung „Literatur im Dialog: Bernhard“, Radiokulturhaus, 29.11.2025 *****

Zum zweiten Mal „Literatur im Dialog“ im Radiokulturhaus. Diesmal im Mittelpunkt der Lesungsreihe mit den Schauspieler:innen Nicholas Ofczarek und Tamara Metelka sowie dem Violinisten Nikolai Tunkowitsch: Thomas Bernhard. Und ich nehm’s vorweg: Es wurde viel unterhaltsamer als der Abend mit/über Kafka.

Ein schönes gemeinsames Projekt des Paares Ofczarek/Metelka: Literatur im Dialog, ORF-Radiokulturhaus

Im Mittelpunkt stand »Der österreichische Staatspreis für Literatur«, den Thomas Bernhard in den 1960er-Jahren aus den Händen des damaligen Kulturministers im ÖVP-Alleinregierungs-Kabinett Josef Klaus, Theodor Piffl-Perčević. Diese Ehrung empfand der Literat als Demütigung, denn es war – wie Ofczarek mehrmals aus Bernhards posthum erschienenem Text „Meine Preise“ vorlas – der kleine, für vielversprechende Talente gedachte Staatspreis und nicht der große, für ein Lebenswerk verliehene. Bernhard war zum Zeitpunkt der Auszeichnung bereits 37, aber jung genug, um das Geld zu brauchen: Die 25.000 ausgelobten Schilling waren ihm willkommen, um Schulden zu tilgen.

In der ihm auferlegten Dankesrede, zu der ihm lange nichts einfiel, sagte Bernhard u.a.: Der Staat ist ein Gebilde, das fortwährend zum Scheitern, das Volk ein solches, das ununterbrochen zur Infamie und zur Geistesschwäche verurteilt ist. Piffl-Perčević verließ wegen dieser Beleidigung Österreichs daraufhin in großer Erregung die Festveranstaltung. Der Skandal war perfekt.

Thomas Bernhard ist ein literarischer Lästerer, ein scharfsinniger Querulant, ein Übertreibungskünstler, den ich im Germanistikstudium und danach links liegen ließ. Aber sein Rückblick auf die Nestbeschmutzung anlässlich einer Preisverleihung ist fast 60 Jahre danach noch immer höchst witzig und entlarvend hinsichtlich des problematischen Verhältnisses von Kunst und Politik in Österreich. Künstlingswirtschaft?

„Du & Ich und alle reden mit“ (Paolo Genovese, I 2025) ****

Ein Film wie ein Kammerspiel: Zwei Personen, die 35-jährige Möbelrestauratorin Lara und der 50-jährige Gymnasiallehrer Piero treffen sich nach einem Kennenlernen in einer Bar zu einem ersten Date bei ihr in der Wohnung. Prosecco, Blumen einfrischen, Häppchen, Smalltalk. Dann verschafft sich das sonstige bzw. bisherige Leben der beiden Raum: durch einen Anruf der minderjährigen Tochter beim geschiedenen Vater mit Sorgerecht und durch das unerwartete Auftauchen des Ex von Lara, den sie trotz eines mitgebrachten Geschenks – es ist ein Ring! – empört abwimmelt. Piero und Lara werden miteinander vertraut, kommen sich näher.

So weit, so unspektakulär.

Der Gag des Filmes von Regisseur Paolo Genoves ist, dass sich während des gesamten Plots die inneren Stimmen der beiden zu Wort melden – in Form von jeweils vier sichtbaren Personen, die für unterschiedliche Persönlichkeitsfacetten und Herangehensweisen stehen. Das ist ein ständiger Quell von Komik, denn wer kennt das nicht bei einem Date: Sage ich jetzt das Richtige? Wie stehe ich da – optisch und auch sonst? Ist der richtige Zeitpunkt für Zärtlichkeit? Und später dann: Wie mache ich’s beim Sex? Ist ein guter Zeitpunkt zum Sich-Verabschieden?

Dazu haben der rationale Professor, der romantische Romeo, der leidenschaftliche Eros und der desillusionierte Valium ihre eigenen Vorstellungen und Ratschläge für Piero, ebenso die Einflüsterinnen von Sara, deren Namen ich vergaß. Es gibt da die kompromisslose, die verträumte, die verführerische, die wilde.

Dass der Spielfilm von „Paul aus Genua“ der erfolgreichste des Jahres in Italien wurde, ist vielleicht etwas überbewertet. Unterhaltsam war er allemal.

Adventmails 2025 (Ankündigung)

Liebe Adventmailbezieher:innen,

ich bin – wie meine Claudia – seit Jahresbeginn in Pension, die 32 Jahre als Redakteur der Kathpress gingen zu Ende (wenn auch nicht meine freie Mitarbeit dort und anderswo). Zu meinen drei Enkelsöhnen kamen im Februar zwei süße Mädchen dazu, ein weiteres wächst – juhuu! – gerade im Schwiegertochterbauch; im August verstarb mein Stiefvater, wie es formelhaft heißt, nach kurzer, schwerer Krankheit. Das sind die individuellen Zugänge zu meinem diesjährigen Adventmailthema „Anfang und Ende“. Zu denen kommen noch eine Reihe politischer: Trumps Demokratieabbruchbirne begann zu schwingen, Österreich hat eine neue Ampelregierung, der Gaza-Krieg stoppte nach furchtbaren Gemetzeln usw. In der katholischen Kirche – meinem langjährigen Arbeitsfeld – endete die Ära von Franziskus und Schönborn, jene von Leo und Grünwidl begann.

Ab 1. Dezember also wie gehabt tägliche „Kästchen“ mit Wissenswertem und Unterhaltsamem, mit Persönlichem und Allgemeingültigem rund um die Frage, wie etwas anfängt oder aber aufhört. Ich werde dafür meine heuer eingerichtete Website www.robertmitschaeibl.eu nutzen (auf der auch sämtliche Adventmails der vergangenen Jahre verewigt sind!), auf den zusätzlichen Kanälen Facebook und Mailversand wird es nur mehr „Appetizer“ geben.

Seit ich dieses Projekt im Dezember 2002 begann, sind Advent(s)kalender – analog und digital – zahlenmäßig geradezu explodiert. Zuletzt sah ich 24 im Advent zu öffnende Gewürzgläschen, zudem Minibüchlein mit Zusammenfassungen von Literaturklassikern und Geolino-Anleitungen für kindlichen Experimentierspaß. So viel „Konkurrenz“ in einer ohnehin allzu geschäftigen Zeit könnte mich zum Verstummen bringen. Tut es aber nicht. Dazu hab ich viel zu viel Freude am Brainstormen, Recherchieren, Formulieren und zu viel Ermutigung seitens des „Stammpublikums“, zu dem ja auch DU zählst. Am Montag beginnt’s, ad multos annos!

Noch ein Hinweis: Am Mittwoch, 10. Dezember, wird es um 19 Uhr in der autofreien Siedlung in Wien-Floridsdorf (Nordmanngasse 27, „Aquarium“) eine Best-of-Lesung meiner Adventmails geben. Ich gestalte den Abend gemeinsam mit der Autorin Sonja Rosenzweig, die bereits Leseerfahrung in der Siedlung hat. Wäre schön, wenn Du Dir dafür Zeit nehmen würdest!

„One Battle After Another“ (Paul Thomas Anderson, USA 2025) *****

Es geht um eine Gruppe revolutionärer Linker aus Los Angeles, die wegen ihrer Attacken gegen das System vom Militär gesucht werden. Näherhin geht es um zwei Kämpfer, die der Kämpferin Perfidia Beverly Hills verfallen sind: Um ihren Mitstreiter Bob (Leonardo DiCaprio) und den erzkonservativen Befehlshaber Steven J. Lockjaw (Sean Penn), der auf beide Jagd macht und dabei ganz eigene Ziele verfolgt. Was Sean Penn hier darbietet, ist Schauspielkunst vom Feinsten. Würde mich nicht wundern, bekäme er dafür einen Oscar.

Auch für den von mir geschätzten deutschen „Filmdienst“ ist Penn „der eigentliche Star des Films […], der die freudlose Figur des Obersts mit steifem Gang und nervösen Gesichtszuckungen oft am Rand zur Karikatur verkörpert, ihr aber auch eine tragische Dimension verleiht, die sie verletzlich und nahbar wirken lässt“ und die einem am Ende „fast leid tut“.

Der auf zwei Zeitebenen angesiedelte 162-Minuten-Film von Regisseur und Drehbuchautor Paul Thomas Anderson („Licorice Pizza“, „There Will Be Blood“) zeigt die US-Gesellschaft als bürgerkriegsähnliches Kampfgebiet, in dem konträre Ideologien aufeinanderprallen. Perfidia und Bob kämpfen zwar gegen Kapitalismus und Ausgrenzungspolitik, sind aber selbst problematische Charaktere mit über Leichen gehende Radikalität auf der einen und dauerbekiffter Paranoia auf der anderen Seite. Am „normalsten“ kommt da noch die im zweiten Teil zur Heldin gezwungene 16-jährige Tochter Willa rüber. Spannend jedenfalls. Empfehlung.

Lisette Model, Retrospektive. Albertina ****

Und wieder mal ein Beweis, was für einen fatalen Aderlass an Kreativität und Intellektualität das NS-Terrorregime in Österreich verantwortete: Die aus einer jüdischen Wiener Familie stammende Lisette Model (1901–1983) wurde erst nach Frankreich, dann in die USA vertrieben. Heute gilt sie als eine der einflussreichsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Die noch bis 22. Februar 2026 geöffnete Ausstellung in der Albertina zeigt eine umfassende Retrospektive ihrer wichtigsten Werkgruppen von 1933 bis 1959. Etwa eine Fotoserie von der Promenade des Anglais in Nizza, auf der in den 1930ern die gelangweilte Haute volée in demaskierenden Posen abgebildet ist. Models Fotos erschienen 1941 in Harper’s Bazaar in den USA unter dem provokanten Titel „Why France Fell“.

Weitere Serien zeigen Badende auf Coney Island, die triste soziale Realität auf der Lower Eastside, Studien über Jazz-Stars wie Billie Holiday oder Ella Fitzgerald oder Opernbesucher:innen in San Francisco. Vielen Bildern stünden heute Datenschutzbestimmungen entgegen, denn die Abgebildeten würden gegen ihre für sie wenig vorteilhafte Zurschaustellung protestieren. Dabei finde ich gerade diese Charakterköpfe und ihre Lebens-Haltungen so interessant.

Lesung Milena Michiko Flasar, Buchhandlung Seeseiten, 19.11.25 *****

Meine zweite Lesung in der äußerst sympathischen Buchhandlung Seeseiten in der Seestadt – diesmal präsentierte Milena Michiko Flasar mit dem Kurzgeschichtenband „Der Hase im Mond“ und dem Essay „Sterben auf Japanisch“ gleich zwei Bücher. Die Lesung erfolgte vor allem aus dem ersten: Es ging um ein in Alltagsroutine erstarrtes japanisches Paar um die 30, die durch die Beobachtung einer Frau, die jener aus dem Paar bis aufs Haar gleicht, erst fasziniert und dann zunehmend aus der Bahn geworfen wird. Wie Flasar, Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters, die langweilig gewordene Beziehung der beiden Hauptfiguren in wenigen Sätzen schildert, ist einfühlsam und glaubwürdig. Noch beeindruckender fand ich, wie die Autorin liest: akzentuiert, flüssig, fehlerlos wie eine professionelle Schauspielerin. So würde ich das auch gerne hinkriegen, wenn ich in drei Wochen erstmals meine Adventmails vor Publikum vorlese.

Als optimistische Ergänzung zu dem etwas unheimlichen Text aus „Der Hase im Mond“ las Flasar einen kurzen Abschnitt über Erlebnisse in ihrer zweiten Heimat Japan. Güte führt zu Güte führt zu Güte…, hieß es da abschließend.

Von der japanisch-österreichischen Schriftstellerin habe ich noch kein Buch gelesen, nur ÜBER sie. Der gestrige Abend war aber ein Anstoß, diese Lücke zu schließen.

Christa Englinger/Christian Hlavac: 99 Fragen zu österreichischen Sehenswürdigkeiten. Ueberreuter 2015 ****

Dieses Buch war der Siegespreis für eine Art Rätselrallye durch die Wiener Innenstadt, gespendet von Guide Wolfgang Reisinger bei einer anlässlich meines Geburtstags bei ihm gebuchte Führung. „In Wien ein Besserwisser … aber auch in ganz Österreich?“ schrieb er hinein.

Die 99 Fragen – oder besser: Kapitel – zu Themen wie Geografie, Kultur, Geschichte, Verkehr und Technik, Gastlichkeit sowie „Potpourrie“ sind angetan, Allgemeinwissen über Österreich zu steigern, und auch unterhaltsam. Wobei: Manche Fragen hätte ich so nicht gestellt (Wann entstand die Eisriesenwelt in Werfen? Was warf der heilige Domitian der Legende nach in Kärntens tiefsten See?), andere waren für mich als Steirer/Theologe/Germanist leicht zu beantworten (Ist die Grazer Murinsel tatsächlich eine Insel?Wodurch zeichnet sich die Wotrubakirche in Wien aus?).

Kein Buch, das man von A bis Z durchliest. Aber eines, das am stillen Örtchen stehen könnte und dort immer wieder zur Hand genommen wird.

„Elements of(f) Balance“, (Othmar Schmiderer, Ö 2025) ****

In der Tradition österreichischer Filmdokus über Missstände in Natur und (Arbeits)Welt durch Regisseure wie Nikolaus Geyrhalter, Erwin Wagenhofer und den früh verstorbenen Michael Glawogger begab sich der bereits 71-jährige Salzburger Othmar Schmiderer auf eine Recherchereise rund um die Welt. Im Fokus stehen gefährdete oder gesundende Ökosysteme inmitten einer auf Ausbeutung ausgerichteten Welt: Bodenbehandlung auf einem österreichischen Bergbauernhof, Revitalisierung eines toten Forstes in Thüringen, schwimmende Beete in Bangladesch oder Wiederbepflanzung in Chinas Wüstenregionen geben Hoffnung auf eine ökologische Wende, der Blick ins auch durch den Krieg höchst gefährdete Donaudelta zwischen Rumänien und der Ukraine oder in die quallenverseuchte Adria viel weniger.

Am verblüffendsten für mich waren die Erläuterungen über die faszinierende Welt der Pilze und Myzele und sich dabei ergebende Möglichkeiten für zukünftiges Bauen und Sich-Kleiden. Verleiher Filmladen über den am 5. Dezember in den Kinos startenden Schmiderer-Streifen: „Nicht dystopische Zukunftsvisionen stehen im Mittelpunkt, sondern ein neues Bewusstsein und neue, konkrete Möglichkeiten, die sich der Menschheit bieten, wenn verstrickte Lebensformen und vergessene Allianzen die Grundlage des Umgangs mit der Natur sind.“

Stimmt, dachte ich nach der Presse-Preview. Aber warum Kino und keine mindestens so brauchbare arte-Doku?