Warum meine Karriere als Religionslehrer 1988 nach drei Jahren an fünf Wiener Schulen zu Ende ging, hat auch was mit Anfängen zu tun: Zu Beginn jedes Schuljahres standen Erstauftritte in den mir zugewiesenen Klassen auf dem Programm, in denen es darum ging, Religion als Fach schmackhaft zu machen. Also eine Art Bewerbungsgespräch vor „Kunden“, die sich bei Nichtgefallen „aus Gewissensgründen“ einfach abmelden konnten.
Für mich war das jedes Mal ein unangenehmer Eiertanz zwischen Anspruch und Zugeständnis. Einerseits weitgehender Verzicht auf Leistungs- und Notendruck, andererseits Klarstellung, dass ich Reli nicht als Unterricht sehe, in dem man so einfach die Hausübungen anderer Fächer machen kann. Es solle hier um Fragen gehen, die sich jeder Mensch stellt, versuchte ich zu vermitteln: Wie kann Leben glücken? Was könnte ein liebender Gott für jedeN persönlich bedeuten? Was könnte Hamlet meinen, wenn er sagt, es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen unsere Schulweisheit nichts träumen lässt? Was können wir wissen, was dürfen wir hoffen? Woher kommen wir, wohin gehen wir? Was könnten wir tun, um unsere Welt ein Stück besser zu machen?
All das sollte man sich als reifes Individuum gefragt haben – unabhängig davon, ob die Antworten darauf religiöse sind oder nicht. Und außerdem, so versuchte ich weiters darzulegen, das Christentum ist DIE prägende Weltanschauung in Europa. Wer unsere Kultur verstehen will, unsere Geistesgeschichte, unser Sozialwesen, muss zumindest Grundkenntnisse über das Christentum haben.
Klingt überzeugend, oder? Jedoch zeigte sich, dass etliche Schüler:innen meinen Verlockungen widerstanden und statt Horizonterweiterung lieber zwei Freistunden pro Woche hatten. Und auch mit dem verbliebenen Rest war nicht immer gut Kirchen messen, das Durchdringen zu Grundsätzlichem scheiterte oft am Bodensatz an Wurschtigkeit.
Ich zog die Konsequenzen und Leine, wechselte in den Nachrichtenjournalismus. Da stört es nicht weiter, wenn das Publikum nach den ersten Sätzen weiterblättert – weil man das gar nicht mitbekommt.

Puh, als Lehrer Kindern den Religionsunterricht verkaufen zu müssen ist ja eine fast zum Scheitern verurteilte Herangehensweise. Ich hatte im Schulalter selbst auch Probleme, Gefallen an Unterricht zu Religion/Welt/Kultur/Geschichte zu finden, da ist mir erst als Erwachsener wieder die Neugier gekommen. Soweit ich mich zurückerinnern kann, fühlte sich das alles immer etwas weit entfernt von mir und unserem jetzigen Dasein an, dass es als Schüler mehr ein Hören und Lernen von diversen Zahlen und Anekdoten war, als „unsere Geschichte“, etwas zum Verstehen, und diese Distanz sowie die generelle Schulroutine machen es nicht leicht, große Neugier oder Lernleidenschaft aufzubringen und beizubehalten. Lag sicher wohl auch an mir selbst, aber bin da wohl eher kein Einzelfall.
Hab Religionsunterricht selbst ja mit der sechsten Klasse schließlich durch Ethik-Unterricht ausgetauscht, der hat sich fast mehr wie eine Diskussions- und Reflexionsrunde zu diversen Ethikthemen angefühlt als ein Unterricht, und das war im Rahmen der Schule gar nicht so schlecht, hat einen aus dem Auswendiglernmodus etwas mehr rausgebracht. Weiß nicht ob die Trennung zwischen Religion und Ethik so notwendig ist oder ob das nicht einfach schon der Religionsunterricht sein könnte, aber mal sehen wie sich das im Schulsystem noch entwickelt.
Ja, das scheint mir ein generelles Problem unseres Schulsystems zu sein, nämlich „dass sich das alles immer etwas weit entfernt anfühlt“ von dem, was Jugendlichen wichtig ist. Lehrer:innen sind da in einer blöden Zwickmühle, der Zwang zu Leistungsbeurteilung beißt sich mit einer möglichen Rolle als Vertrauensperson und „Reifungsbegleitende/r“.