Wie sein Namensvetter Berthold von Regensburg war Bertold von Augsburg, genannt Brecht, ein Volksprediger. Heute soll es aber weniger um das politikpädagogische Epische Theater des großen deutschen Dichters gehen als vielmehr um sein beachtliches lyrisches Werk, das immerhin 2.300 Gedichte, teils in verschiedenen Versionen, umfasst.
Ich greife ein besonders gelungenes heraus, das Gedicht „Erinnerung an die Marie A.“ (www.yolanthe.de/lyrik/brecht03.htm), das auch im wunderbaren, Oscar-prämierten Film „Das Leben der anderen“ (2006) von Florian Henckel von Donnersmarck, des Neffen des Abtes von Heiligenkreuz, eine Rolle spielt: Stasi-Spitzel Gerd Wiesler entwendet seinem Observationsopfer Georg Dreyman einen Brecht-Band und liest auf seinem Sofa liegend für die ZuseherInnen hörbar folgendes:
„…Und über uns im schönen Sommerhimmel /
War eine Wolke, die ich lange sah /
Sie war sehr weiß und ungeheuer oben /
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.“
Es geht um die Erinnerung an eine vergangene Liebe, die Brecht in das berühmte Bild von der sich auflösenden weißen Wolke gefasste. Gerd Wiesler wird allmählich von der poetisch-authentischen Welt des Theaterautors Dreyman „infiziert“ und stellt sich innerlich immer mehr gegen das verlogene SED-Regime.
Eigentlich schade, dass kaum mehr jemand Lyrik liest…