Ich nehme an, alle werdenden Väter fotografieren irgendwann ihre schwangeren Frauen nackt (unbekleidet sind die posierenden Frauen, nicht die knipsenden Männer). Ich zumindest hab’s gemacht, ebenso fasziniert wie leicht eingeschüchtert davon, wie die Natur Besitz von einem vertrauten Körper nimmt und einen Bauch riesig macht und zwei Brüste merklich wachsen lässt.
In unseren Breiten ist es sogar schon zur Gewohnheit geworden, dass einem/r die gebleckten Babybäuche weiblicher Stars von Titelblättern einschlägiger Gazetten entgegenleuchten. Den Anfang machte wohl vor mehr als 20 Jahren Demi Moore, die sich von Starfotografin Annie Leibovitz hochschwanger mit ihrer zweiten Tochter Scout LaRue (Vater Bruce Willis) auf dem Cover von „Vanity Fair“ ablichten ließ. Das Resultat ist ästhetisch wohlgefällig und inzwischen ein Klassiker. Es wurde 2005 von US-Verlegern und Artdirektoren auf Platz 2 der 40 besten Titelblätter ausgewählt, gleich nach dem ebenfalls legendär gewordenen Bild von John und Yoko wenige Stunden vor Lennons Ermordung.
Seither gab es viele Nachahmerinnen. Z.B. Claudia Schiffer 2006 in exakter Demi-Pose auf dem Cover der deutschen „Vogue“ oder Britney Spears mit noch sehr kleinem Bäuchlein 2006 auf „Harper’s Bazaar“, Monica Bellucci fast so züchtig 2010 auf „Vanity Fair“ wie Halle Berry 2008 auf „Instyle“, und Mariah Carey streckte den Käufern des „Life&Style“-Magazins 2011 ihren Zwillings-Babybauch entgegen – auf einem eher geschmacksarmen Foto.
Falls Ihr Euch selber „ein Bild machen“ wollt: http://www.jolie.de/bildergalerien/schwanger-aufs-cover-uebersicht-886784.html
Tag Archives: 2012
Adventmail 2012/13 (Geburt)
Wird ein Huhn geboren, wenn die Henne ein Ei legt oder wenn es aus der Schale schlüpft?
Hm, zweiteres, würde ich sagen, und die Frage bringt mich zum Unterschied zwischen „Oviparie“ und „Viviparie“. Wir Menschen sind nämlich wie alle höheren Säugetiere, aber auch Beutelsäuger sowie einige Reptilienarten „vivipar“, also lebendgebärend. Die anderen Wirbeltiere sind „ovipar“, also eierlegend.
Bei lebendgebärenden Tieren und bei Menschen bleibt der Nachwuchs während der gesamten Embryonalentwicklung im Mutterleib. Der älteste fossile Beleg für Lebendgebären ist der 380 Millionen Jahre alte Fund eines mit einer Nabelschnur mit der Mutter verbundenen Embryos des längst ausgestorbenen Panzerfisches „Materpiscis“.
Entwicklungsgeschichtlich am ältesten ist die ungeschlechtliche Fortpflanzung durch Zellteilung. Erst vor etwa 700–800 Millionen Jahren trat die geschlechtliche Fortpflanzung auf, durch die sich die Artenvielfalt auf der Erde drastisch erhöhte. Diese wiederum geschieht zweigeschlechtlich durch „Mama“ und „Papa“ oder eingeschlechtlich als „Jungfrauengeburt“ (Parthenogenese), bei der Nachkommen aus unbefruchteten Eizellen entstehen.
Und jetzt kommt’s: „Bisher nachgewiesen wurde Parthenogenese, die auf natürliche Weise zu voll entwickelten Tieren führt, unter anderem bei Haushühnern“, weiß Wikipedia. Sie tragen dann nicht das Erbgut zweier Elterntiere in sich, sondern nur das mütterliche. „Das ist schlecht für die genetische Vielfalt in einer Population und begünstigt Erbkrankheiten“, merkte „Die Zeit“ im Fensterchen 15 ihres Adventskalenders 2009 zur Frage „Gibt es die Jungfrauengeburt?“ an. „Dass Weibchen, die den Jungfrauentrick beherrschen, ihn nur anwenden, wenn sie – etwa in Gefangenschaft – kein geeignetes Männchen finden, ist da kein Wunder.“
Tja, wieder was gelernt. Ob ich das meinem Stiefvater in Kapfenberg erzähle, der früher in weinseliger Stimmung öfters das steirische Liedchen anstimmte: „Mutti, guck, da Hauhn sitz scho wieda auf da Gluck…“?
Adventmail 2012/12 (Geburt)
Unter dem Titel „Rekordgeburten – Außergewöhnlicher Start ins Leben“ veröffentlichte die „Süddeutsche Zeitung“ im Juli u.a. folgendes:
Das schwerste Neugeborene aller Zeiten wog 10,2 Kilogramm. Der Junge wurde 1955 im italienischen Aversa geboren.
Das leichteste Baby hingegen kam 2004 in Chicago auf die Welt. Rumaisa Rahman wog knapp 244 Gramm und war nur 25 Zentimeter groß – halb so viel wie ein reif geborenes Baby. Eine noch kürzere Zeit im Mutterleib verbrachte die kleine Frieda. Nach nur 21 Wochen und fünf Tagen kam sie in Fulda auf die Welt.
2008 wurde die Inderin Rajo Devi mit 70 Jahren Mutter einer Tochter. Ihr Ehemann war zu dem Zeitpunkt 72 Jahre alt. Das Kind sollen sie einer Eizellenspende und künstlicher Befruchtung verdanken.
Die meisten Kinder aller Zeiten hat laut Guiness-Buch eine Russin zur Welt gebracht. Die Frau, die nur als Gattin von Fjodor Wassilijew bekannt ist, brachte in ihrem Leben (1707 bis etwa 1782) 69 Kinder auf die Welt – darunter 16 Zwillinge, sieben Drillinge und vier Vierlinge.
1998 kamen in Texas die ersten lebendgeborenen Achtlinge zur Welt.
In Bonn wurden 2004 besondere Vierlinge geboren: Sie sind zwei eineiige Zwillingspärchen. Die Chance auf einen solchen Doppelpack liegt bei nur 1:30 Millionen. Diese Konstellation ist dreimal so selten wie die eineiigen Vierlinge, die Anfang 2012 in Leipzig geboren wurden.
Eine US-Amerikanerin brachte es fertig, drei ihrer fünf Kinder jeweils an einem Schalttag zu gebären. Das jüngste wurde am 29. Februar 2012 geboren.
Laut Guinness-Buch gibt es zudem eine ganze Reihe von Familien, bei denen Kinder über vier Generationen jeweils am gleichen Tag zur Welt kamen.
Illustrationen zu all dem siehe die Fotostrecke http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/rekordgeburten-aussergewoehnlicher-start-ins-leben-1.1416717
Adventmail 2012/11 (Geburt)
„Wir kommen nackt ins Licht, wir haben keine Wahl“: So nennen zwei Herausgeber ihre Textsammlung zum Thema Geburt, die „150 Szenen aus der Schönen Literatur zwischen 1760 und 2011“ im Appenzeller Verlag bündelt. Dass ich Co-Herausgeberin Ina Praetorius, Schweizer feministische Theologin mit römischem Patriziernamen, seit langem über ein paar Ecken kenne und schätze, ließ mich Theogermanisten umso motivierter einen Blick darauf werfen.
Ich kontaktierte Ina via Facebook mit der Bitte, mir ihren „Liebling“ in dem 2011 erschienenen Buch zu nennen. Ihre Antwort war ein Landsmann: Franz Hohler, 69-jähriger Vater zweier Söhne, Zürcher, der auch Kabarett und Lieder macht. In seinem Text „Im Gebärsaal“ berichte er „schlicht, humorvoll und mit einem Faible für das undramatisch Alltägliche“ von Erfahrungen eines eben erst Vater Gewordenen.
Kostprobe? Bitte sehr:
„Jetzt näht der Arzt wieder zu, was er aufgeschnitten hat, das Kind wird gebadet und angezogen und darf dann zur Mutter liegen, ich trage es auch ein bißchen, bin gerührt von der Spatzenhaftigkeit seines Gewichts und merke, daß es kalte Hände hat. Dann bringt uns die Hebamme Kaffee, Zwieback, Butter und Confiture, schiebt das Bettchen, in dem der wirklich sehr Kleine nun liegt, zu uns, sie hat ihn seitlich gelegt, so daß er, wenn er die Augen offen hat, zu uns schauen muß, ob er will oder nicht, und so schaut er also, während wir Kaffee trinken, zu uns, liegt, ohne zu schreien, seitlich und nachdenklich da und beginnt langsam Kaspar zu heißen.“
So endet Hohlers 1975 im Luchterhand-Bändchen „Wo?“ erschienene Schilderung. Wie sie beginnt, kann man im Internet nachlesen: www.appenzellerverlag.ch/prs_sample/9783858825681.pdf
Adventmail 2012/10 (Geburt)
“Isn’t She Lovely?” fragt Stevie Wonder 1976 auf seinem wondervollen Album “Songs in the Key of Live” gerührt – und er meint damit seine neugeborene Tochter Aisha. Deren Babygequäke ist gleich am Anfang des mundharmonikalastigen Songs zu hören, im langen Outro dann eine Tonspur mit charmanter Vater-Tochter-Konversation.
Der Text dazwischen ist kurz gehalten: “Isn’t she pretty / Truly the angel’s best“, singt der kurz nach seiner eigenen Geburt erblindete Jungpapa in der zweiten Strophe, und „Boy, I’m so happy, / We have been heaven blessed. / I can’t believe what God has done / through us he’s given life to one, / But isn’t she lovely made from love?” (Auf YouTube finden sich einige Mitschnitte von gemeinsamen Auftritten Stevies mit seiner ebenfalls singenden Tochter Aisha Morris, z.B.: www.youtube.com/watch?v=haO3nl2v5aw)
Wesentlich biederer in Melodie und Interpretation, dafür mit hübschem Text widmete sich der ab 21. Dezember 70-jährige Reinhard Mey im Jahr 1976 ebenfalls dem Thema Geburt:
„Da liegst Du nun also endlich fertig in der Wiege. / Du bist noch ganz frisch und neu, und ich schleiche verstohl’n / Zu Dir, und mit großer Selbstbeherrschung nur besiege / Ich die Neugierde, Dich da mal rauszuhol’n…“
Und die Worte in der letzten Strophe mag wohl jeder frischgebackene Vater unterschreiben:
„Möge Dir, von dem, was Du dir vornimmst, viel gelingen!
Sei zufrieden, wenn’s gelingt, und ohne Übermut
Versuch’ Deine Welt ein kleines Stück voranzubringen
Sei, so gut es geht, zu Deinen Menschenbrüdern gut!
Tja, dann wünsch’ ich Dir, daß ich ein guter Vater werde
Daß Du Freunde findest, die Dich lieben, und dass Du
Spaß hast an dem großen Abenteuer auf der Erde!
Hals- und Beinbruch, da kommt was auf Dich zu…“
Letztlich ist Geburt eher ein Randthema in der Popmusik. Wer wie ich „songs birth“ googelt, bekommt so eigenartige Tipps wie „Baby Love“ von den Supremes oder „My Girl“ von den Temptations. Ok, von Céline Dion gibt’s einige „Baby-Songs“; aber die treffen nicht gerade meinen Geschmack.
Da schon eher „In the Ghetto“ von Elvis: „On a cold and grey Chicago mornin‘ a poor little baby child was born in the ghetto…“
Adventmail 2012/09 (Geburt)
Anschließend an gestern: Wer auch lange kinderlos blieb, waren die Eltern von Johannes dem Täufer, Elisabeth und Zacharias. Der Evangelist Lukas gibt den Geschehnissen vor und nach der Geburt des Johannes breiten Raum und setzt sie mit jenen rund um die Geburt Jesu parallel.
Dem armen Zacharias, einem Priester übrigens, erging es schlecht, als er auf die Geburtsankündigung des Engels skeptisch reagierte: „Woran soll ich erkennen, dass das wahr ist? Ich bin ein alter Mann und auch meine Frau ist in vorgerücktem Alter.“ Für diesen „Unglauben“ wurde Zacharias mit Stummheit geschlagen, die bis zur Beschneidung seines Sohnemanns andauerte.
Als sich die beiden Schwangeren Elisabeth und Maria trafen, „hüpfte“ der ungeborene Johannes im Leib seiner Mutter vor Freude – ein hübsches Bild. Noch sympathischer finde ich das, was Maria daraufhin zu ihrer entfernten Verwandten über Gott und sein Wirken sagt: „… er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen…“ An dieses revolutionäre „Magnifikat“-Gebet denke ich, wenn mir Marienfrömmigkeit – wie heuer beim Besuch im portugiesischen Fatima – zu picksüß wird.
Adventmail 2012/08 (Geburt)
Nein, der heutige katholische Feiertag Mariä Empfängnis erinnert nicht an die „Überschattung“ Marias durch den Heiligen Geist, sondern meint, dass Maria frei von jeglichem Makel der Erbsünde empfangen wurde. Nach dem Protoevangelium des Jakobus konnten ihre Eltern Anna und Joachim lange Zeit keine Kinder bekommen – eine häufige Konstellation vor einem helfenden Eingreifen Gottes. Joachim ging für 40 Tage in die Wüste zum Fasten und Beten. Ein Engel kündigte ihm dabei die bevorstehende Erfüllung des Kinderwunsches an. Freudig lief er nach Jerusalem zurück und traf seine Anna vor dem Tempel, an der “Goldenen Pforte”. Beide umarmen sich – und dieser Moment wird als “Mariä Empfängnis” bezeichnet.
Im Unterschied zur Jungfrauengeburt wurde Mariä Empfängnis erst deutlich später – im Zuge immer ausgeprägterer Marienverehrung – offizielles Glaubensgut. Meine als Grazer Theologiestudent schon in der Diplomarbeit (siehe Adventmail 6) dazu formulierte religionspsychologische These: Das männlich dominierte und verkürzte, strenge, unnahbare Gottesbild der christlichen Dogmatik bedurfte einer weiblichen Ergänzung durch eine „vergöttlichte“ milde Fürsprecherin Maria.
In diesem Sinn agierte auch der Grazer Habsburger-Kaiser Ferdinand III.: Nachdem Wien während des Dreißigjährigen Kriegs von Fremdherrschaft verschont blieb, kürte er Maria zur Schutzheiligen Österreichs und führte Mariä Empfängnis am 8. Dezember 1647 als Feiertag in der Monarchie ein.
Adventmail 2012/07 (Geburt)
Nach dem Ende meiner Post-Graduate-Ausbildung in Integrativer Gestalttherapie habe ich an einem Rebirthing-Seminar teilgenommen. Bzw. eigentlich nicht Rebirthing, sondern es ging um eine Seminarreihe über Transpersonale Psychotherapie, bei der die Teilnehmenden mittels „holotropem Atmen“ einen direkteren Zugang zum eigenen Unbewussten suchten.
Das klingt komplizierter, als es ist. Zu lauter, rhythmischer Musik atmen die auf einer Matratze Liegenden und von einer zweiten Person Betreuten immer schneller – bis zur Hyperventilation, und geraten in eine Art Trancezustand, in dem innere (archetypische?) Bilder und Erinnerungen emotional und auch körperlich intensiv erfahrbar werden. Zum Beispiel die eigene Geburt, heißt es.
Das Ganze ist nun rund 20 Jahre her, aber ich erinnere mich daran, dass ich an einen Punkt geriet, an dem ich Widerstand mit dem Kopf suchte und mich dann etliche Minuten an einer aufgestellten Matratze „abarbeitete“. Danach war ich erschöpft, der Nacken tat mir weh, und bei der Nachbesprechung lag die Vermutung nahe, bei meiner Geburt habe es eine Phase des Stockens gegeben, bei der eine Zeitlang nichts weiterging.
Ich befragte meine Mutter nach ihren damaligen Erinnerungen im Spital von Bruck. Es war eine leichte und unkomplizierte Entbindung, meinte sie. Und nein, eine Phase des Stockens gab es nicht.
Im Rückblick kommt mir das holotrope Atmen wie ein psychotherapeutisches „Feuerwerk“ vor, dessen staunenswerte Inszenierung und Effekte jedoch eine recht geringe Halbwertszeit haben. Aber auch gegenüber jahrelangem Liegen auf der Analysecouch bin ich skeptisch. Die besten Erfahrungen bei Seelenheilung und -pflege habe ich mit der Imago-Therapie gemacht, bei der für jedeN ein „Schutzraum“ geschaffen wird, in dem … aber das ist eine andere Geschichte.
Adventmail 2012/06 (Geburt)
“Wenn Gott nicht auch Macht über die Materie hat, ist er eben nicht Gott.” Mit diesem lapidaren Satz erklärt Papst Benedikt XVI. in seinem jüngsten Jesusbuch, warum für ihn die Jungfrauengeburt ein „Faktum“ ist. Auch die Auferstehung Jesu sei so ein Eingriff Gottes in die Naturgesetze, und ein Christentum ohne den Sieg Gottes über den Tod erscheint ja schon beim Apostel Paulus als sinnlos.
Jetzt habe ich, der sein Studium 1986 mit einer Diplomarbeit über „Neue Sichtweisen Marias seit dem II. Vatikanischen Konzil“ abschloss, ein Problem: Ich glaube an eine Auferstehung nach dem Tod, aber nicht an eine wundersame Geburt Jesu aus dem Heiligen Geist, und schon gar nicht an die immerwährende Jungfräulichkeit Marias vor, während und nach der Geburt.
Meine Skepsis hat zweierlei Gründe. Erstens bibelwissenschaftliche. Das Neue Testament (NT) versteht sich als Erfüllung des Alten, und z.B. Jesajas Prophezeiung einer zeichenhaften Geburt aus einer „jungen Frau“ erfüllt sich laut dem Matthäusevangelium in der „Jungfrau“ Maria. Im weiteren Verlauf des NT ist von einer Jungfrauengeburt keine Rede mehr, im Gegenteil wird an mehreren Stellen ein Konflikt zwischen Jesus und seiner Herkunftsfamilie dargestellt (den der Papst geflissentlich ignoriert).
Ich habe auch einen theologischen Einwand. Gott scheint mit Eingriffen in die Naturgesetze äußerst zurückhaltend zu sein, ja er/sie scheint geradezu ein Gott zu sein, der sich die Macht versagt, den Menschen mit spektakulären Wundern zum Glauben zu „zwingen“. Jedes Wunder ist somit mehrdeutig und eben ein „Zeichen“, kein „Faktum“.
Ist es dann von mir nicht inkonsequent, so frage ich mich, an die Auferstehung Jesu von den Toten zu glauben und auch an die Auferstehung von uns allen, weil ich die Liebe für letztlich stärker halte als den Tod? Die frühen Christen waren überzeugt davon, dass sich Jesus nach seinem Tod mehrfach gezeigt hat, die Auferstehungszeugen hatten höchste Autorität. Wir Spätergeborene haben somit Pech, weil wir „nicht sehen und dennoch glauben“ sollen?
Nein, kein Pech, denke ich. Sondern Freiheit, uns zu entscheiden. Und tagtäglich Gelegenheit, zu spüren, dass es mehr gibt, als „begriffen“ werden kann, als dem (Ab)Lauf der Welt entspricht, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.
Adventmail 2012/05 (Geburt)
Nicht nur Individuen werden geboren, auch Nationen, heißt es. „Birth of a Nation“ heißt ein 1915 erschienenes Stummfilmdrama von D. W. Griffith, das mit filmischen Innovationen und rassistischem Inhalt zum finanziell erfolgreichsten Streifen vor der Tonfilmära wurde. „Nation“ kommt übrigens vom lateinischen „natio“, das „Geburt, Herkunft, Volk“ bedeutet.
Bei der Geburt von Nationen denke ich an Oswald Spenglers drei Jahre später, 1918, publiziertes Monumentalwerk „Der Untergang des Abendlandes“, in dem der deutsche Historiker beispielreich einen zyklischen Geschichtsverlauf plausibel macht. Kulturen keimen auf, kommen zu voller Blüte und sterben dann unweigerlich wieder ab, las ich vor fast 30 Jahren bei Spengler. Und das Abendland – die achte in einer Reihe von untergegangenen Hochkulturen (u.a. Ägypten, China, die Antike, Mexiko und Arabien) – befinde sich in seiner Endphase.
Eine ebenso vergnügliche wie geistreiche filmische Paraphrase auf dieses Zyklusmodell schuf Denys Arcand 1986 mit seiner Komödie „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“ (die leider nicht auf DVD zu kriegen ist). Eine Freundesschar hedonistischer Intellektueller lässt sich darin zwischen edlen Weinen und freizügigem Sex über die zu Ende gehende globale Dominanz Amerikas aus.
Für die USA ist eine „Geburts-Phase“ – mit Unabhängigkeitserklärung 1776 und Verfassung 1787 – leicht zu bestimmen. Aber wie ist das im Falle Österreichs: Ottonische Schenkung „Ostarrichis“ 996??, Rudolfs des Stifters gefälschte Erzherzogtum-Erhebung 1358/59?, Republikgründung 1918?, Figls „Österreich ist frei“ 1955? Schranz‘ Olympiaausschluss 1972?…. weitere Vorschläge?