“Wenn Gott nicht auch Macht über die Materie hat, ist er eben nicht Gott.” Mit diesem lapidaren Satz erklärt Papst Benedikt XVI. in seinem jüngsten Jesusbuch, warum für ihn die Jungfrauengeburt ein „Faktum“ ist. Auch die Auferstehung Jesu sei so ein Eingriff Gottes in die Naturgesetze, und ein Christentum ohne den Sieg Gottes über den Tod erscheint ja schon beim Apostel Paulus als sinnlos.
Jetzt habe ich, der sein Studium 1986 mit einer Diplomarbeit über „Neue Sichtweisen Marias seit dem II. Vatikanischen Konzil“ abschloss, ein Problem: Ich glaube an eine Auferstehung nach dem Tod, aber nicht an eine wundersame Geburt Jesu aus dem Heiligen Geist, und schon gar nicht an die immerwährende Jungfräulichkeit Marias vor, während und nach der Geburt.
Meine Skepsis hat zweierlei Gründe. Erstens bibelwissenschaftliche. Das Neue Testament (NT) versteht sich als Erfüllung des Alten, und z.B. Jesajas Prophezeiung einer zeichenhaften Geburt aus einer „jungen Frau“ erfüllt sich laut dem Matthäusevangelium in der „Jungfrau“ Maria. Im weiteren Verlauf des NT ist von einer Jungfrauengeburt keine Rede mehr, im Gegenteil wird an mehreren Stellen ein Konflikt zwischen Jesus und seiner Herkunftsfamilie dargestellt (den der Papst geflissentlich ignoriert).
Ich habe auch einen theologischen Einwand. Gott scheint mit Eingriffen in die Naturgesetze äußerst zurückhaltend zu sein, ja er/sie scheint geradezu ein Gott zu sein, der sich die Macht versagt, den Menschen mit spektakulären Wundern zum Glauben zu „zwingen“. Jedes Wunder ist somit mehrdeutig und eben ein „Zeichen“, kein „Faktum“.
Ist es dann von mir nicht inkonsequent, so frage ich mich, an die Auferstehung Jesu von den Toten zu glauben und auch an die Auferstehung von uns allen, weil ich die Liebe für letztlich stärker halte als den Tod? Die frühen Christen waren überzeugt davon, dass sich Jesus nach seinem Tod mehrfach gezeigt hat, die Auferstehungszeugen hatten höchste Autorität. Wir Spätergeborene haben somit Pech, weil wir „nicht sehen und dennoch glauben“ sollen?
Nein, kein Pech, denke ich. Sondern Freiheit, uns zu entscheiden. Und tagtäglich Gelegenheit, zu spüren, dass es mehr gibt, als „begriffen“ werden kann, als dem (Ab)Lauf der Welt entspricht, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.