Adventmail 2012/05 (Geburt)

Nicht nur Individuen werden geboren, auch Nationen, heißt es. „Birth of a Nation“ heißt ein 1915 erschienenes Stummfilmdrama von D. W. Griffith, das mit filmischen Innovationen und rassistischem Inhalt zum finanziell erfolgreichsten Streifen vor der Tonfilmära wurde. „Nation“ kommt übrigens vom lateinischen „natio“, das „Geburt, Herkunft, Volk“ bedeutet.
Bei der Geburt von Nationen denke ich an Oswald Spenglers drei Jahre später, 1918, publiziertes Monumentalwerk „Der Untergang des Abendlandes“, in dem der deutsche Historiker beispielreich einen zyklischen Geschichtsverlauf plausibel macht. Kulturen keimen auf, kommen zu voller Blüte und sterben dann unweigerlich wieder ab, las ich vor fast 30 Jahren bei Spengler. Und das Abendland – die achte in einer Reihe von untergegangenen Hochkulturen (u.a. Ägypten, China, die Antike, Mexiko und Arabien) – befinde sich in seiner Endphase.
Eine ebenso vergnügliche wie geistreiche filmische Paraphrase auf dieses Zyklusmodell schuf Denys Arcand 1986 mit seiner Komödie „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“ (die leider nicht auf DVD zu kriegen ist). Eine Freundesschar hedonistischer Intellektueller lässt sich darin zwischen edlen Weinen und freizügigem Sex über die zu Ende gehende globale Dominanz Amerikas aus.
Für die USA ist eine „Geburts-Phase“ – mit Unabhängigkeitserklärung 1776 und Verfassung 1787 – leicht zu bestimmen. Aber wie ist das im Falle Österreichs: Ottonische Schenkung „Ostarrichis“ 996??, Rudolfs des Stifters gefälschte Erzherzogtum-Erhebung 1358/59?, Republikgründung 1918?, Figls „Österreich ist frei“ 1955? Schranz‘ Olympiaausschluss 1972?…. weitere Vorschläge?

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