Adventmail 2012/11 (Geburt)

„Wir kommen nackt ins Licht, wir haben keine Wahl“: So nennen zwei Herausgeber ihre Textsammlung zum Thema Geburt, die „150 Szenen aus der Schönen Literatur zwischen 1760 und 2011“ im Appenzeller Verlag bündelt. Dass ich Co-Herausgeberin Ina Praetorius, Schweizer feministische Theologin mit römischem Patriziernamen, seit langem über ein paar Ecken kenne und schätze, ließ mich Theogermanisten umso motivierter einen Blick darauf werfen.
Ich kontaktierte Ina via Facebook mit der Bitte, mir ihren „Liebling“ in dem 2011 erschienenen Buch zu nennen. Ihre Antwort war ein Landsmann: Franz Hohler, 69-jähriger Vater zweier Söhne, Zürcher, der auch Kabarett und Lieder macht. In seinem Text „Im Gebärsaal“ berichte er „schlicht, humorvoll und mit einem Faible für das undramatisch Alltägliche“ von Erfahrungen eines eben erst Vater Gewordenen.
Kostprobe? Bitte sehr:
„Jetzt näht der Arzt wieder zu, was er aufgeschnitten hat, das Kind wird gebadet und angezogen und darf dann zur Mutter liegen, ich trage es auch ein bißchen, bin gerührt von der Spatzenhaftigkeit seines Gewichts und merke, daß es kalte Hände hat. Dann bringt uns die Hebamme Kaffee, Zwieback, Butter und Confiture, schiebt das Bettchen, in dem der wirklich sehr Kleine nun liegt, zu uns, sie hat ihn seitlich gelegt, so daß er, wenn er die Augen offen hat, zu uns schauen muß, ob er will oder nicht, und so schaut er also, während wir Kaffee trinken, zu uns, liegt, ohne zu schreien, seitlich und nachdenklich da und beginnt langsam Kaspar zu heißen.“
So endet Hohlers 1975 im Luchterhand-Bändchen „Wo?“ erschienene Schilderung. Wie sie beginnt, kann man im Internet nachlesen: www.appenzellerverlag.ch/prs_sample/9783858825681.pdf

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