Als ich 15 wurde, bekam ich Kurzsichtiger eine Brille. Der Dioprienwert sank im Lauf der Jahre bis auf -7,5 – die Fehlsichtigkeit nahm also zu. Als meine Augenärztin vor etwa zehn Jahren ein Glaukom – also Grünen Star, die häufigste Erblindungsursache – diagnostizierte. Ein zu hoher Augeninnendruck schädigt dabei den Sehnerv der Papille und führt zur zunächst unbemerkten Einschränkung des Gesichtsfeldes. Um den Augendruck zu reduzieren, nehme ich seit Jahren morgens und abends verschiedene Augentropfen, außerdem wurde ich im Wiener AKH bereits zweimal operiert. Dabei wurde mir ein Stent in den Glaskörper eingesetzt, der Flüssigkeit ableitet und somit den Innendruck reduziert. Heilbar ist Glaukom nicht, ich werde also bis zum Ende meines Lebens eintropfen müssen.
Damit nicht genug. Seit mehr als einem Jahr bemerke ich eine Einschränkung der Hörfähigkeit. Meine liebende Gattin machte mich immer wieder auf diese Schwäche aufmerksam, sie hört auch – im Unterschied zu mir – Hochfrequenztöne wie die Tee-ist-fertig-Uhr in der Küche, und vor rund einem Monat bekam ich bei einer Vorstellung im Burgtheater vom zweiten Rang aus nur wenig vom Brecht-Stück unten auf der Bühne mit, zumal das gesprochene Wort oft noch von einem kleinen Orchester musikalisch umspült wurde.
Ich suchte also den nahen HNO-Arzt auf – und die Diagnose von rund einem Jahr davor klang unerfreulich: Sie brauchen ein Hörgerät, hieß es nach einem Test. Die Werte hätten sich in dem Zeitraum auf eine Hörfähigkeit von unter 80 Prozent verschlechtert. Ich stellte mich also auf eine größere Investition ein – das Hörgerät, das meine Schwiegermutter seit längerem benutzt, kostete 5.000 Euro – und sie ist nicht sehr zufrieden damit (was aber an ihrer mangelnden Technikaffinität liegen mag).
Mit der ärztlichen Verordnung, die mir 1000 Euro von der Krankenkasse als Zuschuss sichern sollte, ging ich zu einem Audiostudio zur Terminvereinbarung der Anpassung. Hol lieber ein zweites Angebot ein, bei so einem hohen Betrag sollte man sich umschauen, riet meine umsichtige Frau. Also VOR dem Termin bei Audio Danube noch einen bei Hansaton. Ich wurde genauer getestet als in der HNO-Ordination, musste z.B. einsilbige gesprochene Worte wiedergeben. Und siehe da – das Ergebnis überraschte: Die Hansaton-Akustikerin beschied mir ein durchaus noch leistungsfähiges Gehör, die Lebensqualität würde durch ein Hörgerät nicht wirklich steigen, meinte sie.
Heute dann der Test bei Audio Danube, dessen Geschäftsführerin die Tochter des HNO-Arztes nebenan ist. Und wieder ein aufwendiger Test mit drei verschiedenen Kategorien: nach lauter werdenden Tönen Signal geben, leise gesprochene Zahlen und danach einsilbige Worte nachsprechen. Und erneut: Ihr Gehör ist noch zu gut für eine teure technische Unterstützung, bei über 80 Prozent zahlt die Kasse auch nichts dazu. Kommen Sie in einem Jahr wieder.
Das relativiert die ins Auge gefasste Adventmailserie 2026 zum Thema “Sinn, Sinne, Sinnlichkeit” etwas, die ich mit der selbstironischen Anmerkung “Ich lebe in einer Zeit, da einem schon Hören und Sehen vergehen kann…” einleiten wollte. Aber ich denke, ich mache es trotzdem, das Thema ist ergiebig.
Monthly Archives: March 2026
“Father Mother Sister Brother” (Jim Jarmusch, USA 2025) ***
Vom so un-US-amerikanischen Arthouse-Regisseur Jim Jarmusch sah ich schon etliche Filme – und ehrlich, “Down by Law”, “Dead Man”, “Paterson” oder “Ghost Dog” sind um Längen besser als sein jüngster Streifen, das bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnetes Episoden-Triptychon rund um “the secret life of parents”. Und das trotz großartiger Schauspieler:innen wie Cate Blanchett, Adam Driver, Charlotte Rampling oder Tom Waits.
Jarmusch erzählt drei verschiedene Geschichten. In New Jersey besucht ein Geschwisterpaar den verwitweten, vermeintlich durch Armut und Verwahrlosung gefährdeten Vater. Ähnliches So-tun-als-ob erleben zwei sehr unterschiedliche Schwestern mit ihrer großbürgerlichen Mutter in Dublin; und in der dritten Episode gehen Zwillinge nach dem Unfalltod der Eltern in Paris auf deren Spuren. Die beiden Besuche zeigen, dass man einander nicht viel zu sagen hat und vieles nach langen, peinlichen Sprechpausen ungesagt bleibt. Die Waisenzwillinge zuletzt dagegen stehen sich nahe, kommen aber drauf, dass ihre toten Eltern in mancher Hinsicht ein Doppelleben führten. Verschränkt sind die drei Episoden nur durch Leitmotive wie Skater auf der Straße, Toasts mit Wasser, PG Tipps Tee und Kaffee oder der englischen Floskel „Bob’s your uncle“ (dt. etwa: „Und mehr ist nicht zu sagen!“).
All das ist bei Jarmusch demaskierend und unaufgeregt zugleich, die Dialoge sind – außer bei der letzten Episode – banal, manchmal mit Humor, ohne jede Dramatik. Was daran ist erzählenswert? Wo ergibt sich ein Bogen, wo schließt er sich? Diese Fragen bleiben, “ohne dass der Film sich zum stimmigen Ganzen runden würde”, wie es im stets präzisen “Filmdienst” heißt.
“Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke” (Simon Verhoeven, D 2025) ******
Joachim Meyerhoff, bis 2019 13 Jahre lang Star am Wiener Burgtheater, habe ich als Schauspieler nie wirklich wahrgenommen. Umso mehr als Autor seiner inzwischen sechsteiligen Buchreihe “Alle Toten fliegen hoch”, die ich allesamt mit großen Vergnügen las. Der in Schleswig Aufgewachsene berichtet darin von seinem Aufwachsen auf einem Psychiatrieanstaltsgelände, seinen Eltern und Geschwistern, dem Austauschjahr in Amerika, von Beziehungsturbulenzen und Schlaganfall sowie zuletzt von einer Auszeit bei seiner alt gewordenen Mutter Susanne.
Zwei dieser stets mit viel Humor und großer Beobachtungsgabe erzählten Bände sind inzwischen verfilmt. “Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war” (D 2023) fand ich so lala, “Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke” dagegen sehr stimmig und überzeugend in der Wiedergabe des Tonfalls der Meyerhoff-Bücher.
Der 137 Minuten lange Streifen von Simon Verhoeven (“Girl You Know It’s True”, “Alter weißer Mann”) erzählt Meyerhoffs (Bruno Alexander) nach dem Unfalltod seines Bruders aufgenommene Schauspielausbildung an der Otto Falckenberg Schule in München, wo einst auch seine Großmutter Inge Birkmann (Senta Berger) unterrichtete. Bei dieser und ihrem zweiten Ehemann, dem Philosophen Hermann Krings, richtet sich der vom Brudertod noch Traumatisierte häuslich ein, nachdem er zu aller Überraschung die Aufnahmeprüfung schaffte. Und das, obwohl der damals 22-Jährige labil, introvertiert und zugleich jähzornig war und Schauspieltalent nicht wirklich erkennen ließ. Die Komik des Films basiert zum einen in Meyerhoffs (selbstironisch überzeichnetem?) Agieren als Jungmime, zum anderen in seiner Rolle als Großmutters “Lieberling” in deren von Eheritualen und reichlich Alkoholkonsum dominierten Haushalt in einer Münchner Vorstadtvilla. Ich musste oft lachen beim Coming-of-Age-Geschehen auf der Leinwand – und war traurig, als die beiden Alten zuletzt kurz hintereinander verstarben. Aber da war Enkel Joachim längst etablierter Schauspieler am Schauspielhaus in Hamburg.
Michael Maar, “Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur”, Rowohlt 2020 *****
Eine unterhaltsame Zeitreise zurück ins Lehramtsstudium: Der deutsche Germanist Michael Maar widmet sich in seiner Literaturgeschichte für Schreibstilbewusste sehr anregend der Frage: Wie wird Sprache zu Literatur? Was ist Manier, was ist Jargon, und in welche Fehlerfallen tappen fast alle? Er beginnt dabei bei den Klassikern Goethe, Wieland oder Hölderlin, würdigt fast vergessene Größen wie Jean Paul und Johann Peter Hebel, hat ein offensichtliches Faible für die die – fast durchwegs jüdischstämmigen – Literaten Wiens vor und nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie wie Kafka, Werfel, Roth, Polgar oder Perutz und landet als unfassbar Belesener in der Gegenwart bei Autor:innen wie Clemens Setz, Daniel Kehlmann, Brigitte Kronauer (“Verlangen nach Musik und Gebirge”) und Wolfgang Herrndorf (“Tschick”). Bei den Letztgenannten bekam ich Appetit aufs Lesen, ebenso bei mirt bisher unbekannten Autor:innen wie Marie-Luise Scherer, Undine Gruenter oder Rudolf Borchardt. Und Doderers “Strudlhofstiege”, etwas von Thomas Mann und Franz Kafka sollten endlich (wieder) mal gelesen werden.
Natürlich, vieles des von Maar absatzweise Zitierten ist Geschmacksache. Fehl am Platz finde ich seine Abkanzelung von Christa Wolfs “Kassandra” – eines meiner Best-of – oder die Kaumerwähnung von Großen wie Max Frisch oder Hermann Hesse. Aber ja – es geht Maar ja nicht um eine Literaturgeschichte, sondern um Stilbewertungen und Regeln, was einen guten Stil ausmacht. Wobei: “Es gibt keine Regeln, jedenfalls kann man sie alle brechen. Aber man muss es können”, schreibt der Experte. Und findet z.B., die Chansonette Hildegard Knef konnte es in ihrer Biografie “Der geschenkte Gaul”.
Ein eigenes Kapitel “Das Pikante und der Spaß der Welt” widmet Maar der Verbalerotik. Denn gelungene Um- und Beschreibungen von körperlicher Liebe gehöre zum Schwierigsten, was Autor:innen zu Papier bringen können. Oder eben nicht können – wie Kafka oder Musil, sonst beide hochgeschätzt vom Germanisten. Saltens “Josefine Mutzenbacher” dagegen konnte es.
Der Titel “Die Schlange im Wolfspelz” steht übrigens im Kapital über ge- und misslingende Metaphern und stammt von Eva Menasse, die dieses schiefe Bild aber bewusst eingesetzt habe.