Adventmail 2021/22 (Gefühle)

Mein Leben war nicht frei von beglückenden und unliebsamen Überraschungen, aber das ist nichts im Vergleich zu meiner Claudia, die zwei jetzt erwachsene indische Adoptivkinder hat.
Überraschung 1 war für sie, dass es trotz dem beidseitigen großen Kinderwunsch in ihrer ersten Ehe mit Stefan nicht und nicht mit einer Schwangerschaft klappte. Die beiden entschlossen sich 1995 zu einer Adoption, Claudia war damals 32 Jahre alt. Es sollten von den Missionaries of Charity (dem Orden der Mutter Teresa) vermittelte Kinder aus Indien sein, einem Land, in das Stefan wegen seiner Teefirma Geschäftsbeziehungen hatte.
Überraschung 2 war der Aufwand, der für dieses Vorhaben bewältigt werden musste: 38 Dokumente waren für den Adoptivantrag beizubringen – vom polizeilichen Führungszeugnis über eine Bürgschaft möglicher „Ersatzeltern“ bis hin zur Befürwortung eines Priesters. Und das alles beglaubigt auf Deutsch und Englisch.
Es verging viel Zeit bis zum Herbst 1999, als an einem Nachmittag um 16 Uhr ein (Überraschung 3) Anruf der Ordensfrauen kam: Da wäre ein Geschwisterpaar im Waisenheim in Delhi abzuholen. Claudia und Stefan hatten inzwischen ein Haus gebaut, in dem keine Kinderzimmer vorgesehen waren; auch Adoptivkinder zu bekommen schien nach vier Jahren unwahrscheinlich.
Überraschung 4: Die beiden hatten gerade mal bis 8 Uhr am nächsten Tag Zeit, um Ja oder Nein zu sagen und auch gleich die neuen Vornamen ihrer möglichen Kinder Sitha (2 1/2) und Rakesh (1 1/2) zu bestimmen, die dann mit dem Familiennamen Krömer im Reisepass einzutragen wären. Wenig Schlaf, viele Überlegungen – dann war die Antwort: Ja, wir trauen uns drüber! Das Paar bekam einen Child Report mit Daten und auch ersten, sehr süßen Fotos (Überraschung 5) ihrer noch unbekannten Kinder.
Der Papierkrieg zog sich bis kurz vor Weihnachten. Im letzten Advent des 2. Jahrtausends flogen Claudia und Stefan nach Delhi, checkten im für Adoptiveltern aus Europa bestens gerüsteten Hotel nahe dem Heim ein – und sahen kurz darauf erstmals (Überraschung 6) die beiden Menschen, die nun ein Leben lang zu ihnen gehören würden: der winzige Samuel, der schon einen mehrmonatigen Spitalsaufenthalt hinter sich hatte, und Samira (die bald wieder Sitha gerufen wurde, da Claudia dem Mädchen nicht dieses Stück Identität nehmen wollte).
Die weiteren zwei Tage in Indien, der Rückflug, das Sich-Zurechtfinden mit all dem Neuen verlangten allen Beteiligten viel ab. Als Sitha und Samuel am 22. Dezember 1999 erstmals österreichischen Boden betraten, war es 20 Grad kälter als in Indien und es lag Schnee – ein Phänomen, das den Kleinen bis dahin unbekannt war (Überraschung 7). Und es gefiel ihnen, erinnert sich Claudia. Die beiden wurden übrigens exzellente SkifahrerInnen.

Adventmail 2021/21 (Gefühle)

Wo in der EU haben die Menschen die meiste Zufriedenheit mit ihrem Leben? Im wohlhabenden Norden, würde man meinen. Und so ist es auch: Laut einer im September 2021 veröffentlichten Eurobarometer-Umfrage unter rund 27.000 EU-BürgerInnen leben die zufriedensten Menschen in Dänemark; das war auch in vorangegangenen Studien schon so. Dort sind sechs von zehn „sehr zufrieden“, weitere 36 % „ziemlich zufrieden“ mit ihrem Leben. Nur drei von 100 sind „nicht sehr“ und nichtmal 1 % „gar nicht“ zufrieden. Das bestärkt mich in meinem Plan, irgendwann mal einen Radurlaub bei denen (Dänen) zu machen.
Es folgen die Niederlande mit 48 bzw. 47 % (sehr) Zufriedenen, dahinter Schweden und Luxemburg mit rund 40 bzw. 54 %. In Österreich bezeichnen sich 38 % als „sehr“ und 46 % als „ziemlich“ zufrieden. Trotz der immer wieder georteten Neigung zur Raunzerei liegen wir damit deutlich über dem EU-Zufriedenheitsmittelwert von 23 – 61 – 12 – 3. Am wenigsten zufrieden sind die Leute in den Balkanstaaten Bulgarien, Rumänien und Griechenland.
Es gibt ein paar Konstanten in derartigen Umfragen: (Kinder und) Ältere sind am zufriedensten mit ihrem Leben, während junge Erwachsene ganz anders drauf sind. Und: Im Blick auf das eigene, individuelle Leben äußern sich die meisten Befragten zufriedener als hinsichtlich der allgemein-gesellschaftlichen Situation. Ich würde genau so antworten. Umstrittener ist, ob gilt: je wohlhabender, desto zufriedener. Die EU-Umfrage würde dies nahelegen. Doch die Ergebnisse einer internationalen Gallup-Studie (Ende 2019) zeigen, dass die glücklichsten Menschen nicht in stabilen und ökonomisch starken Weltregionen USA (62 %) und EU (57 %) leben: Der Anteil der „Glücklichen“ sei am höchsten in Afrika (86 %), Lateinamerika (79 %), Westasien (71 %) und Ostasien (64 %).
Ich denke, es hemmt die Lebenszufriedenheit, wenn Geld ein überproportional wichtiges Thema ist: Das kann der Fall sein, wenn es zum Alltag gehört, zu wenig von allem zu haben, wenn man sich in seinen Lebensmöglichkeiten im Vergleich zu ähnlich Gelagerten benachteiligt fühlt oder aber wenn Profitmaximierung und Besitzanhäufung zum Hauptlebenssinn wird.

Adventmail 2021/20 (Gefühle)

„Die Kirschen in Nachbars Garten“, das ist ein guter Titel für einen Artikel über den Neid. Eingefallen ist er nicht mir, sondern einem Kollegen von „Spektrum Kompakt“, der 2018 eine der 7 Todsünden beschrieb. Er schildert darin ein berühmt gewordenes Experiment der University of Oxford zum Thema Neid: Versuchspersonen wurden zu einer Lotterie eingeladen, jeweils vier SpielerInnen gleichzeitig konnten verschieden hohe Geldbeträge auf das Ergebnis eines Zufallsgenerators setzen. Einige von ihnen wurden aber von den Forschern bevorteilt: Sie bekamen mehr Geld zugewiesen als die anderen, was sich dann in höheren Gewinnen niederschlug – offenkundig zum großen Ärger der übrigen Spieler.
Doch konnten diese sich anschließend rächen. Ein Knopfdruck genügte, um den Kontostand ihrer Mitspieler heimlich abzusenken. Dafür mussten sie allerdings eine Provision abtreten.
Dennoch nutzten zwei Drittel der Versuchspersonen dieses Angebot – und das, obwohl sie dafür ihr ohnehin schon knapperes Budget schmälern mussten. Die Höhe der Gebühr spielte dabei kaum eine Rolle: Selbst, wenn sie dafür 25 Prozent der abgezogenen Summe zahlten, enteigneten immer noch zwei Drittel der Testpersonen ihre privilegierten Mitspieler.
Die Lose-lose-Situation wurde mehrheitlich in Kauf genommen: Lieber gingen die Teilnehmenden mit weniger Geld in der Tasche aus dem Versuchslabor, als den anderen einen höheren Gewinn zu gönnen. „So sind wir nicht“, würde VdB sagen. Aber doch, so sind wir.
Wobei sich der Neid vorrangig auf Personen mit vergleichbarem oder niedrigerem Status richtet. In den vergangenen Jahren wurden erst mit den Panama Papers, dann den Paradise und heuer mit den Pandora Papers brisante Steueroasen-Leaks bekannt. Die zwielichtigen Steuertricks von zahlreichen Topverdienern und Machthabern lösten aber überraschend wenig öffentlichen Aufschrei aus; der ertappte zweitreichste Tscheche und Premierminister in Prag etwa, Andrej Babis, verzeichnete beim Urnengang im Oktober 2021 kaum Stimmenverluste, seine populistische ANO wurde erneut stärkste (Einzel-)Partei.
Neid schlägt hingegen oft denen entgegen, die selbst nicht so viel haben. Wütende Kommentare und Hetzseiten in den sozialen Netzwerken zeugen davon, dass einige den Bedürftigen selbst die kleinsten Zuwendungen missgönnen, erst recht, wenn sie aus dem Ausland stammen.
Der römische Philosoph Seneca warnte schon vor knapp 2000 Jahren: „Nie wird einer glücklich sein, den das größere Glück eines anderen wurmt.“

Adventmail 2021/19 (Gefühle)

Kann sich noch jemand an die „Erbschleicher-Sendung“ im Radio erinnern? So despektierlich wurde das in meiner Kindheit viel gehörte „Wunschkonzert“ genannt, weil dort Musikgrüße an Väter und Opas, Mütter und Omis oder andere ehrbare (und potenziell vererbende) Verwandte gerichtet wurden. Im Ohr habe ich z.B. noch „Ich hab Ehrfurcht vor schneeweißen Haaren./ Sie verschönern der Mutter Gesicht./ Und sie krönen die Arbeit von Jahren/ Und ein Leben der Treue und Pflicht.“ Eine Art musikalisches Mutterkreuz, das heute schwer verdaulich ist. Da ist „Großvota, mogst du net owakumman auf a Schoin Kaffee?“ deutlich sympathischer – und wahrhaft ehrfurchtsvoll.
Den Begriff Ehrfurcht umschreibt Wikipedia mit „der höchste Grad der Ehrerbietung, das Gefühl der Hingabe an dasjenige, was man höher schätzt als sich selbst, sei es eine Person oder eine geistige Macht, wie Vaterland, Wissenschaft, Kirche, Staat, Menschheit, Gottheit“. Das stammt aus dem Brockhaus von 1896, was der Patina, die dem Begriff Ehrfurcht anhaftet, gut entspricht.
In meiner gottseidank kurzen Zeit als Religionslehrer brachte ich den SchülerInnen dieses Gefühl mit der Frage näher: Wie würdet ihr es empfinden, wenn auf dem Friedhof neben dem Grab eurer Großmutter herumgekickt wird und dabei auch Grabsteine und -kreuze getroffen werden? Geht gar nicht, meinten die Jugendlichen.
Fehlende Ehrfurcht wird in Österreich im § 248 StGB behandelt. Als „Herabwürdigung des Staates und seiner Symbole“ wird demnach mit bis zu einem Jahr Haft oder bis zu 720 Tagessätzen bestraft, „wer auf eine Art, dass die Tat einer breiten Öffentlichkeit bekannt wird, in gehässiger Weise die Republik Österreich oder eines ihrer Bundesländer beschimpft oder verächtlich macht“. Dies gilt auch für entsprechende Fahnen und Hymnen. Also: Vorsicht beim Erzählen von Burgenländerwitzen!

Adventmail 2021/18 (Gefühle)

Trauer ist ein Gefühl, das mir bisher wenig zu schaffen machte. Zumindest in Bezug auf mir nahestehende Menschen. Beide Eltern (84 und 80 Jahre alt) leben noch, dazu noch alle 8 Geschwister meiner Mutter und 2 von 3 Geschwistern meines Vaters. Schmerzhaft nahe kam mir der Tod 1989, als meine liebevolle Großmutter plötzlich drei Wochen nach meinem Großvater starb, und 2018, als meine Schwiegermutter sehenden Auges ihrem Tod entgegenging. Trauer empfand ich auch um Persönlichkeiten wie Erich Fried, Georg Danzer, Christine Nöstlinger, Arik Brauer, Niki Lauda, John Lennon oder David Bowie.
Das Thema Sterben war zuletzt öfter mal Thema in meiner Ehe, angestoßen durch die Frage: Wer erbt was nach unserem letzten Atemzug? Das führte zum Nachdenken über: Wie wollen wir bestattet, betrauert werden, in Erinnerung bleiben? Auch an Claudia und mir zeigt sich die verbreitete Abkehr vom Traditionellen, nämlich eine Grabstätte auf einem Friedhof, die von Hinterbliebenen aufgesucht und gepflegt werden soll. Dabei hatte ich mir schon vor vielen Jahren überlegt, auf meinem Grabstein möge einmal „Gloria dei homo vivens“ geschrieben stehen; das hätte eine doppelte Pointe, wie ich meinte: Das lateinische Kirchenväter-Zitat „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch“ wäre sowas wie „In your face, Trauerklöße und Totenkultpfleger!“, und zweitens würde es auch konterkarieren, dass ich wegen schlechter Lateinkenntnisse eine AHS-Klasse wiederholen musste.
Naja, das muss nicht mehr sein. Weiterhin gut gefällt mir ein anderer alter Gedanke: Bei meiner Trauerfeier sollte „Silence“, komponiert von Jazzbassist Charlie Haden, zu hören sein, in der Version mit Jan Garbarek am Sax und Egberto Gismonti am Klavier (findet man auf Spotify, nicht aber auf YouTube). Schweigend mögen die um mich Trauernden der schwermütigen und zugleich schwebend leichten Melodie lauschen und dabei Erinnerungen an mich wachrufen. Mag sein, dass dies ein wenig voreilig erscheint, wenn ich das als recht gesunder und fitter 62-jähriger niederschreibe, aber vielleicht erinnert sich in sagen wir 25 Jahren jemand an diesen Wunsch und sorgt für dessen Erfüllung.
Ach ja: kein Begräbnis im Grabschacht, lieber eine Feuerbestattung und danach die Urne in einem von der Stadt Wien dafür freigegebenen Waldstück beisetzen. Dort dann Abschiedsgesten mit Erde auf die Urne schütten und Blume dazuwerfen. Und gemeinsam was trinken gehen und mit Anekdoten auf den Lippen auf den zur Auferstehung Bereiten (der die Zeit wie ein altes Kleid abgelegt hat) anstoßen…

Adventmail 2021/17 (Gefühle)

Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium. Wir betreten feuertrunken, Himmlische, Dein Heiligtum…“ Pathostriefend beginnt Friedrich Schiller seine Ode „An die Freude“. Dessen Beschwörung einer idealen Gesellschaft, in der Freude und Freundschaft gleichberechtigte Menschen verbinden, eignete sich bestens für ihre spätere Verwendung als von Beethoven vertonte Europa-Hymne.
Der zum Zeitpunkt der Entstehung 26-jährige schwäbische Dichterkronprinz der deutschen Klassik hatte im Sommer 1785 selbst guten Grund zur Freude. Schiller übersiedelte damals aus einem umgebauten Bauernhaus nahe Leipzig in ein Weinberghaus bei Dresden, das ihm sein Freund und Gönner, der Freimaurer Christian Gottfried Körner, zur Verfügung gestellt hatte. Das beendete Schillers bis dahin sehr wechselhaftes Leben mit vielen Geldsorgen. Seine Ode widmete er Körner, später Herausgeber der Gesammelten Werke Schillers, der auch gleich eine erste Vertonung der Versdichtung anfertigte. Weitere – darunter eine von Schubert – sollten folgen, bevor Beethoven 1823 für die „ultimative“ Melodie zum Gedicht sorgte.
Dass Freude ein flüchtig Ding ist, bewies Schiller selbst. Nachdem die prärevolutionäre Euphorie der 1780er Jahre bei ihm verflogen war, erschien ihm seine Ode an die Freude keineswegs als Meisterwerk, sondern als realitätsfern, wie er 1800 in einem Brief an Körner schrieb: „Deine Neigung zu diesem Gedicht mag sich auf die Epoche seiner Entstehung gründen: Aber dies gibt ihm auch den einzigen Wert, den es hat, und auch nur für uns und nicht für die Welt, noch für die Dichtkunst.“
So streng urteilten spätere Zeitgenossen nicht. Zu Weihnachten 1989, einen Monat nach dem Fall der Berliner Mauer, wurde Beethovens 9. Symphonie im Ostberliner Konzerthaus unter Leonard Bernstein mit einem leicht geänderten Text aufgeführt: „Freiheit, schöner Götterfunken“. Und freudetauglich ist der Chorgesang zu Beethovens euphorischer Melodie allemal.
Elysium/Elysion ist übrigens die „Insel der Seligen“ aus der griechischen Mythologie.

Adventmail 2021/16 (Gefühle)

Zu „ästhetischer Wertschätzung“ (aesthetic appreciation) fallen mir vor allem, aber nicht nur Kunstschätze ein, die mir seit jeher viel bedeuten. Als Gymnasiast wählte ich in der 7. Klasse AHS Bildnerische Erziehung statt Musik und sammelte von da an einige Jahre lang Kunstdruckkarten (von denen ich immer noch viele besitze). Auf Reisen besuchte ich Museen wie den Louvre in Paris, den Prado in Madrid, die Modern Tate in London, das Guggenheim in Venedig oder das Van Gogh Museum in Amsterdam; vor Bildern von Caravaggio, Francisco de Goya, Claude Monet, Emil Nolde, Egon Schiele, Paul Klee kann ich lange staunend stehenbleiben, ebenso vor den Skulpturen eines Michelangelo, Auguste Rodin, Alberto Giacometti und Henry Moore, den Bauten von Otto Wagner, Antoni Gaudi, Zaha Hadid. Und ich kann auch nachvollziehen, dass Meisterlyriker Rainer Maria Rilke bei der Betrachtung einer antiken Skulptur den Anspruch an sich gerichtet empfand: „Du mußt dein Leben ändern“ („Archaischer Torso Apollos“, Neue Gedichte, 1908).
Nicht nur ästhetische Wertschätzung empfinde ich für Kirchengebäude, z.B. auch für solche, die ich heuer während meiner Radtour von Südtirol (Franziskanerkirche Bozen!) über das Drautal (Pfarrkirche von Berg!) über Graz (St. Andrä!) bis in die Oststeiermark besuchte und die trotz geringer Bekanntheit für Wow-Erlebnisse sorgten. Was wäre das für ein entsetzlicher Verlust, dachte ich mir, würden Bankfilialen oder Gemeindeämter und nicht diese Gotteshäuser das weithin sichtbare Herzstück von Ansiedlungen bilden.
Schönheit liegt nicht nur im Auge des Betrachters, sondern auch außerhalb dessen. Die größte Künstlerin ist die Natur. Kaum jemand wird einen Sonnenuntergang am Meer, den Gesang einer Nachtigall, die Wucht eines Affenbrotbaums oder den Liebreiz eines gelungenen Frauenaktes mit Achselzucken zur Kenntnis nehmen. Apropos: Schon lange, bevor ich meine Claudia kennenlernte, hing der Nachdruck eines Aktgemäldes von Amedeo Modigliani über meinem Bett. Dieses Bild wurde wie zu einer Prophezeiung…

Amedeo Modigliani, „Nu couché“ (1917)

Adventmail 2021/15 (Gefühle)

Keine Adventmail-Serie, ohne meinem Faible für Popmusik zu frönen, liebe Leute. Diesmal suche ich Songs zum Thema Verwirrung/confusion, eine gängige Emotion bei allen, die sich ver- oder entlieben und nicht so recht wissen, wie damit umgehen. Zwei alte Hadern fallen mir dazu auf Anhieb ein, die ihr wohl auch kennt: „Confusion“ vom Electric Light Orchestra und „Dazed and confused“ von Led Zeppelin. Und bei der Recherche entdecke ich weitere; solche, die nur thematisch dazupassen – wie „Nowhere Man“ von den Beatles –, lasse ich weg.
Der melodiös hübsche ELO-Song aus dem 1979er-Album „Discovery“ stammt aus der Feder von Bandgründer, Leadsänger und Dauersonnenbrillenträger Jeff Lynne (der fast alle Songs von ELO schrieb). Akustisch dominiert wird „Confusion“ nicht mehr von den für die Gruppe davor so charakteristischen Streichern, sondern vom Synthesizer des inzwischen verstorbenen Richard Tandy. Der Text ist nicht weiter erwähnenswert. Es geht um einen Verwirrten, der seine Liebe verlor und nun niemanden mehr zum Anlehnen hat. All das gefiel in Österreich am besten: Platz 5 in den Charts schaffte der Song weder im UK noch in anderen europäischen Staaten.
Nicht hitparardentauglich ist der in der Interpretation von Led Zeppelin wie eine Raubkatze daherkommende Song „Dazed and confused“ (1969). Geschrieben hat ihn der US-Folksänger Jake Holmes, den man heute nur mehr kennt, weil er von Led Zeppelin auf deren legendärem erstem Album mit der brennenden Hindenburg auf der Frontseite gecovert wurde. Holmes hatte anfangs nichts dagegen, erst 1980 bestand er in einem Brief an Jimmy Page auf seiner Autorenschaft, den der Gitarrist aber ignorierte. Erst 2010 klagte Holmes wegen Copyright-Verletzung, die Klage wurde 2012 abgewiesen, obwohl die Melodie unverkennbar abgekupfert ist. Aber es sind die Kreissägestimme von Robert Plant und das psychedelische Gitarrespiel von Jimmy Page, die den Song in die Liste „The Rock and Roll Hall of Fame’s 500 Songs that Shaped Rock and Roll“ katapultierte.
Reinhören lohnt sich auch in „Confused“ von Bigman, wie sich der 22-jährige südkoreanische Beatboxer Yoon Dae-woong nennt. Noch jünger ist Ruel van Dijk, 19-jähriger australischer Singer/Songwriter, der auch über „Dazed and confused“ singt. Mein letztes Beispiel für einen „Confused“-Song stammt von der 23-jährigen R’n’B-Sängerin Anayka She, einem TikTok-Star aus den USA, die vor allem durch confusing lange Fingernägel auffällt. Und wer Lust hat, sich auf Spotify die KünstlerInnenliste mit „confused“ im Namen anzusehen/hören, wird ganz confused vor lauter Ergebnissen.

Adventmail 2021/14 (Gefühle)

Welche Videos bei den ProbandInnen der Berkeley-Studie über Emotionen das Gefühl von Langeweile auslösten, weiß ich nicht. Aber ich kann mir gut vorstellen bzw. mich erinnern, was bei mir eine ähnliche Reaktion wie dies auslösen würde:
1.) Interviews mit Anna Veith oder David Alaba (die ich hinsichtlich ihrer sportlichen Leistungen durchaus schätze)
2.) Ein Predigt- oder Vortragstext vom aktuellen Bischofskonferenz-Vorsitzenden Franz Lackner
3.) Klatsch aus dem norwegischen/spanischen/holländischen… Königshaus
4.) Kartenspiele, bei denen es nur aufs Glück und nicht auf Finesse ankommt
5.) Wenn sich meine Nerd-Söhne bei unseren Videochats zu lange über IT-Themen unterhalten
6.) Wenn meine Mutter am Telefon detailliert erzählt, was sie zuletzt gegessen hat
7.) TV-Sendungen wie Dschungelcamp, Der Bachelor oder Adam sucht Eva
8.) Schwurbelige Nichtantworten unseres Ex-Ex-Kanzlers Kurz, mit denen er seinem Nachnamen so gar keine Ehre machte
9.) Die Weihnachtsansprachen meines Chefs nach 10 Minuten
10.) Miet-, Kauf- und Kreditverträge in schlimmstem Juristendeutsch

Adventmail 2021/13 (Gefühle)

Nostalgie ist eine der überraschendsten Emotionen in der Gefühlslandkarte der Berkeley-Studie. Die Wehmut, die uns manchmal beschleicht, wenn wir an vergangene Tage denken, kennen aber wohl zumindest die älteren Semester alle. Ich denke hier an die Pfirsiche mit der abziehbaren Schale oder die Langsemmeln aus duftenden Bäckereien, die noch richtig nach was schmeckten. An „Einer wird gewinnen“ mit Kulenkampff oder die Peter-Alexander-Show, bei denen sich in den 1970er-Jahren die ganze Familie vor dem Fernseh-Schirm versammelte. Nicht, dass früher alles besser war, aber Märchen vorlesen statt Kinder vom Handy beaufsichtigen lassen, Gstättn zum Spielen im Freien statt vorgefertigter Spielplätze oder virtuelle Abenteuer, die umgesetzten politischen Visionen der Kreisky-Ära statt des Schielens auf Umfragen und Message Control – das könnte eine/r schon vermissen.
Wie ist das bei euch, wollte ich von einigen meiner AdressatInnen wissen. Worum ist euch leid, dass es das (so) nicht mehr gibt? Fünf von euch antworteten darauf mit Texten, die ich so nicht erwartet hatte. Denn statt „Ach, mir geht das Piper-Eis von Eskimo ab“ … „… mir der Greißler am Hauptplatz“, „… die Jazzmessen mit Pfarrer Max Mustermann“, „… die Asterix-Hefte mit den Texten von Goscinny“ kamen kleine Abhandlungen mit Tiefgründigem statt augenzwinkernd Vermisstem.
Hier die Antworten von Rudi, Gertrud, Norbert, Maria und Henning in voller Länge. Allen danke ich herzlich für ihre Zusendungen.

Rudi, Theologe/pensionierter Pädagoge/Student aus dem Waldviertel:
Bin ich nostalgisch? Ja, ich bin ja nicht Karl Lagerfeld, der Nostalgie verabscheut hat. Welche Ereignisse, welche Jahre machen mich nostalgisch? Große Auswahl hier. – Jetzt schau ich vorsichtshalber mal nach in der Wortverlaufskurve von überregional verbreiteten deutschen Tages- und Wochenzeitungen und sehe zwei Jahre, in denen besonders häufig über „Nostalgie“ geschrieben wurde. Uups! 1976 und 1994/95. Wieso wissen die, dass genau diese beiden Jahre in mir immer nostalgische Gefühle auslösen? Nix kann man den Menschen verheimlichen. Die Nostalgie, die mich ins Jahr 1976 zurückträumen lässt, verlangt schon eher die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes Nostalgie. Ich weiß schon, die Bedeutung „Heimweh“ für Nostalgie ist heillos veraltet, aber „nostos“ ist Rückkehr, Heimkehr und „algos“ ist Schmerz. Und es ist eine Nostalgie, die mehr einer Krankheit ähnelt, von der man nicht geheilt werden möchte – wie es der gute Jehuda Halevi im spanischen Tudela des 11. Jahrhunderts formuliert hat …
Genug Einleitung. Es war bei einer 9-tägigen Tour durch die Sinaiwüste im Jahr 1976 und ich hatte einen Crush. Ja, so sagt man das heute. Und mein Crush hatte Geburtstag und ich war hin und weg und ganz verzaubert, als mein Crush mein Angebot angenommen hat, sich mit meiner Keffiah vor einem drohenden Sonnenbrand zu schützen. Normalerweise ist das ein Kopfschutz für arabische Männer gegen die heiße Sonne in der Wüste.
Jetzt werde ich schon wieder nostalgisch und nur der Blick auf einen Gedichtband von Clara Paul kann mich retten. Der Titel: „Schlimmstenfalls wird alles gut“ .

Gertrud, Bildende Künstlerin aus Wien:
Der Gedanke ‚Früher war alles besser’ hat mich nie verfolgt, weder im Allgemeinen noch im Besonderen. Immerhin habe ich in diesem schönen Österreich 72 Jahre Frieden erlebt, wenn auch nicht immer bewusst und je älter ich wurde immer mehr davon überzeugt, dass Frieden und Wohlstand je weder selbstverständlich waren noch sind. Schon immer ging es um Equilibrium, Balance, Wohlbefinden, Glück, Spiel um die Macht. Das glückte mal mehr, mal weniger. Gewiefte, populistische Politiker zapften schon immer den Mangel an Zufriedenheit der Individuen wie der Masse an und machten diese zum Spielball ihres eigenen meist vermeintlichen Glücks. Steile Hierarchien taten das Ihre.
Im höchstpersönlichen Stadium des Verliebtseins baden wir , erfüllt von der Projektion, der oder die Andere würde unser Mangeldasein beenden, kurzfristig im Glück. Ob daraus Liebe wird, war auch schon immer die Frage.
Har sich an diesen grundlegenden Dingen etwas geändert? War die Situation Krieg oder Frieden mit uns selbst, mit unseren Nächsten, der Gesellschaft an sich bis hin zum weltumspannenden Dialog bzw Monolog der Völker und Staaten früher besser? Medienverseucht wie wir sind, und nur schlechte Nachrichten sind bekanntlich gute, tendieren wir dazu vieles für schlechter zu halten als es tatsächlich ist und Fakten zuhauf belegen.
Melancholie ist für mich jedenfalls nicht angesagt und Depression schon gar nicht! Wir lernen nur durch Erfahrung, Erfolg und Misserfolg, eingebettet in das, was wir als Evolution erkannt haben. Ich für mich möchte, selbst wenn es ginge, mein Jetzt weder mit meiner Kindheit noch mit anderen Phasen meines oder dem Leben meiner Ahnen tauschen. Jeder Augenblick meines Daseins war und ist kostbar in den vielen Facetten des Gebens und Nehmens , des Tun und Lassens , des Schuldens und Vergebens und letztlich der Dankbarkeit einfach zu sein, mittlerweile eben mit der Gewissheit nur sehr wenig zu wissen auf dem Weg meines Suchens und Findens.

Norbert, Berater und Singer/Songwriter aus Wien:
Es ist die Zeit, in der sich meine Erinnerungen gerade vom Schwarz-Weißen in Färbige zu drehen beginnen.
Der Radetzkyplatz war einer der versifftesten und dreckigsten Plätze im noch immer nicht ganz im Postfaschismus angekommenen Wien.
Die Kieberer hießen noch Mistelbocher (wegen des damaligen Polizeipräsidenten Holaubek, der in Mistelbach wohnte).
Oida wurde noch im katholisch sozialisierenden Chargon des Weißgärberviertels im 3. Bezirk diverser ausgeführt: Etwa durch Gottsesdaunk (das Gott sei Dank meiner Großmutter), durch Jessasmaria (das kaum fernmündlich zu verstehende Anrufen von Jesus und Maria – schließlich war das Achteltelefon ohnehin ständig besetzt – durch meine Mutter) oder durch Fixnoamoiascha (Kruzifix noch einmal meines Vaters). Ich sehe im Moment den himbeerroten Eisroller (Vater des späteren Twinni; ein Schilling) und den großen Bruder des Eisherzerls (Tante des späteren Brickerls; 50 Groschen) einer aus heutiger Sicht mit Schokolade überzogenen Vanilleeiszumutung vor mir.
Ich darf alleine mit einem Schilling in der Hand nach vorne zur Milchfrau laufen, die in der Franzensbrückenstraße schräg gegenüber des Cafés Urania ihre Waren verkaufte. Für mich immer eine schwierige Entscheidung: Entweder für einen wunderbar fruchtig schmeckenden Eisroller oder für zwei schon für den Geschmack eines Kindes im Vorschulalter grausliche Eisherzerln, aber eben: ZWEI. So fiel dann letztlich die Entscheidung auch oft zugunsten der größeren Menge. Was mich in diesen Erinnerungen jedoch besonders nostalgisch stimmt, ist das gute Gefühl, das sich mit dem damals sicheren Wissen verbindet, dass mehr natürlich immer das Bessere war.

Maria, Referatsleiterin für EU und Internationalisierung in der Bildungsdirektion Steiermark:
Die Nostalgie und ihre jüngere Schwester Vintage, die Sehnsucht nach und die Verehrung für das, was es früher einmal gegeben hat und was früher besser war als heute, haben miteinander schon viele schöne Dinge hervorgebracht: Die Renaissance, die Ringstraßenarchitektur, das mythische Arkadien, Nostalgiezüge und Nostalgietramways, die Sissy-Filme, das Biedermeierfest in Bad Gleichenberg und das Kaiserfest in Bad Ischl, Radio Nostalgie en France, Bares für Rares, Vintagemode und Vintage-Christbaumschmuck, sowie qualitätsbefreite Nachbau-Vintage-Möbel in tausenden Airbnb-Wohnungen an den Sehnsuchtsorten dieser Welt.
Kann das alles unser Heimweh nach der guten alten Zeit stillen? Und weshalb sucht uns Nostalgie regelmäßig heim wie Schnupfen?
Die Zukunft hat eine lange Vergangenheit, heißt es im Talmud.
Wir hüten sie am Lagerfeuer der Nostalgie.

Henning, Journalist/Theologe/Moderator:
Heimat, so schrieb der Philosoph Ernst Bloch, ist wie ein Licht, das allen in die Kindheit scheint, wo aber noch niemand war. Armer Ernst Bloch, denke ich mir. Ich war nämlich schon da; und ich fahre immer wieder gerne dorthin – so wie jetzt. Mühsam quält sich der alte, rappelige Regionalexpress vom Flughafen-Düsseldorf aus über die Rheinbrücke. Das gleichmäßige monotone Fahrgeräusch lässt Augenlieder und Gedanken schwerfällig werden. Kurzzeitig nicke ich ein, bis endlich jene Ortsnamen vom Zugschaffner angesagt werden, die lebendige Erinnerungen in sich tragen, die nach Jugend schmecken, nach langen Radfahrten zu Scheunenfeten, nach erstem Kuss und erstem Suff, nach Familie.
Hinter Viersen setzt es ein, dieses Gefühl von Heimat, und mit jeder Station wärmt es wohliger, Dülken, Boisheim, Breyell. Bis Kaldenkirchen rolle ich selten, meist winke ich schon von weitem meinen Eltern zu, wenn sie mich in Boisheim abholen.
Gewiss, man kann sich auch anderswo eine Heimat errichten, man kann Heimaten neu erfinden, dort, wo man sich bettet. Manchen genügt zur Heimat die Tatsache, in der eigenen Wohnung mehr als einmal renoviert zu haben. Mir ist seit nunmehr sechs Jahren Wien zu einem neuen zuhause geworden, Heimat jedoch bleibt mir Nettetal.
Das mag allzu emotional aufgeladen klingen, vielleicht überzogen, zweifellos erinnerungsschwer und ein bisschen metaphysisch. Aber aus der Distanz von fast 1.000 Kilometern verwächst sich dieser kleine Flecken am linken Niederrhein zu einem undurchdringlichen Dschungel von Liebenswürdigkeiten. Altbekannte Kneipen von Lobberich bis Kaldenkirchen, Sporthallen meiner Jugend, Schulgebäude – weniger geschätzt – und Radwege, die dieses feine Netz von Erinnerungen verbinden und verweben. Ein Sehnsuchtswert, gewiss, dem die Realität nur mühsam stand zu halten vermag.
Auch um Wien herum ist die Landschaft mitunter flach und weit, aber die Weite um Nettetal ist anders, sie trägt – wie am gesamten Niederrhein – eine melancholische Note, wie sie etwa bei Herbstspaziergängen durch die Weiden- und Moorlandschaft der Secretis sichtbar wird, wenn sich der Sommer aus den Wiesen schleicht und dem kühlen Herbstnebel Platz macht. Abschiedlichkeit und Heimat, auch das gehört wohl zusammen – eine Abschiedlichkeit allerdings, die immer schon die Ahnung der Wiederkehr in sich trägt. Wie schon Hanns Dieter Hüsch einst sagte: Jeder Niederrheiner kommt irgendwann einmal zurück.
Ein harter Gleiswechsel hinter Dülken reißt mich aus meinen Gedanken. Ich greife nach meiner Reisetasche, blicke aus dem Fenster auf abgeerntete Maisfelder, Windräder lassen an der Bruchkante in die weite Senke der Nette die Flügel sausen und am Horizont drängt sich zwischen Windrädern der Lobbericher Wasserturm hindurch. Nächste Station: Heimat.