Adventmail 2021/20 (Gefühle)

„Die Kirschen in Nachbars Garten“, das ist ein guter Titel für einen Artikel über den Neid. Eingefallen ist er nicht mir, sondern einem Kollegen von „Spektrum Kompakt“, der 2018 eine der 7 Todsünden beschrieb. Er schildert darin ein berühmt gewordenes Experiment der University of Oxford zum Thema Neid: Versuchspersonen wurden zu einer Lotterie eingeladen, jeweils vier SpielerInnen gleichzeitig konnten verschieden hohe Geldbeträge auf das Ergebnis eines Zufallsgenerators setzen. Einige von ihnen wurden aber von den Forschern bevorteilt: Sie bekamen mehr Geld zugewiesen als die anderen, was sich dann in höheren Gewinnen niederschlug – offenkundig zum großen Ärger der übrigen Spieler.
Doch konnten diese sich anschließend rächen. Ein Knopfdruck genügte, um den Kontostand ihrer Mitspieler heimlich abzusenken. Dafür mussten sie allerdings eine Provision abtreten.
Dennoch nutzten zwei Drittel der Versuchspersonen dieses Angebot – und das, obwohl sie dafür ihr ohnehin schon knapperes Budget schmälern mussten. Die Höhe der Gebühr spielte dabei kaum eine Rolle: Selbst, wenn sie dafür 25 Prozent der abgezogenen Summe zahlten, enteigneten immer noch zwei Drittel der Testpersonen ihre privilegierten Mitspieler.
Die Lose-lose-Situation wurde mehrheitlich in Kauf genommen: Lieber gingen die Teilnehmenden mit weniger Geld in der Tasche aus dem Versuchslabor, als den anderen einen höheren Gewinn zu gönnen. „So sind wir nicht“, würde VdB sagen. Aber doch, so sind wir.
Wobei sich der Neid vorrangig auf Personen mit vergleichbarem oder niedrigerem Status richtet. In den vergangenen Jahren wurden erst mit den Panama Papers, dann den Paradise und heuer mit den Pandora Papers brisante Steueroasen-Leaks bekannt. Die zwielichtigen Steuertricks von zahlreichen Topverdienern und Machthabern lösten aber überraschend wenig öffentlichen Aufschrei aus; der ertappte zweitreichste Tscheche und Premierminister in Prag etwa, Andrej Babis, verzeichnete beim Urnengang im Oktober 2021 kaum Stimmenverluste, seine populistische ANO wurde erneut stärkste (Einzel-)Partei.
Neid schlägt hingegen oft denen entgegen, die selbst nicht so viel haben. Wütende Kommentare und Hetzseiten in den sozialen Netzwerken zeugen davon, dass einige den Bedürftigen selbst die kleinsten Zuwendungen missgönnen, erst recht, wenn sie aus dem Ausland stammen.
Der römische Philosoph Seneca warnte schon vor knapp 2000 Jahren: „Nie wird einer glücklich sein, den das größere Glück eines anderen wurmt.“

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