Mein Leben war nicht frei von beglückenden und unliebsamen Überraschungen, aber das ist nichts im Vergleich zu meiner Claudia, die zwei jetzt erwachsene indische Adoptivkinder hat.
Überraschung 1 war für sie, dass es trotz dem beidseitigen großen Kinderwunsch in ihrer ersten Ehe mit Stefan nicht und nicht mit einer Schwangerschaft klappte. Die beiden entschlossen sich 1995 zu einer Adoption, Claudia war damals 32 Jahre alt. Es sollten von den Missionaries of Charity (dem Orden der Mutter Teresa) vermittelte Kinder aus Indien sein, einem Land, in das Stefan wegen seiner Teefirma Geschäftsbeziehungen hatte.
Überraschung 2 war der Aufwand, der für dieses Vorhaben bewältigt werden musste: 38 Dokumente waren für den Adoptivantrag beizubringen – vom polizeilichen Führungszeugnis über eine Bürgschaft möglicher „Ersatzeltern“ bis hin zur Befürwortung eines Priesters. Und das alles beglaubigt auf Deutsch und Englisch.
Es verging viel Zeit bis zum Herbst 1999, als an einem Nachmittag um 16 Uhr ein (Überraschung 3) Anruf der Ordensfrauen kam: Da wäre ein Geschwisterpaar im Waisenheim in Delhi abzuholen. Claudia und Stefan hatten inzwischen ein Haus gebaut, in dem keine Kinderzimmer vorgesehen waren; auch Adoptivkinder zu bekommen schien nach vier Jahren unwahrscheinlich.
Überraschung 4: Die beiden hatten gerade mal bis 8 Uhr am nächsten Tag Zeit, um Ja oder Nein zu sagen und auch gleich die neuen Vornamen ihrer möglichen Kinder Sitha (2 1/2) und Rakesh (1 1/2) zu bestimmen, die dann mit dem Familiennamen Krömer im Reisepass einzutragen wären. Wenig Schlaf, viele Überlegungen – dann war die Antwort: Ja, wir trauen uns drüber! Das Paar bekam einen Child Report mit Daten und auch ersten, sehr süßen Fotos (Überraschung 5) ihrer noch unbekannten Kinder.
Der Papierkrieg zog sich bis kurz vor Weihnachten. Im letzten Advent des 2. Jahrtausends flogen Claudia und Stefan nach Delhi, checkten im für Adoptiveltern aus Europa bestens gerüsteten Hotel nahe dem Heim ein – und sahen kurz darauf erstmals (Überraschung 6) die beiden Menschen, die nun ein Leben lang zu ihnen gehören würden: der winzige Samuel, der schon einen mehrmonatigen Spitalsaufenthalt hinter sich hatte, und Samira (die bald wieder Sitha gerufen wurde, da Claudia dem Mädchen nicht dieses Stück Identität nehmen wollte).
Die weiteren zwei Tage in Indien, der Rückflug, das Sich-Zurechtfinden mit all dem Neuen verlangten allen Beteiligten viel ab. Als Sitha und Samuel am 22. Dezember 1999 erstmals österreichischen Boden betraten, war es 20 Grad kälter als in Indien und es lag Schnee – ein Phänomen, das den Kleinen bis dahin unbekannt war (Überraschung 7). Und es gefiel ihnen, erinnert sich Claudia. Die beiden wurden übrigens exzellente SkifahrerInnen.