Adventmail 2021/17 (Gefühle)

Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium. Wir betreten feuertrunken, Himmlische, Dein Heiligtum…“ Pathostriefend beginnt Friedrich Schiller seine Ode „An die Freude“. Dessen Beschwörung einer idealen Gesellschaft, in der Freude und Freundschaft gleichberechtigte Menschen verbinden, eignete sich bestens für ihre spätere Verwendung als von Beethoven vertonte Europa-Hymne.
Der zum Zeitpunkt der Entstehung 26-jährige schwäbische Dichterkronprinz der deutschen Klassik hatte im Sommer 1785 selbst guten Grund zur Freude. Schiller übersiedelte damals aus einem umgebauten Bauernhaus nahe Leipzig in ein Weinberghaus bei Dresden, das ihm sein Freund und Gönner, der Freimaurer Christian Gottfried Körner, zur Verfügung gestellt hatte. Das beendete Schillers bis dahin sehr wechselhaftes Leben mit vielen Geldsorgen. Seine Ode widmete er Körner, später Herausgeber der Gesammelten Werke Schillers, der auch gleich eine erste Vertonung der Versdichtung anfertigte. Weitere – darunter eine von Schubert – sollten folgen, bevor Beethoven 1823 für die „ultimative“ Melodie zum Gedicht sorgte.
Dass Freude ein flüchtig Ding ist, bewies Schiller selbst. Nachdem die prärevolutionäre Euphorie der 1780er Jahre bei ihm verflogen war, erschien ihm seine Ode an die Freude keineswegs als Meisterwerk, sondern als realitätsfern, wie er 1800 in einem Brief an Körner schrieb: „Deine Neigung zu diesem Gedicht mag sich auf die Epoche seiner Entstehung gründen: Aber dies gibt ihm auch den einzigen Wert, den es hat, und auch nur für uns und nicht für die Welt, noch für die Dichtkunst.“
So streng urteilten spätere Zeitgenossen nicht. Zu Weihnachten 1989, einen Monat nach dem Fall der Berliner Mauer, wurde Beethovens 9. Symphonie im Ostberliner Konzerthaus unter Leonard Bernstein mit einem leicht geänderten Text aufgeführt: „Freiheit, schöner Götterfunken“. Und freudetauglich ist der Chorgesang zu Beethovens euphorischer Melodie allemal.
Elysium/Elysion ist übrigens die „Insel der Seligen“ aus der griechischen Mythologie.

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