Zu „ästhetischer Wertschätzung“ (aesthetic appreciation) fallen mir vor allem, aber nicht nur Kunstschätze ein, die mir seit jeher viel bedeuten. Als Gymnasiast wählte ich in der 7. Klasse AHS Bildnerische Erziehung statt Musik und sammelte von da an einige Jahre lang Kunstdruckkarten (von denen ich immer noch viele besitze). Auf Reisen besuchte ich Museen wie den Louvre in Paris, den Prado in Madrid, die Modern Tate in London, das Guggenheim in Venedig oder das Van Gogh Museum in Amsterdam; vor Bildern von Caravaggio, Francisco de Goya, Claude Monet, Emil Nolde, Egon Schiele, Paul Klee kann ich lange staunend stehenbleiben, ebenso vor den Skulpturen eines Michelangelo, Auguste Rodin, Alberto Giacometti und Henry Moore, den Bauten von Otto Wagner, Antoni Gaudi, Zaha Hadid. Und ich kann auch nachvollziehen, dass Meisterlyriker Rainer Maria Rilke bei der Betrachtung einer antiken Skulptur den Anspruch an sich gerichtet empfand: „Du mußt dein Leben ändern“ („Archaischer Torso Apollos“, Neue Gedichte, 1908).
Nicht nur ästhetische Wertschätzung empfinde ich für Kirchengebäude, z.B. auch für solche, die ich heuer während meiner Radtour von Südtirol (Franziskanerkirche Bozen!) über das Drautal (Pfarrkirche von Berg!) über Graz (St. Andrä!) bis in die Oststeiermark besuchte und die trotz geringer Bekanntheit für Wow-Erlebnisse sorgten. Was wäre das für ein entsetzlicher Verlust, dachte ich mir, würden Bankfilialen oder Gemeindeämter und nicht diese Gotteshäuser das weithin sichtbare Herzstück von Ansiedlungen bilden.
Schönheit liegt nicht nur im Auge des Betrachters, sondern auch außerhalb dessen. Die größte Künstlerin ist die Natur. Kaum jemand wird einen Sonnenuntergang am Meer, den Gesang einer Nachtigall, die Wucht eines Affenbrotbaums oder den Liebreiz eines gelungenen Frauenaktes mit Achselzucken zur Kenntnis nehmen. Apropos: Schon lange, bevor ich meine Claudia kennenlernte, hing der Nachdruck eines Aktgemäldes von Amedeo Modigliani über meinem Bett. Dieses Bild wurde wie zu einer Prophezeiung…
