Nostalgie ist eine der überraschendsten Emotionen in der Gefühlslandkarte der Berkeley-Studie. Die Wehmut, die uns manchmal beschleicht, wenn wir an vergangene Tage denken, kennen aber wohl zumindest die älteren Semester alle. Ich denke hier an die Pfirsiche mit der abziehbaren Schale oder die Langsemmeln aus duftenden Bäckereien, die noch richtig nach was schmeckten. An „Einer wird gewinnen“ mit Kulenkampff oder die Peter-Alexander-Show, bei denen sich in den 1970er-Jahren die ganze Familie vor dem Fernseh-Schirm versammelte. Nicht, dass früher alles besser war, aber Märchen vorlesen statt Kinder vom Handy beaufsichtigen lassen, Gstättn zum Spielen im Freien statt vorgefertigter Spielplätze oder virtuelle Abenteuer, die umgesetzten politischen Visionen der Kreisky-Ära statt des Schielens auf Umfragen und Message Control – das könnte eine/r schon vermissen.
Wie ist das bei euch, wollte ich von einigen meiner AdressatInnen wissen. Worum ist euch leid, dass es das (so) nicht mehr gibt? Fünf von euch antworteten darauf mit Texten, die ich so nicht erwartet hatte. Denn statt „Ach, mir geht das Piper-Eis von Eskimo ab“ … „… mir der Greißler am Hauptplatz“, „… die Jazzmessen mit Pfarrer Max Mustermann“, „… die Asterix-Hefte mit den Texten von Goscinny“ kamen kleine Abhandlungen mit Tiefgründigem statt augenzwinkernd Vermisstem.
Hier die Antworten von Rudi, Gertrud, Norbert, Maria und Henning in voller Länge. Allen danke ich herzlich für ihre Zusendungen.
Rudi, Theologe/pensionierter Pädagoge/Student aus dem Waldviertel:
Bin ich nostalgisch? Ja, ich bin ja nicht Karl Lagerfeld, der Nostalgie verabscheut hat. Welche Ereignisse, welche Jahre machen mich nostalgisch? Große Auswahl hier. – Jetzt schau ich vorsichtshalber mal nach in der Wortverlaufskurve von überregional verbreiteten deutschen Tages- und Wochenzeitungen und sehe zwei Jahre, in denen besonders häufig über „Nostalgie“ geschrieben wurde. Uups! 1976 und 1994/95. Wieso wissen die, dass genau diese beiden Jahre in mir immer nostalgische Gefühle auslösen? Nix kann man den Menschen verheimlichen. Die Nostalgie, die mich ins Jahr 1976 zurückträumen lässt, verlangt schon eher die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes Nostalgie. Ich weiß schon, die Bedeutung „Heimweh“ für Nostalgie ist heillos veraltet, aber „nostos“ ist Rückkehr, Heimkehr und „algos“ ist Schmerz. Und es ist eine Nostalgie, die mehr einer Krankheit ähnelt, von der man nicht geheilt werden möchte – wie es der gute Jehuda Halevi im spanischen Tudela des 11. Jahrhunderts formuliert hat …
Genug Einleitung. Es war bei einer 9-tägigen Tour durch die Sinaiwüste im Jahr 1976 und ich hatte einen Crush. Ja, so sagt man das heute. Und mein Crush hatte Geburtstag und ich war hin und weg und ganz verzaubert, als mein Crush mein Angebot angenommen hat, sich mit meiner Keffiah vor einem drohenden Sonnenbrand zu schützen. Normalerweise ist das ein Kopfschutz für arabische Männer gegen die heiße Sonne in der Wüste.
Jetzt werde ich schon wieder nostalgisch und nur der Blick auf einen Gedichtband von Clara Paul kann mich retten. Der Titel: „Schlimmstenfalls wird alles gut“ .
Gertrud, Bildende Künstlerin aus Wien:
Der Gedanke ‚Früher war alles besser’ hat mich nie verfolgt, weder im Allgemeinen noch im Besonderen. Immerhin habe ich in diesem schönen Österreich 72 Jahre Frieden erlebt, wenn auch nicht immer bewusst und je älter ich wurde immer mehr davon überzeugt, dass Frieden und Wohlstand je weder selbstverständlich waren noch sind. Schon immer ging es um Equilibrium, Balance, Wohlbefinden, Glück, Spiel um die Macht. Das glückte mal mehr, mal weniger. Gewiefte, populistische Politiker zapften schon immer den Mangel an Zufriedenheit der Individuen wie der Masse an und machten diese zum Spielball ihres eigenen meist vermeintlichen Glücks. Steile Hierarchien taten das Ihre.
Im höchstpersönlichen Stadium des Verliebtseins baden wir , erfüllt von der Projektion, der oder die Andere würde unser Mangeldasein beenden, kurzfristig im Glück. Ob daraus Liebe wird, war auch schon immer die Frage.
Har sich an diesen grundlegenden Dingen etwas geändert? War die Situation Krieg oder Frieden mit uns selbst, mit unseren Nächsten, der Gesellschaft an sich bis hin zum weltumspannenden Dialog bzw Monolog der Völker und Staaten früher besser? Medienverseucht wie wir sind, und nur schlechte Nachrichten sind bekanntlich gute, tendieren wir dazu vieles für schlechter zu halten als es tatsächlich ist und Fakten zuhauf belegen.
Melancholie ist für mich jedenfalls nicht angesagt und Depression schon gar nicht! Wir lernen nur durch Erfahrung, Erfolg und Misserfolg, eingebettet in das, was wir als Evolution erkannt haben. Ich für mich möchte, selbst wenn es ginge, mein Jetzt weder mit meiner Kindheit noch mit anderen Phasen meines oder dem Leben meiner Ahnen tauschen. Jeder Augenblick meines Daseins war und ist kostbar in den vielen Facetten des Gebens und Nehmens , des Tun und Lassens , des Schuldens und Vergebens und letztlich der Dankbarkeit einfach zu sein, mittlerweile eben mit der Gewissheit nur sehr wenig zu wissen auf dem Weg meines Suchens und Findens.
Norbert, Berater und Singer/Songwriter aus Wien:
Es ist die Zeit, in der sich meine Erinnerungen gerade vom Schwarz-Weißen in Färbige zu drehen beginnen.
Der Radetzkyplatz war einer der versifftesten und dreckigsten Plätze im noch immer nicht ganz im Postfaschismus angekommenen Wien.
Die Kieberer hießen noch Mistelbocher (wegen des damaligen Polizeipräsidenten Holaubek, der in Mistelbach wohnte).
Oida wurde noch im katholisch sozialisierenden Chargon des Weißgärberviertels im 3. Bezirk diverser ausgeführt: Etwa durch Gottsesdaunk (das Gott sei Dank meiner Großmutter), durch Jessasmaria (das kaum fernmündlich zu verstehende Anrufen von Jesus und Maria – schließlich war das Achteltelefon ohnehin ständig besetzt – durch meine Mutter) oder durch Fixnoamoiascha (Kruzifix noch einmal meines Vaters). Ich sehe im Moment den himbeerroten Eisroller (Vater des späteren Twinni; ein Schilling) und den großen Bruder des Eisherzerls (Tante des späteren Brickerls; 50 Groschen) einer aus heutiger Sicht mit Schokolade überzogenen Vanilleeiszumutung vor mir.
Ich darf alleine mit einem Schilling in der Hand nach vorne zur Milchfrau laufen, die in der Franzensbrückenstraße schräg gegenüber des Cafés Urania ihre Waren verkaufte. Für mich immer eine schwierige Entscheidung: Entweder für einen wunderbar fruchtig schmeckenden Eisroller oder für zwei schon für den Geschmack eines Kindes im Vorschulalter grausliche Eisherzerln, aber eben: ZWEI. So fiel dann letztlich die Entscheidung auch oft zugunsten der größeren Menge. Was mich in diesen Erinnerungen jedoch besonders nostalgisch stimmt, ist das gute Gefühl, das sich mit dem damals sicheren Wissen verbindet, dass mehr natürlich immer das Bessere war.
Maria, Referatsleiterin für EU und Internationalisierung in der Bildungsdirektion Steiermark:
Die Nostalgie und ihre jüngere Schwester Vintage, die Sehnsucht nach und die Verehrung für das, was es früher einmal gegeben hat und was früher besser war als heute, haben miteinander schon viele schöne Dinge hervorgebracht: Die Renaissance, die Ringstraßenarchitektur, das mythische Arkadien, Nostalgiezüge und Nostalgietramways, die Sissy-Filme, das Biedermeierfest in Bad Gleichenberg und das Kaiserfest in Bad Ischl, Radio Nostalgie en France, Bares für Rares, Vintagemode und Vintage-Christbaumschmuck, sowie qualitätsbefreite Nachbau-Vintage-Möbel in tausenden Airbnb-Wohnungen an den Sehnsuchtsorten dieser Welt.
Kann das alles unser Heimweh nach der guten alten Zeit stillen? Und weshalb sucht uns Nostalgie regelmäßig heim wie Schnupfen?
Die Zukunft hat eine lange Vergangenheit, heißt es im Talmud.
Wir hüten sie am Lagerfeuer der Nostalgie.
Henning, Journalist/Theologe/Moderator:
Heimat, so schrieb der Philosoph Ernst Bloch, ist wie ein Licht, das allen in die Kindheit scheint, wo aber noch niemand war. Armer Ernst Bloch, denke ich mir. Ich war nämlich schon da; und ich fahre immer wieder gerne dorthin – so wie jetzt. Mühsam quält sich der alte, rappelige Regionalexpress vom Flughafen-Düsseldorf aus über die Rheinbrücke. Das gleichmäßige monotone Fahrgeräusch lässt Augenlieder und Gedanken schwerfällig werden. Kurzzeitig nicke ich ein, bis endlich jene Ortsnamen vom Zugschaffner angesagt werden, die lebendige Erinnerungen in sich tragen, die nach Jugend schmecken, nach langen Radfahrten zu Scheunenfeten, nach erstem Kuss und erstem Suff, nach Familie.
Hinter Viersen setzt es ein, dieses Gefühl von Heimat, und mit jeder Station wärmt es wohliger, Dülken, Boisheim, Breyell. Bis Kaldenkirchen rolle ich selten, meist winke ich schon von weitem meinen Eltern zu, wenn sie mich in Boisheim abholen.
Gewiss, man kann sich auch anderswo eine Heimat errichten, man kann Heimaten neu erfinden, dort, wo man sich bettet. Manchen genügt zur Heimat die Tatsache, in der eigenen Wohnung mehr als einmal renoviert zu haben. Mir ist seit nunmehr sechs Jahren Wien zu einem neuen zuhause geworden, Heimat jedoch bleibt mir Nettetal.
Das mag allzu emotional aufgeladen klingen, vielleicht überzogen, zweifellos erinnerungsschwer und ein bisschen metaphysisch. Aber aus der Distanz von fast 1.000 Kilometern verwächst sich dieser kleine Flecken am linken Niederrhein zu einem undurchdringlichen Dschungel von Liebenswürdigkeiten. Altbekannte Kneipen von Lobberich bis Kaldenkirchen, Sporthallen meiner Jugend, Schulgebäude – weniger geschätzt – und Radwege, die dieses feine Netz von Erinnerungen verbinden und verweben. Ein Sehnsuchtswert, gewiss, dem die Realität nur mühsam stand zu halten vermag.
Auch um Wien herum ist die Landschaft mitunter flach und weit, aber die Weite um Nettetal ist anders, sie trägt – wie am gesamten Niederrhein – eine melancholische Note, wie sie etwa bei Herbstspaziergängen durch die Weiden- und Moorlandschaft der Secretis sichtbar wird, wenn sich der Sommer aus den Wiesen schleicht und dem kühlen Herbstnebel Platz macht. Abschiedlichkeit und Heimat, auch das gehört wohl zusammen – eine Abschiedlichkeit allerdings, die immer schon die Ahnung der Wiederkehr in sich trägt. Wie schon Hanns Dieter Hüsch einst sagte: Jeder Niederrheiner kommt irgendwann einmal zurück.
Ein harter Gleiswechsel hinter Dülken reißt mich aus meinen Gedanken. Ich greife nach meiner Reisetasche, blicke aus dem Fenster auf abgeerntete Maisfelder, Windräder lassen an der Bruchkante in die weite Senke der Nette die Flügel sausen und am Horizont drängt sich zwischen Windrädern der Lobbericher Wasserturm hindurch. Nächste Station: Heimat.