Heute geht es um ein uns allen bekanntes Grundgefühl mit vielen verschiedenen Ausprägungen – um Angst. Rein sprachlich ist schon plausibel, wie grundlegend dieses Gefühl ist – es gibt zahlreiche Redewendungen und Synonyma, und ich habe jetzt Bammel, Muffensausen, Schiss, weiche Knie…, euch damit zu langweilen.
Das Wahlergebnis vom 26. September (mein 62. Geburtstag) in Graz bietet mir Anlass, diesem Gefühl eine Farbe zu geben: Als „red scare“, „rote Angst“, wird ein Phänomen der US-amerikanischen Geschichte bezeichnet, das in zwei Wellen auftrat: Nach dem Fall des Zarenreiches und der Oktoberrevolution in Russland währte von 1917 bis 1920 die erste Phase der Furcht vor einem Aufstieg des Kommunismus: US-Truppen griffen in den Russischen Bürgerkrieg ein, in den USA selbst kam es zu einem Aufschwung linker Parteien, zu Massenstreiks und zur Gründung einer KP. Unter Präsident Woodrow Wilson erfolgte eine scharfe Gegenbewegung gegen derlei „unamerikanische Umtriebe“, mit Repressionen gegen die Arbeiterbewegung und deren Vertreter wie Sacco und Vanzetti. Auch der spätere FBI-Chef J. Edgar Hoover wirkte damals an der größten Verhaftungswelle gegen politische Radikale, Anarchisten, Sozialisten und Kommunisten in der US-Geschichte mit.
Als McCarthy-Ära wurde die zweite Welle der „roten Angst“ ab 1947 bekannt. Unter dem Namen des republikanischen Senators brach eine antikommunistische Massenhysterie aus. Auf der Basis von Verschwörungstheorien entfaltete sich ein reiches Spitzel- und Zensurwesen, das Intellektuelle wie Bertolt Brecht, Thomas Mann und Albert Einstein auf den Plan rief. Letzterer schrieb an einen befreundeten Verdächtigen, dass in den USA eine verfassungswidrige „Art der Inquisition“ Platz gegriffen habe.
In meiner Lieblingsstadt Graz sind nach dem KPÖ-Wahlsieg „kahrnische Alpträume“ wegen einer Entwicklung in Richtung dunkelroter Machtübernahme unangebracht. Gewählt wurde eine unprätentiöse, in ihrem Einsatz für Benachteiligte glaubwürdige KP-Chefin fernab aller Politiker-Attitüden. Wenn das Angst auslöst, dann ist dies eher angesichts der möglichen Überforderung angebracht, wenn eine Sozialarbeiterin plötzlich Bürgermeisterin wird.
Monthly Archives: January 2025
Adventmail 2021/01 (Gefühle)
Ich beginne mit Gelassenheit. Diese in einer Bandbreite zwischen empathiearmer Wurschtigkeit und souveränem Loslassenkönnen angesiedelte Emotion findet sich überraschenderweise in der 27er-Liste der Berkeley-ForscherInnen, denn ich kann mir nicht wirklich ein Video vorstellen, das bei mir vorrangig Gelassenheit auslöste.
Ist die Fähigkeit zu dieser Eigenschaft eine Frage des Alters? Des Charakters? Ein Talent, das trainiert werden kann? In meinem Job als Nachrichtenredakteur ist es sicher von Vorteil, Stressreduktion durch gelassenes „Eins-nach-dem-Anderen“ zu erreichen, durch den damit verbundenen Grundsatz, Unwichtiges nicht wichtiger zu nehmen als ihm zusteht. Dass dies auch eine Frage der Persönlichkeit ist, erkenne ich an meiner Liebsten, die als emotional üppig ausgestattete Frau viel stärker den Impuls verspürt, sich um alles Mögliche zu kümmern und sich Ruhephasen zu versagen.
„Mit 15 Tipps und Übungen zu mehr Ausgeglichenheit“ – dass man Gelassenheit lernen oder zumindest einüben kann, verspricht die deutsche Internetplattform lernen.net: Da ist die Rede von Entspannungstechniken, Auto-Suggestion und Sport als begünstigende Faktoren, von kurzem Innehalten, wenn was aufregt, und vom Tipp, sich Gelassenheit erstmal in täglichen kleinen Ärgernissen anzueignen – z.B. wenn der Autofahrer vor dir im Schneckentempo über die Straße kriecht. „Mach dir immer wieder klar: Aufregung macht die Situation nur schlimmer“, so der gute Rat. Auch beachtenswert: Sorge für Pausen und verteidige deine persönlichen Grenzen.
Popmusikalisch äußert sich Gelassenheit überzeugend im „Laid Back“-Stil etwa des großen Gitarristen J.J. Cale (1938-2013), dessen Kompositionen wie etwa „Cocaine“ oder „After Midnight“ der noch größere Eric Clapton (*1945) berühmt machte. Hört mal hier rein, wenn euch was gegen den Strich geht, und Lider und Stresspegel werden sich senken, Mundwinkel (und das Glas?) heben 😉
Adventmails 2021 (Ankündigung)
Liebe AdventmailbezieherInnen, (28. November 2021) Heuer geht es um Gefühle. Ausgangspunkt meiner diesjährigen Adventserie war eine Studie von US-Forschern der Universität Berkeley. 853 Frauen und Männern wurden in Jahr 2017 mehr als 2.000 Videos gezeigt. Nach der bis zu zehn Sekunden langen Bilderfolge sollten die Teilnehmenden ihr vordringliches Gefühl dabei benennen.
Das führte zu einer Neugestaltung der menschlichen „Emotionslandkarte“: Die vormaligen sechs Kategorien – Glück, Trauer, Wut, Angst, Ekel und Überraschung – erschienen den WissenschaftlerInnen als unzureichend: 27 verschiedene Emotionen decken nun die Bandbreite an verschiedenen Gefühlsregungen ab. 24 von ihnen widme ich von 1. bis 24. Dezember 2021 meine adventliche Serie. Darunter sind Besorgnis, Erleichterung, sexuelles Verlangen, Nostalgie, Bewunderung und viele andere. Eine englischsprachige interaktive Karte darüber wurde HIER (anklicken und Link öffnen) visualisiert, mit dem Cursor kann man die verschiedenen Videosequenzen abwandern. Die deutschsprachigen Artikel über die “neuen” 27 Emotionen decken sich inhaltlich nicht völlig mit den englischen Begriffen. Ich nahm mir die Freiheit, jene herauszupicken, zu denen mir was einfiel.
In den dreieinhalb Wochen ab 1. Dezember lest Ihr somit Assoziationen/Erlebtes/Wissenswertes zu – alphabetisch geordnet: Angst, Belustigung, Besorgnis, Bewunderung, Ehrfurcht, Ekel, Erleichterung, Freude, Gelassenheit, Langeweile, Neid, Nostalgie, Scham, Schmerz, Schrecken, Staunen, Trauer, Überraschung, Verwirrung, Verzückung, Verlangen nach Essen, sexuelles Verlangen, ästhetische Wertschätzung, Wut und Zufriedenheit. (Hier die englischsprachige Liste)
Die Corona-Pandemie kommt in meiner Adventserie nicht vor. Darüber könnt Ihr anderswo genug lesen; und: Sie nervt. Aber sowas von. Eins noch: Kommentare und Rückmeldungen eurerseits sind ausdrücklich erwünscht.
Habt Freude an den Gefühle-Mails, macht’s euch im Advent gemütlich, bleibt gesund!
Robert
Adventmail 2020/24 (Krankheit)
Eine „verdorrte“ Hand. Einen „besessenen“ Epileptiker. Viele Aussätzige. Stumme und Taube. Eine blutflüssige Frau. Die fiebernde Schwiegermutter des ersten Papstes. Mehrere Gelähmte. Und als Höhepunkt: Wiedererweckungen dreier Toter…. All diese Heilungen, TheologInnen sagen „Zeichen“, hat Jesus laut den Evangelien vollbracht. War er ein Wunderheiler?
Die entsprechenden, von Urchristen verfassten Texte verkündigen Jesus als Inkarnation Gottes, sind also Glaubensaussagen über ihn. Die historische Jesusforschung geht davon aus, dass tatsächliche Heilungen Jesu zu einigen der ältesten Wundererzählungen führten und diese später legendenhaft vermehrt und ausgeschmückt wurden. Jesus macht damit seinem Namen („Gott rettet“) alle Ehre und veranschaulicht in einer Zeit, da Religion und Medizin noch nicht getrennt waren, wie sich der Glaube an Gott auf Menschen auswirken kann.
Was von diesen Wundergeschichten tatsächlich so passiert ist, weiß ich nicht. Darüber, dass Jesus ein begnadeter, von Gott gesalbter (=Christos) Mensch war, bin ich mir sicher. Ebenso darüber, dass „Heilung“ durch Gott auf den ganzen Menschen abzielt.
An ganzheitlicher Heilung fehlt es in der heutigen Hightech-Medizin. Erst kürzlich war ich im AKH, um in der Glaukom-Ambulanz zu erfahren, dass mir eine Operation am linken Auge blüht. Ich musste durch eine Covid-Sicherheitsschleuse, ging durch endlose kahle Gänge, fuhr mit einem von acht Liften in den achten Stock, musste mich registrieren und erst einmal eine Stunde warten, bevor ich dann weitere zwei Stunden zu unterschiedlichen Spezialisten geschickt wurde. Wahrlich, ich sage euch: Da hätte ich mir echt einen Jesus gewünscht, der sich mir zuwendet mit sowas wie: „Schau auf das Licht Gottes, das in dir leuchtet, und du wirst fortan Klarsicht und Durchblick haben.“ Und über das verdutzte Gesicht meiner Augenärztin, wenn sie sagt „Aber wie gibt’s denn sowas, Ihr Augendruck und Sehnerv sind ja plötzlich ganz in Ordnung?!“ hätte ich mich ganzheitlich gefreut und Jesus im Himmel zugezwinkert…
Alles Liebe Euch allen, zu Weihnachten, zum Jahreswechsel und auch sonst!
Robert
Adventmail 2020/23 (Krankheit)
Wer kennt schon die Not eines überaus dicken Mädchens?
Man sagt nun ja – doch sie hatte ein gutes Herz.
Stets braucht die Gesellschaft dicke Mädchen mit guten Herzen…
Doch manchmal möchten auch ihre Herzen
Verrückt und geliebt statt immer nur gut sein…
Ach wäre ein Gott
Ach wäre ein Gott
Der Fleisch wird im Fleisch eines überaus dicken Mädchens.
Das schrieb der von mir überaus geschätzte Lyriker und reformierte Berner Pfarrer Kurt Marti (1921-2017). Er verfasste dieses Gedicht lange bevor publiziert wurde, dass Übergewicht und Fettleibigkeit in den 29 OECD-Ländern zu einem echten Problem geworden sind: Durchschnittlich jeder zweite Erwachsene ist übergewichtig und jeder fünfte an Adipositas erkrankt. Bei den Kindern ist jedes sechste übergewichtig oder adipös.
Tja, die Zeiten der wohl beliebten, wohlbeleibten Venus von Willendorf sind vorbei, und es herrschte Empörung, als vor einigen Jahren in den Medien Bilder über einen Jesus kursierten, auf denen der Heiland ähnlich kleingewachsen, gedrungen, schwarzhaarig und braunhäutig wie damalige semitische Zeitgenossen dargestellt wurde. Ein gefundenes Fressen für einen leidenschaftlichen Tabubrecher wie den Karikaturisten Manfred Deix (siehe Abb. 1).

Aber was, wenn der schlanke, wohlgestalte, manchmal erotisch aufgeladene nackte Corpus des Gekreuzigten wirklich eine idealisierende Projektion ist? Was, wenn da jemand am Kreuz hing, dessen Gestalt der Behauptung Anselm Grüns, Schönheit sei der Spiegel Gottes, hohnspricht? Ein adipöser Erlöser? Wie empfänden wir das? Abb. 2 gibt Gelegenheit zu einem Selbstversuch…

Adventmail 2020/22 (Krankheit)
Ich gebe „krank“ in unser Redaktions-Volltextarchiv ein und stoße auf einen alten Bekannten. Johannes Huber, Wiener Mediziner und Theologe, hat ein neues Buch veröffentlicht. Es heißt “Das Gesetz des Ausgleichs. Warum wir besser gute Menschen sind” und kann zusammengefasst werden mit: Gute Menschen sind gesünder und leben länger als Menschen, die sich von ihrem Egoismus leiten lassen, sie sind auch besser geschützt vor innerer Leere und Hoffnungslosigkeit.
Und, so behauptet es der Gynäkologe und Hormonspezialist: Durch gutes Verhalten sinkt der Spiegel der Stresshormone im Blut, was Entzündungsprozessen und Folgeerkrankungen wie Krebs vorbeugt. Ebenso profitiere das Herz-Kreislauf-System. Verhaltensweisen wie die Bereitschaft zum Kompromiss belohnt der Organismus laut Huber mit der Ausschüttung des Hormons Dopamin, das einen besseren Schlaf bewirkt und damit stärker und widerstandsfähiger macht. Zudem verändert sich durch gutes Verhalten das Erbgut, weshalb es über die nächsten Generationen auch Wellen in die Zukunft schlägt.
Dieser Johannes Huber (74), den zumindest zwei meiner Adventmailempfängerinnen als Arzt kennen, ist eine schillernde Persönlichkeit. Geboren in Bruck/Leitha, maturierte er (wie Engelbert Dollfuß, Hans Hermann Groër, Hermes Phettberg und Helmut Schüller) im kirchennahen Gymnasium Hollabrunn, studierte Theologie und Medizin und war als Doppeldoktor zehn Jahre lang Sekretär des unvergessenen Kardinals Franz König. Gerüchte, dass er dessen Sohn sei, bezeichnet er als schmeichelhaft, aber unzutreffend. Das Verhältnis von Glauben und Wissenschaft beschäftigte Huber seit jeher; 1978 gewann er für ein Symposium zu diesem Thema Kapazunder wie Viktor Frankl, Golo Mann, Konrad Lorenz und Erich Fromm. Mit Karl Popper korrespondierte er über Evolution, die laut Huber nicht nur “per random”, also zufällig, sondern auch “directed”, gesteuert, abläuft. Als Abteilungsleiter im Wiener AKH errichtete er die österreichweit erste und einzige Ambulanz für Transsexuelle und Transgender-Menschen, später leitete er die Frauenklinik im Wiener AKH, war Vorsitzender der Bioethik-Kommission und Verfasser mehrerer Bücher, zuletzt des oben genannten.
Aber echt jetzt: Gesünder und länger lebend durch Nettsein? Und diesbezüglich ein “Charakter-Trainingsprogramm” aufnehmen? Ob da was dran ist?
Nun gut, nur zur Sicherheit: Liebe Söhne, sofern ihr das lest, seid mal so richtig nett zu eurem Papa, ruft zu seinem Geburtstag und auch sonst wöchentlich an, erkundigt euch nach seinem Wohlbefinden, ladet ihn zum Essen und Sporteln ein… Ich denke bei all dem natürlich nicht an mich selbst, denn laut Johannes Huber ist das alles zu EUREM Besten!
Adventmail 2020/21 (Krankheit)
Er stammte aus einer Ärztefamilie, auch seine Söhne verschworen sich der Heilkunde. Er war Vielreisender und hinterließ nach seinem Tod als 90-Jähriger eine beeindruckende Anzahl an Traktaten und Briefen. Und er soll auf seiner Heimatinsel Kos eine Platane gepflanzt (und darunter seine Schüler unterrichtet haben), die ihm als Naturdenkmal heute noch zugeordnet ist.
Die Rede ist vom antiken Arzt Hippokrates (um 460-um 370 v.Chr.), einem Zeitgenossen der Philosophen Sokrates und Demokrit. Er gilt als Begründer der modernen Medizin als einer auf umfangreichen Beobachtungen und Beschreibung von Krankheitssymptomen fußenden Erfahrungswissenschaft. In den Schriften Platons erscheint Hippokrates als einer, der für sein Gebiet – die Medizin – eine ganzheitliche Betrachtungsweise einforderte: Vorgeschichte, Lebensumstände und seelische Situation des Patienten seien zu berücksichtigen. Und auch wenn seine Theorie von vier harmonisch zusammenwirkenden Körpersäften (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) als Voraussetzung für Gesundheit heute überholt ist, blieb sein hohes Berufsethos wegweisend bis in die Gegenwart.
Der „Hippokratische Eid“, das erste bekannte sittliche Grundgesetz des Arztberufes, geht auf den Griechen zurück, die älteste bekannte Quelle stammt jedoch erst aus nachchristlicher Zeit. Wer glaubt, dass auch heutige MedizinerInnen diesen Eid schwören, irrt. Bestimmungen wie das Gebot, Kranken nicht zu schaden, ärztliche Schweigepflicht oder das Verbot sexueller Handlungen an Patienten sind aber auch heute noch Bestandteil ärztlicher Ethik. Ungebrochen brisant und umstritten: Schwangerschaftsabbruch und aktive Sterbehilfe werden durch den Eid des Hippokrates ausdrücklich untersagt.
Der jüngste Entscheid des VfGH, wonach der Straftatbestand der „Hilfeleistung zum Selbstmord“ gegen das Recht auf Selbstbestimmung verstoße, stieß auf Kritik der Ärztekammer (und vieler HospizmitarbeiterInnen und Kirchenvertreter). Und auch mir ist nicht recht wohl bei diesem Erkenntnis: Ich kann mir sehr wohl Lebensumstände vorstellen, die den Tod als geringeres Übel erscheinen lassen. Aber in Ländern mit „liberaler“ Gesetzgebung, die das Recht auf Selbstbestimmung betont, gibt es bedenkliche Entwicklungen, die diese Selbstbestimmung gerade für Unmündige aufheben. Da schon lieber das hippokratische Gebot, dass Ärzte Kranke heilen sollen, ihnen aber nicht schaden dürfen.
Adventmail 2020/20 (Krankheit)
„Faszination und Ekel“ – diese zwei Begriffe, die oft eng beieinander liegen, sind der Titel eines Buches über ein Sammelsurium der besonderen Art: Im Narrenturm auf dem Gelände des Alten AKH in Wien befindet sich das weltweit einzigartige Pathologisch-anatomische Bundesmuseum. Mit seinen vielen Präparaten in allen Variationen, die Fehlbildungen, Krankheiten, aber auch tragische Unfälle veranschaulichen, fesselt das Museum seine Besucher – und schockiert sie.
Für die Mediziner vergangener Zeiten erfüllten diese Präparate mehrere Zwecke. Sie dienten der Dokumentation und dem “Sichtbarmachen” medizinischer Fälle, fungierten als Anschauungsmaterial für Mediziner und deren Studenten und unterstützten so auch die Weiterentwicklung der Medizin. Mit großem Geschick wurden seit 250 Jahren Moulagen – also lebensgroße Abformungen von Körperteilen –, Feucht- oder Schädelpräparate hergestellt. Jetzt sind sie als Teil des Naturhistorischen Museums Exponate im Narrenturm, einem denkmalgeschützten Bau, der 1784 für die Pflege und oft auch Verwahrung von psychisch kranken Menschen errichtet wurde.

Schauriges, Abartiges, Kurioses fand schon immer ein Publikum – ob im Circus Maximus bei Kämpfen zwischen Raubtier und Mensch, beim Hexenverbrennen und „Bäckerschupfen“ im Mittelalter, in Jahrmarktzelten der Neuzeit mit bärtigen Jungfrauen oder Elefantenmenschen. Und auch heute gibt es „Talente-Shows“ mit Männern, die sich ihre Hodensackhaut annageln, und Staus mit gaffenden Autolenkern, wenn ein Unfall Blut verheißt.
Und jetzt ein Geständnis zum Thema „Faszination und Ekel“. Mein Bruder war etwa 7, ich zehn Jahre älter, als ich ihn „motivierte“, mit mir Schach zu spielen: Ich zwang ihn, Gruselfotos von Wasserschädeln, Schrumpfköpfen oder siamesischen Zwillingen aus dem Medizin-Ergänzungsband zum familieneigenen Donauland-Lexikon anzusehen, und dieser Sadismus wurde dadurch nicht geschmälert, dass ich ihm einen Turm und/oder einen Läufer vorgab.
Diese Taten eines durch die späte Hochzeit der Mutter „entmachteten“ Teenagers tun mir heute ehrlich leid, und ich entschuldige mich dafür, lieber Andreas. Darf ich dich als kleine, unzureichende Wiedergutmachung zu einer Führung in den „Narrenturm“ einladen?
Adventmail 2020/19 (Krankheit)
Heute ein „Gottesurteil“ zu Covid-19: Ich schreibe diesen Eintrag am 19. November und google „krank“, scrolle runter bis zum 19. Suchergebnis und will dies zum Ausgangspunkt meiner Recherchen machen.
Ich stoße auf „8 Irrtümer rund um krankheitsbedingte Kündigungen“, allerdings auf einer Website für deutsche Unternehmer. Egal. Das Thema ist ja auch hierzulande arbeitsrechtlich interessant. In meinen 27 Kathpress-Jahren – einige davon als Betriebsrat – war ich schon mehrfach von Fällen betroffen, dass jemand – nein, Namen nenne ich hier keine – nicht mehr gesund genug für den stressigen Job als NachrichtenredakteurIn war.
Ein Dienstverhältnis in Österreich kann im Krankheitsfall durch „vorzeitigen Austritt“ beendet werden, der vom Arbeitnehmer ausgeht. Bei einer „einvernehmlichen Auflösung“ einigen sich Arbeitgeber und -nehmer. Dann gibt’s noch die „Kündigung“ und viertens die „Entlassung“, für die allerdings ein schwerwiegendes, die Genesung verzögerndes Fehlverhalten der Person im Krankenstand bewiesen werden muss.
Eine Kündigung kann prinzipiell ohne Angabe von Gründen erfolgen, sie kann unter bestimmten Voraussetzungen vom Arbeitnehmer aber beim Arbeits- und Sozialgericht bekämpft werden, etwa wegen sozialer Härte oder wegen eines unerlaubten Kündigungsmotivs. Prinzipiell existiert weder ein Kündigungsverbot im Krankenstand noch ein genereller Kündigungsschutz bei Krankheit.
In Bezug auf ArbeitnehmerInnenschutz ist Österreich trotzdem gut aufgestellt: Z.B. bei Burnout einfach zu sagen, ich kann nicht mehr, ich bleibe länger mal zuhause, geht natürlich auch bei einer schwer zu überprüfenden Diagnose nicht. Der Arbeitnehmer muss eine ärztliche Bestätigung vorlegen können. Der Arbeitgeber kann zwar danach fragen, um welche Erkrankung es sich handelt, die Auskunft darüber ist aber keine Pflicht. Und selbst wenn der Arbeitgeber Zweifel an der Richtigkeit der Diagnose des Vertrauensarztes des Arbeitnehmers hat, darf er von seinem Mitarbeiter nicht verlangen, sich auch vom Betriebs- oder Amtsarzt untersuchen zu lassen.
Ganz aktuell: Wer in Quarantäne ist, weil er/sie als mögliche Kontaktperson identifiziert wurde, aber keine Krankheitssymptome hat, ist grundsätzlich (noch) nicht arbeitsunfähig. Auch in diesen Fällen kann der Arbeitgeber nicht einseitig Homeoffice anordnen. Allerdings sind bereits geltende Homeoffice-Vereinbarungen weiterhin aufrecht. Wer Krankheitssymptome bekommt, braucht ein ärztliches Attest, um zu belegen, dass Arbeitsunfähigkeit vorliegt.
Meine Lieben, bleibt gesund!
Adventmail 2020/18 (Krankheit)
„A so a Kripplg’spü!“, „Spasti!“, „Mongo!“, „Ziemlich krank, was du da sagst“ oder „Der is jo behindert!“ – Beleidigungen durch Varianten von gesundheitlicher Beeinträchtigung gibt es zuhauf und sind mir selbst in meiner Jugendzeit immer wieder begegnet. Es war in der höheren Schule, die ich in Kapfenberg besuchte, nichts Ungewöhnliches, dass man selbst oder andere so tituliert wurde(n). Von Political Correctness war damals in den 1970er-Jahren noch keine Rede. Heute kämen mir und anderen derartige Zuweisungen nicht mehr ungefiltert bzw. unwidersprochen über die Lippen.
Als Journalist fällt mir auf, dass Hilfsorganisationen bei einschlägigen Themen von „Menschen mit Behinderung“ schreiben. Was z.B. bei der Titelgestaltung für Probleme sorgt. „Caritas fordert mehr Augenmerk auf Behinderte“ ist um 14 Anschläge kürzer als „Caritas fordert mehr Augenmerk auf Menschen mit Behinderung“.
Vielleicht bin ich da zu wenig sensibel, aber ich finde den Ausdruck „Behinderte“ nicht diskriminierend. Hätte auch kein Problem damit, würde ich wegen meiner starken Kurzsichtigkeit als „Sehbehinderter“ statt als „Mann mit einer Sehbehinderung“ bezeichnet.
Übrigens: In meiner Jugend sagte man noch ungeniert „Neger“, das ja eigentlich (weil von lat. „niger“) nichts anderes bedeutet als das heute allgemein akzeptierte „Schwarzer“. Ob auch dieser Ausdruck in einigen Jahren verpönt sein wird, weil es Assoziationen zu „dunkle Absichten“, „Schwarzmalerei“ und zu „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?“ weckt? Und weil auch der schwärzeste Schwarzafrikaner nicht gänzlich schwarz ist?
Political Correctness mag ja manchmal überzogen daherkommen, aber grundsätzlich halte ich es schon für berechtigt, dass die Empfindlichkeit der Betroffenen der Maßstab sein soll, ob Termini akzeptabel oder überholt sind.