Wer kennt schon die Not eines überaus dicken Mädchens?
Man sagt nun ja – doch sie hatte ein gutes Herz.
Stets braucht die Gesellschaft dicke Mädchen mit guten Herzen…
Doch manchmal möchten auch ihre Herzen
Verrückt und geliebt statt immer nur gut sein…
Ach wäre ein Gott
Ach wäre ein Gott
Der Fleisch wird im Fleisch eines überaus dicken Mädchens.
Das schrieb der von mir überaus geschätzte Lyriker und reformierte Berner Pfarrer Kurt Marti (1921-2017). Er verfasste dieses Gedicht lange bevor publiziert wurde, dass Übergewicht und Fettleibigkeit in den 29 OECD-Ländern zu einem echten Problem geworden sind: Durchschnittlich jeder zweite Erwachsene ist übergewichtig und jeder fünfte an Adipositas erkrankt. Bei den Kindern ist jedes sechste übergewichtig oder adipös.
Tja, die Zeiten der wohl beliebten, wohlbeleibten Venus von Willendorf sind vorbei, und es herrschte Empörung, als vor einigen Jahren in den Medien Bilder über einen Jesus kursierten, auf denen der Heiland ähnlich kleingewachsen, gedrungen, schwarzhaarig und braunhäutig wie damalige semitische Zeitgenossen dargestellt wurde. Ein gefundenes Fressen für einen leidenschaftlichen Tabubrecher wie den Karikaturisten Manfred Deix (siehe Abb. 1).

Aber was, wenn der schlanke, wohlgestalte, manchmal erotisch aufgeladene nackte Corpus des Gekreuzigten wirklich eine idealisierende Projektion ist? Was, wenn da jemand am Kreuz hing, dessen Gestalt der Behauptung Anselm Grüns, Schönheit sei der Spiegel Gottes, hohnspricht? Ein adipöser Erlöser? Wie empfänden wir das? Abb. 2 gibt Gelegenheit zu einem Selbstversuch…
