Adventmail 2021/02 (Gefühle)

Heute geht es um ein uns allen bekanntes Grundgefühl mit vielen verschiedenen Ausprägungen – um Angst. Rein sprachlich ist schon plausibel, wie grundlegend dieses Gefühl ist – es gibt zahlreiche Redewendungen und Synonyma, und ich habe jetzt Bammel, Muffensausen, Schiss, weiche Knie…, euch damit zu langweilen.
Das Wahlergebnis vom 26. September (mein 62. Geburtstag) in Graz bietet mir Anlass, diesem Gefühl eine Farbe zu geben: Als „red scare“, „rote Angst“, wird ein Phänomen der US-amerikanischen Geschichte bezeichnet, das in zwei Wellen auftrat: Nach dem Fall des Zarenreiches und der Oktoberrevolution in Russland währte von 1917 bis 1920 die erste Phase der Furcht vor einem Aufstieg des Kommunismus: US-Truppen griffen in den Russischen Bürgerkrieg ein, in den USA selbst kam es zu einem Aufschwung linker Parteien, zu Massenstreiks und zur Gründung einer KP. Unter Präsident Woodrow Wilson erfolgte eine scharfe Gegenbewegung gegen derlei „unamerikanische Umtriebe“, mit Repressionen gegen die Arbeiterbewegung und deren Vertreter wie Sacco und Vanzetti. Auch der spätere FBI-Chef J. Edgar Hoover wirkte damals an der größten Verhaftungswelle gegen politische Radikale, Anarchisten, Sozialisten und Kommunisten in der US-Geschichte mit.
Als McCarthy-Ära wurde die zweite Welle der „roten Angst“ ab 1947 bekannt. Unter dem Namen des republikanischen Senators brach eine antikommunistische Massenhysterie aus. Auf der Basis von Verschwörungstheorien entfaltete sich ein reiches Spitzel- und Zensurwesen, das Intellektuelle wie Bertolt Brecht, Thomas Mann und Albert Einstein auf den Plan rief. Letzterer schrieb an einen befreundeten Verdächtigen, dass in den USA eine verfassungswidrige „Art der Inquisition“ Platz gegriffen habe.
In meiner Lieblingsstadt Graz sind nach dem KPÖ-Wahlsieg „kahrnische Alpträume“ wegen einer Entwicklung in Richtung dunkelroter Machtübernahme unangebracht. Gewählt wurde eine unprätentiöse, in ihrem Einsatz für Benachteiligte glaubwürdige KP-Chefin fernab aller Politiker-Attitüden. Wenn das Angst auslöst, dann ist dies eher angesichts der möglichen Überforderung angebracht, wenn eine Sozialarbeiterin plötzlich Bürgermeisterin wird.

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