Adventmail 2020/18 (Krankheit)

„A so a Kripplg’spü!“, „Spasti!“, „Mongo!“, „Ziemlich krank, was du da sagst“ oder „Der is jo behindert!“ – Beleidigungen durch Varianten von gesundheitlicher Beeinträchtigung gibt es zuhauf und sind mir selbst in meiner Jugendzeit immer wieder begegnet. Es war in der höheren Schule, die ich in Kapfenberg besuchte, nichts Ungewöhnliches, dass man selbst oder andere so tituliert wurde(n). Von Political Correctness war damals in den 1970er-Jahren noch keine Rede. Heute kämen mir und anderen derartige Zuweisungen nicht mehr ungefiltert bzw. unwidersprochen über die Lippen.
Als Journalist fällt mir auf, dass Hilfsorganisationen bei einschlägigen Themen von „Menschen mit Behinderung“ schreiben. Was z.B. bei der Titelgestaltung für Probleme sorgt. „Caritas fordert mehr Augenmerk auf Behinderte“ ist um 14 Anschläge kürzer als „Caritas fordert mehr Augenmerk auf Menschen mit Behinderung“.
Vielleicht bin ich da zu wenig sensibel, aber ich finde den Ausdruck „Behinderte“ nicht diskriminierend. Hätte auch kein Problem damit, würde ich wegen meiner starken Kurzsichtigkeit als „Sehbehinderter“ statt als „Mann mit einer Sehbehinderung“ bezeichnet.
Übrigens: In meiner Jugend sagte man noch ungeniert „Neger“, das ja eigentlich (weil von lat. „niger“) nichts anderes bedeutet als das heute allgemein akzeptierte „Schwarzer“. Ob auch dieser Ausdruck in einigen Jahren verpönt sein wird, weil es Assoziationen zu „dunkle Absichten“, „Schwarzmalerei“ und zu „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?“ weckt? Und weil auch der schwärzeste Schwarzafrikaner nicht gänzlich schwarz ist?
Political Correctness mag ja manchmal überzogen daherkommen, aber grundsätzlich halte ich es schon für berechtigt, dass die Empfindlichkeit der Betroffenen der Maßstab sein soll, ob Termini akzeptabel oder überholt sind.

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