Adventmail 2020/20 (Krankheit)

„Faszination und Ekel“ – diese zwei Begriffe, die oft eng beieinander liegen, sind der Titel eines Buches über ein Sammelsurium der besonderen Art: Im Narrenturm auf dem Gelände des Alten AKH in Wien befindet sich das weltweit einzigartige Pathologisch-anatomische Bundesmuseum. Mit seinen vielen Präparaten in allen Variationen, die Fehlbildungen, Krankheiten, aber auch tragische Unfälle veranschaulichen, fesselt das Museum seine Besucher – und schockiert sie.
Für die Mediziner vergangener Zeiten erfüllten diese Präparate mehrere Zwecke. Sie dienten der Dokumentation und dem “Sichtbarmachen” medizinischer Fälle, fungierten als Anschauungsmaterial für Mediziner und deren Studenten und unterstützten so auch die Weiterentwicklung der Medizin. Mit großem Geschick wurden seit 250 Jahren Moulagen – also lebensgroße Abformungen von Körperteilen –, Feucht- oder Schädelpräparate hergestellt. Jetzt sind sie als Teil des Naturhistorischen Museums Exponate im Narrenturm, einem denkmalgeschützten Bau, der 1784 für die Pflege und oft auch Verwahrung von psychisch kranken Menschen errichtet wurde.

Schaurig schön ist ein Besuch im weltweit einzigartigen Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum in Wien

Schauriges, Abartiges, Kurioses fand schon immer ein Publikum – ob im Circus Maximus bei Kämpfen zwischen Raubtier und Mensch, beim Hexenverbrennen und „Bäckerschupfen“ im Mittelalter, in Jahrmarktzelten der Neuzeit mit bärtigen Jungfrauen oder Elefantenmenschen. Und auch heute gibt es „Talente-Shows“ mit Männern, die sich ihre Hodensackhaut annageln, und Staus mit gaffenden Autolenkern, wenn ein Unfall Blut verheißt.
Und jetzt ein Geständnis zum Thema „Faszination und Ekel“. Mein Bruder war etwa 7, ich zehn Jahre älter, als ich ihn „motivierte“, mit mir Schach zu spielen: Ich zwang ihn, Gruselfotos von Wasserschädeln, Schrumpfköpfen oder siamesischen Zwillingen aus dem Medizin-Ergänzungsband zum familieneigenen Donauland-Lexikon anzusehen, und dieser Sadismus wurde dadurch nicht geschmälert, dass ich ihm einen Turm und/oder einen Läufer vorgab.
Diese Taten eines durch die späte Hochzeit der Mutter „entmachteten“ Teenagers tun mir heute ehrlich leid, und ich entschuldige mich dafür, lieber Andreas. Darf ich dich als kleine, unzureichende Wiedergutmachung zu einer Führung in den „Narrenturm“ einladen?

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