Adventmail 2022/20 (Reisen)

Ich arbeite im Herzen von Wien, und wenn ich mich nach Dienstschluss aufs Rad schwinge, begegne ich Dutzenden von TouristInnen, die über den Stephansplatz und in der Wollzeile – oft mitten auf der Straße – schlendern. Dabei ist der Städtetourismus in Wien seit der Pandemie und durch Personalnot seit 2019 stark zurückgegangen.
Schon anno 1837 verglich Reisebuchautor Heinrich Wenzel den aufkommenden Massentourismus mit einem “Heuschreckenschwarm”. Er meinte damit die Masse der Engländer, die „den Rhein, die Schweiz und Italien durchziehen“. Die britische Begeisterung für Rheinromantik hatte der schrullige Landschaftsmaler William Turner durch seine auf mehreren Reisen entstandenen Bilder geschürt, wie ich auf meiner Radtour im Sommer erfuhr. Dabei begegnete ich auch mehrmals großen Flussschiffen mit Sonnendecks, auf denen sich PauschaltouristInnen in Liegestühlen fläzen, laut beschallt von einer Art Schihüttenmusik.
Massentourismus – was ist das eigentlich? Gemeint ist damit, dass in bestimmten Ortschaften oder Regionen saisonal mehr Touristen als Einheimische vorhanden sind. Von Mallorca z.B. ist bekannt, dass vor der Pandemie weit mehr als zehnmal so viele Besucher auf die Insel kamen wie die dort lebenden 814.000 ständigen Einwohner. Ein Extrembeispiel in Österreich ist Hallstatt. Den knapp 800 Einheimischen standen vor Corona täglich etwa 2000 vorwiegend asiatische Tagestouristen gegenüber.
Will man davon ein Teil sein? Wohl kaum. Aber hieße das, auf Venedig zu verzichten, den Eiffelturm, den Berliner Bundestag, die Sagrada Familia oder die Vatikanischen Museen zu meiden? Nicht umsonst zieht es viele Menschen dorthin. Bei manchen Zielen gilt es halt Termine zu wählen, wo sich der Ansturm in Grenzen hält.
Einige interessante Zahlen: Beliebtestes Reiseland ist laut World Tourism Organization der UNO (Zahlen aus dem Jahr 2020) mit Abstand Frankreich, wohin im ersten Pandemiejahr 117 Mio. Touristen wollten – mehr als doppelt so viele wie nach Mexiko (51 Mio.) und in die USA (45 Mio). Österreich liegt mit 15 Mio. Besuchern knapp hinter der Türkei an 8. Stelle, noch vor Deutschland oder Griechenland (allerdings fehlt Spanien in dieser Liste). Die meisten Einnahmen pro Tourist verzeichnen unsere Freunde in Katar; die höchsten Tourismus-Einnahmen insgesamt die USA. Mit knapp 100 Mio. Auslandsreisen im Jahr 2020 lag Deutschland an erster Stelle.
Mit knapp 1,5 Milliarden internationalen Reiseankünften war das weltweite Tourismusaufkommen im Jahr 2019 so hoch wie nie zuvor. 2020 wurden lediglich rund 350 Millionen Ankünfte gezählt – dies entspricht ungefähr dem Niveau vom Jahr 1987. In Österreich lag das Niveau 2021 sogar auf jenem von 1970.

Skyline von San Francisco vom Fährschiff nach Sausalito aus gesehen

Adventmail 2022/19 (Reisen)

Ich gebe „Reisen“ in Google ein und stoße gleich mal auf Hofer-Reisen, TUI, Ruefa, billareisen, lidl-reisen, Kuoni und Expedia. Reiseveranstalter, mit denen ich in den vergangenen Jahren nachhaltig unterwegs war, kommen erst unter „ferner liefen“.
Z.B. „www.weltweitwandern.at“ wurde 1999 von Christian Hlade in Graz gegründet, um eine Schule in einem entlegenen Dorf im Himalaya zu finanzieren. Das sympathische Unternehmen setzt bis heute auf sanften Tourismus mit möglichst geringem ökologischen Fußabdruck sowie auf Sozialprojekte in Ländern des Südens. Ich „wanderte weltweit“ bisher im gebirgigen Grenzgebiet von Kosovo/Albanien/Montenegro, auf sechs der neun wunderbaren Azoreninseln und mit kulinarischem Mehrwert im georgischen Swanetien. Und wurde jedes Mal bestens „be-guided“.
Empfehlen kann ich auch zwei deutsche Veranstalter: „Hauser Exkursionen“ (www.hauser-exkursionen.de; die auch ein Büro in Wien haben) brachte mich nach Neuseeland, unserer Kleingruppe von sechs Personen wurde dabei die Süd- und Teile der Nordinsel vom „norddeutschen Neuseeländer“ Helle Hansen nahegebracht. Auch auf Réunion oder in Marokko bewährte sich Hauser. Wanderreisen wie jene nach Schweden/Norwegen oder nach Thailand unternahm ich auch mit „Wikinger“ (www.wikinger-reisen.de). Als „Quoten-Ösi“ (wie ich mich scherzhaft nannte) mit Deutschen unterwegs zu sein, fand ich immer interessant. Es ist halt dann noch schwieriger als mit ÖsterreicherInnen, nach Ende der Reise Kontakt mit liebenswerten Leuten wie Helga G. nach der Georgien-Tour zu pflegen.
Ein kleiner, aber feiner Anbieter ist auch www.weltanschauen.at. Mit dem ich – weil vom Caritas-OÖ-Mitarbeiter Christoph Mülleder gegründet und mit Pilgerreisen im Programm – auch als Kathpress-Journalist schon zu tun hatte. Noch nicht als Kunde, aber das kann ja noch kommen.
Wandern, radeln, viel sehen auf Reisen ist mir viiiiel lieber als klassische Strandurlaube mit All-inclusive-Verpflegung. „Erholen kann ich mich auch zuhause“, lautet meine Standardantwort an Claudia, wenn sie im Urlaub möglichst wenig Stress und Anstrengung haben möchte. Aber es geht ja beides: Ich gehe alleine auf Abenteuer und mit ihr in den Robinson-Club von Khao Lak oder ins Hotel Riu Palace auf Teneriffa.

Weltweitwandern mit Blick auf das Dorf Uschguli im Kaukasusgebiet Georgiens

Adventmail 2022/18 (Reisen)

Musikalische Weltreisen mache ich seit … ja, vielleicht seit ich als Freddy-Quinn-Fan im Volksschulalter dessen Seemannslieder wie „Junge, komm bald wieder“ hörte (das heute nicht mehr zu meinen Lieblingen gehört). Im Lauf der Jahre lernte ich abseits von Superhits und Mainstream-Pop immer wieder spannende Musik aus unterschiedlichen Kulturkreisen kennen und schätzen. Die folgende Liste „MusikWeltReise“ habe ich in meiner Spotify-Bibliothek anlegt und sie für euch freigeschaltet – 80 Klangminuten für Adventtage jenseits von „Last Christmas“ und „All I Want For Christmas Is You“:

  • Youssou N’Dour, „Seven Seconds“ – war auch hierzulande ein Megahit, ich geb es zu. Aber den Star aus dem Senegal hörte ich in Wien einmal live und war begeistert von seiner Stimme „aus flüssigem Silber“ (Peter Gabriel). Sein Duett mit Neneh Cherry gehört zu meinen absoluten Lieblingssongs.
  • Marisa Monte, „Na Estrada“ – Gute-Laune-Musik von Feinsten aus Brasilien, gesungen von der als klassische Sängerin ausgebildeten M.M.
  • Paul Simon mit Ladysmith Black Mambazo, „Homeless“ – aus dem legendären Album „Graceland“, mit dem der US-Star Brücken nach Südafrika schlug und einem grandiosen Ensemble hier „die Bühne überlässt“
  • Paul Simon, „She moves on“ – Nochmals der begnadete Pop-Komponist, diesmal mit südamerikanischer Polyrhythmik vom ebenfalls großartigen Album „The Rhythm of the Saints“
  • Mari Boine, „Gilvve Gollat“ – Hier geht’s in den hohen Norden zu den Samen Skandinaviens, deren bekannteste Sängerin die Norweger als zwangsmissionierende „Herrenrasse“ bezeichnet
  • Buena Vista Social Club, „Chan Chan“ – Wieder ein Welthit der Weltmusik, zum Niederknien interpretiert von den Leuten, die Ry Cooder in Habana einsammelte. Ich hörte die CD immer wieder auf einer Radtour durch die Toskana mit meinem Vater, der manchmal sagte: „Geh, spiel die alten Herren aus Kuba noch einmal“.
  • Ali Farka Touré, „Diaraby“ – Bei dieser hypnotischen Aufnahme des begnadeten Gitarristen aus Mali spielt Ry Cooder selbst auf der Slide Guitar mit. Ich fühl mich beim Hören wie auf einem langsamen Kamelritt durch die Wüste.
  • Jim Pepper, Carla Bley, Charlie Haden, Don Cherry u.a., „The Ballad Of The Fallen“ – Folksong aus El Salvador, verjazzt von lauter Jazz-Granden, darunter der Dakota Jim Pepper, den ich in Wien mal live erleben durfte
  • Mercedes Sosa, „Gracias a la vida“ – Was für eine schöne Stimme die Argentinierin doch hat, die mir zusammen mit diesem Text die Tränen in die Augen treibt
  • Paco de Lucia, „Entre Dos Aguas“ – Flamenco von einem der größten Gitarristen, dem spanischen Teil der drei „Super Guitars“
  • Madredeus, „O Pastor“ – Teresa Salgueiros glockenheller Engelsgesang und ihre (damalige) international bekannte portugiesische Gruppe gehört zu meinen absoluten Lieblingen. Offenbar auch für Wim Wenders, der Madredeus für den Soundtrack von „Lisbon Story“ verpflichtete
  • Frauenchor aus Sofia, „The Little Bird Is Singing“ – Die LP „Le Mystère des Voix Bulgares“ hörte ich vor Jahren immer wieder, finde diesen Balkan-Chorgesang nach wie vor unvergleichlich.
  • Cheb Khaled, „Aicha“ – Der Mann aus Oran (Algerien) sorgte mit diesem Lied für einen Welthit der Rai-Musik.
  • Vera Bila, „Pas O Panori“ – So nah kann Weltmusik sein: Eine tschechische Roma singt eine Weise aus dem reichen Liedgut ihres fahrenden, so oft verfemten Volkes.
  • Jan Garbarek, „In Praise Oft Dreams“ – Zu Unrecht als Esoterik-Jazz bezeichnet wurden die von der Volksmusik inspirierten Kompositionen des norwegischen Saxophonisten, den ich mehrmals auch live erlebte.
  • Hubert von Goisern, „Heast as net“ – Österreichs musikalischer Grenzüberschreiter par excellence, den ich vor kurzem interviewte, soll auch in dieser Liste vorkommen. Ich mag ihn einfach.
  • Gotan Project, „Epoca“ – Elektronisch bearbeiteter Tango von diesem Pariser Trio. Schon sehr sexy, nicht?
  • Edvard Grieg, „Solveigs Lied“ – Auch das hörte ich live im Rahmen einer Wanderreise nach Schweden und Norwegen, an dem Ort nördlich von Lillehammer, wo alljährlich das aus „Peer Gynt Festivalen“ stattfindet.
Einer der grandiosen Wasserfälle auf Island mit rotem Robert

Adventmail 2022/17 (Reisen)

Nicht nur ich bin reisefreudig, auch unter euch AdventmailadressatInnen finden sich viele, die gern und oft in die Ferne schweifen. Was haben sie für Tipps abseits der gängigen Reiseziele? Ich bat sechs von euch dazu um kurze Beiträge.

Martina (Sozialmanagerin, Ex-Politikerin, Schwester; 61 besuchte Länder)
Obwohl ich so viele Länder der Welt wie möglich besuchen möchte, hab ich seit 2006 ein Herzens-Land, in das es mich seither unzählige Male gezogen hat. Ich kann sagen, ich kenne Spanien besser als die meisten Spanierinnen. Heuer hab ich eine Woche in Kantabrien mit meinem besten Freund, der dort geboren ist, verbracht. Die nordspanische Region westlich des Baskenlandes ist kein klassisches touristisches Ziel, die Hauptstadt Santander verbinden die meisten mit einer Bank. Kantabrien ist regenreich, daher sehr grün und als Milch- und Rindfleischregion in Spanien geschätzt. Während meines Aufenthaltes im Juli hatte es hochsommerliche Temperaturen und nur einen einzigen Regentag, was man als außergewöhnliches Glück bezeichnen kann. Ja es ist dort kühler als im restlichen Spanien. Atemberaubende Küstenlandschaften mit weitläufigen Sandstränden, historisch bezaubernde Dörfer wie Santillana der Mar, Wanderrouten wie der Pinienwald von Liencres, hochwertigste Fisch- und Meeresfrüchtegerichte, (schon ziemlich) frische und wellenreiche Badesessions im Atlantik und die äußerst freundlichen Kantabrierinnen haben diese Woche für mich außergewöhnlich gemacht. Ich empfehle dringend, ein Mietauto zu nehmen und die Gegend rund um Santander zu erkunden. Will man in der Stadt bleiben, hat man auch dort eine echte Perle mit dem kilometerlangen Sandstrand „El Puntal“, zu dem regelmäßig Boote fahren. Santander und Umgebung ist Spanienurlaub abseits von vollen Stränden, Temperaturen um die 40 Grad, Fotospeisekarten mit Tiefkühlpaella und Sangria – es ist Spanienurlaub für Fortgeschrittene.
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Rudi (Religionspädagoge i.R., Grafiker, Student der Germanistik; 43 besuchte Länder)
Třebíč liegt ca. 50 km nördlich von Znaim/Znojmo in Tschechien. Die kleine Stadt an der Igel/Jihlava ist voller Überraschungen. Die wuchtige romanische Prokopius-Basilika, der bestens gepflegte große jüdische Friedhof auf dem Berg, das ehemalige jüdische Viertel am Fluss (Karl-Markus-Gauß, Die unaufhörliche Wanderung: Třebíč ist „heute eine Stadt ohne Juden mit dem schönsten jüdischen Viertel Europas“) und der 400-m lange Hauptplatz mit den „schwarzen“ Sgraffito-Häusern u.v.a.m. …
Mich fasziniert die Stadt und ich fahre meist von Znojmo aus hin oder zurück – mit dem Rad. Auf dem Weg liegt die Kleinstadt Jarmeritz/Jaroměřice nad Rokytnou mit dem zauberhaften Barockschloss.
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Christoph (Gründer von “Goalkeepers – zukunftsfähig wirtschaften”, davor Sonderbeauftragter der Bundesregierung für Humanitäre Hilfe und Caritas-Auslandshilfe-Chef; 54 besuchte Länder)
Ich bin ein Schnell-Verlieber. Kaum reise ich in ein anderes Land, bin ich diesem hemmungslos verfallen: der Art der Menschen zu leben, der Kultur, dem Außergewöhnlichen und dem Alltäglichen. Meine Erfahrung: Besonders ist es überall. Ich reise gerne mit dem Fahrrad. Neben vielen anderen Vorteilen hat Reisen mit dem Fahrrad den Effekt, nicht nur touristische Höhepunkte zu erleben. Das Fortbewegungsmittel bringt es mit sich, dass ich mich die meiste Zeit in den Zwischenräumen bewege: auf der Landstraße, hinter der Rückseite der Dörfer, entlang des kleinen Bachs, vorbei am alten Kirchlein mit beschaulichem Friedhof, der oft viel vom Leben und Sterben erzählt. Die Mühsal des Tretens erzwingt Pausen und diese sind wunderbare Chancen des Erkundens von kleinen Sensationen. Eine Reiseempfehlung: Mit dem Fahrrad entlang des Neusiedlersees nach Sopron.
Startpunkt könnte Schützen am Gebirge sein (gut mit dem Zug von Wien erreichbar), dann über Rust und Mörbisch nach Ungarn. In Ungarn wird es dann sanft hügelig, vergleichbar mit der Landschaft des mittleren Burgenlandes. Durch Wälder, zwischen Weingärten, immer mit grandiosem Blick auf den See. Wichtig: Stehenbleiben, sich umdrehen und die Aussicht, die Landschaft, den Duft der Natur genießen. Und dann, Sopron: Die Stadt, zu der wir Burgenländer früher Ödenburg gesagt haben, weiß zu beeindrucken. Viele historische Gebäude, großartige Plätze und feine Lokale laden ein, in diesem Zentrum des ehemaligen Deutschwest-Ungarns zu verweilen. Ein großes Kleinod gleich nach der Staatsgrenze, die dank der EU – fast – keine Rolle mehr spielt. Von Sopron geht’s dann übrigens wieder mit dem Zug sehr bequem nach Wien zurück.
Gefühlt war ich schon in allen Weltgegenden. Besonders ist es überall. Vor allem in den Zwischenräumen.
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Silvia (Angestellte, ca. 25 Länder, wenn Kurzbesuche mitgezählt werden)
Ich weiß nicht, wie präsent anderen Menschen Montenegro als Urlaubsziel ist, für mich war es das jedenfalls bis vor einem halben Jahr überhaupt nicht. Freunde, die im April dort waren, haben unsere Neugier geweckt, und im September sind wir spontan selbst hingefahren.
Besonders begeistert sind wir von der Vielfalt an Möglichkeiten in diesem kleinen Land, das nur so groß wie Tirol ist: Badeurlaub am Meer, Besuch historischer Altstädte, wandern in den Bergen, Bootsfahren am Skadarsee (dem größten See am Balkan), vom einfachen bis zum Luxushotel, Einsamkeit und Menschenmengen, für jeden Geschmack findet sich hier etwas.
Leider war unsere Zeit in Montenegro viel zu kurz, und das kleine Stück Bosnien-Herzegowina am Heimweg hat große Lust entfacht, diese Gegend (vielleicht schon nächstes Jahr?) wieder zu besuchen.
Wenn ich dich neugierig gemacht habe, kannst du hier unseren Roadtrip nachlesen.
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Tomas (Literaturhaus-Leiter in Salzburg, Cousin)
Kein Geheimtipp
Wie viele Länder ich in meinem Leben bereist habe, weiß ich nicht. Es geht nicht um Zahlen, sondern um Eindrücke, Erlebnisse, Erinnerungen. Es geht um die Verbindung von Orten mit Menschen. Es geht um Gefühle. Im argentinischen Rosario wurde ich durch Zufall – und eine Portion Frechheit – in die einstige Wohnung von Comandante „Che“ auf einen Kaffee eingeladen. In Island bin ich um Mitternacht zum mächtigen Gullfoss gewandert – begleitet von einer faszinierenden Angst, der tosend-laute Wasserfall würde mich magisch hinunterziehen, wenn ich noch einen Schritt näher käme. Unvergesslich die Stimmung beim gemeinsamen Frühstück der Passagiere auf dem Schiff über das Schwarze Meer vom georgischen Batumi ins ukrainische Odessa. Und von Alderney, eine der weniger bekannten Channel Islands, erhielt ich Jahre nach meinem Aufenthalt einen Brief von der dort gestrandeten Österreicherin, die sich an unsere Begegnung erinnerte und mich über den Tod ihres Mannes in Kenntnis setzte.
Alle Reisen – besonders jene, die man alleine unternimmt – sind auch Reisen zu einem selbst. Am besten, sich in der Fremde in eine Straßenbahn oder in einen Bus setzen, fahren, unterwegs sein, irgendwo aussteigen und sich neugierig treiben lassen. Schließlich reist man, um zu reisen – und nicht, um irgendwo anzukommen.
PS. Sollte jemand auf der japanischen Insel Okinawa nach einem Strandspaziergang oder nach dem Paddeln durch Mangrovenwälder Hunger bekommen: Best food ever gibt es im …. Sehnsucht hat keine Endstation.
*
Karin (Lehrerin für Geographie/Wirtschaftskunde und Englisch i.R., Ex-Schulkollegin)
Für mich ist reisen Inspiration, Leben, Luft zum Atmen, Abenteuer und Entspannung.
Ich habe 3 Jahre in Südostasien auf der Insel Taiwan gelebt und in dieser Zeit habe ich die Insel kennen und lieben gelernt. Taiwan wird zurecht „Isle de Formosa“ (dt.: wunderschöne Insel) genannt. Sie ist nicht einmal halb so groß wie Österreich und bietet Reisenden eine Vielfalt an Möglichkeiten.
An der Südspitze findet man zahlreiche Strände, im Inselinneren gibt es hohe Berge, ideal zum Wandern und Bergsteigen (z.B. Yu Shan, 3952m). An der Ostküste liegt die beeindruckende Taroko-Schlucht mit Thermalquellen. Und nicht zu vergessen: Metropolen wie Taipeh, Kaohsiung und Taichung locken mit ihren geschäftigen Nachtmärkten, wo die chinesische Tradition auf westliche Moderne trifft.
Die Menschen sind sehr offen, freundlich und hilfsbereit. Durch die Nord-Süd-Verbindung mit einem Hochgeschwindigkeitszug lässt sich die Insel einfach bereisen. Taiwan ist meine zweite Heimat geworden. Bei jedem meiner Besuche entdecke ich wieder etwas Neues.

Man muss genau schauen, um meine Wandergruppe an der felsigen Küste der Insel Santo Antao, Kap Verden, zu entdecken.

Adventmail 2022/16 (Reisen)

Ich bin auch gern mal alleine unterwegs, wie Ihr schon wisst. Würde ich das auch sagen, wäre ich eine Frau? Eine, die allein reisend deutlich größeren Gefahren ausgesetzt ist, deren Alleinsein für manche Männer geradezu Einladung ist? Die in manchen Kulturen gar zum Freiwild würde? Wohl kaum.
Deshalb verneige ich mich in diesem Adventkästchen vor Alexandra David-Néel, Französin, Weltreisende, frühe Feministin und 1924 die erste westliche Frau, die Lhasa, die Hauptstadt Tibets, erreichte. Geboren wurde Alexandra 1868 in einem Pariser Vorort. Als Sechsjährige las sie begeistert in Jules Vernes Reiseberichten, als Jugendliche legte sie die Vorstellungen ihrer streng katholischen Mutter ab und machte sich mit dem Denken Bakunins u.a. Anarchisten vertraut. Mit 17 riss Alexandra von zu Hause aus, fuhr in die Schweiz und wanderte über den Gotthardpass.
Ihre erste große Reise. Viele weitere folgten.
Als Alexandra 1891 Geld erbte, bereiste sie eineinhalb Jahre lang Ceylon und Indien, wurde Theosophin, lernte asiatische Sprachen wie Sanskrit und Chinesisch. Bereits 1889 war die dann Volljährige zum Buddhismus konvertiert. 1895 ging die ausgebildete Sopranistin nach Indochina, anschließend als Theaterleiterin nach Tunis. Dort lernte sie den Ingenieur und Lebemann Philippe Néel kennen und heiratete ihn 1904. Philippe finanzierte fortan ihre Reisen und sorgte für die Veröffentlichung ihrer zahlreichen Reiseberichte in Frankreich. Die beiden führten eine sehr ungewöhnliche Ehe (dazu hörenswert dieser Radio-Kurzbeitrag).
1911 trat Alexandra eine weitere Asienreise an, die statt der geplanten 18 Monate 14 Jahre dauerte. In Indien lernte sie den 13. Dalai Lama kennen und wurde von ihm nach Tibet eingeladen. Sie lebte ein Jahr lang im Himalaya als Einsiedlerin und wurde als weiblicher Lama der Einweihung in die Geheimlehren des tibetischen Buddhismus für würdig befunden.
Anschließend reiste sie durch Japan, Korea und China, immer in Begleitung ihres Adoptivsohnes, des jungen Lamas Yongden. Danach hielt sie sich zwei Jahre im tibetischen Kloster Kum-bum auf. Alexandra übersetzte buddhistische Texte und verfasste ein Französisch-Tibetisch-Wörterbuch. Zwischen 1921 und 1923 durchstreifte die damals schon über 50-Jährige die Wüste Gobi. In ihrem 57. Lebensjahr erreichte sie nach einer viermonatigen abenteuerlichen Himalaya-Überquerung zu Fuß von China her kommend dieses Ziel als bettelnde Pilgerin in Begleitung von Yongden. Bei dieser Reise musste sich die nur 1,56 Meter große Abenteurerin mit Ruß und Schmutz tarnen, um nicht als Ausländerin erkannt und des Landes verwiesen zu werden.
1925 kehrte Alexandra nach Frankreich zurück und veröffentlichte 1927 ihr erfolgreichstes Buch “Voyage d’une Parisienne à Lhassa”, durch das sie weltberühmt wurde. 1937 brach sie als fast Siebzigjährige erneut zu einer großen Asienreise auf, geriet in den Japanisch-Chinesischen Krieg und musste sechs Jahre in China ausharren. Sie starb am 8. September 1969 im Alter von 100 Jahren – nachdem sie vorsorglich ihren Pass hatte verlängern lassen.

“Elefantenfelsen” bei Guilin in Südchina

Adventmail 2022/15 (Reisen)

Die Romantik-Literatur und -Malerei der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts liebte das Motiv des Wanderns. Vielleicht kennt Ihr Bilder von Caspar David Friedrich wie „Wanderer über dem Nebelmeer“. Als Germanistik-Student las ich z.B. Joseph von Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“. In dieser Novelle schickt ein Müller seinen Sohn, der bei der Arbeit zu nichts nütze ist, hinaus in die weite Welt. Dieser verlässt fröhlich mit der Geige im Gepäck sein Dorf, ohne klares Ziel vor Augen. Widerspruchsgeist gegen das konventionelle Leben zuhause ist in dieser Epoche ebenso verbreitet wie der bis zur Torheit reichende Idealismus der zwischen Fern- und Heimweh schwankenden „Helden“. Auch die Natur erscheint idealisiert, mit Fabelwesen wie Feen und Gespenstern oder der Blauen Blume als Unendlichkeitssymbol.
Anfang der 1990er-Jahre schrieb ich mal eine romantische Ballade zu einer hübschen Melodie meiner ersten Frau Claudia, die 1992 ihre erste CD veröffentlichte. Wir nannten das gemeinsame Opus „Ballade vom Wanderer und der Hexe“, und mein Text in bewusst altertümelnder Sprache geht so:
Kam dereinst in ein Dorf ein Wandersmann / In der Schenke der Wirt trat an ihn heran: / „Gott zum Gruß! Wohin des Wegs?“ / „Immer grad nach Norden geht’s.“ / „Ei, so meidet das Tal dort drunt’ still und schmal!“
Denn dort lebt eine Hexe mit Teufelsmacht. / Manchen Junker hat sie schon um sein Heil gebracht. / Sie will jeden betör’n, / keinem einzigen gehör’n, / wilde Tiere fürchten sie, / ihre Blumen welken nie.“
Des Wirten Wort war dem Wanderer einerlei, / denn er fürchtet’ nicht Tod noch Hexerei./ Nach dem Aufbruch alsbald / kam er an ein Haus im Wald, / und gar lieblich ihn dünkt / das Weib, das ihm winkt.
Viele Tage er blieb bei dem schönen Weib, / seine Seele sie labte und auch den Leib. / Vor dem Haus sah er steh’n / eine Blume blau und schön, / allezeit blühte sie und welkte nie. /
Schließlich wollte der Wanderer weiterzieh’n. / Von dem Weibe der Abschied war schwer für ihn. / Sie sprach: „Ich leb allein, / will nicht eingemauert sein, / bin mit jedem versöhnt, / der Freiheit gewöhnt.“
Als nach Jahren der Wanderer wiederkam, / was er sah, ihm vor Schrecken den Atem nahm: / Alle Pflanzen verheert, / und die Hütte zerstört! / Er besann sich nicht lang, / lief ins Dorf voller Bang.
Dort brannten die Scheiter im Abendrot, / und das Volk johlte ringsum: „Die Hex‘ ist tot!“ / Schweigend stand im Geschrei / ein feins Mägdlein dabei, / die blaue Blume fürwahr / trug sie im schwarzen Haar. / Allezeit blühte sie und welkte nie.

Keine blaue Blume, aber eine rosa Schönheit, geknipst von meinem Sohn Fabian beim Notting Hill Carnival in London.

Adventmail 2022/14 (Reisen)

Heute bediene ich mich zum Thema “Radreisen mit Ökoantrieb” bei meinem Freund Klaus. Mein früherer Kollege beim Kath. Jugendwerk, Friedensaktivist, Tiroler KA-Vorsitzender, Religionslehrer, macht seit Jahren nicht nur Radtouren in die Tiroler Bergwelt, sondern auch weiter weg führende, z.B. nach Paris. Und er schreibt darüber in einem Blog auf seiner Website. Als ich vor zwei Jahren von St. Moritz erst den Inn entlang, dann die Salzach und die Donau entlang nach Wien radelt, machte ich bei Klaus im Absam Zwischenstation. Er ist überzeugter Schöpfungsbewahrer und lebt dies auch als Reisender. Aber lest selbst:

Sardinienreise mit Rad, Bus und Fähre

„Wie kann ich verantwortlich und ökologisch-ethisch korrekt verreisen?“, frage ich mich stets, wenn ich ein neues Land entdecken möchte. Mein Nachdenken darüber soll nicht Kritik an jenen sein, die mit Flieger und Auto unterwegs sind. Wo die Grenzen liegen, ist stets Sache des individuellen Gewissens und der Einstellung sowie der Lebensumstände. Mein Zeitbudget lässt es eben zu, mir für eine Anreise mehr Stunden zu gönnen, und meine Leidenschaft für ein möglichst intensives Naturerleben sowie die körperlichen Voraussetzungen legen ohnehin eine sportliche Variante mit Rad nahe. Jedenfalls fühle ich mich dem Maßstab verpflichtet, den ökologischen Fußabdruck klein zu halten, was mit einem Flugzeug gar nicht ginge. Sardinien ist ein Land, das ohne Flugreise und ohne Auto gut erreichbar ist und dann vor Ort mit Rad ideal bereist werden kann. Auch öffentliche Verkehrsmittel würden sich dort anbieten. Die Fahrt zu einem der Fährhäfen in Italien mit Zug wäre so kompliziert bzw. fast nicht möglich, wenn ein Fahrrad mitgenommen werden sollte. So also bietet sich wieder FlixBus an. Mir ist bewusst, dass auch dies mit ökologischen Belastungen verbunden ist.
FlixBus hat zwar mit Elektrobussen ein paar Pilotprojekte realisiert, doch ist dies wohl nicht mehr als ein Tropfen auf die von der Erderhitzung glühenden Steine. Die Ökobilanz sieht bei Fernbusreisen besser als bei Zugreisen aus. Ein schaler Beigeschmack sind wohl die Arbeitsbedingungen. Die Busfahrer arbeiten im Schichtbetrieb. In Österreich liegt der Kollektivlohn steigend bei 2.300, Euro brutto. Die osteuropäischen Fahrer verdienen noch wesentlich weniger und irgendwo las ich einmal, dass bei 180 Stunden, also in vier Wochen, der Stundenlohn von 5,60 bis 9,40 Euro pendelt. Kein Wunder, dass einige der FlixBusfahrer nicht gerade ein Musterbeispiel für Höflichkeit und Freundlichkeit sind. Auch die Busfahrer auf unserer Fahrt kommen aus Osteuropa. Sie haben kein Interesse an Durchsagen. Die Zeiten sind knapp bemessen, Pausen werden keine gemacht. Unser Bus fährt überpünktlich um 4.50 Uhr in Innsbruck ab und soll um 12.30 Uhr in Genua ankommen. Einen kurzen Aufenthalt haben wir in Verona, wo wir umsteigen. Der Rädertransport funktioniert reibungslos. Die Räder werden in der unteren Ladefläche verstaut, was mir ohnehin lieber ist als eine Außenaufhängung.
Der Bus ist voll besetzt. Auf unseren reservierten Plätzen schlafen schon Leute. Wir hocken uns getrennt auf andere Sitzplätze. So wecken wir niemanden auf. Ich setze mir zur Sicherheit die MNS-Maske auf. Mir ist die Landschaft vertraut und selbst mit geschlossenen Augen glaube ich die Strecke hinauf auf den Brenner, hinunter durch das Eisacktal und weiter durch das Etschtal zu erkennen. Der Bus fährt die Route zum Gardasee, dann durch die Poebene und schließlich 45 Minuten lang durch eine hügelige Landschaft, bevor Genua auftaucht mit Häusern, die wie Berge hinter der Küste aufgetürmt sind. Eine Stunde hat der Bus Verspätung. Aber das macht nichts. Erst um 20.30 Uhr wird die Fähre starten und zwei Stunden vorher sollen wir dort am Bahnhof sein. Das Gefühl, mit dem Rad auf das riesige Fährschiff zu fahren, ist königlich… (weiter geht’s HIER)

Dieses Foto von mir hat Klaus auf der Fahrt nach Absam im Inntal geknipst.

Adventmail 2022/13 (Reisen)

„Unsere Koffer waren wieder auf dem Gehsteig gestapelt; Wir hatten einen langen Weg vor uns. Aber es war egal, die Straße ist Leben.“
Das schrieb Jack Kerouac (1922-1969) in „On the Road“ bzw. dt. „Unterwegs“ (1957), einem DER literarischen Klassiker zu meinem Adventthema. Und es gibt viele weitere Zitate übers Reisen, die ich Euch hiermit ins Gepäck lege:
„Die Welt ist ein Buch, und diejenigen, die nicht reisen, lesen nur eine Seite.“ (Augustinus von Hippo, 354-430, Bischof, Heiliger, Kirchenvater)
„Wenn Sie lange an einem Ort leben, werden Sie blind, weil Sie nichts mehr beobachten. Ich reise, um nicht blind zu werden.“ (Josef Koudelka, *1938, tschechisch-französischer Fotograf)
„Wer mehr als einen Koffer braucht, ist ein Tourist, kein Reisender.“ (Ira Levin, 1929-2007, US-Schriftsteller)
„Wurzeln sind wichtig im Leben eines Menschen, aber wir Menschen haben Beine, keine Wurzeln, und Beine sind dafür gemacht, woanders hinzugehen.“ (Pino Cacucc, *1955, italienischer Autor)
„Es gibt so viele unglückliche Menschen, die dennoch nicht die Initiative ergreifen, um ihre Situation zu ändern, weil dies durch Sicherheit, Konformismus, Traditionalismus bedingt ist, alles Dinge, die Seelenfrieden zu gewährleisten scheinen. In Wirklichkeit gibt es jedoch nichts Verheerenderes als eine bestimmte Zukunft für die abenteuerlustige Seele eines Menschen. Der wahre Kern des Lebensgeistes eines Menschen ist die Leidenschaft für Abenteuer. Die Lebensfreude entsteht durch neue Erfahrungen, und daher gibt es keine größere Freude als einen sich ständig ändernden Horizont, oder jeden Tag in einer neuen und anderen Sonne zu sein“ (Aus dem Film „Into the wild“, Sean Penn, USA 2007)
„Und es gibt nichts Schöneres als den Moment vor der Reise, den Moment, in dem der Horizont von morgen uns besucht und uns von seinen Versprechen erzählt.“
(Milan Kundera, +1929, tschechischer Schriftsteller)
„Einige Orte sind ein Rätsel. Andere eine Erklärung.“ (Fabrizio Caramagna, *1969, italienischer Autor)
„Ich habe noch nie eine Grenze gesehen. Aber ich habe gehört, dass diese im Kopf einiger Menschen existieren.“ (Thor Heyerdahl, 1914-2002, norwegischer Forschungsreisender)

Zwei an einem Journalisten interessierte Buben im irakischen Teil Kurdistans

Adventmail 2022/12 (Reisen)

Meine vielleicht abenteuerlichste Reise trat ich als berucksackter Student an. Es ging via Zug nach Portugal, zurück wollte ich per Autostopp. Und das alleine, wenn auch unfreiwillig. Denn die junge Grazerin, in die ich damals verliebt war, wollte – noch nicht losgelöst von ihrer Beziehung davor – dann doch nicht mitkommen. Auf Eisenbahnschienen ging es nach Mailand, wo ich am Bahnhof übernachtete, dann nach Madrid (wo ich ein Billigzimmer fand) und zu sechst im Abteil laaange nach Lissabon. An der Algarve schlug ich mein Zelt auf, lernte eine junge Deutsche mit einer Wahnsinnsfigur kennen, die auch an mir interessiert war. Doch mein Herz gehörte einer Anderen, Zurückgebliebenen.
Das Trampen zurück erforderte viel Geduld. Meist nahmen mich LKW-Fahrer mit, einer davon berührte beim Schalten immer “zufällig” meinen nackten Schenkel. Doch diese und jede andere Art von Bezahlung wollte ich nicht leisten. Wo ich übernachtete, bis ich mich unweit von Zürich bei Tante Ingrid und Onkel Adrian einlud, weiß ich nicht mehr. Geplant war nie etwas – ich wusste ja auch nicht, wie weit ich mit den jeweiligen Fuhren kam.
Heutzutage reise ich völlig anders. Abgesichert, vorausgeplant, risikominimiert. Für meine diesjährige Radtour z.B. von Feldkirch den Rhein entlang bis zur Nordsee hatte ich schon viele Monate davor (stornierbare) Quartiere gebucht – für jede Übernachtung. Und die Route und Distanzen hatte ich über google.maps und diverse Radtour-URLs noch davor erkundet; täglich so zwischen 80 und 100 km war das Ziel. In den angepeilten Städten forschte ich im Internet nach von anderen Besuchern empfohlenen Gaststätten, checkte die Radentfernung zu Sehenswürdigkeiten, zweimal das Kinoprogramm vor Ort, orientierte mich mit google-Street-View und nahm chattend Kontakt mit den nächsten QuartiergeberInnen auf. Alles klappte bestens. Und selbst bei einer Reifenpanne hätte ich einen Plan B mit alternativem Bahntransport gehabt.
Vorbei sind die Zeiten, da wir – mit der Landkarte auf den Knien – von Kapfenberg aus an die kroatische Adriaküste fuhren oder mit dem Mietauto von Riga aus das Baltikum erkundeten. Und ehrlich: Ich trauere ihnen nicht nach. Unvorhergesehenes und Überraschungen gibt es auf Reisen ja dennoch jeden Tag. Gut so.
Reiseführer kaufe ich übrigens immer noch. Als Vorbereitung und zur Vorfreude, und weil Blättern auf dem kleinen IPhone-Screen ja nicht wirklich reizvoll ist.

Spaziergang bei den “Seven Sisters”-Cliffs in Südengland

Adventmail 2022/11 (Reisen)

Papstreisen sind spätestens seit Johannes Paul II. kontinuierliches Thema der Kathpress-Berichterstattung. Ich als Inlands-/Kulturredakteur habe damit nur bei Wochenenddiensten zu tun. Aber in Summe erlebte ich seit meinem Einstieg in die Redaktion im Sommer 1993 zumindest am Rande 94 (der insgesamt 104, in 127 Länder führende) Auslandsreisen des Wojtyla-Papstes mit. Weitere 24 apostolische Reisen kamen unter „Paparatzi“ Benedikt XVI. dazu, der inzwischen fußmarode Franziskus brachte es bisher auf 33. Für StatistikfreundInnen unter euch: 161 Papstreisen in knapp 30 RME-Dienstjahren ergeben einen Schnitt von 5,46 Auslandsvisiten pro Jahr.
Mein Liebling unter den drei bisher beruflich erlebten Päpsten, Franziskus, bevorzugt Besuche in Ländern, wo nicht schon Tausende „Jubelperser“ auf ihn warten, sondern er geht gern „an die Ränder“, dorthin, wo er Not und Krisen vorfindet und den dort Besuchten Zuspruch und Trost bieten kann. Oder auch Mahnung zu Humanität und Mitmenschlichkeit. Bergoglio reiste kaum je in reiche, traditionell katholische Länder, sondern u.a. nach Albanien, Sri Lanka, Bolivien, Armenien, Kuba, Myanmar, Irak, Kasachstan und zuletzt Bahrain. Seine erste Reise als Papst, ein „Pastoralbesuch“, legte Franziskus programmatisch an: Sie führte ihn im Juli 2013 auf die mit Flüchtlingen volle Insel Lampedusa.
Ich überlegte in der Redaktion laut, wann die erste Papstreise erfolgte und kam auf eine Überfahrt nach Rom, angetreten von Petrus, der als erster Papst gilt. „Dieser Aufenthalt endete jedoch eher unerfreulich“, merkte mein Zimmergenosse Andreas lapidar an.
Wusstet Ihr übrigens, wann die erste Reise eines Papstes nach Wien erfolgte? Pius VI. (1717-1799, Papst ab 1775) trat sie vor 240 Jahren, zu Ostern 1782, an, um vom Aufklärer-Monarchen Joseph II. kirchenpolitische Zugeständnisse zu erwirken. Der Habsburger empfing den hohen Gast freundlich bei Neunkirchen (NÖ), brachte ihn in den Gemächern seiner 1780 verstorbenen Mutter Maria Theresia in der Hofburg unter, ließ den Papst aber bei Themen wie Ordensauflassungen, Gleichstellung der Protestanten, Steuern für den Klerus oder Schließung von Ordensschulen abblitzen. Pius VI. blieb einen Monat lang, zelebrierte im Stephansdom die Ostermesse, spendete in der Kirche am Hof den Segen „Urbi et orbi“, besuchte u.a. ein Waisenhaus am Rennweg, das Stift Klosterneuburg und wurde von Joseph II. und dessen Bruder Max Franz zum Abschied am 22. April 1782 bis Mariabrunn bei der heutigen Westeinfahrt Wiens begleitet.

Palmyra (Syrien), aufgenommen 2007, vor dem Krieg und den Zerstörungen dort durch die IS-Terroristen