Adventmail 2024/10 (Farben)

Fußball spielt – obwohl ich als Jugendlicher Sportreporter werden wollte – in meiner journalistischen Arbeit nur selten eine Rolle. Einmal lud Christoph Pelczar, polnisch- und auch sonst stämmiger Priester aus Weikendorf im Weinviertel sowie lange Jahre „Rapid-Pfarrer“, meinen Chef und mich zu einem Match Rapid vs. Sturm Graz ein – für die absehbar gewogene Berichterstattung der Kathpress durften wir sogar in die VIP-Lounge in St. Hanappi. Pelczar ist ein witziger Typ, sehr kommunikativ, energiegeladen, ein stiernackiger Fußball-Enthusiast, der Hochzeiten und Taufen innerhalb der Rapid-Familie im grünweißen Talar zelebrierte.

Doch vor nicht einmal einem Jahr geriet der Priester ins Visier eingefleischter Rapid-Anhänger, als er Obmann des SV Stripfing wurde, des Zweitligisten in seinem Weinviertler Pfarrgebiet. Manche nannte ihn „Judas“ dafür, dass er damit ausgerechnet den Kooperationsklub der Wiener Austria übernahm. Wer grünweiße Scheuklappen trägt, für den ist Annäherung an die Violetten aus Wien-Favoriten, die Rapid-Erzfeinde, ein No-Go.

Und es kam noch dicker: In Pelczars „persönlichem Champions-League-Finale“ warf der David aus der 2. Liga den Bundesliga-Goliath Rapid mit 2:1 aus dem ÖFB-Cup. Pelczar frohlockte im ORF-Sport: „Alle Gebete wurden erhört“, „Glaube versetzt Berge“, es ist „wie Weihnachten und Ostern“ zusammen, sprudelte es aus dem Glückseligen. Die blamierten Rapidler, ihm bestens bekannt, tröstete er: „So ist Fußball.“

Seit Anfang November ist der um Fankultur jenseits von Fanatismus bemühte Priester nicht mehr „Rapid-Pfarrer“. Rapid-Ultras hatten ihm per Transparent u.a. ausgerichtet: „Scher dich zum Teufel!“

Was in Wien grün gegen violett, ist in Graz schwarz gegen rot. Zwei deklarierte Sturm-Graz-Anhänger im Bischofsamt, Franz Lackner (Sbg.) und Wilhelm Krautwaschl (Graz-Seckau), wurden doppelinterviewed, für ein Buch über den „Doublejubel“ der Grazer „Blackies“ in der Erfolgssaison 2023/24 mit Siegen in Meisterschaft und Cup. Seine Diözese plane eine Initiative mit dem Ziel, „bewusst zu machen, dass Fan-Sein nicht heißt, den anderen runterzumachen“, ließ Krautwaschl dabei laut meinem Kathpress-Bericht wissen: „Wir wollen Rivalität, aber mit Respekt.“

Er selbst versuche das vorzuleben, berichtete Krautwaschl: Als steirischer Bischof sehe er sich Matches auch der Liga-Konkurrenten GAK und Hartberg an „und mein Dress ist dann halt immer unterschiedlich“. Beim GAK sei das Hemd gemäß den Vereinsfarben rot und in Hartberg blau. „Schwarz-weiß bin ich ja sowieso.“

Diese Farb-Flexibilität veranlasste Erzbischof Lackner zu einem amtsbrüderlichen Tadel: „Das geht ja überhaupt nicht.“ Auch das von Krautwaschl bei der Sturm-GAK-Versöhnungsinitiative ins Treffen geführte biblische Motto „Liebe deine Feinde“ kommentierte Lackner trocken: „Das geht beim Fußball nicht. Respektieren ja. Aber lieben? Nein.“

Adventmail 2024/09 (Farben)

Dass sich Herbert Kickl über einen Wahlsieg der Roten freut, kommt sicher nicht oft vor. Am 6. November war es so weit. Denn da stand der Sieg Donald Trumps bei der tags zuvor abgehaltenen US-Präsidentschaftswahl fest. Die vom Kandidaten der (immer autoritärer, wissenschafts- und migrantenfeindlicher, nationalistischer und Faschismus-unempfindlicher werdenden) Republikaner gewonnenen Bundesstaaten tauchten die USA überwiegend in aggressives Rot, die blauen, von der Demokratin Kamala Harris gewonnenen Staaten waren klar in der Minderheit.
In Europa sind traditionellerweise Sozialdemokraten/Sozialisten/Kommunisten/Linke die Roten. Rot waren schon die Mützen der Jakobiner während der Französischen Revolution, die sich erfolgreich der Herrschaft des Adels entledigten. Davon hat sich später die Arbeiterbewegung inspirieren lassen und rote Fahnen geschwungen. Und so ist das Rot dann auch die Farbe der als SDAP gegründeten Sozialdemokratie in Österreich geworden. Einen etwas dunkleren Rotton wählten die Kommunist:innen als Parteifarbe. Auch in anderen EU-Staaten ist diese Rot-Links-Verbindung üblich.
Anders bei den Christdemokraten. Die ÖVP war jahrzehntelang schwarz. Diese Farbe verweist historisch auf die Gewänder der katholischen Priester; wie die CDU/CSU in Deutschland trat die Volkspartei als christlich ausgerichtete Mitte an. Das blieb auch noch so, als sich die ÖVP als überkonfessionell bzw. allen Religionsgemeinschaften gegenüber offen definierte und sich auch die Kirche aus dem Schulterschluss mit der Christdemokratie während der Zwischenkriegszeit löste. Eine neue Farbgebung führte erst Sebastian Kurz 2017 mit seiner „Neuen Volkspartei“ ein. Aus dem etwas altvaterischen Schwarz wurde Türkis; und nach Bastis unrühmlichem Abgang beschloss die Partei, weiterhin bei der neuen Farbe zu bleiben.[33]
Auch Kurz-er Erfolg weckte im Nachbarland Sehnsüchte: 2023 gab sich die CDU ein neues – türkises – Logo.
Das Blau der FPÖ leitet sich u.a. von der blauen Kornblume ab. Diese galt Anfang des 19. Jahrhunderts als Symbol für Natürlichkeit in der Zeit der Romantik, wurde später dann aber auch verwendet als Erkennungszeichen der illegalen Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1938. Die FPÖ selber sagt, die Kornblume sei ein Symbol für die bürgerliche Freiheitsbewegung von 1848 und Blau sei eine oft verwendete Farbe bei liberalen Parteien in Europa. Und blau ist auch die FPÖ-Schwesterpartei in Deutschland, die AfD.
Dass eine Umweltschutzpartei zu den Grünen wird, liegt nahe. Grün steht für die Natur. Wobei auch islamische und Bauernparteien diese Farbe verwende(te)n. Und bei den NEOS hat man sich u.a. deswegen für Pink bzw. Magenta entschieden, weil das bei der Parteigründung eine der wenigen Farben war, die noch nicht vergeben war.
Aber auch Gelb wird mit Liberalismus assoziiert, etwa die FDP oder das Bündnis „Renew Europe“ im Europäischen Parlament, dem auch die NEOS angehören. In Österreich gibt es auch eine kaum wahrgenommene Partei „WIR – die Gelben“, die u.a. für ein Bedingungsloses Grundeinkommen und gegen das Covid19-Gesetz auftreten.
Braune Parteien wird’s aus gutem Grund wohl nicht so rasch wieder geben. Aber warum eigentlich keine bunten, regenbogenfarbigen? Das hätte doch was…

Adventmail 2024/08 (Farben)

In der heutigen Fortsetzung zunächst die Mischfarben.
Grün ist die Farbe der Natur und symbolisiert Ausgeglichenheit, Erneuerung und Harmonie. Sie hat eine stark beruhigende Wirkung und steht in Verbindung mit Gesundheit und Wohlstand. Da Grün die Augen am wenigsten anstrengt, empfinden wir es als besonders angenehm und entspannend. In der Farbpsychologie wird Grün oft als die neutralste und erholsamste Farbe betrachtet, was sie ideal für Räume macht, in denen man sich erholen und regenerieren möchte, z. B. in Schlafzimmern oder Wohnzimmern. Auch in Arbeitsumgebungen kann Grün förderlich sein, da es die Konzentration verbessert und Stress reduziert.
Orange kombiniert die Energie von Rot mit der Fröhlichkeit von Gelb. Es ist eine warme, einladende Farbe, die Geselligkeit, Vitalität und Freude vermittelt. Orange wird oft als belebend empfunden, ohne die Aggressivität von Rot zu haben. Es eignet sich gut für Gemeinschaftsräume wie Wohnzimmer oder Essbereiche, da es das Gefühl von Wärme und Gemütlichkeit verstärkt. Zu viel Orange kann jedoch unruhig wirken, weshalb es meist sparsam als Akzent eingesetzt wird.
Violett war früher dem Adel und hochgestellten Klerikern vorbehalten. Es symbolisiert daher Macht und Magie. Die Farbe ist eine der widersprüchlichsten in der Farbpsychologie. Einerseits ist Violett Ausdruck von hohem Anspruch, mentaler Autonomie und Souveränität, weshalb die Farbe oft im Zusammenhang von Religion, Sexualität oder Luxus verwendet wird. Sie steht aber auch für Mystizismus, Fantasie und Nostalgie.
Weiß steht für Reinheit, Klarheit und Unschuld. In der Farbpsychologie symbolisiert Weiß auch Neuanfang und Einfachheit. Es vergrößert optisch den Raum und gibt ihm eine offene, saubere Atmosphäre. Weiß ist eine neutrale Farbe, die Ruhe und Ordnung vermittelt. Allerdings kann ein komplett weißer Raum schnell steril und unpersönlich wirken, weshalb es ratsam ist, Weiß mit anderen Farben zu kombinieren, um Wärme und Tiefe hinzuzufügen.
Schwarz wird oft als elegant, kraftvoll und geheimnisvoll wahrgenommen. Siehe „das kleine Schwarze“, das sich Frauen anziehen. Es symbolisiert Autorität, Seriosität und Abgrenzung. Siehe die Talare der Priester. • Schwarz zieht den Blick an und kann Tiefe und Ernsthaftigkeit symbolisieren. Es wird häufig mit Dominanz und Selbstbeherrschung assoziiert. Gleichzeitig dient Schwarz als neutrale Basis, die andere Farben verstärkt und hervorhebt.
Braun ist die Farbe der Erde und des Holzes und somit auch Symbol für natürliche Schönheit und natürliche Produkte. Überdies vermittelt es den Eindruck von Ganzheitlichkeit und Bodenständigkeit. Braun wird mit Stabilität und Sicherheit assoziiert. Es vermittelt das Gefühl, dass man sich auf etwas oder jemanden verlassen kann. In manchen Kontexten kann Braun auch als langweilig oder altmodisch (Tracht!) wahrgenommen werden.

Adventmail 2024/07 (Farben)

Rote Bekleidung bei Frauen führt zu einer signifikant höheren Kontaktrate bei Dating-Websites im Vergleich zu Frauen mit andersfarbigem Outfit. Das hat die Wissenschaft festgestellt, die auch weiß, dass Marmelade Fett enthält. Rot ist eine sehr kraftvolle und energiegeladene Farbe. Sie steht in Verbindung mit Leidenschaft, Liebe, Wärme, aber auch mit Aggression (Kriegsgott Mars!) und Aufregung. Rot stimuliert den Blutkreislauf und erhöht die Herzfrequenz, weshalb es als anregende und aktivierende Farbe gilt.
Die Farbpsychologie beschäftigt sich mit der Frage, welche psychologischen Reaktionen bestimmte Farben hervorrufen und was das für die Gestaltung der Umwelt bedeutet. Rot schüchtert offenbar auch ein: Sportler mit rot gekleideten Gegnern verlieren beispielsweise häufiger und sehen Schüler vor einem Test rot, schneiden sie schlechter ab. Rot ist eine Farbe, die Aufmerksamkeit erregt und dominieren kann. Sie wird oft in Bereichen eingesetzt, wo Aktivität gefördert oder – wie bei Verkehrstafeln – Aufmerksamkeit erzielt werden soll.
Farben haben generell eine starke Wirkung auf unsere Emotionen, Wahrnehmungen und Stimmungen, heißt es. Wohl wahr, denn wenn ich morgens in eine graue Frühwinternebelsuppe blicke, ist meine Gemütslage anders als bei strahlend blauem Herbsthimmel und gelbwarmen Sonnenstrahlen auf bunt verfärbtes Laub.
Heute und morgen (als Teil 2) ein paar farbpsychologische Anmerkungen zu den wichtigsten Farben.
Blau – die Lieblingsfarbe meiner Kindheit – hat eine beruhigende und entspannende Wirkung auf den Geist. Es steht für Ruhe, Frieden, Harmonie und Vertrauen. Es ist sicher kein Zufall, dass die ORF-Startseite im Internet ebenso in Blau gehalten ist wie das ZiB-Studio. Angeblich senkt Blau den Blutdruck und verlangsamt den Herzschlag, weshalb es als ideal für Entspannungsräume wie Schlafzimmer oder Büros gilt, in denen konzentriertes Arbeiten wichtig ist.
Besonders helle Blautöne erinnern an den Himmel und das Meer, was ein Gefühl der Weite und Frische vermittelt. Die Jesusmutter Maria ist auf Gemälden oft in Blau gewandet und schlägt damit auch optisch die Brücke zum Himmel. Dunklere Blautöne können jedoch auch kühl und distanziert wirken.
Gelb – das ich lange Zeit nicht besonders mochte – wird als fröhliche, sonnige und optimistische Farbe wahrgenommen. Sie steht für Glück, Energie und Kreativität. Gelb stimuliert die geistige Aktivität und fördert die Kommunikation. Helle Gelbtöne können eine positive, freundliche Atmosphäre schaffen und sind daher ideal für Küchen oder Essbereiche. Allerdings kann ein intensives Gelb auf Dauer auch reizend wirken und bei empfindlichen Menschen Unruhe auslösen.
Farbwirkungen haben auch etwas mit dem Lebensumfeld zu tun: Wüstenbewohner, die unter der verbrennenden Hitze leiden, reagieren aggressiv auf gelbe Farbtöne. Menschen, die in Gebieten leben, in denen die Sonne nicht so oft scheint, reagieren dagegen eher gut gelaunt auf Gelb.
Gelb in Kombination mit Schwarz ist in der Natur eine Warnfarbe. Für giftige Tiere ist diese Kombination typisch – Bienen, Hummeln, Wespen oder der Feuersalamander signalisieren potenziellen Fressfeinden: keine brauchbare Beute. BVB-Fans wissen, was damit gemeint ist.

Adventmail 2024/06 (Farben)

Einmal im dunkelblauen Anzug (den ich kurz davor auch zur Sponsion trug), das zweite Mal in schmucker Tracht (die sonst kaum je verwende) – das war mein Outfit der beiden Hochzeiten 1986 und 2018, bei denen ich als Bräutigam eine Hauptrolle innehatte. Die Braut trug im ersten Fall ein elegantes dunkelgrünes Kleid, im zweiten Fall ein hübsches Dirndl.
Die Tradition, dass Bräute in Europa ganz in Weiß heiraten (und dieses Kleid dann auch nur einmal tragen), hat sich erst ab dem 19. Jahrhundert durchgesetzt. Einen Anstoß dazu gab Queen Victoria von England, die im Februar 1840 ihren Cousin Albert von Sachsen-Coburg und Gotha ehelichte. Die damals 20-Jährige, sie war bereits seit zweieinhalb Jahren auf dem Thron, trug dabei ein weißes Seidenkleid und wurde zum Role Model für viele Frauen der besseren Gesellschaft. Zuvor war Weiß keine besonders weit verbreitete Farbe für Hochzeitskleider, da es als unpraktisch galt und es lange Zeit den Brauch gab, dass Witwen nach dem Tod ihres Mannes keine schwarze, sondern weiße Kleidung trugen.
Vor der Verbreitung des weißen Brautkleids trugen Frauen in Europa bei ihrer Hochzeit oft ihre beste oder festlichste Kleidung, unabhängig von der Farbe. Diese Kleider waren in vielen Fällen in dunklen, kräftigen Farben wie Blau, Rot, Grün oder sogar Schwarz gehalten, da diese Töne langlebiger und praktischer waren. Für viele Frauen war das Hochzeitskleid ein Kleidungsstück, das sie nach der Hochzeit weiter trugen, sodass es nicht unbedingt spezifisch für die Hochzeit gestaltet wurde.
Das weiße Hochzeitskleid ist in Europa somit ein relativ junges Phänomen und erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts als Symbol für Reinheit, Unschuld und Neuheit gängig. Diese Symbolik tritt wohl etwas in den Hintergrund – nicht nur bei feministisch gesinnten Paaren wie in meinen Fällen. Wer jedoch „Wien weißes Hochzeitskleid kaufen“ googelt, merkt schnell, dass längst nicht alle so gestrickt sind.

Adventmail 2024/05 (Farben)

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich zuletzt so richtig „blau“ war. Muss Jahrzehnte her sein. Mit blau gemeint ist betrunken, rauschig, aug’soffn, bumzua, og’füüt, blunznfett – nicht politisch (never ever). Der Ausdruck „blau sein“ für den alkoholisierten Zustand hat angeblich tatsächlich etwas mit der Farbe Blau und der mittelalterlichen Färberei zu tun. Indigo als Färbemittel war damals recht teuer und wurde meist durch die heimische Pflanze „Färberwaid“ ersetzt.
Für das Verfahren brauchte man Sonne, heißes Wetter – und Männer, die viel Alkohol tranken. Für eine zufriedenstellende Farbgewinnung hätte die direkte Zugabe von Alkohol an sich genügt, aber dann wäre das Färben wieder teurer geworden – und weniger feuchtfröhlich. Also wählte man den Umweg „Mann“ und dessen alkohollastigen Urin. Die Blätter des Färberwaids wurden in einen Trog gelegt, dann musste Flüssigkeit darauf, bis sie bedeckt waren. Daher tranken die Färber den ganzen Tag Bier – und pinkelten in den Behälter.
Die Erzeugung der Farbe Blau erforderte neben Gärung aber auch Sonneneinstrahlung. Daher sah die Arbeit der Färber so aus: in der Sonne liegen, viel Alkohol trinken, in den Bottich pinkeln und ab und zu umrühren. So kam es zur Umschreibung „blau“ für „betrunken“ sein, die Färber waren aber nicht nur blau, sie machten auch blau.
Und auch der „blaue Montag“ rührt angeblich daher: Gefärbt wurde in der Regel am Sonntag, so dass die Gesellen tags darauf betrunken neben ihren Erzeugnissen lagen und auf das „Farbwunder“ warteten. Davor hatten sie die Stoffe aus den Trögen geholt und im Freien zum Trocknen aufgehängt. Denn erst durch die Oxidation an der Luft verwandelte sich das gelbe Indoxyl – die Farbstoff-Vorstufe bei der natürlichen und synthetischen Herstellung von Indigo – in das gewünschte Blau. Weil die Färber dabei kaum arbeiteten, entstand aus dem technischen Vorgang des Blaumachens die Redewendung für „Nichtstun“.

Adventmail 2024/04 (Farben)

„Das Fräulein stand am Meere / Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre / Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter, / Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter / Und kehrt von hinten zurück.“

Das dichtete Heinrich Heine (1797-1856), nachdem er seine romantische Phase mit einem kräftigen Schuss Ironie hinter sich gelassen hatte. Er karikiert die idyllisierende Betrachtung eines allbekannten Naturgeschehens und parodiert Motive, die in der Romantik von zentraler Bedeutung waren; der Sonnenuntergang stand für den Übergang vom Endlichen in das Unendliche.
Ich spotte ja auch gern, aber bei Sonnenuntergängen fehlt mir jeder Hang zum lapidaren „so what?!“ Wie oft stand ich schon am Meere – nein, ich saß eher – und sah dem uns allen Leben schenkenden Feuerball beim vermeintlichen Ins-Wasser-Eintauchen zu, immer wieder von Neuem begeistert vom himmlischen Farbenspiel.
Ich hab mein Fotoarchiv nach Sonnenuntergängen durchforstet und stelle hiermit meine schönsten (No-filter-)Fotos ins heutige Adventkästchen…

Adventmail 2024/03 (Farben)

In Kathpress-Meldungen kommt immer wieder mal die „Regenbogenpastoral“ vor. Das ist keine Initiative, die den im Buch Genesis vorkommenden Regenbogen als Zeichen des Bundes zwischen Gott JHWH und dem nach der Sintflut verbliebenen Rest der Menschheit („Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen…“ – na gottseidank aber auch) hervorhebt. Vielmehr geht es um die innerkirchlich nicht unumstrittene Hinwendung zur Gruppe der „Queer“.
Der Regenbogen ist heute ein weithin anerkanntes Symbol der LGBTQ+-Bewegung und symbolisiert Vielfalt, Stolz und die Einheit aller Geschlechter und sexuellen Orientierungen. Den Anstoß dazu gab wohl der US-Künstler und Aktivist Gilbert Baker, der 1978 auf Anregung des Stadtrats von San Francisco und ersten offen schwulen Politikers in den USA, Harvey Milk, die erste Regenbogenfahne entwarf. Deren Buntheit sollte die Diversität und Einzigartigkeit der queeren Gemeinschaft repräsentieren. Inzwischen existieren viele Versionen der Regenbogenfahne, darunter die „Progress Pride Flag“, die zusätzliche Farben enthält, um marginalisierte Gruppen innerhalb der LGBTQ+-Community, wie „People of Color“ und Transgender-Personen, besser zu repräsentieren.
Trotz der inzwischen großen Verbreitung der Regenbogenfahne gibt es immer wieder auch Konflikte r und um das, wofür sie steht. In vielen konservativ geprägten Gesellschaften und Staaten mit einer starken religiösen Prägung gelten LGBTQ+-Rechte als kontrovers und als Beleg einer westlich-liberalen, „woken“ Agenda, die angeblich traditionelle Werte und Moralvorstellungen bedroht. Beispiele hierfür sind Putins Russland, Polen unter der PIS-Partei, zuletzt Georgien, Saudi-Arabien, Iran und afrikanische Staaten wie Uganda und Nigeria, wo Homosexualität teils streng verboten ist und LGBTQ+-Personen strafrechtlich verfolgt werden.
Apropos: Eines meiner ersten Interviews in den 1980ern als Mitarbeiter des kritischen „Kirche Intern“-Magazins führte mich in die Wiener Rosa Lila-Villa. Der Sprecher der Initiative „Homosexualität und Kirche“ (HuK), Johannes L., erzählte mir damals u.a., der Präfekt der Glaubenskongregation Joseph Ratzinger sei schwul. Das Magazin heißt heute „Kirche In“, der Villa steht Türkis voran, das „Kirche“ in HuK wurde zu „Glaube“, der Glaubenshüter wurde Papst Benedikt XVI. So ändern sich die Zeiten.

Adventmail 2024/02 (Farben)

Am Sonntag, dem 17. November, um 18 Uhr war es soweit: Der Hashtag lautete #eXit, ein Wortspiel für den Ausstieg aus der Social-Media-Plattform X (früher: Twitter). Dutzende österreichische Medienmacher und andere bekannte Persönlichkeiten legten ihre Accounts still – darunter Ingrid Brodnig, Florian Klenk, Corinna Milborn und Michael Jungwirth. Die Initiative kam von ZiB2-Moderator Armin Wolf, der in seinem Blog schrieb, mit Twitter und im Kontakt mit seinen 600.000 Followern sei es lange „schön“ gewesen. „Ich hätte mir meinen Job in den letzten 16 Jahren ohne Twitter gar nicht vorstellen können im tagesaktuellen Journalismus.“ So habe er dort viele interessante Leute kennengelernt, sich auch sehr amüsiert und sei auf viele Dinge gestoßen, die er sonst nie erfahren hätte, erinnerte sich der von mir sehr geschätzte ORF-Anchorman.
Doch in den letzten Jahren habe sich X „täglich immer weiter radikalisiert“. Seit der Übernahme durch Elon Musk sei es „voller Lügen, aggressiv“, ja, „toxisch“ geworden. Irre hätten X überflutet, Propaganda-Bots, Neonazis, Rassisten, Sexisten, Incels und Verschwörungs-Paranoiker. Deren Inhalte seien durch den Algorithmus nach oben gedrängt worden. Musk selbst sei dabei wie der „Über-Troll“ aufgetreten und habe auch Verschwörungstheorien verbreitet, so Wolf.
Für viel Aufmerksamkeit sorgte ein „Interview“, das Musk mit Trump im US-Wahlkampf auf X führte. Musk ließ Trump seine Falschbehauptungen unwidersprochen verbreiten – unter anderem über Migration, wo der nunmehr Gewählte mit völlig übertriebenen Zuzugszahlen hantierte. „Der hat eine Propaganda-Bude daraus gemacht für seinen Freund Donald Trump. Und das finde ich problematisch bei jemandem, der sagt, sein oberstes Kriterium ist free speech“, erklärte Wolf.
Wie viele andere genervte X-Nutzer wechselte er zu Bluesky. Das sei so etwas wie Twitter vor zehn Jahren, sagte Wolf über den seit 2021 bestehenden Mikroblogging-Dienst. Seit heute, da ich das schreibe (28.11.), ist auch Kardinal Christoph Schönborn – als erster österreichischer Bischof – im blauen Himmel präsent. Der User:innen-Zuwachs lag bei Bluesky Ende November bei circa 250.000 neuen Nutzern pro Tag, hieß es. Auch ich als einer, der findet, die sozialen Medien brauchen Regularien zum Schutz der Demokratie, flattere mit dem blauen Schmetterling mit.

Adventmail 2024/01 (Farben)

Es geht diesmal, wie angekündigt, um Farben.
Als ich im Winter 2004/05 in die autofreie Mustersiedlung in Wien-Floridsdorf übersiedelte und ich damit für mein noch recht frisches Single-Dasein nach der Scheidung eine eigene Heimstatt fand, bemalte ich zwei Wände in meiner neuen Maisonette-Wohnung mit einem Terracotta-Farbton. Das sollte Aufbruch signalisieren, Lebendigkeit, Power für den neuen Lebensabschnitt. Nach einiger Zeit folgte im unteren Zimmer – der Reihe nach bewohnt von meinen studierenden Söhnen – ein Anstrich in Türkisblau und Gelb.
Damals dachte ich noch nicht daran, dass mir beim Wiederausziehen auferlegt werden würde, die Wände wieder übergabefreundlich, d.h. in übermalungsgeeigneten hellen Farbtönen zu hinterlassen. Vor dem Umzug in die Wohnung meiner Liebsten jenseits der Bezirksgrenze in der Donaustadt plagte ich mich somit noch tagelang damit, die betreffenden Wände erblassen zu lassen – was gar nicht leicht war. Außerdem ist die Motivation enden wollend, sich noch ausgiebig einer Altwohnung zu widmen, wenn man schon in einer schöneren neuen lebt.
Seit Herbst 2018 wohne ich in einer Wohnung, deren vier Zimmer ich je unterschiedliche, geschmackvolle Farbgestaltungen vorfand. Im südseitig gelegenen Wohnzimmer z.B. harmoniert eine Wand in Brombeerton mit freundlichem Gelb, im Schlafzimmer ergänzen sich Lila und Zartrosa, meinem Arbeits- und Rückzugsraum habe ich umgestaltet: Nun trifft eine Tapete in Steinmauerdesign auf Wände in hellem Beige. Am ungewöhnlichsten – nämlich rundum in dunkelviolett gehalten – ist die Toilette.
Es stehen Erneuerungen an. Denn bei der Erstbemalung vor mittlerweile 20 Jahren wurde auf die Beständigkeit der Wandfarben noch kein Augenmerk gerichtet. Was z.B. dazu führt, dass unter dem jährlich wechselnden großformatigen Landschaftskalender im Wohnzimmer die Brombeerfarbe noch deutlich frischer wirkt als auf dem Rest der Wand. Ein schönes Projekt für die demnächst beginnende „bunte“ Zeit nach der Phase der Vollerwerbsarbeit…