Adventmail 2017/10 (Thema Geheimnisse)

„Geheymniß“ ist ein Nomen, das erst durch Martin Luther und seine Bibelübersetzung vor 500 Jahren in der deutschen Sprache verbreitet wurde. Schon davor gebräuchlich war das Adjektiv und das Substantiv „geheim“, n., das im Spätmittelhochdeutschen „zum Heim bzw. Haus gehörig“ bedeutete und über „vertraut“ in seine heutige Bedeutung überging.
Was mir Kluges Etymologisches Wörterbuch weiter verrät: Das in allen germanischen Sprachen im Sinn von „Heimat eines Stamms“ verwendete Nomen „Heim“ war im Deutschen vom 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts praktisch unbekannt. Danach hielt es unter englischem Einfluss („home“) wieder Einzug.
Im Englischen hat „Geheimnis“ jedoch einen anderen Wortstamm jenseits von „home“: „secret“ kommt vom lateinischen Verb „secernere“, dt. absondern, trennen. Es fand zuerst ins Altfranzösische Eingang („le secret“) und überquerte dann den Ärmelkanal.
„Sekret“ im Deutschen wiederum ist alles andere als ein (süßes) Geheimnis, wird nicht umsonst mit Schleim, Drüsen und übelriechend assoziiert. Dazu würde „Gerücht“ passen, eine Art Geheimnis, das anrüchig sein mag … aber das geht jetzt zu weit.

Geheimtipp Gregor:
Eigentlich gibt es beim Geldanlegen keine Geheimtipps, schreibt “Investmentpunk” Gerald Hörhan, “es sei denn, sie kommen von einem Insider, und der macht sich strafbar. In den meisten Fällen ist der Tippgeber ein Aufschneider.” Daher Anregungen, die nicht geheim sind:
-) Du willst dein Geld nicht sinnlos in den internationalen Finanzmarkt stecken? Dann darfst du es auch nicht am Konto liegen lassen (weil die Bank sonst dasselbe macht, dir aber den Profit vorenthält). Schau dir die „Bank für Gemeinwohl“ an und werde Gesellschafter! Ihr fehlt nur noch 1 Mio. Kapital (von 5 Mio.), um eine echte Bank zu gründen.
-) Staatsanleihen. Griechische geben immer noch 5% Zinsen!
-) MSCI World ETF oder anderer Indexfond, der die Performance vieler großer Unternehmen abbildet. >10% jährliche Rendite in den letzten Jahren.

Adventmail 2017/09 (Thema Geheimnisse)

Apropos Klosterbibliothek: In einer der prächtigsten weltweit, in jener als „achtes Weltwunder“ bezeichneten von Stift Admont, gibt es eine Geheimtür im Buchregal „Theologie“. Darüber, wofür sie benutzt wurde, lässt uns Wikipedia, wo ich diesen Hinweis samt Fotos fand, im Unklaren. Auch sonst gibt das Internet keine Auskünfte darüber.
Egal. Zu Geheimtüren oder -gängen gibt es immer wieder schöne Geschichten. Etwa jene, dass sich der italienische Mafiaboss Guiseppe Setola am 12. Jänner 2009 dem Zugriff der Polizei durch einen Geheimgang unter seinem Haus ins städtische Abwassersystem der Gemeinde Trentola Ducenta entzog. Der als psychopathischer “Schlächter” gefürchtete Verbrecher hielt sich in einer kleinen Einzimmerwohnung bei Neapel versteckt, als etwa 50 Carabinieri auftauchten. Die Beamten fanden – zu spät – unter dem Bett eine Geheimtür in die Kanalisation vor, die mit einem komplizierten Verschlusssystem gesichert war. Setola war zusammen mit zwei Bodyguards in einem bereitgestellten Auto entkommen. Allerdings verletzte er sich dabei und ließ sich in einer Klinik behandeln. Die Polizei bekam Wind davon und nahm den Camorra-Capo doch noch fest.
Eine Art Geheimgang ist auch das weitverzweigte Verbindungsnetz zwischen dem Bundeskanzleramt und der Präsidentschaftskanzlei in der Wiener Innenstadt. Aufgrund massiver Proteste gegen die damalige schwarzblaue Regierung entschieden sich Geradenochnichtkanzler Wolfgang Schüssel und sein Kabinett am 4. Februar 2000, nicht oben über den Ballhausplatz, sondern unterirdisch zur Angelobung durch Bundespräsident Thomas Klestil zu gehen. Seit damals wird der Gang scherzhaft “Schüssel-Allee” genannt.

Adventmail 2017/08 (Thema Geheimnisse)

Das könnte heute nicht mehr so leicht passieren: ein Streit zwischen dem Papst und dem Bettelorden der Franziskaner, der tödliche Folgen hat. Der große Wissenschaftler und pointierte Erzähler – eine wahrhaft seltene Kombination! – Umberto Eco siedelt seinen philosophischen Mittelalter-Krimi „Der Name der Rose“ just vor dem Hintergrund eines Konflikts um den Stellenwert der Armut bei der Nachfolge Christi an, der vor 700 Jahren tatsächlich schwelte.
Aber das ist längst nicht das einzige Thema von Ecos vielschichtigem Roman, der zu meinen Top-Five-Ever gehört. Im Mittelpunkt steht ein vom greisen Bibliothekarsmönch Jorge von Burgos gehütetes Geheimnis um das verschollene „Zweite Buch der Poetik“ des Aristoteles, in dem – nach der Tragödie im ersten Teil – die Komödie behandelt wird. Jorge hält die in diesem Buch vertretene positive Einstellung zur Freude und zum Lachen für gefährlich, subversiv und einem auf Gottesfurcht fußenden Glauben abträglich. „Die Komödien wurden geschrieben, um die Leute zum Lachen zu bringen, und das war schlecht“, so Jorge im Roman. „Unser Herr Jesus hat weder Komödien noch Fabeln erzählt, ausschließlich klare Gleichungen, die uns allegorisch lehren, wie wir ins Paradies gelangen, und so soll es bleiben.“
In der Bibel kommt tatsächlich keine einzige Stelle vor, in der Jesus gelacht hätte. Was er natürlich getan hat, so wie – ebenfalls unerwähnt – waschen, singen, schnäuzen, pinkeln.
Bereits zehn Jahre vor Eco schrieb der austro-amerikanische Religionssoziologe Peter L. Berger (den ich in der KHG Graz mal live erlebte) in „Auf den Spuren der Engel“ über Humor. Dieser sei ein Hinweis auf die Transzendenzfähigkeit des Menschen: Humor (er)schafft Alternativen zum banal Realen, zum Unerträglichen, gibt das vermeintlich Unverrückbare der Lächerlichkeit preis, transzendiert somit Wirklichkeit.

Ein (zu Unrecht?) seltener Anblick: lachender Jesus

Umberto Eco lässt Jorge die Klosterbibliothek anzünden, damit die „Komödie“ des antiken Philosophen nicht in falsche Hände gerate und Wirkung entfalte. Dabei kommt er, wie ein Häretiker auf dem Scheiterhaufen, selbst in den Flammen ums Leben.
Wer’s noch nicht getan hat: „Der Name der Rose“ ist ein Must-Read!

Geheimtipp Norbert:
Mein Geheimtipp ist das Release des Songs „ENGELN“ vom 2018 erscheinenden Album “LOCKER UND LEICHT SCHWER”, ganz frisch auf YouTube gestellt. Der Song stammt von meinem Singer-Songwriter-Alter Ego „dog&SCHWOAZ“ (Hörproben: http://dog.schwoaz.com); Kontakt bzw. Newsletter: dog@schwoaz.com.

Adventmail 2017/07 (Thema Geheimnisse)

Mein Gott, werden sich vielleicht einige von Euch denken, wenn Sie dieses Kästchen lesen, hat’s der alte Depp jetzt nötig, sich für Damenunterwäsche zu interessieren, wenn er über „Victoria’s Secret“ fabuliert?! Dazu erstens: Ich richtete mein Augenmerk schon in jüngeren Jahren (z.B. im Quelle-Katalog) gerne mal auf Dessous, und zweitens war und ist mein Interesse natürlich rein akademisch.
Der ehemalige Hamburger Museumsdirektor Torkild Hinrichsen z.B. gab einen Sammelband über die Kulturgeschichte der Unterwäsche mit dem reiz(wäsche)vollen Titel „Leibhaftig – Doppelripp und Spitzentraum“ heraus. Das Buch behandelt die „verborgenen“ Dinge, die der Mensch morgens als Erstes anzieht und abends als Letztes ablegt. Und das im Wandel der Zeit mit ihren Hüftpolstern, Korsagen, Wonderbras und Stringtangas. Um den Blick auf das Darunter nicht zu ernst ausfallen zu lassen, sind die zahlreichen Illustrationen mit augenzwinkernden Comics, Cartoons und Postkarten zum Thema aufgelockert.
Die Bandbreite des möglichen Untendrunter ist enorm: Sie reicht vom alljährlich präsentierten „Fantasy Bra“, einem juwelenbesetzten BH als dem Höhepunkt der jährlichen „Victoria’s Secret Fashion Show“ (das 15 Millionen Dollar teure Exemplar aus dem Jahr 2000, getragen von Gisele Bündchen, ist im Guinness-Buch der Rekorde als teuerstes Wäscheteil ever verzeichnet), bis hin zum „Liebestöter“. Darunter versteht man Kleidungsstücke, die sich negativ auf die erotische Anziehung auswirken – ursprünglich lange Männerunterhosen.
Und dabei muss ich an die Geschichte denken, die mir mein Bruder mal über einen steirischen Landespolitiker erzählte. Der hatte bei einem vulkanausbruchbedingt zwangsverlängerten Arbeitsaufenthalt in Irland in wohl guinessgeschwängerter Atmosphäre etwas verkündet, was wirklich keiner hören wollte: „Samma uns ehrlich: Wer wechselt wirkli jedn Tog sei Unterhosn…?!“

Adventmail 2017/06 (Thema Geheimnisse)

Zu meinen liebsten Gelegenheiten, die Redaktion zu verlassen, gehören Besuche in Museen. Im Herbst hat sich das umgebaute Wiener Dommuseum bestens in die reichhaltige Wiener Museumslandschaft eingefügt, die erste Sonderausstellung nach fünfjähriger Schließungszeit heißt „Bilder der Sprache und Sprache der Bilder“. Darin wird auch Bezug genommen auf das Faible von Rudolf IV. dem „Stifter“ (1339-1365) für Geheimschriften: Ein kleiner Raum des 1.200 Quadratmeter großen Museums mit Blick auf den von Rudolf initiierten Stephansdom ist voll mit rätselhaften „Hieroglyphen“ des selbsternannten Habsburger-Erzherzogs. Das „Alphabetum Kaldeorum“ wurde zu einem im Mittelalter beliebten Geheim-Alphabet zur Verschlüsselung diplomatischer Korrespondenz, als Urheber wird Rudolf persönlich vermutet. Zu dechiffrieren sind die an die lateinischen Buchstaben angelehnten Zeichen nicht sonderlich schwer, es geht ähnlich wie durch Zahlen wiedergegebene Buchstaben unseres Alphabets: Hat man erst einmal das „E“ als häufigsten Buchstaben, kann man auch auf die restlichen schließen. Diese Spintisiererei des schon als Teenager auf den Herzogstuhl gelangten Rudolf war ihm offenbar so lieb, dass sie sich auch auf dem Scheingrab („Kenotaph“) Rudolfs im Stephansdom findet. Die dortige Inschrift gibt den Namen und Titel des bereits 25-jährig verstorbenen Herzogs wieder.
Eine andere Geheimschrift mit Bezug zu den Habsburgern ist das „Voynich-Manuskript“, ein Schriftstück, das sich einmal im Besitz des Kaisers Rudolf II. (1552-1612) befand, 1912 vom amerikanischen Büchersammler Wilfrid Michael Voynich erworben wurde und jetzt zu den Beständen der Yale University gehört. Fachleute datieren die Handschrift aufgrund von Materialanalysen auf etwa 1500 n.Chr., über den Inhalt weiß man bis heute nichts: Das Manuskript ist in einer bisher nicht identifizierten Schrift und Sprache geschrieben. Ja, es ist nach wie vor unklar, ob der Text überhaupt einen Sinn ergibt. Ehrgeizige Geheimnislüfter und Rätselköniginnen vor – auf nach Yale!

Geheimtipp Claudia ME.:
„unverblümt LOK. Non Profit. Blumen und Accessoires“ ist ein besonderes Blumengeschäft und zugleich ein Beschäftigungsprojekt für Menschen, die aufgrund psychischer Probleme derzeit am ersten Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen können. Man bekommt dort sehr schöne Sträuße und Gestecke, zum Teil aus Fairtrade- und Bioblumen, Topfpflanzen, Kräuter und Gemüsepflanzen, außerdem Dekorationsobjekte und Geschenkartikel aus eigener Produktion und aus anderen Sozialprojekten. Die Einnahmen kommen zur Gänze dem Projekt und seinen betreuten MitarbeiterInnen zugute.
1050 Wien, Krongasse 19/Ecke Margaretenstraße, Mo-Fr 10-19 Uhr; www.lok-unverbluemt.at

Adventmail 2017/05 (Thema Geheimnisse)

Meine Liebste und ich sind in einem Alter, wo wir ganz gerne gemeinsame Fernsehabende verbringen (eine Generationenfrage, für meine Söhne z.B. undenkbar). Wir stießen beim Herumsuchen auf die 2013 mit einem Oscar ausgezeichnete Filmdoku „Searching for Sugarman“, die uns begeisterte – und sich bestens für diese Adventreihe eignet. Denn der „Sugarman“, das ist der mexikanischstämmige US-Musiker Sixto Rodriguez, auf dessen vom Wind verwehte Spuren sich ab 1996 zwei Südafrikaner hefteten. Rodriguez hatte Anfang der 1970er in den USA zwei LPs veröffentlicht, die in seiner Heimat floppten, in Südafrika durch Raubkopien aber bald außerordentlich populär wurden, darunter auch der namensgebende Song „Sugarman“.
Die Recherche der beiden Südafrikaner über den in Vergessenheit geratenen Musiker geriet zu einer Art Rätselrallye, wie die spannende Doku zeigt. Aufgrund der damaligen Apartheid-Politik war ihr Land international isoliert, und über den nur unter seinem Nachnamen firmierenden Liedermacher war lange nichts zu erfahren. Es ging das Gerücht um, Rodriguez habe sich auf offener Bühne erschossen.
Der inzwischen als bescheidener Bauarbeiter Tätige erfuhr nichts von seinem Ruhm fernab der Heimat Detroit, da die Plattenfirma, die seinen Vertrag 1971 gekündigt hatte, ihm den Erfolg verschwieg. Auch in Australien war Rodriguez zum geheimnisumwitterten Star geworden. Eine seiner Töchter bemerkte die Suche nach Rodriguez per Internet und lüftete 1998 das Inkognito ihres Vaters – 27 Jahre nach dessen letzter Plattenaufnahme.
14 weitere Jahre später veröffentlichte der schwedische Regisseur Malik Bendjelloul „Searching for Sugarman“; darin kommt die Suche ebenso vor wie Rückblenden auf die Anfänge eines hochbegabten Songwriters, Interviews mit dem inzwischen abgeklärten Familienvater und das unglaubliche Comeback eines durch wunderbare Umstände wieder auf die Bühne zurückgekehrten Hobbymusikers, der viel zu weise für Eitelkeit oder gar Starallüren geworden war: Rodriguez gab noch 1998 sechs überaus erfolgreiche Konzerte in Südafrika, bis 2007 folgten weitere Konzertreisen nach Europa, Afrika und Australien.

Adventmail 2017/04 (Thema Geheimnisse)

Geheimnis des Glaubens“ – das sagt der Priester im Gottesdienst nach der Wandlung von Brot und Wein zu Leib und Blut Christi. Und die in der Kirche Versammelten antworten: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“
Diese Formel geht geübten Messbesuchern leicht von den Lippen. Und auch ich Gelegenheitskirchgänger reagiere ein bisschen wie der Pawlow’sche Hund auf die Einbegleitung des Priesters und schnurre den Satz korrekt herunter.
Jedoch: Verkünde ich Jesu Tod? Preise seine Auferstehung, in Erwartung einer augenöffnenden Wiederkunft? Nein, tu ich nicht. In den Kontexten, in denen ich mich üblicherweise bewege, erschiene mir das unpassend, ja geradezu peinlich. Darum wusste schon Paulus, als er im Korintherbrief davon schrieb, der öffentlich bekannte Glaube der Christen sei „den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit“.
Und ich denke, vielen Christen geht es so wie mir: Sie leben unbehelligt ihren Glauben (und ihre Zweifel daran) im Stillen, es gibt eine unausgesprochene Übereinkunft mit den Agnostikern und Atheisten ringsum, Glaubensinhalte außen vor zu lassen. Und von Wichtigerem zu sprechen, bei dem man mit Wissen, Esprit und Ironie punkten kann, statt (sich) einzugestehen, wie angekränkelt von des Gedankens Blässe wir oft sind (wie das Schlegel so hübsch formulierte). Dass die Wirklichkeit unbetretene Terrains kennt, in denen wir stolpern, statt stolzieren. Und dass es wunderbar wäre, von allen Unzulänglichkeiten befreit, erlöst zu werden.
Der Schriftsteller Martin Walser bewegte das Feuilleton vor einigen Jahren mit Bekenntnissen wie jenem, “dass ich nicht sagen könne, ob es Gott gebe oder nicht gebe, dass ich nur sagen könne: er fehlt, mir fehlt er”. Er habe sein Leben im Klima des Rechthabenmüssens verbracht. “Gott wäre natürlich prima”, folgerte Walser. “Aber er könnte, wenn es ihn gäbe, nicht deutlicher sein, als er durch seine Abwesenheit ist. So ist er das Wort für alles, was mir fehlt.”
Auch eine Art Geheimnis des Glaubens.

Geheimtipp Manuela: Eine Städtereise nach Tiflis!
Nur 3,5 Flugstunden von Wien entfernt (mit Direktflügen bequem erreichbar) liegt die georgische Hauptstadt, in der moderne Glasbrücken und alte Kirchen aufeinandertreffen. Das Essen ist großartig und die Aussicht von einem der leicht zu erklimmenden Hügel auf die bunt erleuchtete Stadt beeindruckend (Tiflis ist auch für Fremde erwanderbar und wer nicht sportlich sein will, nimmt die Stadtseilbahn)! Wer viel Zeit hat, kann mit dem Zug ans Meer oder mit dem Mietauto in die Berge fahren. Wer wenig Zeit hat, genießt das Leben in Tiblisi. Z.B. im nicht ganz billigen, aber rundum großartigen Rooms Hotel
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Adventmail 2017/03 (Thema Geheimnisse)

Heute eine Verneigung vor dem Journalisten, Geheimnisverräter und Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky, der 1929 die verbotene Aufrüstung der deutschen Reichswehr aufdeckte. Hätte ich den Mumm, wie er ein Whistleblower zu sein? Würde ich wie er einen Artikel schreiben oder zumindest Informationen zugänglich machen, wenn ich z.B. um illegale oder zumindest unethische, christlichen Grundsätzen widersprechende Machenschaften hoher kirchlicher Würdenträger wüsste (was ich nicht tue)? Eher ja, sofern mir die Verfehlung schwerwiegend genug erschiene und meine Anonymität gewahrt bliebe.
Ossietzky wurde während seiner Militärzeit im Ersten Weltkrieg zum Pazifisten und engagierte sich in der „Nie wieder Krieg“-Bewegung. Er war 39 und Herausgeber der Berliner „Weltbühne“, als dort der Journalist und Flugzeugkonstrukteur Walter Kreiser unter Pseudonym im März 1929 – während der Großen Koalition der Weimarer Republik noch ohne Nazis – ein Staatsgeheimnis aufdeckte. Aus seinem von Ossietzky abgesegneten Artikel ging hervor, dass die Reichswehr mit dem heimlichen Aufbau einer Luftwaffe gegen den Vertrag von Versailles und die dort verankerte Beschränkung der deutschen militärischen Kräfte verstieß. Einflussreiche Regierungs- und Militärkreise hatten schon davor insgeheim den Aufbau paramilitärischer Verbände unterstützt und illegale Waffenlager angelegt.
Ein Prozess gegen Ossietzky und Kreiser endete mit der Verurteilung der beiden wegen Verrats militärischer Geheimnisse zu 18 Monaten Gefängnis. Das Gericht stellte sich auf den Standpunkt, dass ein Staatsbürger seinem Land die Treue zu halten habe und nicht eigenmächtig die Verletzung internationaler Verträge anprangern dürfe.
Das Urteil erregte im In- und Ausland großes Aufsehen. Ein Gnadengesuch prominenter Persönlichkeiten wie Thomas und Heinrich Mann, Arnold Zweig und Albert Einstein blieb unbeachtet. Walter Kreiser hatte sich unmittelbar nach dem Urteil nach Frankreich abgesetzt und sich damit der Haft entzogen. Ossietzky dagegen trat im Mai 1932 seine Haftstrafe an, als – wie er schrieb – „lebendige Demonstration gegen ein höchstinstanzliches Urteil, das in der Sache politisch tendenziös erscheint und als juristische Arbeit reichlich windschief.“
Es kam noch schlimmer: Durch eine Weihnachtsamnestie für politische Häftlinge wurde Ossietzky am 22. Dezember 1932 zwar vorzeitig freigelassen, doch zwei Monate später auf Betreiben der inzwischen regierenden NSDAP erneut verhaftet. 1934 kam er ins KZ, wurde misshandelt, zur Zwangsarbeit gezwungen und wohl auch mit TBC-Erregern infiziert.
Eine internationale Kampagne zugunsten des Friedensnobelpreises für Ossietzky hatte Erfolg: Der NS-Gegner bekam die Auszeichnung 1936 rückwirkend für 1935 zugesprochen. Die weltweite Aufmerksamkeit führte dazu, dass er kurz vor den Olympischen Spielen in Berlin aus der Haft entlassen, weiterhin aber streng bewacht wurde. Zur Verleihung des Nobelpreises durfte Ossietzky nicht ausreisen, Hermann Göring drängte ihn persönlich dazu, den Preis gar nicht anzunehmen. Ossietzkys Antwort darauf bewies Rückgrat trotz des zugefügten Leids:
„Nach längerer Überlegung bin ich zu dem Entschluß gekommen, den mir zugefallenen Friedensnobelpreis anzunehmen. Die mir von dem Vertreter der Geheimen Staatspolizei vorgetragene Anschauung, daß ich mich damit aus der deutschen Volksgemeinschaft ausschließe, vermag ich nicht zu teilen. Der Nobelpreis für den Frieden ist kein Zeichen des innern politischen Kampfes, sondern der Verständigung zwischen den Völkern.“
Am 4. Mai 1938 starb der katholisch getaufte, evangelisch konfirmierte, später deklariert atheistische Ossietzky an den Folgen seiner Tuberkulose. Sein Ehrengrab befindet sich auf dem Friedhof Berlin-Pankow.

Adventmail 2017/02 (Thema Geheimnisse)

Eines der populärsten Grimm’schen Märchen erzählt von einem Männchen, das ein Geheimnis um seinen Namen macht. Davor hatte es einer schönen Müllerstochter drei Mal geholfen, Stroh zu Gold zu spinnen – wie vom König nach einer angeberischen Behauptung ihres Vaters verlangt. Als Lohn gab sie dem Männchen erst ein Halsband, dann einen Ring und zuletzt in ihrer Verzweiflung das Versprechen, ihm ihr erstes Kind zu überlassen.
Als das Männchen nach einem Jahr von der inzwischen zur Königin Gewordenen das Kindlein einforderte, erweckte das Jammern der Mutter sein Mitleid, und er gestand ihr zu, von seiner Forderung abzurücken, sollte sie herausfinden, wie sein Name sei. Durch einen Zufall erfuhr die Königin, dass das Männchen Rumpelstilzchen hieß. Vor lauter Wut über diese Entdeckung trat es so fest auf die Erde, dass sein Fuß darin steckenblieb; dann packte es das noch freie Bein und riss sich selbst mitten entzwei, wie es bei den Grimms heißt.
Ein Geheimnis bleibt bei diesem Märchen, warum die eigentlichen Bösewichte dieses Märchens, der goldgierige König und der angeberische Müller, ungeschoren davonkommen. Und ob der König, der die Müllerstochter vor der Hochzeit dreimal unter Todesandrohung ans Spinnrad zwang, danach keine diesbezügliche Begehrlichkeit an den Tag legte. Und: ob man Kindern so viel moralische Fragwürdigkeit und den brutalen Selbstmord am Ende überhaupt zumuten kann.
Auf letzteres würde Märchenspezialist Michael Köhlmeier „Aber klar doch!“ antworten. Und wie in meinem Interview mit ihm Mitte Oktober solch rationale Anfragen als unangemessen bezeichnen. Märchen sind wie Träume auf einer symbolischen, archetypischen Ebene angesiedelt und entziehen sich der Pädago- oder Psychologisierung. Würde Köhlmeier sagen. Der ein sympathischer Mann ist und als Erzähler begnadeter denn als Interpret.

Geheimtipp Michaela
Little Britain mitten im 2. Wer die Engerthstrasse von der Reichsbrücke Richtung Happel-Stadion nimmt, aber wer tut das schon, käme unweigerlich daran vorbei. Mitten im 2., dort wo es wohl niemand vermutet, befindet sich ein “very british” Tearoom. Da gibt es Scones mit Clotted Cream, full English Breakfast und mehr – und eine herrlich kitschige Einrichtung, wie sich’s gehört.
Die Betreiberinnen sind keine Britinnen und haben auch sonst keinen speziellen Bezug zur Insel, sie fanden nur die Idee nett, hat die Kellnerin erzählt. Und als eine mit großer Liebe zum Britschen – Brexit und Co ausgenommen – muss ich sagen: Sie machen ihre Sache gut!

Adventmail 2017/01 (Thema Geheimnisse)

Seine Kunst ist politisch, subversiv, humorvoll-pointiert, öffentlich. Und geheimnisumwittert – denn er arbeitet anonym und im Konflikt mit dem Establishment. Die Rede ist von „Banksy“, den ich seit Jahren für seine Street Art bewundere.
Z.B. jenes Schablonen-Graffiti, auf dem ein vermummter Straßenkämpfer statt eines Molotow-Cocktails einen Blumenstrauß wirft. Oder jenes, das zwei britische Bobbies in Uniform zeigt, sich eng umschlungen innig küssend. Den Brexit seiner Heimat Großbritannien kommentierte Banksy mit einer großflächigen Darstellung auf einer Hauswand in der Hafenstadt Dover, auf der ein Handwerker einen Stern aus einer riesigen EU-Flagge herausmeißelt. Und eines seiner Graffitis verwendete ich für die großfamiliäre Facebookgruppe „Die Eiblischen“: Zu sehen ist darauf ein Mann in Arbeitsgewand, mit Kübel überm Arm und Schwamm in der Hand, der gerade das letzte Wort einer Aufschrift wegwischt: „What we do in life echoes in Eternit…“
Seit seinen Anfängen zu Beginn der 1990er Jahre in Bristol sprüht Banksy kulturkritische Botschaften auf Hauswände – und vor Ideen! Darunter grenzgeniale wie den „Silence of the Lambs“ betitelten „Tiertransport“ von klagenden Stofftieren durch New York, den Schmuggel eigener Kunstwerke ins British Museum, das alternative Intro für The Simpsons oder erst heuer die Ausgestaltung des „The Walled Off Hotel“ in Bethlehem.
Und das Beste: Obwohl das Time Magazine 2010 Banksy als eine der einhundert einflussreichsten Personen der Welt einstufte, ist sein Inkognito bis heute nicht gelüftet. Heuer ging das Gerücht um, es könnte sich um einen Robert handeln – nämlich um den Sänger der Bristoler Trip-Hop-Band Massive Attack, Robert Del Naja. Naja…

Street Art Künstler Banksy sprüht geradezu – vor Ideen

Geheimtipp von Andreas: „Österreichs bester Gin. Er kommt aus der Wachau von der Destillerie Schüller (www.brennerei-schueller.at) und heißt ‚Maria Taferl No 5‘ – ein echter Genuss! … am besten mit Fentimen Tonic genießen.