Adventmail 2017/03 (Thema Geheimnisse)

Heute eine Verneigung vor dem Journalisten, Geheimnisverräter und Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky, der 1929 die verbotene Aufrüstung der deutschen Reichswehr aufdeckte. Hätte ich den Mumm, wie er ein Whistleblower zu sein? Würde ich wie er einen Artikel schreiben oder zumindest Informationen zugänglich machen, wenn ich z.B. um illegale oder zumindest unethische, christlichen Grundsätzen widersprechende Machenschaften hoher kirchlicher Würdenträger wüsste (was ich nicht tue)? Eher ja, sofern mir die Verfehlung schwerwiegend genug erschiene und meine Anonymität gewahrt bliebe.
Ossietzky wurde während seiner Militärzeit im Ersten Weltkrieg zum Pazifisten und engagierte sich in der „Nie wieder Krieg“-Bewegung. Er war 39 und Herausgeber der Berliner „Weltbühne“, als dort der Journalist und Flugzeugkonstrukteur Walter Kreiser unter Pseudonym im März 1929 – während der Großen Koalition der Weimarer Republik noch ohne Nazis – ein Staatsgeheimnis aufdeckte. Aus seinem von Ossietzky abgesegneten Artikel ging hervor, dass die Reichswehr mit dem heimlichen Aufbau einer Luftwaffe gegen den Vertrag von Versailles und die dort verankerte Beschränkung der deutschen militärischen Kräfte verstieß. Einflussreiche Regierungs- und Militärkreise hatten schon davor insgeheim den Aufbau paramilitärischer Verbände unterstützt und illegale Waffenlager angelegt.
Ein Prozess gegen Ossietzky und Kreiser endete mit der Verurteilung der beiden wegen Verrats militärischer Geheimnisse zu 18 Monaten Gefängnis. Das Gericht stellte sich auf den Standpunkt, dass ein Staatsbürger seinem Land die Treue zu halten habe und nicht eigenmächtig die Verletzung internationaler Verträge anprangern dürfe.
Das Urteil erregte im In- und Ausland großes Aufsehen. Ein Gnadengesuch prominenter Persönlichkeiten wie Thomas und Heinrich Mann, Arnold Zweig und Albert Einstein blieb unbeachtet. Walter Kreiser hatte sich unmittelbar nach dem Urteil nach Frankreich abgesetzt und sich damit der Haft entzogen. Ossietzky dagegen trat im Mai 1932 seine Haftstrafe an, als – wie er schrieb – „lebendige Demonstration gegen ein höchstinstanzliches Urteil, das in der Sache politisch tendenziös erscheint und als juristische Arbeit reichlich windschief.“
Es kam noch schlimmer: Durch eine Weihnachtsamnestie für politische Häftlinge wurde Ossietzky am 22. Dezember 1932 zwar vorzeitig freigelassen, doch zwei Monate später auf Betreiben der inzwischen regierenden NSDAP erneut verhaftet. 1934 kam er ins KZ, wurde misshandelt, zur Zwangsarbeit gezwungen und wohl auch mit TBC-Erregern infiziert.
Eine internationale Kampagne zugunsten des Friedensnobelpreises für Ossietzky hatte Erfolg: Der NS-Gegner bekam die Auszeichnung 1936 rückwirkend für 1935 zugesprochen. Die weltweite Aufmerksamkeit führte dazu, dass er kurz vor den Olympischen Spielen in Berlin aus der Haft entlassen, weiterhin aber streng bewacht wurde. Zur Verleihung des Nobelpreises durfte Ossietzky nicht ausreisen, Hermann Göring drängte ihn persönlich dazu, den Preis gar nicht anzunehmen. Ossietzkys Antwort darauf bewies Rückgrat trotz des zugefügten Leids:
„Nach längerer Überlegung bin ich zu dem Entschluß gekommen, den mir zugefallenen Friedensnobelpreis anzunehmen. Die mir von dem Vertreter der Geheimen Staatspolizei vorgetragene Anschauung, daß ich mich damit aus der deutschen Volksgemeinschaft ausschließe, vermag ich nicht zu teilen. Der Nobelpreis für den Frieden ist kein Zeichen des innern politischen Kampfes, sondern der Verständigung zwischen den Völkern.“
Am 4. Mai 1938 starb der katholisch getaufte, evangelisch konfirmierte, später deklariert atheistische Ossietzky an den Folgen seiner Tuberkulose. Sein Ehrengrab befindet sich auf dem Friedhof Berlin-Pankow.

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