Zum Gefühl „Erleichterung“ könnte ich die Geschichte erzählen, als mein damals im Volksschulalter befindlicher mittlerer Sohn Moritz in der verwinkelten Altstadt von Split verlorenging und dann selbst den Weg zum Hafen mit der Fähre zurück auf die Insel Brac fand.
Ich widme mich aber lieber der sowohl psychischen als auch physischen Erleichterung und den dazugehörigen Örtchen. Denn wir alle kennen wohl aus eigener Erfahrung den wachsenden Druck, uns ehebaldigst aus „kleiner“ oder „großer Not“ (wie es in meiner Kindheit hieß) befreien zu müssen, und wissen, wie angenehm es ist, nach schweißtreibender Zurückhaltung der Physiologie endlich freien Lauf lassen zu dürfen.
Der „stille Ort“ ist ein beliebtes Thema von Ausstellungen geworden. Sie sind betitelt mit „Klo & so“ (2012, Gmunden), “Von wegen stilles Örtchen. Toiletten in Wien”(2015), „Spot on“ (2019, Rapperswil, CH) oder deftiger mit “Scheiße sagt man nicht!” (2016, Detmold, D) und „Drauf geschissen!“ (2019, Bad Homburg, D).
Aborte – ein seit Mitte des 18. Jahrhunderts belegter Begriff für einen bewusst „abgelegenen Ort“, oft mit einem Herzchen an der Tür – sind zweifellos ein Thema der Kulturgeschichte und der olfaktorisch abgehärteten Forschung: Grabungsfunde an Euphrat und Tigris, in Ägypten, Athen und im Römischen Reich bezeugen Aborte und Sickerschächte, Kanalanlagen zwischen Wohnhäusern und Flüssen, steinerne Klosettsitze und Nachttöpfe. Im Mittelalter waren Aborte in Klöstern, Burgen und Städten zu finden, später auch auf Adelssitzen, bei Großbauern und Wirtshäusern. Erst im 19. Jahrhundert verbreiteten sie sich auch bei Handwerkern und Kleinbauern. Es war wieder der höfische und großbürgerliche Bereich, der im 19. Jahrhundert den Fortschritt mit dem Wasserklosett (von engl. „closet“, kleines Zimmer) einläutete. Auf dem Land galt das “WC” bis nach dem Zweiten Weltkrieg als unnötiger städtischer Luxus, da man den wertvollen Dünger nicht einfach wegspülen wollte.
PS: Die App „Public Toilets in Vienna“ hilft bei dringenden Bedürfnissen in Wien.
PPS: Willi „Ostbahn-Kurti“ Resetarits bekannte in „Willkommen Österreich“ freimütig, seine Brüder Lukas und Peter hätten ihm zum 70er eine „Rosettenwaschanlage“ geschenkt.
PPPS:. Kein Schmäh: Ich schreibe dieses Kästchen am 19. November und stoße bei den Recherchen darauf, dass heute der internationale Toilettentag ist!
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Adventmail 2021/04 (Gefühle)
Zur heutigen Emotion „Bewunderung“ ein Rückblick: Als Teenager bewunderte ich Sportstars am meisten. Ab etwa 10 Jahren las ich entsprechende Biografien, meine Helden waren Jochen Rindt, dessen Tod in Monza 1970 mich entsetzte, Karl Schranz, dessen Ausschluss von Olympia 1972 mich empörte, Annemarie Pröll, die mir nicht genug siegen konnte, und Muhammad Ali, für dessen Fights ich mitten in der Nacht vor dem Fernseher saß.
Später folgten MusikerInnen wie John Lennon (die Songs der Beatles begleiteten mich schon lange vor meinem Interesse für John und auch Paul), Billie Holiday, David Bowie und Stevie Wonder, Persönlichkeiten wie Nelson Mandela, Erich Fried, Johannes XXIII., Ingeborg Bachmann und Barack Obama (kaum Frauen, ich weiß).
Letzterer ist auch Ranglistenerster in der 2020 erstellten „YouGov“-Studie mit mehr als 45.000 Befragungen in 42 Ländern und Territorien. Wer mag, soll jetzt kurz die Augen schließen und raten, wer in den Top 10 der meistbewunderten Männer und Frauen weltweit vorkommt – die Lösung schreibe ich am Ende dieses Beitrags.
Inzwischen merke ich, dass meine Neigung, ja sogar die Bereitschaft zur Bewunderung herausragender Menschen gesunken ist. Liegt wohl am Alter und an der geschwundenen Notwendigkeit, mich an anderen zu orientieren, um mein Eigenes zu finden.
Aber Bewunderung im Sinn von Hochachtung, Wertschätzung, Stolz für und über andere empfinde ich natürlich immer noch. Sie ist halt näher gerückt und nicht mehr so „unerreichbar“ wie ehedem. Beispiele?
- die Fähigkeit meines jüngsten Sohnes Fabian, sich an komplizierte Spielanleitungen zu erinnern und sie (nochmals) höchst verständlich zu erklären
- die Naturbegeisterung und Bewegungsfreude meines 80-jährigen Vaters, der mehrmals wöchentlich auf Berge in der Umgebung Salzburgs steigt
- der Wissensdurst und das umfassende Interesse meines Freundes Rudi, die auch nach seiner Pensionierung ungebrochen sind
- die Art, wie mein Chef Paul sein Chefsein ausübt – auf Austausch bedacht und wohltuend unhierarchisch in einer meist recht hierarchischen Kirche
- die Art, wie mein Freund Seppl mit seiner langjährigen Parkinson-Krankheit umgeht, wie viel verschmitzte Altersweisheit er angehäuft und sich zugleich Agilität bewahrt hat, die mich z.B. beim Tischtennis chancenlos sein lässt
- die Anteilnahme meiner Frau Claudia am Leben anderer und ihre unzerbrechliche Bereitschaft, sich für andere einzusetzen
Und hier – reichlich US-lastig – die zehn im Jahr 2020 meistbewunderten Frauen und Männer: Michelle Obama, Angelina Jolie, Königin Elizabeth II., Oprah Winfrey, Jennifer Lopez, Emma Watson, Scarlett Johansson, Peng Liyuan, Taylor Swift, Shakira; Barack Obama, Bill Gates, Xi Jinping, Narendra Modi, Jackie Chan, Cristiano Ronaldo, Jack Ma, Dalai Lama, Elon Musk, Keanu Reeves. Jeweils 18.: Greta Thunberg und Papst Franziskus.
Adventmail 2021/03 (Gefühle)
Belustigung bzw. amusement nennt sich die einzige auf Humor bezogene Gefühlsregung in der emotionalen Landkarte der Berlekey-Forscher. Eindeutig zu wenig, wie ich finde. Schon die alten Römer unterschieden zwischen dem extrovertierten „gaudium“ und der zurückhaltenden „laetitia“. Und jedeR von uns kennt den emotionalen Unterschied zwischen schenkelklopfenden Lachanfällen und feinsinniger, mit erhobener Augenbraue garnierter Ironie.
Sei’s drum. Humor nimmt in meinem Gefühlshaushalt jedenfalls einen wesentlich wichtigeren Raum ein als nur ein 27stel des Emotionsregisters. Ich blödle und lache gern – und bin damit auch Gott nahe, wenn der große Soziologe Peter L. Berger (auf den zu treffen ich während meines Studiums in Graz das Vergnügen hatte) recht hat: Humor zeigt die Fähigkeit des Menschen an, die oft harte Wirklichkeit, das scheinbar fix Vor-Gegebene als lächerlich auszuhebeln, ihm eine fantasievolle, absurde, jedenfalls belustigende Alternative entgegenzuhalten. Humor verweise auf die Transzendenzfähigkeit und sei somit eng verwandt mit Religion, so Bergers These.
Meine daran anknüpfende Annahme: Im Himmel wird mehr gelacht als frohlockt. Und Gott würde über folgenden Witz zumindest schmunzeln – einen der wenigen, die ich mir über Jahre merke und den ich vor Jahren aus dem Mund einer inzwischen verstorbenen Großtante meiner Söhne hörte:
Der Papst ist es leid, mit dem Papamobil immer nur kutschiert zu werden. Er möchte selber auch einmal ans Steuer und setzt diesen Wunsch ungeachtet der Bedenken seines mit ihm Platz tauschenden Fahrers auch um. Das Kurven durch die engen Gassen Roms macht ihm sichtlich Spaß, er wird immer mutiger und schneller – und wird prompt von einem Carabinieri gestoppt. Der Polizist blickt ins Wageninnere, erkennt den Lenker und wird blass. Er bittet den Papst, am Straßenrand zu halten und wendet sich etwas abseits an seinen Vorgesetzten. Es entspinnt sich per Telefon folgender Dialog:
„Maresciallo, ich habe gerade jemanden wegen Schnellfahrens angehalten, habe aber Bedenken, eine Strafe zu verhängen. Der Betreffende ist nämlich hochrangig.“
„Das mag ja sein, aber Carabinieri sind unbestechlich. Das Ansehen der Person spielt keine Rolle.“
„Ich weiß, Maresciallo, und normal hätte ich auch keine Bedenken. Aber diesmal handelt es sich um eine wirklich sehr hochrangige Person…“
„Dio mio – um wen denn?!“
„Also genau weiß ich es auch nicht, Maresciallo. Aber der Papst ist sein Chauffeur…“
Adventmail 2021/02 (Gefühle)
Heute geht es um ein uns allen bekanntes Grundgefühl mit vielen verschiedenen Ausprägungen – um Angst. Rein sprachlich ist schon plausibel, wie grundlegend dieses Gefühl ist – es gibt zahlreiche Redewendungen und Synonyma, und ich habe jetzt Bammel, Muffensausen, Schiss, weiche Knie…, euch damit zu langweilen.
Das Wahlergebnis vom 26. September (mein 62. Geburtstag) in Graz bietet mir Anlass, diesem Gefühl eine Farbe zu geben: Als „red scare“, „rote Angst“, wird ein Phänomen der US-amerikanischen Geschichte bezeichnet, das in zwei Wellen auftrat: Nach dem Fall des Zarenreiches und der Oktoberrevolution in Russland währte von 1917 bis 1920 die erste Phase der Furcht vor einem Aufstieg des Kommunismus: US-Truppen griffen in den Russischen Bürgerkrieg ein, in den USA selbst kam es zu einem Aufschwung linker Parteien, zu Massenstreiks und zur Gründung einer KP. Unter Präsident Woodrow Wilson erfolgte eine scharfe Gegenbewegung gegen derlei „unamerikanische Umtriebe“, mit Repressionen gegen die Arbeiterbewegung und deren Vertreter wie Sacco und Vanzetti. Auch der spätere FBI-Chef J. Edgar Hoover wirkte damals an der größten Verhaftungswelle gegen politische Radikale, Anarchisten, Sozialisten und Kommunisten in der US-Geschichte mit.
Als McCarthy-Ära wurde die zweite Welle der „roten Angst“ ab 1947 bekannt. Unter dem Namen des republikanischen Senators brach eine antikommunistische Massenhysterie aus. Auf der Basis von Verschwörungstheorien entfaltete sich ein reiches Spitzel- und Zensurwesen, das Intellektuelle wie Bertolt Brecht, Thomas Mann und Albert Einstein auf den Plan rief. Letzterer schrieb an einen befreundeten Verdächtigen, dass in den USA eine verfassungswidrige „Art der Inquisition“ Platz gegriffen habe.
In meiner Lieblingsstadt Graz sind nach dem KPÖ-Wahlsieg „kahrnische Alpträume“ wegen einer Entwicklung in Richtung dunkelroter Machtübernahme unangebracht. Gewählt wurde eine unprätentiöse, in ihrem Einsatz für Benachteiligte glaubwürdige KP-Chefin fernab aller Politiker-Attitüden. Wenn das Angst auslöst, dann ist dies eher angesichts der möglichen Überforderung angebracht, wenn eine Sozialarbeiterin plötzlich Bürgermeisterin wird.
Adventmail 2021/01 (Gefühle)
Ich beginne mit Gelassenheit. Diese in einer Bandbreite zwischen empathiearmer Wurschtigkeit und souveränem Loslassenkönnen angesiedelte Emotion findet sich überraschenderweise in der 27er-Liste der Berkeley-ForscherInnen, denn ich kann mir nicht wirklich ein Video vorstellen, das bei mir vorrangig Gelassenheit auslöste.
Ist die Fähigkeit zu dieser Eigenschaft eine Frage des Alters? Des Charakters? Ein Talent, das trainiert werden kann? In meinem Job als Nachrichtenredakteur ist es sicher von Vorteil, Stressreduktion durch gelassenes „Eins-nach-dem-Anderen“ zu erreichen, durch den damit verbundenen Grundsatz, Unwichtiges nicht wichtiger zu nehmen als ihm zusteht. Dass dies auch eine Frage der Persönlichkeit ist, erkenne ich an meiner Liebsten, die als emotional üppig ausgestattete Frau viel stärker den Impuls verspürt, sich um alles Mögliche zu kümmern und sich Ruhephasen zu versagen.
„Mit 15 Tipps und Übungen zu mehr Ausgeglichenheit“ – dass man Gelassenheit lernen oder zumindest einüben kann, verspricht die deutsche Internetplattform lernen.net: Da ist die Rede von Entspannungstechniken, Auto-Suggestion und Sport als begünstigende Faktoren, von kurzem Innehalten, wenn was aufregt, und vom Tipp, sich Gelassenheit erstmal in täglichen kleinen Ärgernissen anzueignen – z.B. wenn der Autofahrer vor dir im Schneckentempo über die Straße kriecht. „Mach dir immer wieder klar: Aufregung macht die Situation nur schlimmer“, so der gute Rat. Auch beachtenswert: Sorge für Pausen und verteidige deine persönlichen Grenzen.
Popmusikalisch äußert sich Gelassenheit überzeugend im „Laid Back“-Stil etwa des großen Gitarristen J.J. Cale (1938-2013), dessen Kompositionen wie etwa „Cocaine“ oder „After Midnight“ der noch größere Eric Clapton (*1945) berühmt machte. Hört mal hier rein, wenn euch was gegen den Strich geht, und Lider und Stresspegel werden sich senken, Mundwinkel (und das Glas?) heben 😉
Adventmails 2021 (Ankündigung)
Liebe AdventmailbezieherInnen, (28. November 2021) Heuer geht es um Gefühle. Ausgangspunkt meiner diesjährigen Adventserie war eine Studie von US-Forschern der Universität Berkeley. 853 Frauen und Männern wurden in Jahr 2017 mehr als 2.000 Videos gezeigt. Nach der bis zu zehn Sekunden langen Bilderfolge sollten die Teilnehmenden ihr vordringliches Gefühl dabei benennen.
Das führte zu einer Neugestaltung der menschlichen „Emotionslandkarte“: Die vormaligen sechs Kategorien – Glück, Trauer, Wut, Angst, Ekel und Überraschung – erschienen den WissenschaftlerInnen als unzureichend: 27 verschiedene Emotionen decken nun die Bandbreite an verschiedenen Gefühlsregungen ab. 24 von ihnen widme ich von 1. bis 24. Dezember 2021 meine adventliche Serie. Darunter sind Besorgnis, Erleichterung, sexuelles Verlangen, Nostalgie, Bewunderung und viele andere. Eine englischsprachige interaktive Karte darüber wurde HIER (anklicken und Link öffnen) visualisiert, mit dem Cursor kann man die verschiedenen Videosequenzen abwandern. Die deutschsprachigen Artikel über die “neuen” 27 Emotionen decken sich inhaltlich nicht völlig mit den englischen Begriffen. Ich nahm mir die Freiheit, jene herauszupicken, zu denen mir was einfiel.
In den dreieinhalb Wochen ab 1. Dezember lest Ihr somit Assoziationen/Erlebtes/Wissenswertes zu – alphabetisch geordnet: Angst, Belustigung, Besorgnis, Bewunderung, Ehrfurcht, Ekel, Erleichterung, Freude, Gelassenheit, Langeweile, Neid, Nostalgie, Scham, Schmerz, Schrecken, Staunen, Trauer, Überraschung, Verwirrung, Verzückung, Verlangen nach Essen, sexuelles Verlangen, ästhetische Wertschätzung, Wut und Zufriedenheit. (Hier die englischsprachige Liste)
Die Corona-Pandemie kommt in meiner Adventserie nicht vor. Darüber könnt Ihr anderswo genug lesen; und: Sie nervt. Aber sowas von. Eins noch: Kommentare und Rückmeldungen eurerseits sind ausdrücklich erwünscht.
Habt Freude an den Gefühle-Mails, macht’s euch im Advent gemütlich, bleibt gesund!
Robert
Adventmail 2020/24 (Krankheit)
Eine „verdorrte“ Hand. Einen „besessenen“ Epileptiker. Viele Aussätzige. Stumme und Taube. Eine blutflüssige Frau. Die fiebernde Schwiegermutter des ersten Papstes. Mehrere Gelähmte. Und als Höhepunkt: Wiedererweckungen dreier Toter…. All diese Heilungen, TheologInnen sagen „Zeichen“, hat Jesus laut den Evangelien vollbracht. War er ein Wunderheiler?
Die entsprechenden, von Urchristen verfassten Texte verkündigen Jesus als Inkarnation Gottes, sind also Glaubensaussagen über ihn. Die historische Jesusforschung geht davon aus, dass tatsächliche Heilungen Jesu zu einigen der ältesten Wundererzählungen führten und diese später legendenhaft vermehrt und ausgeschmückt wurden. Jesus macht damit seinem Namen („Gott rettet“) alle Ehre und veranschaulicht in einer Zeit, da Religion und Medizin noch nicht getrennt waren, wie sich der Glaube an Gott auf Menschen auswirken kann.
Was von diesen Wundergeschichten tatsächlich so passiert ist, weiß ich nicht. Darüber, dass Jesus ein begnadeter, von Gott gesalbter (=Christos) Mensch war, bin ich mir sicher. Ebenso darüber, dass „Heilung“ durch Gott auf den ganzen Menschen abzielt.
An ganzheitlicher Heilung fehlt es in der heutigen Hightech-Medizin. Erst kürzlich war ich im AKH, um in der Glaukom-Ambulanz zu erfahren, dass mir eine Operation am linken Auge blüht. Ich musste durch eine Covid-Sicherheitsschleuse, ging durch endlose kahle Gänge, fuhr mit einem von acht Liften in den achten Stock, musste mich registrieren und erst einmal eine Stunde warten, bevor ich dann weitere zwei Stunden zu unterschiedlichen Spezialisten geschickt wurde. Wahrlich, ich sage euch: Da hätte ich mir echt einen Jesus gewünscht, der sich mir zuwendet mit sowas wie: „Schau auf das Licht Gottes, das in dir leuchtet, und du wirst fortan Klarsicht und Durchblick haben.“ Und über das verdutzte Gesicht meiner Augenärztin, wenn sie sagt „Aber wie gibt’s denn sowas, Ihr Augendruck und Sehnerv sind ja plötzlich ganz in Ordnung?!“ hätte ich mich ganzheitlich gefreut und Jesus im Himmel zugezwinkert…
Alles Liebe Euch allen, zu Weihnachten, zum Jahreswechsel und auch sonst!
Robert
Adventmail 2020/23 (Krankheit)
Wer kennt schon die Not eines überaus dicken Mädchens?
Man sagt nun ja – doch sie hatte ein gutes Herz.
Stets braucht die Gesellschaft dicke Mädchen mit guten Herzen…
Doch manchmal möchten auch ihre Herzen
Verrückt und geliebt statt immer nur gut sein…
Ach wäre ein Gott
Ach wäre ein Gott
Der Fleisch wird im Fleisch eines überaus dicken Mädchens.
Das schrieb der von mir überaus geschätzte Lyriker und reformierte Berner Pfarrer Kurt Marti (1921-2017). Er verfasste dieses Gedicht lange bevor publiziert wurde, dass Übergewicht und Fettleibigkeit in den 29 OECD-Ländern zu einem echten Problem geworden sind: Durchschnittlich jeder zweite Erwachsene ist übergewichtig und jeder fünfte an Adipositas erkrankt. Bei den Kindern ist jedes sechste übergewichtig oder adipös.
Tja, die Zeiten der wohl beliebten, wohlbeleibten Venus von Willendorf sind vorbei, und es herrschte Empörung, als vor einigen Jahren in den Medien Bilder über einen Jesus kursierten, auf denen der Heiland ähnlich kleingewachsen, gedrungen, schwarzhaarig und braunhäutig wie damalige semitische Zeitgenossen dargestellt wurde. Ein gefundenes Fressen für einen leidenschaftlichen Tabubrecher wie den Karikaturisten Manfred Deix (siehe Abb. 1).

Aber was, wenn der schlanke, wohlgestalte, manchmal erotisch aufgeladene nackte Corpus des Gekreuzigten wirklich eine idealisierende Projektion ist? Was, wenn da jemand am Kreuz hing, dessen Gestalt der Behauptung Anselm Grüns, Schönheit sei der Spiegel Gottes, hohnspricht? Ein adipöser Erlöser? Wie empfänden wir das? Abb. 2 gibt Gelegenheit zu einem Selbstversuch…

Adventmail 2020/22 (Krankheit)
Ich gebe „krank“ in unser Redaktions-Volltextarchiv ein und stoße auf einen alten Bekannten. Johannes Huber, Wiener Mediziner und Theologe, hat ein neues Buch veröffentlicht. Es heißt “Das Gesetz des Ausgleichs. Warum wir besser gute Menschen sind” und kann zusammengefasst werden mit: Gute Menschen sind gesünder und leben länger als Menschen, die sich von ihrem Egoismus leiten lassen, sie sind auch besser geschützt vor innerer Leere und Hoffnungslosigkeit.
Und, so behauptet es der Gynäkologe und Hormonspezialist: Durch gutes Verhalten sinkt der Spiegel der Stresshormone im Blut, was Entzündungsprozessen und Folgeerkrankungen wie Krebs vorbeugt. Ebenso profitiere das Herz-Kreislauf-System. Verhaltensweisen wie die Bereitschaft zum Kompromiss belohnt der Organismus laut Huber mit der Ausschüttung des Hormons Dopamin, das einen besseren Schlaf bewirkt und damit stärker und widerstandsfähiger macht. Zudem verändert sich durch gutes Verhalten das Erbgut, weshalb es über die nächsten Generationen auch Wellen in die Zukunft schlägt.
Dieser Johannes Huber (74), den zumindest zwei meiner Adventmailempfängerinnen als Arzt kennen, ist eine schillernde Persönlichkeit. Geboren in Bruck/Leitha, maturierte er (wie Engelbert Dollfuß, Hans Hermann Groër, Hermes Phettberg und Helmut Schüller) im kirchennahen Gymnasium Hollabrunn, studierte Theologie und Medizin und war als Doppeldoktor zehn Jahre lang Sekretär des unvergessenen Kardinals Franz König. Gerüchte, dass er dessen Sohn sei, bezeichnet er als schmeichelhaft, aber unzutreffend. Das Verhältnis von Glauben und Wissenschaft beschäftigte Huber seit jeher; 1978 gewann er für ein Symposium zu diesem Thema Kapazunder wie Viktor Frankl, Golo Mann, Konrad Lorenz und Erich Fromm. Mit Karl Popper korrespondierte er über Evolution, die laut Huber nicht nur “per random”, also zufällig, sondern auch “directed”, gesteuert, abläuft. Als Abteilungsleiter im Wiener AKH errichtete er die österreichweit erste und einzige Ambulanz für Transsexuelle und Transgender-Menschen, später leitete er die Frauenklinik im Wiener AKH, war Vorsitzender der Bioethik-Kommission und Verfasser mehrerer Bücher, zuletzt des oben genannten.
Aber echt jetzt: Gesünder und länger lebend durch Nettsein? Und diesbezüglich ein “Charakter-Trainingsprogramm” aufnehmen? Ob da was dran ist?
Nun gut, nur zur Sicherheit: Liebe Söhne, sofern ihr das lest, seid mal so richtig nett zu eurem Papa, ruft zu seinem Geburtstag und auch sonst wöchentlich an, erkundigt euch nach seinem Wohlbefinden, ladet ihn zum Essen und Sporteln ein… Ich denke bei all dem natürlich nicht an mich selbst, denn laut Johannes Huber ist das alles zu EUREM Besten!
Adventmail 2020/21 (Krankheit)
Er stammte aus einer Ärztefamilie, auch seine Söhne verschworen sich der Heilkunde. Er war Vielreisender und hinterließ nach seinem Tod als 90-Jähriger eine beeindruckende Anzahl an Traktaten und Briefen. Und er soll auf seiner Heimatinsel Kos eine Platane gepflanzt (und darunter seine Schüler unterrichtet haben), die ihm als Naturdenkmal heute noch zugeordnet ist.
Die Rede ist vom antiken Arzt Hippokrates (um 460-um 370 v.Chr.), einem Zeitgenossen der Philosophen Sokrates und Demokrit. Er gilt als Begründer der modernen Medizin als einer auf umfangreichen Beobachtungen und Beschreibung von Krankheitssymptomen fußenden Erfahrungswissenschaft. In den Schriften Platons erscheint Hippokrates als einer, der für sein Gebiet – die Medizin – eine ganzheitliche Betrachtungsweise einforderte: Vorgeschichte, Lebensumstände und seelische Situation des Patienten seien zu berücksichtigen. Und auch wenn seine Theorie von vier harmonisch zusammenwirkenden Körpersäften (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) als Voraussetzung für Gesundheit heute überholt ist, blieb sein hohes Berufsethos wegweisend bis in die Gegenwart.
Der „Hippokratische Eid“, das erste bekannte sittliche Grundgesetz des Arztberufes, geht auf den Griechen zurück, die älteste bekannte Quelle stammt jedoch erst aus nachchristlicher Zeit. Wer glaubt, dass auch heutige MedizinerInnen diesen Eid schwören, irrt. Bestimmungen wie das Gebot, Kranken nicht zu schaden, ärztliche Schweigepflicht oder das Verbot sexueller Handlungen an Patienten sind aber auch heute noch Bestandteil ärztlicher Ethik. Ungebrochen brisant und umstritten: Schwangerschaftsabbruch und aktive Sterbehilfe werden durch den Eid des Hippokrates ausdrücklich untersagt.
Der jüngste Entscheid des VfGH, wonach der Straftatbestand der „Hilfeleistung zum Selbstmord“ gegen das Recht auf Selbstbestimmung verstoße, stieß auf Kritik der Ärztekammer (und vieler HospizmitarbeiterInnen und Kirchenvertreter). Und auch mir ist nicht recht wohl bei diesem Erkenntnis: Ich kann mir sehr wohl Lebensumstände vorstellen, die den Tod als geringeres Übel erscheinen lassen. Aber in Ländern mit „liberaler“ Gesetzgebung, die das Recht auf Selbstbestimmung betont, gibt es bedenkliche Entwicklungen, die diese Selbstbestimmung gerade für Unmündige aufheben. Da schon lieber das hippokratische Gebot, dass Ärzte Kranke heilen sollen, ihnen aber nicht schaden dürfen.