Keine Adventmail-Serie, ohne meinem Faible für Popmusik zu frönen, liebe Leute. Diesmal suche ich Songs zum Thema Verwirrung/confusion, eine gängige Emotion bei allen, die sich ver- oder entlieben und nicht so recht wissen, wie damit umgehen. Zwei alte Hadern fallen mir dazu auf Anhieb ein, die ihr wohl auch kennt: „Confusion“ vom Electric Light Orchestra und „Dazed and confused“ von Led Zeppelin. Und bei der Recherche entdecke ich weitere; solche, die nur thematisch dazupassen – wie „Nowhere Man“ von den Beatles –, lasse ich weg.
Der melodiös hübsche ELO-Song aus dem 1979er-Album „Discovery“ stammt aus der Feder von Bandgründer, Leadsänger und Dauersonnenbrillenträger Jeff Lynne (der fast alle Songs von ELO schrieb). Akustisch dominiert wird „Confusion“ nicht mehr von den für die Gruppe davor so charakteristischen Streichern, sondern vom Synthesizer des inzwischen verstorbenen Richard Tandy. Der Text ist nicht weiter erwähnenswert. Es geht um einen Verwirrten, der seine Liebe verlor und nun niemanden mehr zum Anlehnen hat. All das gefiel in Österreich am besten: Platz 5 in den Charts schaffte der Song weder im UK noch in anderen europäischen Staaten.
Nicht hitparardentauglich ist der in der Interpretation von Led Zeppelin wie eine Raubkatze daherkommende Song „Dazed and confused“ (1969). Geschrieben hat ihn der US-Folksänger Jake Holmes, den man heute nur mehr kennt, weil er von Led Zeppelin auf deren legendärem erstem Album mit der brennenden Hindenburg auf der Frontseite gecovert wurde. Holmes hatte anfangs nichts dagegen, erst 1980 bestand er in einem Brief an Jimmy Page auf seiner Autorenschaft, den der Gitarrist aber ignorierte. Erst 2010 klagte Holmes wegen Copyright-Verletzung, die Klage wurde 2012 abgewiesen, obwohl die Melodie unverkennbar abgekupfert ist. Aber es sind die Kreissägestimme von Robert Plant und das psychedelische Gitarrespiel von Jimmy Page, die den Song in die Liste “The Rock and Roll Hall of Fame’s 500 Songs that Shaped Rock and Roll” katapultierte.
Reinhören lohnt sich auch in „Confused“ von Bigman, wie sich der 22-jährige südkoreanische Beatboxer Yoon Dae-woong nennt. Noch jünger ist Ruel van Dijk, 19-jähriger australischer Singer/Songwriter, der auch über „Dazed and confused“ singt. Mein letztes Beispiel für einen „Confused“-Song stammt von der 23-jährigen R’n’B-Sängerin Anayka She, einem TikTok-Star aus den USA, die vor allem durch confusing lange Fingernägel auffällt. Und wer Lust hat, sich auf Spotify die KünstlerInnenliste mit „confused“ im Namen anzusehen/hören, wird ganz confused vor lauter Ergebnissen.
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Adventmail 2021/14 (Gefühle)
Welche Videos bei den ProbandInnen der Berkeley-Studie über Emotionen das Gefühl von Langeweile auslösten, weiß ich nicht. Aber ich kann mir gut vorstellen bzw. mich erinnern, was bei mir eine ähnliche Reaktion wie dies auslösen würde:
1.) Interviews mit Anna Veith oder David Alaba (die ich hinsichtlich ihrer sportlichen Leistungen durchaus schätze)
2.) Ein Predigt- oder Vortragstext vom aktuellen Bischofskonferenz-Vorsitzenden Franz Lackner
3.) Klatsch aus dem norwegischen/spanischen/holländischen… Königshaus
4.) Kartenspiele, bei denen es nur aufs Glück und nicht auf Finesse ankommt
5.) Wenn sich meine Nerd-Söhne bei unseren Videochats zu lange über IT-Themen unterhalten
6.) Wenn meine Mutter am Telefon detailliert erzählt, was sie zuletzt gegessen hat
7.) TV-Sendungen wie Dschungelcamp, Der Bachelor oder Adam sucht Eva
8.) Schwurbelige Nichtantworten unseres Ex-Ex-Kanzlers Kurz, mit denen er seinem Nachnamen so gar keine Ehre machte
9.) Die Weihnachtsansprachen meines Chefs nach 10 Minuten
10.) Miet-, Kauf- und Kreditverträge in schlimmstem Juristendeutsch
Adventmail 2021/13 (Gefühle)
Nostalgie ist eine der überraschendsten Emotionen in der Gefühlslandkarte der Berkeley-Studie. Die Wehmut, die uns manchmal beschleicht, wenn wir an vergangene Tage denken, kennen aber wohl zumindest die älteren Semester alle. Ich denke hier an die Pfirsiche mit der abziehbaren Schale oder die Langsemmeln aus duftenden Bäckereien, die noch richtig nach was schmeckten. An „Einer wird gewinnen“ mit Kulenkampff oder die Peter-Alexander-Show, bei denen sich in den 1970er-Jahren die ganze Familie vor dem Fernseh-Schirm versammelte. Nicht, dass früher alles besser war, aber Märchen vorlesen statt Kinder vom Handy beaufsichtigen lassen, Gstättn zum Spielen im Freien statt vorgefertigter Spielplätze oder virtuelle Abenteuer, die umgesetzten politischen Visionen der Kreisky-Ära statt des Schielens auf Umfragen und Message Control – das könnte eine/r schon vermissen.
Wie ist das bei euch, wollte ich von einigen meiner AdressatInnen wissen. Worum ist euch leid, dass es das (so) nicht mehr gibt? Fünf von euch antworteten darauf mit Texten, die ich so nicht erwartet hatte. Denn statt „Ach, mir geht das Piper-Eis von Eskimo ab“ … „… mir der Greißler am Hauptplatz“, „… die Jazzmessen mit Pfarrer Max Mustermann“, „… die Asterix-Hefte mit den Texten von Goscinny“ kamen kleine Abhandlungen mit Tiefgründigem statt augenzwinkernd Vermisstem.
Hier die Antworten von Rudi, Gertrud, Norbert, Maria und Henning in voller Länge. Allen danke ich herzlich für ihre Zusendungen.
Rudi, Theologe/pensionierter Pädagoge/Student aus dem Waldviertel:
Bin ich nostalgisch? Ja, ich bin ja nicht Karl Lagerfeld, der Nostalgie verabscheut hat. Welche Ereignisse, welche Jahre machen mich nostalgisch? Große Auswahl hier. – Jetzt schau ich vorsichtshalber mal nach in der Wortverlaufskurve von überregional verbreiteten deutschen Tages- und Wochenzeitungen und sehe zwei Jahre, in denen besonders häufig über „Nostalgie“ geschrieben wurde. Uups! 1976 und 1994/95. Wieso wissen die, dass genau diese beiden Jahre in mir immer nostalgische Gefühle auslösen? Nix kann man den Menschen verheimlichen. Die Nostalgie, die mich ins Jahr 1976 zurückträumen lässt, verlangt schon eher die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes Nostalgie. Ich weiß schon, die Bedeutung „Heimweh“ für Nostalgie ist heillos veraltet, aber „nostos“ ist Rückkehr, Heimkehr und „algos“ ist Schmerz. Und es ist eine Nostalgie, die mehr einer Krankheit ähnelt, von der man nicht geheilt werden möchte – wie es der gute Jehuda Halevi im spanischen Tudela des 11. Jahrhunderts formuliert hat …
Genug Einleitung. Es war bei einer 9-tägigen Tour durch die Sinaiwüste im Jahr 1976 und ich hatte einen Crush. Ja, so sagt man das heute. Und mein Crush hatte Geburtstag und ich war hin und weg und ganz verzaubert, als mein Crush mein Angebot angenommen hat, sich mit meiner Keffiah vor einem drohenden Sonnenbrand zu schützen. Normalerweise ist das ein Kopfschutz für arabische Männer gegen die heiße Sonne in der Wüste.
Jetzt werde ich schon wieder nostalgisch und nur der Blick auf einen Gedichtband von Clara Paul kann mich retten. Der Titel: „Schlimmstenfalls wird alles gut“ .
Gertrud, Bildende Künstlerin aus Wien:
Der Gedanke ‚Früher war alles besser’ hat mich nie verfolgt, weder im Allgemeinen noch im Besonderen. Immerhin habe ich in diesem schönen Österreich 72 Jahre Frieden erlebt, wenn auch nicht immer bewusst und je älter ich wurde immer mehr davon überzeugt, dass Frieden und Wohlstand je weder selbstverständlich waren noch sind. Schon immer ging es um Equilibrium, Balance, Wohlbefinden, Glück, Spiel um die Macht. Das glückte mal mehr, mal weniger. Gewiefte, populistische Politiker zapften schon immer den Mangel an Zufriedenheit der Individuen wie der Masse an und machten diese zum Spielball ihres eigenen meist vermeintlichen Glücks. Steile Hierarchien taten das Ihre.
Im höchstpersönlichen Stadium des Verliebtseins baden wir , erfüllt von der Projektion, der oder die Andere würde unser Mangeldasein beenden, kurzfristig im Glück. Ob daraus Liebe wird, war auch schon immer die Frage.
Har sich an diesen grundlegenden Dingen etwas geändert? War die Situation Krieg oder Frieden mit uns selbst, mit unseren Nächsten, der Gesellschaft an sich bis hin zum weltumspannenden Dialog bzw Monolog der Völker und Staaten früher besser? Medienverseucht wie wir sind, und nur schlechte Nachrichten sind bekanntlich gute, tendieren wir dazu vieles für schlechter zu halten als es tatsächlich ist und Fakten zuhauf belegen.
Melancholie ist für mich jedenfalls nicht angesagt und Depression schon gar nicht! Wir lernen nur durch Erfahrung, Erfolg und Misserfolg, eingebettet in das, was wir als Evolution erkannt haben. Ich für mich möchte, selbst wenn es ginge, mein Jetzt weder mit meiner Kindheit noch mit anderen Phasen meines oder dem Leben meiner Ahnen tauschen. Jeder Augenblick meines Daseins war und ist kostbar in den vielen Facetten des Gebens und Nehmens , des Tun und Lassens , des Schuldens und Vergebens und letztlich der Dankbarkeit einfach zu sein, mittlerweile eben mit der Gewissheit nur sehr wenig zu wissen auf dem Weg meines Suchens und Findens.
Norbert, Berater und Singer/Songwriter aus Wien:
Es ist die Zeit, in der sich meine Erinnerungen gerade vom Schwarz-Weißen in Färbige zu drehen beginnen.
Der Radetzkyplatz war einer der versifftesten und dreckigsten Plätze im noch immer nicht ganz im Postfaschismus angekommenen Wien.
Die Kieberer hießen noch Mistelbocher (wegen des damaligen Polizeipräsidenten Holaubek, der in Mistelbach wohnte).
Oida wurde noch im katholisch sozialisierenden Chargon des Weißgärberviertels im 3. Bezirk diverser ausgeführt: Etwa durch Gottsesdaunk (das Gott sei Dank meiner Großmutter), durch Jessasmaria (das kaum fernmündlich zu verstehende Anrufen von Jesus und Maria – schließlich war das Achteltelefon ohnehin ständig besetzt – durch meine Mutter) oder durch Fixnoamoiascha (Kruzifix noch einmal meines Vaters). Ich sehe im Moment den himbeerroten Eisroller (Vater des späteren Twinni; ein Schilling) und den großen Bruder des Eisherzerls (Tante des späteren Brickerls; 50 Groschen) einer aus heutiger Sicht mit Schokolade überzogenen Vanilleeiszumutung vor mir.
Ich darf alleine mit einem Schilling in der Hand nach vorne zur Milchfrau laufen, die in der Franzensbrückenstraße schräg gegenüber des Cafés Urania ihre Waren verkaufte. Für mich immer eine schwierige Entscheidung: Entweder für einen wunderbar fruchtig schmeckenden Eisroller oder für zwei schon für den Geschmack eines Kindes im Vorschulalter grausliche Eisherzerln, aber eben: ZWEI. So fiel dann letztlich die Entscheidung auch oft zugunsten der größeren Menge. Was mich in diesen Erinnerungen jedoch besonders nostalgisch stimmt, ist das gute Gefühl, das sich mit dem damals sicheren Wissen verbindet, dass mehr natürlich immer das Bessere war.
Maria, Referatsleiterin für EU und Internationalisierung in der Bildungsdirektion Steiermark:
Die Nostalgie und ihre jüngere Schwester Vintage, die Sehnsucht nach und die Verehrung für das, was es früher einmal gegeben hat und was früher besser war als heute, haben miteinander schon viele schöne Dinge hervorgebracht: Die Renaissance, die Ringstraßenarchitektur, das mythische Arkadien, Nostalgiezüge und Nostalgietramways, die Sissy-Filme, das Biedermeierfest in Bad Gleichenberg und das Kaiserfest in Bad Ischl, Radio Nostalgie en France, Bares für Rares, Vintagemode und Vintage-Christbaumschmuck, sowie qualitätsbefreite Nachbau-Vintage-Möbel in tausenden Airbnb-Wohnungen an den Sehnsuchtsorten dieser Welt.
Kann das alles unser Heimweh nach der guten alten Zeit stillen? Und weshalb sucht uns Nostalgie regelmäßig heim wie Schnupfen?
Die Zukunft hat eine lange Vergangenheit, heißt es im Talmud.
Wir hüten sie am Lagerfeuer der Nostalgie.
Henning, Journalist/Theologe/Moderator:
Heimat, so schrieb der Philosoph Ernst Bloch, ist wie ein Licht, das allen in die Kindheit scheint, wo aber noch niemand war. Armer Ernst Bloch, denke ich mir. Ich war nämlich schon da; und ich fahre immer wieder gerne dorthin – so wie jetzt. Mühsam quält sich der alte, rappelige Regionalexpress vom Flughafen-Düsseldorf aus über die Rheinbrücke. Das gleichmäßige monotone Fahrgeräusch lässt Augenlieder und Gedanken schwerfällig werden. Kurzzeitig nicke ich ein, bis endlich jene Ortsnamen vom Zugschaffner angesagt werden, die lebendige Erinnerungen in sich tragen, die nach Jugend schmecken, nach langen Radfahrten zu Scheunenfeten, nach erstem Kuss und erstem Suff, nach Familie.
Hinter Viersen setzt es ein, dieses Gefühl von Heimat, und mit jeder Station wärmt es wohliger, Dülken, Boisheim, Breyell. Bis Kaldenkirchen rolle ich selten, meist winke ich schon von weitem meinen Eltern zu, wenn sie mich in Boisheim abholen.
Gewiss, man kann sich auch anderswo eine Heimat errichten, man kann Heimaten neu erfinden, dort, wo man sich bettet. Manchen genügt zur Heimat die Tatsache, in der eigenen Wohnung mehr als einmal renoviert zu haben. Mir ist seit nunmehr sechs Jahren Wien zu einem neuen zuhause geworden, Heimat jedoch bleibt mir Nettetal.
Das mag allzu emotional aufgeladen klingen, vielleicht überzogen, zweifellos erinnerungsschwer und ein bisschen metaphysisch. Aber aus der Distanz von fast 1.000 Kilometern verwächst sich dieser kleine Flecken am linken Niederrhein zu einem undurchdringlichen Dschungel von Liebenswürdigkeiten. Altbekannte Kneipen von Lobberich bis Kaldenkirchen, Sporthallen meiner Jugend, Schulgebäude – weniger geschätzt – und Radwege, die dieses feine Netz von Erinnerungen verbinden und verweben. Ein Sehnsuchtswert, gewiss, dem die Realität nur mühsam stand zu halten vermag.
Auch um Wien herum ist die Landschaft mitunter flach und weit, aber die Weite um Nettetal ist anders, sie trägt – wie am gesamten Niederrhein – eine melancholische Note, wie sie etwa bei Herbstspaziergängen durch die Weiden- und Moorlandschaft der Secretis sichtbar wird, wenn sich der Sommer aus den Wiesen schleicht und dem kühlen Herbstnebel Platz macht. Abschiedlichkeit und Heimat, auch das gehört wohl zusammen – eine Abschiedlichkeit allerdings, die immer schon die Ahnung der Wiederkehr in sich trägt. Wie schon Hanns Dieter Hüsch einst sagte: Jeder Niederrheiner kommt irgendwann einmal zurück.
Ein harter Gleiswechsel hinter Dülken reißt mich aus meinen Gedanken. Ich greife nach meiner Reisetasche, blicke aus dem Fenster auf abgeerntete Maisfelder, Windräder lassen an der Bruchkante in die weite Senke der Nette die Flügel sausen und am Horizont drängt sich zwischen Windrädern der Lobbericher Wasserturm hindurch. Nächste Station: Heimat.
Adventmail 2021/12 (Gefühle)
Ich schrieb ein Gutteil dieser Adventserie während meines Kuraufenthalts im Oktober in Bad Gleichenberg. Und kaum jemand, der davon wusste, verzichtete darauf, mich auf einen möglichen „Kurschatten“ anzusprechen. Mit etwas Besorgnis meine Liebste (die selbst ein halbes Jahr davor auf Kur war), und auch mein 80-jähriger Vater, der mir in einem Telefonat vor Antritt lebenserfahren sinngemäß ankündigte: Am ersten Kurtag werden gleich alle Claims abgesteckt…
Nun ja, die Realität unter den meist von einer FFP2-Maske versteckten PatientInnen (die sogar bei der Wassergymnastik zu tragen war) sah anders aus. Sei’s drum. Das Bedürfnis, mir durch erotische Attraktivität Selbstbestätigung zu holen, hat sich über die Jahre deutlich verringert. Jetzt schmunzle ich altersmilde über die Zeit meiner ersten richtigen Beziehung zu Studienbeginn, als ich Erl(i)ebnisse erfand, um meine bis dahin bestehende „Jungmännlichkeit“ zu verleugnen.
Sexuelles Verlangen, um das es im heutigen Adventmail geht, lässt mit zunehmendem Alter nach, die Gelassenheit (die hatten wir schon) diesbezüglich nimmt meist zu. Wobei: So wie wir Babyboomer die sexuelle Aktivität unserer Eltern unterschätzten, können (und wollen) sich wohl auch unsere erwachsenen Kinder Mama und Papa nicht beim Liebesakt vorstellen. Ist erst die Menopause als Stolperstein bewältigt, der abnehmende Testosteronspiegel, die höhere Anfälligkeit für Diabetes, Bluthochdruck und Blasenschwäche… dann steht einer ausgelebten Libido bis ins hohe Alter nichts im Wege.
Ohne PartnerIn wird’s freilich schwierig, weiß die Statistik: In der Gruppe der über 80-Jährigen sind noch 31 Prozent der in einer Beziehung lebenden Männer und 25 Prozent der Frauen sexuell aktiv, ohne Beziehung sinkt dieser Anteil bei Männern auf 7 Prozent – bei 80plus-Frauen war kein nachweisbarer Anteil mehr vorhanden.
Ein sehr gelungener Film über Erotik im Alter ist übrigens „Wolke 9“ von Andreas Dresen (D, 2008).
Adventmail 2021/11 (Gefühle)
Sommer im hohen Norden – damit verbinde ich laaange lichtvolle Tage in menschenarmer, friedvoller Natur, an denen die Sonne nur für kurze Nachtstunden verschwindet. Völlig anders empfand 1892 ein Einheimischer bei seinem Spaziergang an der Ostküste des Oslofjords: „Ich ging den Weg entlang mit zwei Freunden – die Sonne ging unter – der Himmel wurde plötzlich blutig rot … Ich sah hinüber […] die flammenden Wolken wie Blut und Schwert – den blauschwarzen Fjord und die Stadt – Meine Freunde gingen weiter – ich stand da zitternd vor Angst – und ich fühlte etwas wie einen großen, unendlichen Schrei durch die Natur“, schrieb Edvard Munch (1863-1944) später ein Prosagedicht darüber in sein Tagebuch.
Weit bekannter als dieser literarische Entwurf wurde dessen Visualisierung: Das Bild „Der Schrei“ entstand zwischen 1893 und 1910 in verschiedenen Versionen, ausgeführt in verschiedenen Techniken, mit Pastellfarben, in Öl, als Graphik und Lithografie.

Munchs Bild wurde zur Ikone der modernen Bildenden Kunst und gilt als Wegbereiter des Expressionismus. Der Wirkung der von feurigen Farbströmen umspülten Hauptfigur, geschlechtslos, mit panisch aufgerissenen Augen und Mund, die Hände in einer Geste des Entsetzens an das kahlköpfige Haupt gelegt, kann ich mich nicht entziehen. Das Gemälde hätte auch als Illustration von „Angst“ gepasst, ich wähle „Schrecken“ als eindrücklich vermittelte Emotion. Die Natur wird vom damals erst 30-jährigen norwegischen Maler zum Resonanzraum seines Zustands albtraumhafter Verzweiflung. Und Munch blieb psychisch labil, durchlitt Nervenzusammenbrüche und tragische Liebesgeschichten, sprach allzu sehr dem Alkohol zu. Seinen Erfolgen als Künstler tat dies keinen Abbruch. Wie heißt es so schön: “Letztlich ergibt alles einen Gin.”
Adventmail 2021/10 (Gefühle)
„Cringe“ ist das Jugendwort des Jahres 2021. Der für das Gefühl von Fremdscham stehende Begriff erhielt in einem Onlinewahlverfahren unter Jugendlichen 42 Prozent der Stimmen, wie der Langenscheidt-Verlag Ende Oktober mitteilte. Ich gebe zu, „cringe“ war mir vor dieser Meldung völlig unbekannt. Bevor meine Söhne jetzt peinlich berührt – also „cringy“- werden, sage ich: Wurscht. Fremdschämen lasse ich hier weg, denn bei Scham muss ich nicht in die Ferne schweifen.
Ich widme mich hier der „flygskam“, einem Neologismus, der Ende 2017 aus Schweden dahergeflogen kam. Inzwischen findet sich die „Flugscham“, also die Hemmung zur Benutzung von Verkehrsflugzeugen aus Umweltschutzgründen, nicht nur im Duden, sondern auch in mir.
Ich rekapituliere: Seit 2017 war ich mit dem Flieger (beruflich) in Jerewan und Zürich/Genf sowie (privat) auf den Kap Verden, den Azoren, in Oslo, Thailand und heuer auf Teneriffa. Die dabei mitverursachten Treibhausgas-Emissionen machen auch meine beiden Sommerurlaube mit dem E-Bike – 2020 von St. Moritz nach Wien, 2021 vom Reschensee durch Süd- und Osttirol, Kärnten und die Steiermark – nicht wett. Anlässlich des UN-Klimagipfels war zu lesen, dass die Anreise von Umweltministerin Leonore Gewessler nach Glasgow per Bahn 27 kg Emissionen verursachte, mit dem Auto wären es 452 kg und mit dem Flieger gar 648 kg gewesen.
Den Appell von Kirchenvertretern vom Papst abwärts, man müsse seinen Lebensstil auf „enkeltauglich“ ändern, um Gottes gute Schöpfung zu bewahren, wie es im Kerzlschluckerdeutsch heißt, verbreite ich als Kathpress-Redakteur alle paar Tage. Ja, eh. Aber gar nicht mehr in ferne Länder reisen? Keine faszinierenden Landschaften wie auf Island, La Réunion oder in Neuseeland entdecken? Das wäre ein schmerzvoller Verzicht, selbst wenn es natürlich auch in Österreich und Umgebung – erreichbar mit Bahn oder Rad – Herz und Horizont Erweiterndes zu sehen gibt.
Technische „Lösungen“ wie umweltfreundlichere Treibstoffe statt Kerosin werden noch Zeit brauchen. Bis dahin bin ich wohl jenseits der 70 und bevorzuge Sofa statt Jungle Trails. Es ist ein Dilemma. Und um ehrlich zu sein: Ich favorisiere eine „österreichische Lösung“: ein bissl Verzicht, aber nicht so, dass es weh tut. Und Ihr?

Adventmail 2021/09 (Gefühle)
Zur heutigen Emotion „Ekel“ erzähle ich eine Geschichte aus meiner Kindheit. Meine alleinerziehende Mutter brachte mich Knirps tagsüber bei einer Pflege- bzw. Tagesmutter unter, die ungeachtet ihrer Herzenswärme ein strenges Regiment führte. Zu essen war, was auf den Tisch kam. Z.B. Schwammerlreis, aus dem ich die dottergelbe Waldernte heimlich aussortierte und hinter die Kredenz warf oder in meine Lederhose steckte. Bei Rahmsuppe, von mir ähnlich verabscheut, war das nicht möglich. Und in Zeiten der in den 1960ern als normal betrachteten schwarzen Pädagogik war es schlichtweg undenkbar, sich solchen Vorgaben Erwachsener direkt zu widersetzen.
Jahre später schrieb ich, beeinflusst durch Peter Turrinis biografische Gedichte, folgenden Text darüber:
Als ich klein war
hatte ich Angst
Meine Pflegemutter hatte Rahmsuppe gekocht.
Ich hasste Rahmsuppe.
Meine Pflegemutter sagte: Iss!!!
Ich aß und mich ekelte.
Der Kümmel würgte mich.
Ich erbrach das Verschluckte wieder in den Teller.
Meine Pflegemutter merkte nichts.
Ich aß weiter,
schluckte Rahmsuppe und Erbrochenes hinunter
und auch Furcht und Verzweiflung.
Was mir zu denken gibt:
Heute finde ich Rahmsuppe gar nicht so übel.
Nachbemerkung: Schwammerl und Pilze aller Art esse ich jedoch bis heute nicht. Diese Art des Widerstands gönne ich mir auch als nunmehriger Feinschmecker und Waldliebhaber.
Adventmail 2021/08 (Gefühle)
Dr. Bruce Banner ist Nuklearphysiker im Dienst der Waffenindustrie. Beim Versuch, den jungen Rick Jones vom Testgelände einer von ihm entwickelten „Gamma-Bombe“ zu retten, fällt Banner einem Attentat zum Opfer und nimmt eine gewaltige Dosis Gammastrahlung auf. Das bewirkt jedoch nicht – wie bei unsereinem/r –Krebs, Leukämie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Trübungen der Augenlinse, nein, Bruce Banner wird zum Superhelden „Hulk“ und verwandelt sich fortan bei jedem Anflug von Wut in ein grünes, muskelbepacktes Monster.
Es geht also um Wut – ein in unserer Kultur meist verpöntes Gefühl, weil es nicht der gesellschaftlich erwarteten Selbstbeherrschsucht entspricht. Und ich muss zugeben, auch ich habe kein besonderes Talent dafür, in manchen Situationen zum „Häferl“ zu werden und so Psychohygiene zu betreiben oder meinen Willen durchzusetzen. Meine Aggression nimmt meist den Umweg über Stichelei und Sarkasmus.
Dabei zeigen wissenschaftliche Studien, dass häufig unterdrückte Wut zu Krankheiten wie erhöhtem Cholesterinspiegel, Bluthochdruck, größerem Herzinfarktrisiko und Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems führen kann. Manche PsychologInnen gehen davon aus, dass unerwünschte Folgen auch Depressionen, Essstörungen und Alkoholismus sind.
Also – nur Mut zur Wut als reinigendem Gewitter? Nun ja, „Blitzableiter“ wären nicht schlecht, bevor durch Tobsucht das Familienporzellan fliegt oder im Jähzorn gar Gewalt ins Spiel kommt. Es wird empfohlen, „Wut angemessen auszudrücken oder zu kanalisieren, etwa durch Sport, Gespräche, Imaginationen, kreativen Ausdruck oder Entspannungsmethoden“, weiß das immerkluge Wikipedia.
Am 1. Dezember schmunzelten wir in der Redaktion über Tipps von „Beziehungsratgeber“ Papst Franziskus, wie mit Zorn in einer „reifen Beziehung“ umzugehen sei: “Manchmal streiten wir uns, das kommt vor. Manchmal fliegen auch die Teller, na gut, das kommt vor”, wurde Franziskus von unseren Rom-KollegInnen zitiert. Entscheidend sei, dass man den Tag nie beende, ohne Frieden zu schließen. Dafür reiche oft am Abend „eine kleine Geste wie ein Tätscheln oder Streicheln“, riet der 84-Jährige. Auf jeden Fall gelte es, “Kalten Krieg am nächsten Tag” zu verhindern.
Adventmail 2021/07 (Gefühle)
“Es gibt ja immer wieder Bereiche, bei denen man der Zukunft mit Sorge entgegenblickt. Ich lege Ihnen ein paar Bereiche vor, bitte geben Sie zu jedem Bereich an, ob Sie da dem kommenden Jahr 2021 mit großer Sorge entgegenblicken, mit etwas Sorge oder ohne Sorge.” Diese Umfrage im Auftrag des „Standard“ wurde im Advent letzten Jahres 809 repräsentativ ausgewählten ÖsterreicherInnen über 16 Jahren gestellt. Es zeigte sich, dass im ersten Corona-Jahr nicht Gesundheit oder aber der Klimawandel die größte Besorgnis auslöste, sondern Wirtschafts- und Verteilungsthemen: Jeweils knapp die Hälfte der Befragten befürchteten ein Sparpaket aufgrund der hohen Staatsausgaben bzw. eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in Österreich. Knapp dahinter mit 46 % „große Sorge“-Nennungen die Angst vor Steuererhöhungen.
Ob die Integration ausländischer MitbürgerInnen gelingt (38 %), lag in dieser Sorgeliste noch vor möglichen unerwünschten Nebenwirkungen einer (damals noch gar nicht verfügbaren) Covid-Impfung (36 %). Nur etwas mehr als ein Drittel äußerte Sorge über ausreichende Maßnahmen gegen die Erderwärmung.
Unter „ferner liefen“ im Ranking mit jeweils zwischen 10 und 12 % Nennungen die auf den persönlichen Lebensbereich bezogenen Antwortangebote: „Ob ich in meiner Arbeit Erfolg haben werde“, „ob ich genügend Zeit für meine Familie habe“, „ausreichend Zeit für Hobbys und Interessen“ und „ob meine Beziehung/Ehe glücklich verläuft“ … – allesamt Themen, die nur wenigen Sorge bereiten. Das deckt sich mit vielen anderen Studien (und auch meiner eigenen Befindlichkeit), die in Bezug auf Persönliches immer deutlich mehr Optimismus belegen als auf gesellschaftliche, politische oder globale Themen.
Meine Sorge Nummer 1: die Umweltzerstörung, die im Unterschied zu Corona viel zu allmählich geschieht, als dass wirklich mutige, einschneidende Gegenmaßnahmen gesetzt werden. Gänzlich unrepräsentativ ein Blick auf meine nachfolgenden Generationen: Mein jüngster Sohn Fabian (25) nennt die Gesundheit seiner Liebsten als größte Zukunftssorge, meinem ältesten Enkel Gabriel (bald 9, soeben Covid-genesen) fällt auch nach längerem Nachdenken nichts ein, was ihm ernsthaft Sorgen bereitete – oh selige Kindheit!
Größer angelegt war eine im Oktober 2020 veröffentlichte Umfrage darüber, wovor Menschen in 142 Ländern Angst haben.
Unter einer großen Sorgenlast stand ein berühmter österreichischer Entertainer, zumindest, wenn man diesem Lied Glauben schenkt…
Adventmail 2021/06 (Gefühle)
Kein anderes Foto hat bei mir in den vergangenen Jahren ein so starkes Gefühl von emotionalem Schmerz ausgelöst wie jenes von Alan Kurdi. Der Knirps aus einer syrisch-kurdischen Flüchtlingsfamilie wurde nicht einmal drei Jahre alt. Seinen leblosen, auf dem Bauch liegenden Leichnam, bekleidet, die Schuhe noch an den Füßen, fotografierte die türkische Fotojournalistin Nilüfer Demir 2015 an einem Strand bei Bodrum, wo der Bub angeschwemmt wurde. Sie habe „den verstummten Schrei des Jungen hörbar machen“ wollen, sagte sie über die Aufnahmen. Mir und Tausenden anderen kamen bei diesem zum Sinnbild von Flüchtlingsleid gewordenen Foto die Tränen. Österreichs sehr junger Außenminister sagte vier Monate später im Interview der deutschen „Welt“ über die notwendige Sicherung der EU-Außengrenzen: „Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen.“
Nicht nur Alan, auch sein fünfjähriger Bruder Ghalib und seine Mutter Rehanna ertranken Anfang September 2015 beim Versuch, von der Türkei auf die griechische Insel Kos zu gelangen. Nur der Vater Abdullah überlebte die gefährliche, teuer bezahlte Fahrt in einem gekenterten Schlepperboot. Bereits davor waren zwei Versuche der Familie Kurdi gescheitert, nach Kanada zu gelangen, wo in Vancouver eine Tante von Alan und Ghalib lebte.

Bei seiner Reise in den Irak traf sich Papst Franziskus nach der Messe im Stadion von Erbil am 7. März 2021 mit Abdullah Kurdi zu einem langen Gespräch. Der Vater von Alan lebt mittlerweile dort in der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan (wohin ich einmal auf eine Pressereise mitflog), ist wieder verheiratet und hat einen Sohn. Dass die Medien 2015 das Foto des kleinen Alan abdruckten, nannte er im Interview von „Focus“ richtig: „Die Menschen dürfen nicht wegsehen, was Schreckliches passiert auf dem Weg nach Europa, nur weil man uns vorher kein Visum geben will. Jedes Mal, wenn ich wieder höre, dass ein Boot untergegangen ist, fange ich an zu weinen.“