Adventmails 2022 (Ankündigung)

ich liebe es zu reisen. Mit offenen Sinnen per Fahrrad, entspannt mit dem Zug, mit großer Reichweite mit dem Auto und – ja, ich gebe es zu – auch mit dem Flugzeug, um in sonst nicht erreichbare (Desti)Nationen zu gelangen. Warum also “reisen” nicht zum Thema meiner diesjährigen Adventmails machen? Zumal mit etwas Flexibilität das Unterwegssein auch mit dem Advent (=Ankunft) zu tun hat, denn irgendwoher muss der Messias ja gekommen sein (vielleicht aus High-land?).
In den 24 Tagen bis zum Weihnachtsfest 2022 soll es u.a. um meine sommerliche Radreise den Rhein entlang gehen, um berühmte Reisende, um die besten Roadmovies und meine Weltmusik-Lieblinge, um Reisetagebücher, Wallfahrten, Wanderprediger, Fantasiereisen und (Massen)Tourismus. All das gut unterfüttert mit “Recherchereisen” im Internet und vielen persönlichen Erfahrungen. Garnieren werde ich jedes Adventmail mit einem der unzähligen Reisefotos, die sich im Lauf der Jahre auf meiner Festplatte angesammelt haben.
Über Kommentare Eurerseits freue ich mich immer. Wünsche eine angenehme Adventzeit, Robert

Adventmail 2021/24 (Gefühle)

Ein geschundener, ausgemergelter Männerkörper auf einem weißen Leinentuch, nackt bis auf den bedeckten Unterleib, die Haut gelblich-fahl. Die Augen des Liegenden sind geöffnet, ebenso der von einem struppigen Bart umrahmte Mund. Doch es besteht kein Zweifel, dass es sich hier um einen Toten handelt. Einer unbelegten Legende zufolge nutzte der deutsch-schweizerische Maler Hans Holbein der Jüngere für dieses Bildnis eine aus dem Rhein geborgene Leiche als Studienobjekt.

Hans Holbein der Jüngere, „Der Leichnam Christi im Grabe“ (um 1521/22)

Ich stieß auf das Ölgemälde „Der Leichnam Christi im Grabe“ (um 1521/22) durch einen Artikel des Wiener Theologen Jan Heiner Tück über Dostojewski. Es versetzte mich in Staunen und hielt meinen Blick lange fest. Was für ein Bild von Verletzlichkeit, Verlorenheit, Vergänglichkeit! Und das soll der Heiland sein, der Erlöser, der Gottessohn, an dessen Frohbotschaft von der Auferstehung der Toten auch 2000 Jahre nach seinem elendigen Verbrechertod noch 2,26 Milliarden Menschen weltweit festhalten?? Ist sowas glaubwürdig, im Vergleich mit dem unter dem Bodhi-Baum in sich ruhenden Prinz Siddhartha Gautama, dem in Glaubensschlachten siegreichen Muhammad oder dem 92-jährig, überaus kinder- und auch sonst steinreich verstorbenen Sektengründer Sun Myung Moon? Gemessen an diesen Erfolgsmenschen war Jesus ein Loser.
Dostojewski suchte während eines Schweiz-Aufenthaltes 1867 eigens das Baseler Museum auf, um das dort nach wie vor ausgestellte Holbein-Bild zu sehen. Er war tief verstört davon und griff es später in seinem Roman „Der Idiot“ auf: „Vor diesem Bild kann manchem der Glaube verlorengehen!“, lässt er den Fürsten Myschkin sagen.
Auch Papst Franziskus anerkannte in seiner ersten Enzyklika „Lumen fidei“ (2013) über Holbeins toten Christus, das Gemälde zeige „auf sehr drastische Weise die zerstörende Wirkung des Todes“. Und doch werde „gerade in der Betrachtung des Todes Jesu der Glaube gestärkt“, der Glaube an Jesu unerschütterliche Liebe zum Menschen, die sich sogar dem Tod nicht entzogen habe, so der Papst; „ihre Totalität ist über jeden Verdacht erhaben und erlaubt uns, uns Christus voll anzuvertrauen“.
Ja, „über jeden Verdacht erhaben“, da hat was. Was mich an Jesus immer angezogen, ja fasziniert hat, ist sein Wirken, seine Wirkung jenseits des üblichen Machtdenkens, seine Hinwendung zu den „Kleinen“, sein offenes Ohr für eine als Heidin geltende Frau am Brunnen, sein Umgang mit als Sündern geltenden Geldeintreibern oder mit gläubig gewordenen Besatzungssoldaten, mit Bettelarmen oder Aussätzigen. Ich selbst bin wohlsituiert und auf die Butterseite des Lebens gefallen. Aber Erlösung im Sinn von „es geht alles gut aus“ – ja, bitte, die kann ich brauchen! Wie jedeR von uns.
Wer Holbeins Bild genau betrachtet, entdeckt ein Detail, das eine deutsche evangelische Kirchenzeitung am Karfreitag so umschrieb: „Gott zeigt dem Tod den Mittelfinger.“
Zeigt auch Ihr all dem Toten und Kranken um Euch den Mittelfinger, meine Lieben, und habt ein freudvolles Weihnachtsfest und ein beglückendes Jahr 2022.

Adventmail 2021/23 (Gefühle)

Es wird eine Zeit kommen, da wir wieder ohne grünen Pass die Gastronomie nutzen können. Deshalb bat ich zum Thema „Verlangen nach Essen“ einige von euch um Restauranttipps – in Wien und anderswo. Lest, sucht aus und kehrt ein, sobald es wieder möglich ist. Prost Mahlzeit!

Sabine, Angestellte der United Nations Industrial Development Organization (UNIDO) in Wien schrieb: Wer in Wien gut essen gehen will, sollte unbedingt ins „Ströck Feierabend“ (https://feierabend.stroeck.at) gehen. Tolles Frühstück! Kleine, aber sehr gute Mittag-/Abendkarte mit ausgewählten Produkten. Vom Brot brauche ich gar nicht zu reden. Im Feierabend gibt es Spezialbrote, die einfach köstlich sind.

Tomas, Leiter des Literaturhauses Salzburg, Cousin: ESSEN, WAS AUF DEN TISCH KOMMT… In der Mozartstadt kann man nicht nur musikalisch weit reisen, sondern auch kulinarisch … Das erste Mal, als ich das „ISTRA“ (www.istra.at) im künstlerischen Andräviertel nahe der Linzergasse in der rechten Altstadt besuchte, wurde uns ein Platz im gemütlichen Inneren zugewiesen – und niemand fragte nach der Bestellung. Doch plötzlich stand eine köstliche Fischplatte, Brot, Wasser und Wein auf dem Tisch. Mahlzeit! Inzwischen, nach mehreren Besuchen, weiß ich: Eine klassische Speisekarte gibt in dieser Konoba nicht – wozu auch? HIER ISST MAN FISCH, HIER TRINKT MAN WEIN, lautet das Motto des kroatischen Restaurants. Das reicht vollkommen. Und im Sommer gibt es auch ein paar Plätze an der Straße. Reservierung empfohlen!

Susi, Sozialarbeiterin aus Breitenfurt/NÖ: „Mein Lieblingslokal für besondere Anlässe (oder zumindest nicht für ‚zwischendurch‘ – wg der Geldbörse) ist das „Schreiners“ in der Wiener Westbahnstraße (http://www.schreiners.cc/index_full.php): Warum? Es passt alles – gute Qualität beim Essen (die besten Spinatködel), Speisekarte wird auf einer Tafel von dem/r KellnerIn präsentiert, österr. Küche mit regionalen Produkten, der schönste Innenhof/Gastgarten mitten in der Stadt, innen gemütliches Wirtshaus. Auf gut Glück ohne Reservierung hinzugehen ist leider von der Chance her wie ein Lottogewinn. Nur Barzahlung möglich.
Für zwischendurch oder die kleinere Geldbörse ein Wiener Wirtshaus im 15. Bezirk: „Gasthaus Quell“ (http://www.gasthausquell.at/) – große Portionen, fleischlastig, Cerna Hora (!), wirklich alte Wirtshausstube, sehr “gemischte” Gäste – im Sommer ein paar Tische im Freien neben der Kirche.
Oder im 11.Bezirk: „Gasthaus Stern“ (www.gasthausstern.at) – “gehobenere” gute Wiener Küche – adaptierte, “elegante” Wirtshausstube – haben einen Gastgarten- ist ok (im Innenhof, umgeben von höheren Wohnhäusern).

Isolde, Biologin in Innsbruck: Wohin du unbedingt essen gehen solltest, wenn du in Tirol gleichzeitig auf den Berg gehen willst: Da viele Tiroler_innen viel auf Bergen unterwegs sind (so viel ebene Flächen haben wir ja auch nicht), ein Tipp für eine Hütte mit netter Familienwanderung, Schitour, Einkehren… und natürlich gutem Essen ist die „Untermarkter Alm“ (www.ualm.at/de/huette/willkommen/) in Hoch Imst. Besonders das Frühstück ist sehr empfehlenswert, aber auch sonst das Essen, samt Weinkarte. Hinunter gehts entweder mit dem Alpine Coster, zu Fuß, mit dem Lift, der Rodel, den Schi, dem Radl…. Und wer bleiben will: Zimmer gibts auch.

Andreas, Regionalleiter Region Süd im BBRZ Österreich, Bruder: Meine berufliche Tätigkeit lässt mich viel in Österreich herumkommen. Wenn es irgendwie geht, versuche ich berufliche Termine mit gutem Essen zu kombinieren. Über die Jahre haben sich so einige Stammlokale herauskristallisiert, die einem in der Fremde nicht nur Kulinarik, sondern auch ein kleines Stück Vertrautheit bieten können. Plätze, wo man sich auch alleine nie allein fühlen würde. Ich möchte hier Lokale in vier Städten anführen, die ich wirklich liebe.
Immer wieder führen mich Dienstreisen nach Innsbruck. Dort gibt es zwei gastronomische Highlights für mich, die ich uneingeschränkt empfehlen kann: der „Gasthof Lamm“ (www.lamm-innsbruck.at) besticht durch eine wunderbare Weinkarte und eine kreative Speisekarte, basierend auf regionalen Produkten. Die Tatsache, dass der Besitzer noch ein Reggae-Internetradio nebenbei betreibt, mag zur tollen entspannten Atmosphäre im Lokal betragen. Wer Fisch liebt muss ins „Fischiff“ (https://fruchthof.at/restaurant-fischiff). Beste Fischsuppe, frische Zutaten und Südtiroler Weißwein lassen den Gaumen regelrecht frohlocken.
In Linz führt mich der Weg nach der Arbeit öfters in die wohl beste Cocktailbarszene des Landes auf engstem Raum. Kompetente BarkeeperInnen in der „Easy Bar“ (www.cocktailbareasy.at) und der „Frau Dietrich“ (www.frau-dietrich.at) kredenzen Eigenkreationen abseits jeglicher Karte. Da fällt es einem schwer, nach drei Getränken einen Schlusspunkt zu setzen.
In Wien nächtige ich öfters in der Nähe des Karlsplatzes, wohl auch, weil ich in der Früh nicht auf ein traditionelles Schnittlauchbrot im Cafe Museum (www.cafemuseum.at) verzichten mag und am Abend (immer noch) gerne ins „Vietthao“ (https://speisekarte.menu/restaurants/wien-1/vietthao) gehe. Ach, knuspriger Schweinebauch, alleine der Gedanke an dich lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen …
Wer in Graz Zwischenstopp macht, dem sei neben den Angeboten am Lendplatz, die man an sonnigen Tagen alle uneingeschränkt empfehlen kann, noch „Die Amsel“ (www.dieamsel.at) ans Herz gelegt. Wirtin Barbara Musek vermittelt ab der ersten Sekunde das Gefühl, sich hier wohlzufühlen.

Adventmail 2021/22 (Gefühle)

Mein Leben war nicht frei von beglückenden und unliebsamen Überraschungen, aber das ist nichts im Vergleich zu meiner Claudia, die zwei jetzt erwachsene indische Adoptivkinder hat.
Überraschung 1 war für sie, dass es trotz dem beidseitigen großen Kinderwunsch in ihrer ersten Ehe mit Stefan nicht und nicht mit einer Schwangerschaft klappte. Die beiden entschlossen sich 1995 zu einer Adoption, Claudia war damals 32 Jahre alt. Es sollten von den Missionaries of Charity (dem Orden der Mutter Teresa) vermittelte Kinder aus Indien sein, einem Land, in das Stefan wegen seiner Teefirma Geschäftsbeziehungen hatte.
Überraschung 2 war der Aufwand, der für dieses Vorhaben bewältigt werden musste: 38 Dokumente waren für den Adoptivantrag beizubringen – vom polizeilichen Führungszeugnis über eine Bürgschaft möglicher „Ersatzeltern“ bis hin zur Befürwortung eines Priesters. Und das alles beglaubigt auf Deutsch und Englisch.
Es verging viel Zeit bis zum Herbst 1999, als an einem Nachmittag um 16 Uhr ein (Überraschung 3) Anruf der Ordensfrauen kam: Da wäre ein Geschwisterpaar im Waisenheim in Delhi abzuholen. Claudia und Stefan hatten inzwischen ein Haus gebaut, in dem keine Kinderzimmer vorgesehen waren; auch Adoptivkinder zu bekommen schien nach vier Jahren unwahrscheinlich.
Überraschung 4: Die beiden hatten gerade mal bis 8 Uhr am nächsten Tag Zeit, um Ja oder Nein zu sagen und auch gleich die neuen Vornamen ihrer möglichen Kinder Sitha (2 1/2) und Rakesh (1 1/2) zu bestimmen, die dann mit dem Familiennamen Krömer im Reisepass einzutragen wären. Wenig Schlaf, viele Überlegungen – dann war die Antwort: Ja, wir trauen uns drüber! Das Paar bekam einen Child Report mit Daten und auch ersten, sehr süßen Fotos (Überraschung 5) ihrer noch unbekannten Kinder.
Der Papierkrieg zog sich bis kurz vor Weihnachten. Im letzten Advent des 2. Jahrtausends flogen Claudia und Stefan nach Delhi, checkten im für Adoptiveltern aus Europa bestens gerüsteten Hotel nahe dem Heim ein – und sahen kurz darauf erstmals (Überraschung 6) die beiden Menschen, die nun ein Leben lang zu ihnen gehören würden: der winzige Samuel, der schon einen mehrmonatigen Spitalsaufenthalt hinter sich hatte, und Samira (die bald wieder Sitha gerufen wurde, da Claudia dem Mädchen nicht dieses Stück Identität nehmen wollte).
Die weiteren zwei Tage in Indien, der Rückflug, das Sich-Zurechtfinden mit all dem Neuen verlangten allen Beteiligten viel ab. Als Sitha und Samuel am 22. Dezember 1999 erstmals österreichischen Boden betraten, war es 20 Grad kälter als in Indien und es lag Schnee – ein Phänomen, das den Kleinen bis dahin unbekannt war (Überraschung 7). Und es gefiel ihnen, erinnert sich Claudia. Die beiden wurden übrigens exzellente SkifahrerInnen.

Adventmail 2021/21 (Gefühle)

Wo in der EU haben die Menschen die meiste Zufriedenheit mit ihrem Leben? Im wohlhabenden Norden, würde man meinen. Und so ist es auch: Laut einer im September 2021 veröffentlichten Eurobarometer-Umfrage unter rund 27.000 EU-BürgerInnen leben die zufriedensten Menschen in Dänemark; das war auch in vorangegangenen Studien schon so. Dort sind sechs von zehn „sehr zufrieden“, weitere 36 % „ziemlich zufrieden“ mit ihrem Leben. Nur drei von 100 sind „nicht sehr“ und nichtmal 1 % „gar nicht“ zufrieden. Das bestärkt mich in meinem Plan, irgendwann mal einen Radurlaub bei denen (Dänen) zu machen.
Es folgen die Niederlande mit 48 bzw. 47 % (sehr) Zufriedenen, dahinter Schweden und Luxemburg mit rund 40 bzw. 54 %. In Österreich bezeichnen sich 38 % als „sehr“ und 46 % als „ziemlich“ zufrieden. Trotz der immer wieder georteten Neigung zur Raunzerei liegen wir damit deutlich über dem EU-Zufriedenheitsmittelwert von 23 – 61 – 12 – 3. Am wenigsten zufrieden sind die Leute in den Balkanstaaten Bulgarien, Rumänien und Griechenland.
Es gibt ein paar Konstanten in derartigen Umfragen: (Kinder und) Ältere sind am zufriedensten mit ihrem Leben, während junge Erwachsene ganz anders drauf sind. Und: Im Blick auf das eigene, individuelle Leben äußern sich die meisten Befragten zufriedener als hinsichtlich der allgemein-gesellschaftlichen Situation. Ich würde genau so antworten. Umstrittener ist, ob gilt: je wohlhabender, desto zufriedener. Die EU-Umfrage würde dies nahelegen. Doch die Ergebnisse einer internationalen Gallup-Studie (Ende 2019) zeigen, dass die glücklichsten Menschen nicht in stabilen und ökonomisch starken Weltregionen USA (62 %) und EU (57 %) leben: Der Anteil der “Glücklichen” sei am höchsten in Afrika (86 %), Lateinamerika (79 %), Westasien (71 %) und Ostasien (64 %).
Ich denke, es hemmt die Lebenszufriedenheit, wenn Geld ein überproportional wichtiges Thema ist: Das kann der Fall sein, wenn es zum Alltag gehört, zu wenig von allem zu haben, wenn man sich in seinen Lebensmöglichkeiten im Vergleich zu ähnlich Gelagerten benachteiligt fühlt oder aber wenn Profitmaximierung und Besitzanhäufung zum Hauptlebenssinn wird.

Adventmail 2021/20 (Gefühle)

„Die Kirschen in Nachbars Garten“, das ist ein guter Titel für einen Artikel über den Neid. Eingefallen ist er nicht mir, sondern einem Kollegen von „Spektrum Kompakt“, der 2018 eine der 7 Todsünden beschrieb. Er schildert darin ein berühmt gewordenes Experiment der University of Oxford zum Thema Neid: Versuchspersonen wurden zu einer Lotterie eingeladen, jeweils vier SpielerInnen gleichzeitig konnten verschieden hohe Geldbeträge auf das Ergebnis eines Zufallsgenerators setzen. Einige von ihnen wurden aber von den Forschern bevorteilt: Sie bekamen mehr Geld zugewiesen als die anderen, was sich dann in höheren Gewinnen niederschlug – offenkundig zum großen Ärger der übrigen Spieler.
Doch konnten diese sich anschließend rächen. Ein Knopfdruck genügte, um den Kontostand ihrer Mitspieler heimlich abzusenken. Dafür mussten sie allerdings eine Provision abtreten.
Dennoch nutzten zwei Drittel der Versuchspersonen dieses Angebot – und das, obwohl sie dafür ihr ohnehin schon knapperes Budget schmälern mussten. Die Höhe der Gebühr spielte dabei kaum eine Rolle: Selbst, wenn sie dafür 25 Prozent der abgezogenen Summe zahlten, enteigneten immer noch zwei Drittel der Testpersonen ihre privilegierten Mitspieler.
Die Lose-lose-Situation wurde mehrheitlich in Kauf genommen: Lieber gingen die Teilnehmenden mit weniger Geld in der Tasche aus dem Versuchslabor, als den anderen einen höheren Gewinn zu gönnen. „So sind wir nicht“, würde VdB sagen. Aber doch, so sind wir.
Wobei sich der Neid vorrangig auf Personen mit vergleichbarem oder niedrigerem Status richtet. In den vergangenen Jahren wurden erst mit den Panama Papers, dann den Paradise und heuer mit den Pandora Papers brisante Steueroasen-Leaks bekannt. Die zwielichtigen Steuertricks von zahlreichen Topverdienern und Machthabern lösten aber überraschend wenig öffentlichen Aufschrei aus; der ertappte zweitreichste Tscheche und Premierminister in Prag etwa, Andrej Babis, verzeichnete beim Urnengang im Oktober 2021 kaum Stimmenverluste, seine populistische ANO wurde erneut stärkste (Einzel-)Partei.
Neid schlägt hingegen oft denen entgegen, die selbst nicht so viel haben. Wütende Kommentare und Hetzseiten in den sozialen Netzwerken zeugen davon, dass einige den Bedürftigen selbst die kleinsten Zuwendungen missgönnen, erst recht, wenn sie aus dem Ausland stammen.
Der römische Philosoph Seneca warnte schon vor knapp 2000 Jahren: „Nie wird einer glücklich sein, den das größere Glück eines anderen wurmt.“

Adventmail 2021/19 (Gefühle)

Kann sich noch jemand an die „Erbschleicher-Sendung“ im Radio erinnern? So despektierlich wurde das in meiner Kindheit viel gehörte „Wunschkonzert“ genannt, weil dort Musikgrüße an Väter und Opas, Mütter und Omis oder andere ehrbare (und potenziell vererbende) Verwandte gerichtet wurden. Im Ohr habe ich z.B. noch „Ich hab Ehrfurcht vor schneeweißen Haaren./ Sie verschönern der Mutter Gesicht./ Und sie krönen die Arbeit von Jahren/ Und ein Leben der Treue und Pflicht.“ Eine Art musikalisches Mutterkreuz, das heute schwer verdaulich ist. Da ist „Großvota, mogst du net owakumman auf a Schoin Kaffee?“ deutlich sympathischer – und wahrhaft ehrfurchtsvoll.
Den Begriff Ehrfurcht umschreibt Wikipedia mit „der höchste Grad der Ehrerbietung, das Gefühl der Hingabe an dasjenige, was man höher schätzt als sich selbst, sei es eine Person oder eine geistige Macht, wie Vaterland, Wissenschaft, Kirche, Staat, Menschheit, Gottheit“. Das stammt aus dem Brockhaus von 1896, was der Patina, die dem Begriff Ehrfurcht anhaftet, gut entspricht.
In meiner gottseidank kurzen Zeit als Religionslehrer brachte ich den SchülerInnen dieses Gefühl mit der Frage näher: Wie würdet ihr es empfinden, wenn auf dem Friedhof neben dem Grab eurer Großmutter herumgekickt wird und dabei auch Grabsteine und -kreuze getroffen werden? Geht gar nicht, meinten die Jugendlichen.
Fehlende Ehrfurcht wird in Österreich im § 248 StGB behandelt. Als „Herabwürdigung des Staates und seiner Symbole“ wird demnach mit bis zu einem Jahr Haft oder bis zu 720 Tagessätzen bestraft, „wer auf eine Art, dass die Tat einer breiten Öffentlichkeit bekannt wird, in gehässiger Weise die Republik Österreich oder eines ihrer Bundesländer beschimpft oder verächtlich macht“. Dies gilt auch für entsprechende Fahnen und Hymnen. Also: Vorsicht beim Erzählen von Burgenländerwitzen!

Adventmail 2021/18 (Gefühle)

Trauer ist ein Gefühl, das mir bisher wenig zu schaffen machte. Zumindest in Bezug auf mir nahestehende Menschen. Beide Eltern (84 und 80 Jahre alt) leben noch, dazu noch alle 8 Geschwister meiner Mutter und 2 von 3 Geschwistern meines Vaters. Schmerzhaft nahe kam mir der Tod 1989, als meine liebevolle Großmutter plötzlich drei Wochen nach meinem Großvater starb, und 2018, als meine Schwiegermutter sehenden Auges ihrem Tod entgegenging. Trauer empfand ich auch um Persönlichkeiten wie Erich Fried, Georg Danzer, Christine Nöstlinger, Arik Brauer, Niki Lauda, John Lennon oder David Bowie.
Das Thema Sterben war zuletzt öfter mal Thema in meiner Ehe, angestoßen durch die Frage: Wer erbt was nach unserem letzten Atemzug? Das führte zum Nachdenken über: Wie wollen wir bestattet, betrauert werden, in Erinnerung bleiben? Auch an Claudia und mir zeigt sich die verbreitete Abkehr vom Traditionellen, nämlich eine Grabstätte auf einem Friedhof, die von Hinterbliebenen aufgesucht und gepflegt werden soll. Dabei hatte ich mir schon vor vielen Jahren überlegt, auf meinem Grabstein möge einmal „Gloria dei homo vivens“ geschrieben stehen; das hätte eine doppelte Pointe, wie ich meinte: Das lateinische Kirchenväter-Zitat „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch“ wäre sowas wie „In your face, Trauerklöße und Totenkultpfleger!“, und zweitens würde es auch konterkarieren, dass ich wegen schlechter Lateinkenntnisse eine AHS-Klasse wiederholen musste.
Naja, das muss nicht mehr sein. Weiterhin gut gefällt mir ein anderer alter Gedanke: Bei meiner Trauerfeier sollte „Silence“, komponiert von Jazzbassist Charlie Haden, zu hören sein, in der Version mit Jan Garbarek am Sax und Egberto Gismonti am Klavier (findet man auf Spotify, nicht aber auf YouTube). Schweigend mögen die um mich Trauernden der schwermütigen und zugleich schwebend leichten Melodie lauschen und dabei Erinnerungen an mich wachrufen. Mag sein, dass dies ein wenig voreilig erscheint, wenn ich das als recht gesunder und fitter 62-jähriger niederschreibe, aber vielleicht erinnert sich in sagen wir 25 Jahren jemand an diesen Wunsch und sorgt für dessen Erfüllung.
Ach ja: kein Begräbnis im Grabschacht, lieber eine Feuerbestattung und danach die Urne in einem von der Stadt Wien dafür freigegebenen Waldstück beisetzen. Dort dann Abschiedsgesten mit Erde auf die Urne schütten und Blume dazuwerfen. Und gemeinsam was trinken gehen und mit Anekdoten auf den Lippen auf den zur Auferstehung Bereiten (der die Zeit wie ein altes Kleid abgelegt hat) anstoßen…

Adventmail 2021/17 (Gefühle)

Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium. Wir betreten feuertrunken, Himmlische, Dein Heiligtum…“ Pathostriefend beginnt Friedrich Schiller seine Ode „An die Freude“. Dessen Beschwörung einer idealen Gesellschaft, in der Freude und Freundschaft gleichberechtigte Menschen verbinden, eignete sich bestens für ihre spätere Verwendung als von Beethoven vertonte Europa-Hymne.
Der zum Zeitpunkt der Entstehung 26-jährige schwäbische Dichterkronprinz der deutschen Klassik hatte im Sommer 1785 selbst guten Grund zur Freude. Schiller übersiedelte damals aus einem umgebauten Bauernhaus nahe Leipzig in ein Weinberghaus bei Dresden, das ihm sein Freund und Gönner, der Freimaurer Christian Gottfried Körner, zur Verfügung gestellt hatte. Das beendete Schillers bis dahin sehr wechselhaftes Leben mit vielen Geldsorgen. Seine Ode widmete er Körner, später Herausgeber der Gesammelten Werke Schillers, der auch gleich eine erste Vertonung der Versdichtung anfertigte. Weitere – darunter eine von Schubert – sollten folgen, bevor Beethoven 1823 für die „ultimative“ Melodie zum Gedicht sorgte.
Dass Freude ein flüchtig Ding ist, bewies Schiller selbst. Nachdem die prärevolutionäre Euphorie der 1780er Jahre bei ihm verflogen war, erschien ihm seine Ode an die Freude keineswegs als Meisterwerk, sondern als realitätsfern, wie er 1800 in einem Brief an Körner schrieb: „Deine Neigung zu diesem Gedicht mag sich auf die Epoche seiner Entstehung gründen: Aber dies gibt ihm auch den einzigen Wert, den es hat, und auch nur für uns und nicht für die Welt, noch für die Dichtkunst.“
So streng urteilten spätere Zeitgenossen nicht. Zu Weihnachten 1989, einen Monat nach dem Fall der Berliner Mauer, wurde Beethovens 9. Symphonie im Ostberliner Konzerthaus unter Leonard Bernstein mit einem leicht geänderten Text aufgeführt: „Freiheit, schöner Götterfunken“. Und freudetauglich ist der Chorgesang zu Beethovens euphorischer Melodie allemal.
Elysium/Elysion ist übrigens die „Insel der Seligen“ aus der griechischen Mythologie.

Adventmail 2021/16 (Gefühle)

Zu „ästhetischer Wertschätzung“ (aesthetic appreciation) fallen mir vor allem, aber nicht nur Kunstschätze ein, die mir seit jeher viel bedeuten. Als Gymnasiast wählte ich in der 7. Klasse AHS Bildnerische Erziehung statt Musik und sammelte von da an einige Jahre lang Kunstdruckkarten (von denen ich immer noch viele besitze). Auf Reisen besuchte ich Museen wie den Louvre in Paris, den Prado in Madrid, die Modern Tate in London, das Guggenheim in Venedig oder das Van Gogh Museum in Amsterdam; vor Bildern von Caravaggio, Francisco de Goya, Claude Monet, Emil Nolde, Egon Schiele, Paul Klee kann ich lange staunend stehenbleiben, ebenso vor den Skulpturen eines Michelangelo, Auguste Rodin, Alberto Giacometti und Henry Moore, den Bauten von Otto Wagner, Antoni Gaudi, Zaha Hadid. Und ich kann auch nachvollziehen, dass Meisterlyriker Rainer Maria Rilke bei der Betrachtung einer antiken Skulptur den Anspruch an sich gerichtet empfand: „Du mußt dein Leben ändern“ („Archaischer Torso Apollos“, Neue Gedichte, 1908).
Nicht nur ästhetische Wertschätzung empfinde ich für Kirchengebäude, z.B. auch für solche, die ich heuer während meiner Radtour von Südtirol (Franziskanerkirche Bozen!) über das Drautal (Pfarrkirche von Berg!) über Graz (St. Andrä!) bis in die Oststeiermark besuchte und die trotz geringer Bekanntheit für Wow-Erlebnisse sorgten. Was wäre das für ein entsetzlicher Verlust, dachte ich mir, würden Bankfilialen oder Gemeindeämter und nicht diese Gotteshäuser das weithin sichtbare Herzstück von Ansiedlungen bilden.
Schönheit liegt nicht nur im Auge des Betrachters, sondern auch außerhalb dessen. Die größte Künstlerin ist die Natur. Kaum jemand wird einen Sonnenuntergang am Meer, den Gesang einer Nachtigall, die Wucht eines Affenbrotbaums oder den Liebreiz eines gelungenen Frauenaktes mit Achselzucken zur Kenntnis nehmen. Apropos: Schon lange, bevor ich meine Claudia kennenlernte, hing der Nachdruck eines Aktgemäldes von Amedeo Modigliani über meinem Bett. Dieses Bild wurde wie zu einer Prophezeiung…

Amedeo Modigliani, “Nu couché” (1917)