Adventmail 2021/24 (Gefühle)

Ein geschundener, ausgemergelter Männerkörper auf einem weißen Leinentuch, nackt bis auf den bedeckten Unterleib, die Haut gelblich-fahl. Die Augen des Liegenden sind geöffnet, ebenso der von einem struppigen Bart umrahmte Mund. Doch es besteht kein Zweifel, dass es sich hier um einen Toten handelt. Einer unbelegten Legende zufolge nutzte der deutsch-schweizerische Maler Hans Holbein der Jüngere für dieses Bildnis eine aus dem Rhein geborgene Leiche als Studienobjekt.

Hans Holbein der Jüngere, „Der Leichnam Christi im Grabe“ (um 1521/22)

Ich stieß auf das Ölgemälde „Der Leichnam Christi im Grabe“ (um 1521/22) durch einen Artikel des Wiener Theologen Jan Heiner Tück über Dostojewski. Es versetzte mich in Staunen und hielt meinen Blick lange fest. Was für ein Bild von Verletzlichkeit, Verlorenheit, Vergänglichkeit! Und das soll der Heiland sein, der Erlöser, der Gottessohn, an dessen Frohbotschaft von der Auferstehung der Toten auch 2000 Jahre nach seinem elendigen Verbrechertod noch 2,26 Milliarden Menschen weltweit festhalten?? Ist sowas glaubwürdig, im Vergleich mit dem unter dem Bodhi-Baum in sich ruhenden Prinz Siddhartha Gautama, dem in Glaubensschlachten siegreichen Muhammad oder dem 92-jährig, überaus kinder- und auch sonst steinreich verstorbenen Sektengründer Sun Myung Moon? Gemessen an diesen Erfolgsmenschen war Jesus ein Loser.
Dostojewski suchte während eines Schweiz-Aufenthaltes 1867 eigens das Baseler Museum auf, um das dort nach wie vor ausgestellte Holbein-Bild zu sehen. Er war tief verstört davon und griff es später in seinem Roman „Der Idiot“ auf: „Vor diesem Bild kann manchem der Glaube verlorengehen!“, lässt er den Fürsten Myschkin sagen.
Auch Papst Franziskus anerkannte in seiner ersten Enzyklika „Lumen fidei“ (2013) über Holbeins toten Christus, das Gemälde zeige „auf sehr drastische Weise die zerstörende Wirkung des Todes“. Und doch werde „gerade in der Betrachtung des Todes Jesu der Glaube gestärkt“, der Glaube an Jesu unerschütterliche Liebe zum Menschen, die sich sogar dem Tod nicht entzogen habe, so der Papst; „ihre Totalität ist über jeden Verdacht erhaben und erlaubt uns, uns Christus voll anzuvertrauen“.
Ja, „über jeden Verdacht erhaben“, da hat was. Was mich an Jesus immer angezogen, ja fasziniert hat, ist sein Wirken, seine Wirkung jenseits des üblichen Machtdenkens, seine Hinwendung zu den „Kleinen“, sein offenes Ohr für eine als Heidin geltende Frau am Brunnen, sein Umgang mit als Sündern geltenden Geldeintreibern oder mit gläubig gewordenen Besatzungssoldaten, mit Bettelarmen oder Aussätzigen. Ich selbst bin wohlsituiert und auf die Butterseite des Lebens gefallen. Aber Erlösung im Sinn von „es geht alles gut aus“ – ja, bitte, die kann ich brauchen! Wie jedeR von uns.
Wer Holbeins Bild genau betrachtet, entdeckt ein Detail, das eine deutsche evangelische Kirchenzeitung am Karfreitag so umschrieb: „Gott zeigt dem Tod den Mittelfinger.“
Zeigt auch Ihr all dem Toten und Kranken um Euch den Mittelfinger, meine Lieben, und habt ein freudvolles Weihnachtsfest und ein beglückendes Jahr 2022.

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