Adventmail 2022/10 (Reisen)

Filme über das Reisen – viele davon großartig – gibt es zuhauf, und auch Listen mit den “besten Roadmovies” finden sich im Internet zuhauf. Zurecht von vielen als Nr. 1 geführt wird Dennis Hoppers und Peter Fondas “Easy Rider” (1969), der wie kaum ein anderer das Lebensgefühl und Freiheitsbedürfnis der Endsechziger ins Bild rückt und dazu auch noch großartige Musik wie “Born to be wild” von Steppenwolf beisteuert. Der “Evangelische Film-Beobachter” schrieb 1970 über den äußerst billig produzierten Erstling „Ein in Darstellung, Fotografie und Musik faszinierend schöner Film, der dem legalisierten Terror unserer Gesellschaft ein aufrichtig empfundenes, aber romantisch verklärtes Bild vom einfachen Leben in einer einfachen natürlichen Umgebung entgegensetzt.“ Interessant aus heutiger Sicht ist der ungeschminkte Blick auf das verstockt konservative, ausgrenzungs- und gewaltbereite Amerika, das bis heute ein Reservoir für demokratiegefährdende Politik à la Trump bildet.

Weitere höchst empfehlenswerte Reise-Filme:

  • Thelma & Louise (Rodley Scott, 1991) mit zwei von Geena Davis und Susan Sarandon dargestellten Frauenfiguren (für Brad Pitt und Harvey Keitel blieben nur Nebenrollen), die durch einen vereitelten Vergewaltigungsversuch zu Outlaws werden.
  • Blues Brothers (John Landis, 1977): John Belushi und Dan Akroyd reisen als Brüder Jake und Elwood Blues durch die Lande und bringen ihre alten Bandmitglieder wieder zusammen. Noch mehr als “Easy Rider” lebt der Film von der schon legendären Musik und Gastauftritten von Größen wie Ray Charles, Aretha Franklin, James Brown, John Lee Hooker oder Chaka Khan.
  • Into the Wild (Sean Penn, 2007): Ein Film über Einsamkeit. Hauptfigur ist ein junger Spross einer wohlhabenden Familie, der nach dem Abschluss seines Studiums von Karriereerwartungen und Besitz lossagt und eine Reise durch die USA und schließlich in die Wildnis Alaskas antritt.
  • Vogelfrei (Agnès Varda, 1985): Die junge Mona (Sandrine Bonnaire mit 18!) will in absoluter Freiheit leben und zieht als Landstreicherin durch das winterliche ländliche Südfrankreich.
  • Nomadland (Chloé Zhao, 2020) Eine trauernde Witwe aus Nevada (Frances McDormand) verlässt nach dem Tod ihres Mannes und der Schließung des nahegelegenen Gipssteinbruchs ihre inzwischen entvölkerte Heimatstadt und reist mit einem Van als Haus zu Gelegenheitsjobs quer durch die USA – wie viele andere, für die der amerikanische Traum nichts als ein unerreichbarer Traum ist.
  • Lohn der Angst (Henri-Georges Clouzot, 1953) sah ich vor Jahrzehnten und habe noch immer Bilder davon im Kopf. Yves Montand als Abenteurer, der zusammen mit letztlich scheiternden Gefährten per LKW eine Ladung Sprengstoff über kaum befahrbare Straßen befördert.
  • Rain Man (Barry Levinson, 1988) Feschak Tom Cruise gibt Charlie Babbitt, der seinen autistischen älteren Bruder Raymond (Dustin Hoffman) von einem Behindertenwohnheim in Ohio nach Kalifornien kutschiert, weil der Flugangst hat.
  • Midnight Run – Fünf Tage bis Mitternacht (Martin Brest, 1988) Ähnliches Thema, aber hier wird Flugangst vorgetäuscht: von einem Buchhalter, der die Mafia für wohltätige Zwecke betrog. Mein Lieblingsschauspieler Robert De Niro als Ex-Polizist soll den Flüchtigen nach Los Angeles bringen.
  • Wilde Erdbeeren (Ingmar Bergman, 1957) Filmklassiker über einen alten Professor, der während einer Autofahrt durch Tagträume und Erinnerungen mit seinen Fehlern konfrontiert wird.
  • Little Miss Sunshine (Jonathan Dayton und Valerie Faris, 2006) In dieser unterhaltsamen Komödie bricht eine ganze skurrile Familie nach Los Angeles auf – zu einem Schönheitswettbewerb, an dem die Jüngst unbedingt teilnehmen möchte.
  • Duell (Stephen Spielberg, 1971) Ein TV-Thriller war der Erstling des späteren Blockbuster-Regisseurs, der so gruselig erfolgreich war, dass er später sogar in die europäischen Kinos kam.
Im Hafen von Kopenhagen (großes Kino!)

Adventmail 2022/09 (Reisen)

Im Anschluss an meine berufsbegleitende Psychotherapieausbildung in den 1980er-Jahren nahm ich an einer Seminarreihe über „holotropes Atmen“ und Rebirthing teil. Mit Hilfe spezieller Atemtechniken und evozierender Musik sollte dabei ein Bewusstseinszustand erreicht werden, der Selbsterfahrung und psychische Heilungsprozesse mit Blick auf das eigene Geburtserlebnis ermöglicht. Ich lag mit gut einem Dutzend Hyperventilierender auf einer Matratze und begab mich auf eine Traumreise, die an Intensität davor erlebte Fantasiereisen („… jetzt wird dein linker Fuß schwer … dein rechter Arm…“) bei weitem übertraf.
Die wahren Abenteuer sind im Kopf, sang André Heller, und wenn man eine Zeitlang zu lautstarken Klängen heftig ein- und ausatmet, mag der dann erreichte Zustand dies bestätigen: Ich geriet „außer mir“, ohne „bewusstlos“ zu werden. Bilder wogender Wellen tauchten auf, Farben ganz ohne Drogen, ich hatte den Impuls, mit dem Kopf die mich umgebenden Matratzenwände zu durchstoßen, wand mich dabei – wie ein Ungeborener, der in die Welt drängt…
Bei meinem nächsten Kapfenberg-Aufenthalt fragte ich meine Mutter, ob meine Geburt eine schwere gewesen sei. Ich hätte da eine Selbsterfahrung gemacht, die nahelegt, es habe währenddessen eine Phase heftigen Geburtskampfes und ein Stocken gegeben. „Nein, bei dir nicht“, beschied mir Franziska lapidar. „Bei deinem Bruder war es zehn Jahre später um einiges schwieriger.“
Tja

Schwimmen in einem Nationalpark in Südthailand

Adventmail 2022/08 (Reisen)

Recherchen im Internet können auch eine Art Reise sein, die zu spannenden Entdeckungen führt. Heute eine unfreiwillige Reise: Napoleon Bonapartes Fahrt nach St. Helena, die letzte Reise des umtriebigen Korsen, den seine Eroberungszüge durch ganz Europa, nach Ägypten und Russland geführt hatten. Ich vertiefte mich in die Umstände von Napoleons Verbannung, die ihn bis zu seinem Tod in den Südatlantik führte.
Und wie oft bei solchen Internet-„Reisen“ geriet ich vom Hundertsten ins Tausendste. Der spektakulär gescheiterte Imperator lebte sechs lange Jahre auf St. Helena. Dass ich drei Stunden Recherche für dieses Adventmail aufwendete, ist also nur recht und billig.
Die erste Verbannungsreise Napoleons auf die Insel Elba dauerte vom 25. bis zum 27. April 1814; er blieb dort bis Februar 1815. Nach dem Ende der Herrschaft der 100 Tage und Waterloo bestieg Napoleon laut Entscheid der Alliierten am 8. August 1815 in Plymouth die HMS (Her Mayesty’s Ship) Northumberland mit Kurs auf St. Helena. Am 15. Oktober erblickte er die Insel (die nur fast so groß ist wie Graz) zum ersten Mal.
Weder die Hoffnung auf eine Emigration nach Amerika noch auf politisches Asyl in Großbritannien hatte sich erfüllt. Der bitter enttäuschte Napoleon durfte immerhin 26 Personen, darunter Offiziere, Diener und seinen Arzt, als Entourage mit auf die neunwöchige Schiffsreise nehmen. Der nur 168 cm große Franzose liebte es, an Deck zu spazieren und tat dies schon regelmäßig auf der berühmten HMS Bellerophon, die ihn nach Plymouth gebracht hatte und zwei Wochen lang sein Domizil bis zum Aufbruch nach St. Helena war. „Napoleon ging gewöhnlich gegen 17 Uhr an Deck spazieren, gefolgt von einem formellen Abendessen um 18 Uhr“, heißt es auf Wikipedia über seinen dortigen Aufenthalt. Dem Korsen wurde der Respekt britischer Gentlemen gezollt: „Die Matrosen und Offiziere zogen ihre Hüte ab und hielten Abstand, wenn Napoleon an Deck kam. Sie sprachen nur mit ihm, wenn er sie dazu aufforderte.“
Ob das auch auf der Northumberland der Fall war, fand ich nicht heraus. Sie war ein 55 m langes und nicht mal 15 m breites Segelkriegsschiff der Royal Navy für eine Besatzung von maximal 720 Mann. Es gab damals – und zwar seit den 1780ern – bereits Dampfschiffe. Diese waren aber erst nach Ressels Erfindung der Schiffsschraube 1836 konkurrenzfähig.
„Es war Abneigung auf den ersten Blick“, teilt die Zeitschrift Spektrum in einem lesenswerten Artikel auf Napoleons Ankunft am Sonntag, 15. Oktober 1815, auf St. Helena mit. „Das ist kein schöner Ort. Ich wäre besser in Ägypten geblieben“, soll der 46-Jährige nach der beschwerlichen Anreise geäußert haben. Die Insel vulkanischen Ursprungs war besser als Elba gewählt, um jegliche politische Ambitionen des Korsen fortan zu vereiteln: Aufgrund ihrer Abgeschiedenheit – 1900 Kilometer westlich der afrikanischen, 3300 östlich der brasilianischen Küste – gab es auf St. Helena nie eine indigene Bevölkerung, sie blieb bis ins 16. Jahrhundert unbewohnt, entdeckt wurde sie von Portugiesen, später kolonialisiert vom British Empire. Lange Zeit verband nur ein Postschiff St. Helena mit dem Rest der Welt. Nun hat die Insel einen Flughafen.
Napoleon hasste diesen Ort, seine schroffen Felsen, das zerklüftete Gebirge, das sich als Regenfänger für die feuchte Atlantikluft 800 m hoch auftürmt, den Nebel, den Wind. In der ihm zugewiesenen Bleibe Longwood House, einem heruntergekommenen Landsitz, wimmelte es von Ratten und penetranter britischer Observation. Gekränkt fühlte sich der Korse auch dadurch, dass ihn die Briten partout nicht als Kaiser anreden wollten. Zur Inselbevölkerung zählten damals rund 4200 zivile Einwohner und 2500 Militärs, die zur Bewachung des berühmten Exilanten abkommandiert waren.
Dieser schrieb üppige Memoiren („Denkwürdigkeiten zur Geschichte Frankreichs unter Napoleon“), hatte eine letzte Affäre mit der Gattin eines seiner Offiziere und starb am 5. Mai 1821 an Magenkrebs.

Wohl schöner als St. Helena: die wanderbare Caldera auf Corvo, der kleinsten der Azoren

Adventmail 2022/07 (Reisen)

Ich bin heuer am Ende des Sommers mit dem Rad von Feldkirch den Rhein entlang bis an die Nordsee gefahren. 1.526 km mit Übernachtungen etwa in Basel, Straßburg, Koblenz, Köln, Duisburg und Nijmegen.
Bereits in den Jahren davor unternahm ich ausgiebige Touren allein mit meinem E-Bike, das ich zum 60er bekam: 2020 von St. Moritz via Innsbruck, Chiemsee, Passau nach Wien, 2021 vom Reschensee quer durch Südtirol und Kärnten nach Graz. Ohne Elektromotor-Unterstützung war ich mit meinem alten Simplon-Rad auch schon entlang von Mosel und Isonzo, in einem großen Kreis um Hamburg sowie auf der Ostseeinsel Rügen unterwegs.
Ich liebe das: mich nach einem stärkenden Frühstück mit prall gepackten Satteltaschen aufs Rad schwingen und losdüsen. In einer Geschwindigkeit, die es erlaubt, mir Zeit für das Besondere zu nehmen, für Ausblicke, Kaffee und Kuchen zwischendurch, Stopps am Ufer mit erfrischendem Bad wie heuer am Rhein und im Bodensee, vor Kirchenbauten zum Innehalten und Kerze-Anzünden für Daheimgebliebene, dann wieder weiter, “On The Road Again” von Canned Heat u.a. vor mich hin trällernd.
Diese Art des Unterwegsseins macht nicht nur mich glücklich: RadlerInnen, denen ich begegne, lächeln mir oft zu, man grüßt sich, tauscht sich über Woher und Wohin aus und gibt sich Tipps.
Ich werde oft gefragt, ob mir die rund 100 km pro Tag nicht zu anstrengend sind. Nein, mit dem E-Bike ist das kein Problem. Die körperlich größte Herausforderung ist das spätestens nach drei Tagen im Sattel beleidigte Sitzfleisch. Aber das lässt nach.
Und das Gepäck? Ist mir das nicht zu wenig? Nochmal nein. Zwischendurchwaschen (wie heuer in der Jugendherberge in Heidelberg) ist immer möglich, Gewand und Toilettezeug sind immer knapp bemessen, auch für Regenschutz und Abendlektüre ist Platz, ebenso für Ladekabel für Radakku, Handy und Kamera.
Das Alleinsein stört mich tagsüber gar nicht. Ich kann da ganz meinem Rhythmus folgen. Abends in Gaststätten vermisse ich Gesellschaft dann aber schon. Andere Gäste sitzen zu zweit oder mehrt an den Tischen – ich allein. Außer in Köln, wo ich heuer ins Gespräch mit Einheimischen kam, über die “Meterwurst” mit Bratkartoffeln, die ich Hungriger mir zum Kölsch bestellt hatte. Ich lernte, dass man auf das kleine 0,2-Kölsch-Glas den Bierdeckel legen muss, sonst bringt die Kellnerin unaufgefordert immer wieder ein neues Blondes.
Mein Lieblings-Radland sind übrigens die Niederlande. Dort wird seit Jahren beim Straßenbau auf “Fietspad” geachtet, wo RadlerInnen bequem und sicher unterwegs sind. Auch in Deutschland ist es üblich, Gehsteige als Begegnungszonen für Räder zu öffnen und so gegenseitige Rücksichtnahme einzuüben. Österreich hat da noch viel zu lernen und Ellbogenmentalität abzulegen.

Irgendwo auf den herrlichen Radwegen im Elsass…

Adventmail 2022/06 (Reisen)

Vor 25 Jahren begannen meine Schwester Martina, mein Bruder Andreas und ich mit Reisen zu runden Geburtstagen unserer Mutter Franziska. Die erste, zu ihrem 60er, führte nach Prag. Die weiteren, im Fünfjahresabstand, nach Laibach, Budapest, Kopenhagen, nach Sirmione am Gardasee und zuletzt Ende Oktober, kurz vor Mutters 85er, nach Triest. Ob es weitere Reisen gibt, wird sich zeigen; auszuschließen ist es nicht, denn von Franziskas acht Geschwistern, allesamt zwischen Ende 70 und Anfang 90, leben bis auf eine Schwester noch alle.
Allerdings werden Städteerkundungen wie die drei Tage in Triest allmählich mühsam. Das Gehtempo der Jubilarin passte schlecht zu dem der anderen, wir behalfen uns mit dem Zugeständnis von Soloerkundungen von jeweils einer/m von uns “Kindern”. Vorrang hatten natürlich Franziskas Bedürfnisse – die Reisen mit ihr sind ja ein Geschenk. Konkret bedeutete dies abendliches Kartenspielen, Besuch von Geschäften, die z.B. mich wenig interessierten, lange Pausen mit Aperol Spritz, und mein Bruder hatte für die dreistündige Autoanreise aus Graz eine Playlist mit Schlagern wie “Azzurro” von Adriano Celentano, “Hinterrrr den Kulissen von Paris” von Mireille Mathieu oder “Das alte Haus von Rocky Docky“ von Bruce Low zusammengestellt.
Reisen mit einer Seniorin erfordert aber nicht nur Konzessionsbereitschaft, sondern ist auch immer wieder unterhaltsam: Ein Ausflug in die nahe slowenische Küstenstadt Koper sorgte für “Also so was hab ich noch nicht erlebt”-Empörung bei Franziska: Im Café des zentralen Hauptplatzes habe sie auf dem Weg zum Damenklo an Pissoirs vorbeigehen müssen, an denen sich gerade zwei Männer erleichterten. “I hob eh wegg’schaut – glaubt’s, das interessiert mi?!”, hieß es kurz vor der Erkenntnis, dass es sich bei besagtem Örtchen um die Herrentoilette gehandelt hatte. Und vor der Rückreise bedauerte Franziska, dass der Rosenstrauß, den unsere Gastgeberin für die 85-Jährige im Appartement als Willkommensgruß platziert hatte, leider schon ganz vertrocknet sei. Ein zweiter Blick ergab, dass sie die Trockenblumen im Flur mit dem durchaus noch intakten Blumengeschenk verwechselt hatte.
Schön, dass die manchmal etwas indisponierte angehende Greisin über sich selbst lachen kann…
Falls jemand von euch in nächster Zeit mal nach Triest reist (Direktzug von Wien/Graz!), noch ein heißer Lokaltipp: In der Osteria de Scarpon aßen wir zu viert abends zweimal um insgesamt 85 Euro. Die lustige Wirtin spendierte (!) jeweils Dolci und Grappa nach den köstlichen Fischgerichten.

In dem rosa Haus rechts am Ende des Canal Grande war unser Quartier.

Adventmail 2022/05 (Reisen)

Heute eine Rarität zum Thema “Wanderlust”: Dieser Germanismus steht in der englischen Sprache für „Reiselust“ bzw. „Fernweh“, und so hat Ex-Beatle Paul McCartney einen von George Martin produzierten Song auf seinem Soloalbum “Tug of War” (1982) genannt.
Das hübsche, eingängige Lied geht auf eine persönliche Erfahrung McCartneys bei Plattenaufnahmen auf den Virgin Islands zurück. Dort geriet er in Streit mit dem Kapitän eines Bootes, auf dem er Passagier war. Dieser sei ein unguter Machotyp gewesen, berichtet der begnadete Songwriter im Buch “Listen to what the man said – Paul McCartney und seine Songs” (1993). Im Hafen sei ein anderes Boot mit Namen “Wanderlust” vor Anker gelegen, und dies habe Paul dazu inspiriert, einen Song über die Flucht vor Ärger und die Sehnsucht nach Freiheit zu schreiben.
Was Paul lieber nicht erzählte, lässt uns John Blaney in seinem Buch ”Lennon and McCartney. Together Alone. A Critical Discography of Their Solo Work” (2007) wissen: Es ging bei dem Streit mit dem Kapitän um die Frage, ob Besitz bzw. Konsum von Marihuana an Bord erlaubt bzw. geduldet ist. Paul hatte davor schon in Japan und in den USA Zores wegen des Besitzes weicher Drogen gehabt. Damit wird auch die Songzeile “What petty crime was I found guilty of?” („Welches kleinlichen Vergehens wurde ich schuldig befunden?“) verständlich. Also: “Light out, Wanderlust, help us to be free…”
Im YouTube-Video (https://www.youtube.com/watch?v=Od5JgUOZYEc) sieht man neben Paul und George Martin einen coolen Ringo Starr mit Sonnenbrille an den Drums.

Küstenlandschaft auf Teneriffa

Und hier zwei Reisewitze als Nikologeschenke:
Ein Bauer aus dem Waldviertel hat eine Reise nach Paris gewonnen. Da der Hof sehr einsam liegt, fährt ihn sein Sohn mit dem Traktor ins nächste Dorf zur Bushaltestelle. Von dort geht es mit dem Bus nach Horn. Dann mit dem Bummelzug nach Wien. Dort steigt der Bauer in den Nightjet, der ihn tatsächlich nach Paris bringt.
Der Bauer schaut sich Paris an und ist begeistert. Nach vier Tagen geht es wieder heim. Erst mit dem Nightjet nach Wien, von dort mit dem Bummelzug nach Horn, weiter mit dem Bus ins Heimatdorf, wo ihn sein Sohn mit dem Traktor abholt.
Am nächsten Abend geht der Bauer zu seinem Stammtisch im Dorfwirtshaus. “Na, wia wor’s in Paris?”, wollen die Freunde wissen. “Scho schön, nua a wengl obgelegn is’s hoit.”
*
Karin erzählt der Familie von ihrem Urlaub in Afrika. Sie zeigt mit beiden Händen, wie groß dort die Bananen sind. Da meldet sich der schwerhörige Opa zu Wort. „Ist ja alles schön und gut, Karin, aber kann er dich auch ernähren?“

Adventmail 2022/04 (Reisen)

Aus Beamten mit Ärmelschonern werden kaum je große Dichter. Eine Ausnahme ist Franz Grillparzer. Und Johann Wolfgang von Goethe (JWG,1749-1832), der als 26-jähriger Jurist (mit einer nicht angenommenen Dissertation über das Verhältnis von Staat und Kirche) nach Weimar an den Hof des Sachsenherzogs Carl August übersiedelte und dort Staatsbeamter wurde. Damals hatte er bereits “Götz von Berlichingen” und “Die Leiden des jungen Werthers” veröffentlicht und war ein Literaturstar. Die amtsbedingte Tätigkeit in Weimar mit der Vernachlässigung seiner Kreativität stürzten JWG allerdings in eine persönliche Krise. 1786 stand er vor der Erkenntnis, dass er als faktischer Kultus- und Bergbauminister des Herzogtums seit zehn Jahren nichts Nennenswertes veröffentlicht hatte.
JWG zog die Reißleine und trat seine später auch literarisch verarbeitete “Italienische Reise” an. Sie dauerte mehr als eineinhalb Jahre, von September 1786 bis Mai 1788. Goethes Reisebericht darüber – basierend auf Tagebüchern – entstand allerdings erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt, zwischen 1813 und 1817, als eine seiner wenigen autobiografischen Schriften.
JWG brach am 3. September 1786 von seiner Kur in Karlsbad auf, ohne irgendjemanden außer seinen Sekretär und Diener Philipp Seidel einzuweihen. Herzog Carl August hatte er davor schriftlich um unbefristeten Urlaub gebeten und erwirkt, dass er seine Ämter für die Dauer der Reise niederlegen durfte, das Gehalt jedoch weiter bezog.
Der europaweit bekannte Autor reiste, meist per Postkutsche, inkognito als „deutscher Maler“ unter falschem Namen. JWG war überwiegend allein unterwegs, ohne Diener oder Sekretär – damals sehr ungewöhnlich für einen geadelten Geheimrat. Seine Route führte von Böhmen nach Regensburg, München, Seefeld, Innsbruck, über den Brenner nach Bozen, zum Gardasee, nach Verona, Venedig (wo er 17 Tage verbrachte), Bologna, Perugia bis nach Rom, wo er vier Monate blieb.
JWG war hochgebildet und auf seine Reise bestens vorbereitet. Die römische und griechische Kunst sowie berühmte Bauwerke waren ihm seit langem vertraut. Schon vorher hatte er seiner Italiensehnsucht Ausdruck verliehen im berühmten Gedicht “Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn…” JWGs Italienisch wurde auf der Reise bald fließend. Das Unterwegssein allein mag durchaus beschwerlich gewesen sein; JWG erwähnt dies aber nur selten, denn: “Ich habe nichts gewollt, als das Land sehen, auf welche Kosten es sei…” Wobei ihn die Kunst (der Antike) weit mehr interessierte als die soziale Realität Italiens.

Berliner würden sagen. JWG war JWD, nämlich in der Campagna

In Rom quartierte er sich beim Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein in der Via del Corso Nr. 18 (jetzt ein Museum) ein, der später das bekannte Gemälde ”Goethe in der Campagna” schuf. Dort bestand eine Art Wohngemeinschaft von deutschsprachigen Künstlern. JWG machte sich intensiv mit der Ewigen Stadt vertraut und befand: “Es ist ein saures und trauriges Geschäft, das alte Rom aus dem neuen herauszuklauben… Man trifft Spuren einer Herrlichkeit und einer Zerstörung, die beide über unsere Begriffe gehen. Was die Barbaren stehenließen, haben die Baumeister des neuen Roms verwüstet.”
Ab Februar 1787 reiste JWG, zusammen mit Tischbein, nach Neapel – erneut für einen längeren Aufenthalt. Dann folgte eine genaue Erkundung Siziliens. Im Juni 1787 ging es zurück nach Rom. JWG entschied sich, bis über den kommenden Winter zu bleiben. Er betrieb naturwissenschaftliche Studien, malte, widmete sich seiner Geliebten Faustina, schrieb “Iphigenie auf Tauris” und den “Egmont” fertig und komponierte sogar eine Schauspielmusik für letzteren. Interessant für mich als Kathpress-Redakteur JWGs Schilderung einer Papstmesse am Christtag 1786 im Petersdom: “Ihre Zeremonien und Opern, ihre Umgänge und Ballette, es fließt alles wie Wasser von einem Wachstuchmantel an mir herunter. Eine Wirkung der Natur hingegen wie der Sonnenuntergang, von der Villa Madama gesehen, ein Werk der Kunst wie die viel verehrte Juno machen mir tiefen und bleibenden Eindruck.”
Erst nach Ostern 1788 begab sich JWG – auf anderer Route – auf den Heimweg nach Weimar. Die Reise hatte alle schöpferischen Speicher des Dichterfürsten wieder aufgefüllt; bald folgten “Torquato Tasso”, “Faust” und anderes mehr.

Kuppel des Petersdoms mit vorbeifliegendem “Heiligem Geist” (Timing ist alles)

Adventmail 2022/03 (Reisen)

Habt Ihr früher in der Schule auch “Stadt, Land…” gespielt? Kennt Ihr “Scotland Yard”? “Zug um Zug”? “Auf Achse”? “Carcassone”? Mit diesen Brettspiel-Klassikern kann man auch im Wohnzimmer auf Weltreise gehen bzw. unterwegs sein.

Bei mir zuhause wurde und wird immer viel gespielt. Aktueller Liebling auf dem Wohnzimmertisch ist “Der Kartograph”, bei dem es um Erkundungen unbekannter Regionen geht. Meine Claudia und ich haben wohl schon mehr als 100 Partien gespielt – und es nützt sich nicht ab, ist immer wieder reizvoll und spannend.

“Der Kartograph” (auch als erweiterte Variante “Die Kartographin” erhältlich) ist ein “roll & write”-Spiel, das allerdings ohne Würfel auskommt; stattdessen werden Auftragskarten gezogen, die immer wieder für Abwechslung und Unvorhersehbarkeit sorgen. Toll an diesem 2020 als bestes “Kennerspiel des Jahres” nominierten “Pegasus”-Produkt ist auch, dass man es zu zweit, zu dritt, zu viert bis hin zu beliebig vielen spielen kann. 

Worum geht’s dabei? 

Ein Jahr lang haben die königlichen Kartographen Zeit, um die unerschlossenen Ländereien im Norden zu erkunden. Die Königin hat dabei klare Zielvorgaben getroffen. Insgesamt vier Aufgaben gibt sie den Spielenden pro Partie mit auf den Weg – eine für jede Jahreszeit. Verlangt ist etwa, dass man nach Waldpfaden zwischen Gebirgszügen und gut bewässerten Ackerfeldern Ausschau hält oder Dörfer in bestimmten Formen anlegt. Leichter gesagt als getan, denn welche Landschaften mit Tetris-artigen Formen die Spielenden auf ihren gerasterten Karten verzeichnen dürfen, wird über zufällig gezogene Erkundungskarten bestimmt. Mit zunehmender Spieldauer drohen dabei Gefahren z.B. durch Trolle oder dadurch, dass die Aufgaben einander behindern.

Eine gute Strategie mit Weitblick und auch etwas Glück ist gefordert, wenn Ihr die Gebiete Dorf, Acker, Wald und Wasser mit entsprechenden Farbstiften auf der Landkarte eintragt. Ein nettes Weihnachtsgeschenk für alle, die gern spielen.

Türsteher mit Charakterkopf, Innenstadt von Lyon

Adventmail 2022/02 (Reisen)

Jesus war – zumindest in der letzten Phase seines Lebens – ein Wanderprediger. Also einer, der öffentlich auftrat, das nahe Gottesreich verkündete und angesichts dessen zur Besinnung auf das Wesentliche im Leben (“Umkehr”) aufrief. Jesus tat dies in Galiläa und Judäa, ausgehend von seinem Wohnort Nazareth. Die Evangelien erwähnen als Schauplätze seiner Predigten, Heilungen und Wunder u.a. den See Genezareth und Kafarnaum an dessen Nordwest-Ufer, Kana, Bethanien, Naïn, den Berg der Versuchung im Westjordanland und natürlich Jerusalem. Dorthin pilgerte Jesus als frommer Jude regelmäßig an hohen Festtagen.
Das ist ein insgesamt recht überschaubarer Lebensraum. Zwischen Nazareth und Jerusalem ist die Luftlinie nur rund 100 km lang.
Laut dem Matthäusevangelium machte Jesus seine mit Abstand weiteste Reise nach Ägypten. Und das gleich zu Beginn seines Lebens, zusammen mit seinen Eltern auf der Flucht vor dem kindsmordenden König Herodes. Ein Engel war dem Nährvater im Traum erschienen und hatte vor Herodes gewarnt, so der Evangelist: “Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod des Herodes”, berichtet Matthäus in knappen Sätzen. Und fügt hinzu: “Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen” (Mt 2,14f).
Alle Bibelkundigen und TheologInnen mögen jetzt klug anmerken: Naja, die Bibel ist kein Geschichtsbuch; die Flucht nach Ägypten ist wie der Kindermord in Bethlehem historisch zweifelhaft. Es geht letztlich um den Hinweis auf die Messianität Jesu, die schon im Alten Testament aufleuchtet.
Ja, eh. Aber 40 Jahre nach meinem eigenen Theologiestudium finde ich die neutestamentliche Tendenz, Jesus durch “erfüllte Schriftworte” (und seien sie noch so an den Haaren herbeigezogen) im göttlichen Licht zu zeigen, allzu bemüht. Jesus war auch ohne diese Ausschmückungen und Querverweise auf die Thora eine faszinierende Person und ist bis heute Ansporn für Abermillionen, aus sich und ihrem Leben das Bestmögliche zu machen. Um ihn zu erleben, würde ich glatt nach Israel reisen. Oder nach Ägypten, von mir aus.

Sonnenaufgang erleben auf Dünen im südlichen Marokko

Adventmail 2022/01 (Reisen)

Wenn ich meine bisherigen Top-10-Reisen nennen sollte, dann wäre die…

  1. …Nummer 1 ein Reiseziel, von dem ich immer träumte und das ich 2016 im Zuge einer Wandergruppenreise auch vier Wochen lang erkundete: Neuseeland. Der Inselstaat am anderen Ende der Welt mit dem Kreuz des Südens in seiner Flagge lockte mich schon Jahre davor mit seiner unvergleichlichen Natur: Urwald mit endemischer Flora und Fauna, Vulkane (wie jener, in den der Film-Frodo den magischen Ring warf), Wüste, Fjorde, Hochalpen, Seen und viel Meer.
  2. Friesische Inseln/Nordsee 2017: Eine besonders emotionale Reise mit viel Watt, Sand, herrlichen Sonnenuntergängen, Krabben aus der Tüte und Inselhopping mit Claudia. Ihr machte ich am Hafen von Husum in Schleswig-Holstein einen Heiratsantrag, nach ihrem Ja kauften wir uns gleich dort Eheringe und fuhren nach fast zehnjähriger Beziehung frisch verliebt via Hamburg zurück nach Wien und in ein gemeinsames Leben.
  3. Réunion 2014. Wieder eine Wanderreise, wieder wuchernde Pflanzenwelt, Vulkane, ein Sonnenaufgang auf dem höchsten Berg des Indischen Ozeans (Piton des Neiges, 3070 m), Gewürze, erfrischendes Dodo-Bier und eine supersympathische Reisegruppe, von der ich die netteste beim Radeln heuer im Sommer nach 8 Jahren in Koblenz wiedersah (Hi Bianca, liest du das?).
  4. Azoren 2019: Und nochmals Inselhopping, diesmal mit dem dort lebenden Weltweitwandern-Guide Oliver, der uns die Vielfalt und den Reiz der atlantischen Inseln mit ihren Millionen von Hortensien nahebrachte.
  5. Island 2009: Mit Claudia großartige, baumlose Landschaften mit Geysiren, Wasserfällen, Gletschern bis zum Meer, Walen und Papageientauchern in einer Tour rund um die Insel entdeckt – unvergesslich!
  6. Rheinradtour 2022: Noch ganz frisch, die 1.500-km-Raderinnerung entlang der Perlenreihe mit großartigen Städten wie Konstanz, Basel, Colmar, Straßburg, Heidelberg, Köln, Düsseldorf, Nijmegen und Rotterdam. Dazu später mehr.
  7. Kapverden 2017: Inselhopping die dritte, mit Gruppenwanderungen in großartig karger Landschaft mit Guide Lena und Begegnungen mit Musik, Kulinarik, Gastfreundschaft vom Feinsten.
  8. Sardinien 2013: Beeindruckende Strände und Sonnenuntergänge, Pecorino und Vino bianco, die Murales im Dorf Orgosolo, die Geier an der Westküste bei Bosa, die Altstädte von Alghero und Cagliari – einfach schön.
  9. Kykladen 1984: Eine “Jugenderinnerung” an die Endloszuganreise mit Maria, Sepp und Ursula nach Athen, Übernachtungen unter freiem Himmel auf Anaphi, der südlichsten Kykladeninsel. “Olympische Spiele” und Gedichteschreiben am Strand, Tavli und Karten (Holländer Hans lehrte uns “Hühnerficken”) spielen.
  10. Georgien 2018: Ach, die georgische Küche: mit Walnusspaste gefüllte Melanzani, Teigtaschen Chinkali, Streetfood Khachapuri, dazu das orientalische Tiflis, die 5.000er des Kaukasus, Batumi an der Schwarzmeerküste, der grandiose Roman “Das achte Leben” von Nino Haratischwili.
Wandern im einzigartigen Tongariro-Nationalpark, Neuseeland