Adventmail 2022/02 (Reisen)

Jesus war – zumindest in der letzten Phase seines Lebens – ein Wanderprediger. Also einer, der öffentlich auftrat, das nahe Gottesreich verkündete und angesichts dessen zur Besinnung auf das Wesentliche im Leben (“Umkehr”) aufrief. Jesus tat dies in Galiläa und Judäa, ausgehend von seinem Wohnort Nazareth. Die Evangelien erwähnen als Schauplätze seiner Predigten, Heilungen und Wunder u.a. den See Genezareth und Kafarnaum an dessen Nordwest-Ufer, Kana, Bethanien, Naïn, den Berg der Versuchung im Westjordanland und natürlich Jerusalem. Dorthin pilgerte Jesus als frommer Jude regelmäßig an hohen Festtagen.
Das ist ein insgesamt recht überschaubarer Lebensraum. Zwischen Nazareth und Jerusalem ist die Luftlinie nur rund 100 km lang.
Laut dem Matthäusevangelium machte Jesus seine mit Abstand weiteste Reise nach Ägypten. Und das gleich zu Beginn seines Lebens, zusammen mit seinen Eltern auf der Flucht vor dem kindsmordenden König Herodes. Ein Engel war dem Nährvater im Traum erschienen und hatte vor Herodes gewarnt, so der Evangelist: “Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod des Herodes”, berichtet Matthäus in knappen Sätzen. Und fügt hinzu: “Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen” (Mt 2,14f).
Alle Bibelkundigen und TheologInnen mögen jetzt klug anmerken: Naja, die Bibel ist kein Geschichtsbuch; die Flucht nach Ägypten ist wie der Kindermord in Bethlehem historisch zweifelhaft. Es geht letztlich um den Hinweis auf die Messianität Jesu, die schon im Alten Testament aufleuchtet.
Ja, eh. Aber 40 Jahre nach meinem eigenen Theologiestudium finde ich die neutestamentliche Tendenz, Jesus durch “erfüllte Schriftworte” (und seien sie noch so an den Haaren herbeigezogen) im göttlichen Licht zu zeigen, allzu bemüht. Jesus war auch ohne diese Ausschmückungen und Querverweise auf die Thora eine faszinierende Person und ist bis heute Ansporn für Abermillionen, aus sich und ihrem Leben das Bestmögliche zu machen. Um ihn zu erleben, würde ich glatt nach Israel reisen. Oder nach Ägypten, von mir aus.

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