Archiv des Autors: Robert Mitscha-Eibl
Geschützt: Als wir unseren Kindern unsere Trennung ankündigten
„Noch lange keine Lipizzaner“ (Olga Kosanović, Ö 2025) *****
Ein Film zum Ärgern und zum Lachen: zum Ärgern deswegen, weil die bürokratischen Hürden, die der Staat Österreich Zuwanderungswilligen wie der hierzulande geborenen Regisseurin und Drehbuchautorin mit serbischen Wurzeln aufstellt, geradezu absurd sind. Und zum Lachen, weil Kosanović dies mit viel Humor und Fantasie etwa in Form einer Geburtslotterie-TV-Show, mit fiktiven Spielszenen, skurrile Interviews oder einem Zurück-zum-Start-Brettspiel veranschaulicht.
Die 30-jährige Tochter serbischer Eltern thematisiert in ihrer Doku eigene Erfahrungen: Ihr Antrag auf die Ö-Staatsbürgerschaft wurde von der Wiener Einwanderungsbehörde MA 35 abgelehnt. Denn die Filmemacherin hatte während der vergangenen 15 Jahre 58 Tage zu viel im Ausland verbracht – wegen Urlauben in Serbien, ihres Studiums in Deutschland und Prag. Ihr zweiter, weitere Dokumentensammelei erfordernder Anlauf war erfolgreich. Allerdings kann sie offiziell erst Österreicherin werden, wenn Serbiens Behörden die erzwungene Rückgabe des dortigen Passes zeitgerecht bearbeiten. Sonst droht Staatenlosigkeit. Oder erneute Ablehnung, wenn polizeiliche Verwaltungsstrafen wie Fahren ohne Helm oder bei Rot über die Straße anfallen.
Der Titel des Films bezieht sich auf Kosanovićs Teilnahme an einer Puls4-Talkshow zu solchen Themen. In einem Online-Forum reagierte ein Ungustl namens „Desert Eagle“ darauf mit der Maßregelung: „Wenn eine Katze in der Hofreitschule Junge wirft, sind das noch lange keine Lipizzaner.“
Doch der Verweis auf die Spanische Hofreitschule als etwas genuin Österreichisches geht freilich ins Leere: Im slowenischen Gestüt Lipica wurden für die Zucht der weißen Pferde neben Arabern und Andalusiern auch italienische Hengste verwendet.
Diplomat Emil Brix bringt die finanziellen, sprachlichen, verwaltungsstrafrechtlichen u.a. Hürden auf dem Weg zur Staatsbürgerschaft in einem Interview auf den Punkt: Österreich verteidige deshalb so rigide seine Identität, weil es sich seiner selbst so wenig sicher sei. Nur Saudi-Arabien und die VAR haben weltweit ein strengeres Staatsbürgerschaftsrecht als Österreich; in Wien darf ein Drittel der Bevölkerung – darunter meine beiden Stiefkinder – nicht an Wahlen teilnehmen.
50 Wiener Bäume, Buchpräsentation mit Sharing Dinner, magdas Wien, 14.10.2025
Nicht nur wer „Im Prater blüh’n wieder die Bäume“ von Robert Stolz kennt, assoziiert die Hauptallee mit den weißen und rosa Blüten der dort aufgereihten Rosskastanien. Nur leider, wenn man dem Topfachmann für Wiener Baumkultur, Thomas Roth, glauben kann, hat dieser frühlingshaft erfreuliche Anblick ein Ablaufdatum. Denn die Rosskastanie ist einer jener Bäume, die dem Klimawandel besonders schlecht gewappnet sind.
Unter den 49 weiteren, die der in den Bereichen Gehölzkunde, Baumschulwesen, Garten- und Landschaftsgestaltung lehrend tätige Boku-Absolvent in seinem neuen Buch auflistet, sind aber auch andere, die Hitze, Salz und Wassermangel in der Millionenstadt deutlich besser vertragen. Und Roth kann darüber unterhaltsam schreiben, was ich aufgrund des Buchtitels „50 Wiener Bäume“ nicht von vornherein erwartet hätte.
Vorgestellt hat Roth sein im Falter-Verlag erschienenes Buch am 14.10. im Gespräch mit Naturressort-Leiterin Katharina Kropshofer, hingelockt hatte mich und Claudia vor allem das magdas-Hotel als Veranstaltungsort und das dort gebotene Abendessen. Rund um die an langen Tischen platzierten 80 (?) Gäste hatte Roth Zweige und (tlw.) essbare Früchte seiner ausgewählten Bäume angeordnet. Darunter solche, von denen ich noch nie etwas gehört hatte – wie Taschentuchbaum, Gummiulme, Milchorange oder Schlafbaum, aber auch Platane, Gingko und die bedrohte Kastanie. Zu den problematischsten invasiven Arten in Europa zählt der Götterbaum, einer Pflanzen-Hydra, die umso üppiger nachwächst, je mehr man sie beschneidet.
Dazu gab’s rund 45 min Info, danach feines Essen – ein „Sharing Dinner“ – und nette Gespräche mit uns davor unbekannten Frauen und Gastgeberin Gabriela Sonnleitner; magdas, wir kommen wieder!
Berni Wagner, Monster, Kabarett Niedermair, 13.10.2025 *****
Meine Top-5-Lieblingskabarettisten im bezüglich Humorist:innen reich gesegneten Österreich sind Klaus Eckel, Alex Kristan, Thomas Stipsits, natürlich Altmeister Josef Hader – und seit gestern Berni Wagner. Für sein aktuelles (fünftes) Programm „Monster“ erhielt der 34-jährige Linzer Wahlwiener zurecht den Österreichischen Kabarettpreis 2025.
Berni macht sich über klischeehafte „richtige Männer“ lustig und deren Eigenart, z.B. ihm mit einschlägigen Schimpfwörtern die damit verbundenen Eigenschaften abzusprechen. Was ihn aber nicht anficht. Er sei bekennender Warmduscher, lieber ein Weichei als Hodenkrebskandidat, und auch wenn er „Mädchen“ oder „Muschi“ tituliert wird, stört ihn das nicht – denn er mag beides. Bei traditionellen Polterabenden und Junggesellenabschieden wisse er oft nicht, ob die Kumpels den Betreffenden in einen neuen Lebensabschnitt begleiten oder aber ihm eine Nahtoderfahrung verabreichen möchten. Und: „Richtige Männer“ wirken oft, als litten sie unter „umgekehrtem Tourette“: Hin und wieder fällt neben Tiraden auch einmal ein normales Wort.
Doch auch in ihm selbst schlummert ein durch kindliche Krampuserfahrungen genährtes Monster, lässt Berni das immer wieder mit einbezogene Publikum im leider sehr engen Niedermair wissen. Es regt sich, wenn etwa Öffi-Benutzer den Platz neben ihnen mit ihrem Koffer verstellen oder wenn jemand sein Handy laut per Videocall benutzt und es dabei wie ein Butterbrot hält. Berni versucht sein inneres Monster mithilfe eines guruhaften Fitnesstrainers zu kultivieren – mit zweifelhaftem Erfolg. Sein theatralisches Talent zeigt der Kabarettist, wenn er mit übergeworfener Boxermantel-Kapuze vom warmduschenden Dr. Jekyll zum monsterhaften Mr. Hyde mutiert.
Zum Schluss wird der studierte Biologe ernst und erklärt, dass Charles Darwin falsch verstanden wird: Nicht die Stärksten, Rücksichtslosesten in der Natur setzen sich durch, sondern die Anpassungs- und Teamfähigen. So ist es.
Große Empfehlung. Anschauen!
Rad + Schiff auf der MS Primadonna von Wien bis Belgrad, 6.-12-2025

Der erste Eindruck weckte den Ironiker in mir: Begrüßungssekt im geräumigen Bug des Luxus-Katamarans MS Primadonna samt 9 m hoher Verglasung für den bestmöglichen Blick auf die Donau, Easy-listening-Klänge des Barpianisten, und während Claudia und ich am kleinen Snack knabberten, brachte das Bordpersonal das Gepäck in unsere Kabine auf dem Oberdeck. Rundum Gäste gesetzten Alters, die sich wie wir eine Woche auf der Donau, die durch so viele Länder fließt wie weltweit kein anderer Strom, genießen wollten. „Pensionistenleben“ schrieb ich samt einen Lach-Smiley unter das Video über das obige Geschehen, das ich an liebe Zuhausegebliebene versandte.
Aber wir sind ja seit Jahresbeginn selbst in Pension und genossen in weiterer Folge die Annehmlichkeiten auf dem einzigen Kreuzfahrtschiff auf der Donau unter österreichischer Flagge: hervorragende Kulinarik bei den täglich fünf Mahlzeiten, 16-Quadratmeter-Kabine mit eigenem Balkönchen, Sonnendeck mit Außenpool, Sauna, Unterhaltungsprogramm mit Weinverkostung undundund. Es sollte sich herausstellen, dass unsere Mitreisenden keineswegs nur eine Woche lang die Füße hochlagern wollten. Viele sind versierte, erfahrene Radler:innen, etliche hatte (wie wir) ihre eigenen (E-)Bikes an Bord gebracht, etliche nützten gleich das Angebot, die Reise mit einer Tour von Wien nach Bratislava zu beginnen. Davon sahen Claudia und ich ab, denn wir radelten am Montag mit Gepäck auf den Rädern von Zuhause zur Anlegestelle in Nussdorf – bei leichtem Regen, dem einzigen während der Reise.
Abends ein (zu) kurzer Spaziergang durch die slowakische Hauptstadt, die wir trotz ihrer Nähe zu Wien noch nie gemeinsam besuchten. Holen wir nach, am besten per Rad die 70 km den Donauradweg entlang. Nachts war die MS Primadonna mit ihren rund 150 Gästen und knapp 50 Beschäftigten immer auf dem Wasser unterwegs, tagsüber wurden die Räder vom Personal an Land gebracht und die Urlaubenden strampelten auf den zuvor empfohlenen Routen.
Das Leben an Bord war erstaunlich ruhig. Bei Schiffskabinen rechne ich eigentlich mit Geräuschen von rundum, aber unsere war sehr gut schallisoliert, und sogar nächtliche WC-Besuche weckten den/die jeweils andere/n nicht. Auch hier also 4-Sterne-Niveau.

Wir waren uns bald einig: Der Urlaub mit Schiff und Rad auf der Donau ist ein Volltreffer. Zum Wohlbefinden trug auch die nette Tischgemeinschaft mit Helga, Gerti und Werner aus Vorarlberg bei, die wir zumindest beim Frühstück und beim 4bis5-Gänge-Dinner täglich sahen. Mir Medienschaffendem gefiel auch die Zeitungsauswahl (Standard und Süddeutsche) und das breite TV-Senderangebot, wodurch ich am Donnerstag den 10:0-Sieg des Rangnick-Teams gegen bedauernswerte San Mariner miterlebte. Zweimal unterhielt uns auch die Schiffsmoderatorin, Kabarettistin und ehemalige österreichische Karaoke-Meisterin Charlotte Ludwig mit Songs übers Meer und Wienerliedern sowie deftigen Witzen.



Am Dienstag stand ein Tag in Budapest auf dem Programm. Erst Stadtrundfahrt mit kompetenter „Peschterin“ („die in Buda gelten als hochnäsig“), dann Erkundung mit unseren Rädern mit Großer Markthalle und der teuersten Kaffeejause unseres Lebens: Wir folgten der Empfehlung unserer Führerin, das traditionsreiche, wunderschöne Café Gerbeaud anzusehen, missachteten jedoch ihren Rat, danach in ein billigeres Kaffeehaus zu wechseln. Unser „Lehrgeld“ betrug umgerechnet 58 Euro für 2 mit Marillenlikör aufgebesserten Cafés Gerbeaud und zwei Törtchen, samt Bedienungszuschlag und Steuer. Schluck.

Aber wir machten auch eine Entdeckung, die einen weiteren Besuch lohnen würde: In der Kazinczy Utca ist ein Gebäudekomplex voller antiorbanischer Alternativkultur. Szenebeisln, verwinkelte Gasträume, Laubengänge mit wuchernden Pflanzen.
Abends auf der Primadonna eine „Ehrenrunde“ durch Budapest, bedingt durch das Wendeverbot für große Schiffe in Innenstadtnähe: wieder hinauf zur Margareteninsel, vorbei am beleuchteten Parlament, an Fischerbastei, Hotel Gellert und unter den schönen Brücken weiter donauabwärts Richtung Serbien.

Am Mittwoch vor der nächsten geplanten Grenzüberquerung eine ungeplante durch Claudia und mich (und ein oberösterreichisches E-Bike-Paar), die meine Liebste anschließend mit der Bemerkung quittierte: „Ich hab mich noch im Leben nie so angestrengt wie heute!“ Und das kam so: Es hieß, die heutige 37-km-Radrundtour würde durch den Nationalpark Duna-Drava führen, bis wir über eine lange Gerade wieder die Anlegestelle im südungarischen Städtchen Mohacs erreichen würden. Jedoch, die Routenbeschreibung verriet nur unzureichend, wo wir den gut ausgebauten Donauradweg verlassen sollten. Wir fuhren viel zu weit, ermutigt durch das vor uns sichtbare erwähnte Paar. Der Mann behauptete im oberösterreichisch eingefärbten Brustton der Überzeugung, die immer grober werdende Schotterstraße und der holprige Traktorenweg entlang von Feldern werden gleich zur richtigen Straße zurück an den Hafen führen. Dem war aber nicht so. Wir radelten auf Untergründen, die mir wegen Claudias Schulteroperation Sorge bereiteten, zunehmend gestresst durch die voranschreitende Zeit: Wir sollten nämlich um 12.45h, nach etwa drei Stunden, wieder am Schiff sein.
Zu unserem Schrecken erreichten wir eine Grenzstation, die uns zurück (!!) nach Ungarn bringen würde. Gottseidank verlangte der Zöllner nicht unsere Pässe, die ja wegen der anstehenden Einreise in Serbien auf dem Schiff verblieben waren. Doch seine Auskunft um ca. 12.30h, die Fahrt nach Mohacs würde per Rad wohl noch etwa eine Stunde dauern, löste Panik bei uns aus. Es folgten knappe 20 km auf einer vielbefahrenen Bundesstraße bei strammem Gegenwind. Ich E-Bike-Loser radelte im Windschatten der selbst schon überforderten Claudia um mein Leben – die beiden Oberösterreicher waren bald außer Sichtweite. „Hoitet’s des Schiff auf!“, hatte ich ihnen noch mitgegeben. Claudia meinte, ihr Akku werde leer; wir wechselten die Räder und wieder retour, als ich merkte, es gibt eh noch Unterstützung. Wir erreichten um ca. 13h Mohacs, ohne Ahnung, wo das Schiff auf uns wartet. Eine falsche Auskunft führte zum Ortsende, die Verzweiflung nahm zu. Wir stoppten einen Kleintransporter mit leerer Ladefläche und boten 20 Euro für den Transport zur Anlegestelle. Trotz Sprachproblemen erkannte der Fahrer unsere Lage und düste mit uns und den Rädern zur richtigen Stelle, wollte das Geld erst nicht nehmen. Eine kurze Strecke noch am Pier entlang, die anderen Gäste beobachteten entspannt uns Verzögerungsverursachende, die Crew legte unmittelbar nach dem Reinschieben unserer Räder ab. Ich war völlig verschwitzt, aber Claudia war neben sich vor Anstrengung: Sie sank an Deck gleich ermattet auf den Boden, das eilig gereichte Wasser konnte sie vor lauter Zittern kaum trinken. „Atmen! Atmen!!“, rief die Rezeptionistin … Wir waren erledigt, legten uns am Nachmittag für ein Erholungsschläfchen in die Kabine, während die Primadonna zur peniblen Kontrolle durch die serbische Grenzpolizei fuhr. Kapitän Radovan mahnte zwar zur Pünktlichkeit, aber insgesamt nahm das Schiffsteam die 15-minütige Verspätung zum vorgesehenen „Leinen los!“ recht gelassen.

Am Donnerstag Aufwachen in Belgrad auf der Save, die dort nach Lubljana und Zagreb die dritte ex-jugoslawische Hauptstadt durchfließt und in die Donau mündet. Claudia und ich erkundeten die Stadt diesmal zu Fuß; ein radfreier Tag tat nach den Aufregungen tags zuvor gut, und in Belgrad sind Radfahrende Stiefkinder. Dafür sind alle Öffis gratis benutzbar, wovon wir auf dem Weg hin und zurück zur wichtigsten serbisch-orthodoxen Kirche, des neobyzantinischen Sava-Doms, auch Gebrauch machten. Ich nehm’s vorweg: Belgrad ist im Vergleich zu Budapest weniger „herausgeputzt“, weniger mondän, weniger Weltstadt. Das Stadtbild dominieren viele renovierungsbedürftige Häuser, sichtbare Armut und für andere Städte zu alt gewordene und deshalb den Belgradern überlassene Straßenbahnen und Busse. Von der schelenden Unzufriedenheit mit der Regierung Vucic und den Studierendenprotesten bekamen wir nichts mit.
Zunächst schlenderten wir in der Morgensonne durch die Kneza Mihaila, eine Art Kärntnerstraße von Belgrad. Tranken Cappuccini in der wunderbaren zweistöckigen Akademija-Buchhandlung, kauften ein süßes Strudeldreierlei und sahen uns in einer Straßenausstellung Faksimile-Großdrucke aus dem Prado an. Im empfohlenen Künstlerviertel Skadarlija war mittags noch nicht viel los, somit nahmen wir einen Bus zum Sava-Dom. Ein georgisches Restaurant versprach vor den geistlichen noch leibliche Genüsse, die Khinkali und der Salat mit Nussdressing erinnerten an eine andere schöne Reise… Kurios: Die Rechnung machte exakt den Rest der 50 umgewechselten Euro aus.

Vor dem erst 2018 nach dem Vorbild der Hagia Sophia fertiggestellten Sava-Dom, der dem Nationalheiligen und ersten serbischen Erzbischof geweiht ist, amüsierte uns ein Plakat, das ich so noch nie vor einem Gotteshaus sah: Nicht nur unpassende Kleidung, Handys oder Blitzlicht, auch Pistolen seien hier unerwünscht, ging daraus hervor. Drinnen christlicher Triumphalismus. Eine riesige Kuppel mit dem auf einem Regenbogen thronenden Christus, Gazprom-finanzierte Goldmosaiken rundum, Stelen mit Heiligenikonen zum Beten und Küssen. Wie in orthodoxen Kirchen üblich keine Sitzplätze. Alles sehr imposant, aber es bleibt dabei: Jesus, mein Freund, ist mir zigmal lieber als Christus Pantokrator (Weltenherrscher).
Wir waren früh genug zurück auf der Primadonna, um eine fast leere Sauna vorzufinden. Abends ein Kapitänsempfang u.a. mit köstlichem Roastbeef und einem zweiten Fläschchen Wein, diesmal gelber Muskateller aus der Südsteiermark.
Kalocsa, eine der ältesten ungarischen Städte, konnten wir wegen Niedrigwassers auf der Donau nicht besichtigen. Dadurch bedingte Einschränkungen und Verzögerungen häufen sich seit einigen Jahren aufgrund des Klimawandels, war zu erfahren. Also nochmals Mohacs ansteuern, diesmal mit Radtour Richtung Norden nach Baja. Claudia und ich waren uns einig. Diesmal mit dem Pulk der Mitradler:innen unterwegs sein, keine „Extratouren“. Und der Radweg ca. 35 km entlang der Eurovelo-Strecke 6 (Bild 1), die vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer führt, war bestens asphaltiert und markiert, keine Gefahr, sich zu verirren. In Baja führt ein hübsch gestalteter Kanal zur Donau, wo bei stimmungsvollem Sonnenuntergang die Primadonna auf uns wartete (Bild 2).


Zu einer Enttäuschung wurde der Besuch von Esztergom am letzten vollen Tag der Reise. Das katholische Herzstück Ungarns liegt zwar pittoresk auf einem Hügel über dem Strom, die der Maria Assunta und dem heiligen Adalbert von Prag geweihte, klassizistische Basilika ist aber von einer unangenehmen Protzigkeit und verkörpert einen Nationalstolz im Anschluss an den heiligen Ungarnkönig Stephan, dem die Bedeutung von „katholisch“ (d.h. weltumspannend) widerspricht. Innen ist die Kirche fast völlig eingerüstet, nur der Blick auf das Altarbild mit Mariä Aufnahme in den Himmel, geschaffen von Michelangelo Grigoletti (1801-1870), ist frei. Mit seinen Ausmaßen von 13,5 mal 6,5 m ist es das weltweit größte Gemälde, das auf einem einzigen Stück Leinwand gemalt wurde. Beeindruckender war der Blick von der Kuppel auf die Donau, das Benediktinerkloster und das Umland von Esztergom mit der slowakischen Schwesterstadt Sturovo, wohlverdient nach einem Aufstieg über endlos viele Stufen.

Dutzende Nimmermüde radelten in die 56 km entfernte nächste Doppelstadt an der Donau – nach Komarno (slk.) bzw. Komarom auf der ungarischen Donauseite. Claudia und ich (schon recht verkühlt) und unsere Vorarlberger Gefährten bevorzugten einen Bustransfer, der ungewollt zur Angstpartie wurde. Unserer Fahrer hatte nämlich sichtlich Mühe, die immer schwereren Augenlider offenzuhalten. Claudia bot ihm zweimal Wasser an, seine Ablehnung hielt ihn immerhin wach (und rettete unser Leben?). An diesem Samstagnachmittag war in Komarno tote Hose, wir Busreisende und etliche bereits eingetroffene Radler:innen belebten die Gastronomie sicher erheblich: Wir gönnten uns ein Bierchen am pittoresken Europaplatz mit Gebäudennachbauten aus verschiedenen Epochen.
Der Blick auf den Balkon am Sonntagmorgen zeigte Vertrautes: Auwald bei Fischamend kurz vor Wien. Wir erreichten Nussdorf um ca. 10h, verabschiedeten uns von der Crew und unseren Gsiberger Freund:innen (die noch radeln zum Hauptbahnhof und eine lange Zugfahrt nach Hause vor sich hatten) und waren nach einer halbe Stunde zuhause.
Fazit: Nach der eher unerfreulichen Ersterfahrung mit Urlaub auf dem Wasser im Sommer 2024 (schwer steuerbares Hausboot auf der Müritz/Brandenburgische Seenplatte) war die Reise auf der MS Primadonna ein Hit. Vielleicht ja wieder mal mit Schiff und Rad auf Tour (Frankreich? Niederlande?) – warum nicht?

Geburtstagsradeln mit Rudi von Jois nach Rust, 4.10.2025
Mein Freund Rudi (dem ich diese Website verdanke) ist für seine 70 Jahre nicht nur geistig extrem junggeblieben, sondern auch für körperliche Horizonterweiterungen offen: Seit Jahren lädt er zu Geburtstagen zu Radausflügen bevorzugt ins radfreundliche Burgenland (wenn auch meistens früher als ein halbes Jahr nach dem Anlass, aber diesmal hatten zwei planungsfreudige Freundinnen die Koordination der Überraschungstour übernommen). Acht Radler:innen stiegen in Jois aus dem Zug von Wien und kurvten teils elektrisch verstärkt durch das Flachland westlich des Neusiedlersees. Wobei: „Flach“ trifft es beim Radeln in den Weinbergen des Kirschblütenwegs nicht ganz. Da kamen bis zum Feierstädtchen Rust ganz schön viele Höhenmeter zusammen – die schönsten führten hoch zum Himmelreich (s. Foto 1), von wo man einen herrlichen Ausblick auf die pannonische Tiefebene (Foto 2) hat.


Das anfängliche Schönwetter wurde von Wolken abgelöst, und nach den Stationen Purbach (immer wieder schön: die Kellergasse dort!) und Oggau kamen wir fast trocken beim Heurigen Gabriel an. Dort brannte im Festraum ein Feuerchen und es herrschte Sturm. Der schmeckte fruchtig und süß 😉
Und obwohl es heißt „Rust never sleeps“, blieb der Großteil der Geburtstagsradler:innen über Nacht im Storchenort und setzte tags darauf die Fahrt mit der Fähre über den Neusiedlersee fort. Aber darüber kann ich nichts berichten, denn mich fuhr meine Claudia spätabends bei heftigem Regen zurück nach Wien.
Juli Zeh, Über Menschen, btb 2022 *****
Eine Berliner Werbetexterin aus dem grün-linksliberalen Milieu beschließt während der Corona-Pandemie mit all ihren behördlichen Einschränkungen und ideologischen Aufladungen, ihren Freund Robert (ausgerechnet!) und dessen Ich-weiß-genau-was-richtig-ist-Attitüde zu verlassen und aufs Land zu ziehen. Bracken heißt der fiktive Ort in Brandenburg, und das klingt laut Dora, der Hauptfigur, wie eine Mischung aus Brache und Baracken. Neben ihrem billig erworbenen, spartanisch ausgestatteten Haus wohnt ein Nachbar, der wie aus einer anderen Welt stammt. „Gote. Ich bin hier der Dorfnazi“, stellt sich der Kahlrasierte über die Mauer zwischen den Grundstücken vor. Fast gegen ihren Willen entsteht kontinuierlicher Kontakt zwischen Dora und dem einsilbigen, wegen rechtsradikaler Gewalt verurteilten Mann, der mit Freunden im Garten das Horst-Wessel-Lied singt und seine kleine Tochter Franzi während der Ferien bei sich beherbergt.
Wahrscheinlich ist diese sich festigende Beziehung der drei (plus Hund bzw. „Töle“, wie Gote sagt) nicht. Aber die gelernte Verfassungsjuristin Juli Zeh versteht es, das Verlassen der üblichen „Blasen“ plausibel zu machen. Sie findet einen Tonfall, der Humor, Aktualität und Tiefsinn verbindet und in das Geschehen reinzieht. Der Verständnis schürt und den Dorfnazi gegen Ende hin fast sympathisch erscheinen lässt.
Wer’s mag, wenn es ordentlich menschelt und die „Einfühlung“ der Vernunft vorzieht, der wird sich von diesem Roman bestens unterhalten fühlen, schrieb ein Kritiker in der „Zeit“ süffisant. Ich gestehe: Ich mochte das „Rührstück“, wie es in Rezensionen mehrfach hieß. Und die selbst aufs Land gezogene Zeh beeindruckte mich für ihre treffsicheren Dialoge zwischen Dora und Gote, zwischen Dora und ihrem Vater, einem abgeklärten Mediziner, der in der Geschichte noch eine wichtige Rolle bekommt. Und es gibt Sätze, über die man nachdenken mag, z.B.: „Die Tragik unserer Epoche … besteht darin, dass die Menschen ihre persönliche Unzufriedenheit mit einem politischen Problem verwechseln.“
Geschützt: 4 Tage mit Franziska
Wanderung am Keltenweg, Pötschen bei Kapfenberg, 2.10.2025
„6,5 km Rundweg, ca. 600 Hm, 2,5h / familienfreundlich“ ist über den von der Kapfenberger Hochschwabsiedlung mit dem Haus meiner Mutter und Geschwister bestens erreichbaren Weg hoch zum Hubertuskreuz auf der Hohen Pötschen im Internet zu lesen. Der Rundweg beginnt erst ein Stück nach dem ehemaligen Gasthaus Ortner, zu dem ich in fitteren Zeiten in einer Viertelstunde hochgejoggt bin. Man sieht immer wieder auf die Gebäude des Stahlwerks im Stadtteil Redfeld, auf den Emberg, wo ich als Teenager auf Skiern unterwegs war, ins Mürztal, auf den Frauenberg auf der anderen Seite des Tals. Schön, das alles, auch bei eher trübem Wetter wie am vergangenen Donnerstag. Der versprochene Hochschwabblick war mir wegen dichter Wolken nicht vergönnt.
Mehr gestört hat mich allerdings die mangelhafte Beschriftung des Keltenwegs. Ich folgte Forstwegen und blieb dann mindestens eine halbe Stunde ohne eines jener Hinweisschilder, auf denen Wissenswertes über die in vorchristlicher Zeit in Mitteleuropa dominierenden Kelten zu lesen ist. Hier gäb’s was nachzubessern, Stadtgemeinde Kapfenberg, damit schasaugerte Besucher aus Wien wie ich nicht statt auf Waldwegen auf Forststraßen bewegen.
