Udo Jürgens war erst 43, als er singend behauptete, dass „Mit 66 Jahren“ das Leben anfängt. Der Text stammte von einem noch deutlich jüngeren, vom damals 27-jährigen Linzer Wolfgang Hofer, der viele weitere Jürgenslieder textete. „Ihr werdet euch noch wundern, wenn ich erst Rentner bin“, heißt es, und dann ist die Rede von Motorrad und Lederdress, Straßenmusik und Diskobesuch, Jazzbandgründung und Blumen beim San-Francisco-Trampen.
Nun, ich wurde im September 66 und kann mich für diesen klischeehaft humorbemühten Text nicht erwärmen. Der Neubeginn als Rentner ist für mich kein Aufbruch ins Ausgeflipptsein, kein Durchbruch zu Dingen, die man sich vorher versagte. Auch wenn ich (weiterhin) ausgedehnte Radtouren unternehme oder rund um die alte Donau laufe, merke ich das zunehmende Alter. Der Ruhepuls ist deutlich höher als zu meinen Halbmarathonzeiten, der Bauch nicht mehr so straff, Falten und Altersflecken nehmen zu, Sehkraft und Gehör nehmen ab, Haare wachsen an Stellen, wo sie unerwünscht sind, Wehwehchen stellen sich ein und brauchen länger, bis sie wieder abklingen. Oder bis ich mich an sie gewöhne.
Neu sind Verantwortlichkeiten für die so richtig alt gewordenen Eltern und die Rücksichtnahme auf körperliche Beeinträchtigungen der Ehefrau. Neu ist auch der erforderliche Interessensausgleich durch meine deutlich erhöhte Präsenz im gemeinsamen Haushalt. Und angenehm neu ist die weggefallene fixe Arbeitszeit: Ich kann – gegen Honorar und/oder zu meinem Vergnügen – schreiben, wann ich Lust habe. Die Frei-Zeit kann ich/können wir für viele Reisen und Ausflüge nutzen, für Kontaktpflege, für Museumsbesuche und Einkäufe zu Zeiten, da andere in der Arbeit sind.
Unterm Strich ist es ein angenehmer Lebensabschnitt. Und in DEM Punkt haben Jürgens/Hofer hoffentlich recht: „Mit sechsundsechziiiig ist noch lang noch nicht Schluss.“