Über Robert Mitscha-Eibl

Katholischer, weltoffener Publizist im aktiven Ruhestand; gebürtiger Steirer, durch Theologie- und Germanistikstudium ausgebildeter Lehrer, später Redakteur bei Kathpress, verheiratet mit Claudia, dreifacher Vater, fünffacher Großvater

Adventmail 2025/10 (Anfang/Ende)

Warum meine Karriere als Religionslehrer 1988 nach drei Jahren an fünf Wiener Schulen zu Ende ging, hat auch was mit Anfängen zu tun: Zu Beginn jedes Schuljahres standen Erstauftritte in den mir zugewiesenen Klassen auf dem Programm, in denen es darum ging, Religion als Fach schmackhaft zu machen. Also eine Art Bewerbungsgespräch vor „Kunden“, die sich bei Nichtgefallen „aus Gewissensgründen“ einfach abmelden konnten.

Für mich war das jedes Mal ein unangenehmer Eiertanz zwischen Anspruch und Zugeständnis. Einerseits weitgehender Verzicht auf Leistungs- und Notendruck, andererseits Klarstellung, dass ich Reli nicht als Unterricht sehe, in dem man so einfach die Hausübungen anderer Fächer machen kann. Es solle hier um Fragen gehen, die sich jeder Mensch stellt, versuchte ich zu vermitteln: Wie kann Leben glücken? Was könnte ein liebender Gott für jedeN persönlich bedeuten? Was könnte Hamlet meinen, wenn er sagt, es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen unsere Schulweisheit nichts träumen lässt? Was können wir wissen, was dürfen wir hoffen? Woher kommen wir, wohin gehen wir? Was könnten wir tun, um unsere Welt ein Stück besser zu machen?

All das sollte man sich als reifes Individuum gefragt haben – unabhängig davon, ob die Antworten darauf religiöse sind oder nicht. Und außerdem, so versuchte ich weiters darzulegen, das Christentum ist DIE prägende Weltanschauung in Europa. Wer unsere Kultur verstehen will, unsere Geistesgeschichte, unser Sozialwesen, muss zumindest Grundkenntnisse über das Christentum haben.

Klingt überzeugend, oder? Jedoch zeigte sich, dass etliche Schüler:innen meinen Verlockungen widerstanden und statt Horizonterweiterung lieber zwei Freistunden pro Woche hatten. Und auch mit dem verbliebenen Rest war nicht immer gut Kirchen messen, das Durchdringen zu Grundsätzlichem scheiterte oft am Bodensatz an Wurschtigkeit.

Ich zog die Konsequenzen und Leine, wechselte in den Nachrichtenjournalismus. Da stört es nicht weiter, wenn das Publikum nach den ersten Sätzen weiterblättert – weil man das gar nicht mitbekommt.

Auch wenn es hier nicht so aussieht – Nachrichtenjournalismus hat mir viel Spaß gemacht.

Adventmail 2025/9 (Anfang/Ende)

1832 war das erste Jahr in der Geschichte der Menschheit, in dem zwei Kometen angekündigt waren. Die sich daraus ergebende Furcht vor einem Weltuntergang griff Johann Nestroy in seinem 1833 uraufgeführten „Kometenlied“ auf. Als Schuster Knieriem sang er im Stück „Der böse Geist Lumpazivagabundus“ über die aus den Fugen geratene Welt am Himmel und auch hier auf Erden im Refrain: „Da wird einem halt angst und bang, / Ich sag’: D’Welt steht auf kein’ Fall mehr lang.“

Die Kollision der Erde mit einem Kometen oder mit einem Asteroiden gilt in der Astronomie immer noch als ein mögliches, wenn auch nicht unmittelbar bedrohliches Szenario für unser aller Ende. Der NASA zufolge nähern sich uns regelmäßig Objekte aus dem All. Die Gefahr des Weltuntergangs oder zumindest einer globalen Katastrophe durch einen Einschlag wird unter Experten tatsächlich so ernst genommen, dass Fachleute aus aller Welt Szenarien durchspielen, um bestmögliche Verteidigungsstrategien auszuarbeiten. Dass der Aufprall eines nur rund 10 km breiten Asteroiden vor 66 Millionen Jahren zu einem Massenaussterben führte und alle Dinosaurier außer den Vögeln vernichtete, gilt in der Wissenschaft als plausibel.

Was bliebe noch übrig, wenn aus den Tiefen des Alls eine Katastrophe hereinbräche?
Wir Menschen wohl nicht.

Als weitere apokalyptische Bedrohungen aus dem All werden gigantische Sonnenstürme, die Kollision von Neutronensternen, die Explosion eines Schwarzen Lochs oder in ferner Zukunft die Verwandlung der Sonne in einen Stern vom Typ „Roter Riese“ genannt.

Wahrscheinlicher sind freilich „hausgemachte“ Gefahren. Die US-Regisseurin Kathryn Bigelow schildert in ihrem jüngsten Film „A House of Dynamite“ eindrucksvoll und nachvollziehbar, wie es 80 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki zu einem selbstmörderischen Atomkrieg kommen könnte. Mit über 14.000 Nuklearwaffen weltweit hätte ein atomarer Konflikt katastrophale Folgen für das Leben auf der Erde.

Beim politisch aktuell ins Hintertreffen geratenen Klimawandel ist immer wieder von Kipppunkten die Rede, die irreversible, lebensbedrohliche Zustände schaffen. Schon ab 2050 könnten tödliche Hitze, Wasserknappheit und Lebensmittelmangel Milliarden Menschen betreffen und zumindest das Ende des Anthropozäns einläuten.

Verursachen könnte dies aber auch ein „Supervulkan“: Etwa alle 100.000 Jahre ereignet sich eine Eruption, die das Sonnenlicht für Jahre blockieren könnte. Asche und Gestein in der Atmosphäre sorgen für einen permanenten Winter, das Pflanzenwachstum würde verhindert. Als am wahrscheinlichsten gilt so etwas aktuell durch den Yellowstone-Vulkan.

Weitere Nahrung für Pessimisten böten die Gefahr einer globalen Epidemie, von Gendefekten durch Mikroplastik, durch den Rückgang der Biodiversität oder eine außer Kontrolle geratene künstliche Intelligenz.

Fast alle Weltreligionen haben neben Schöpfungs- auch Weltuntergangsmythen. Denn was anfängt, muss auch enden, sagt die Logik. Bei Judentum, Christentum und auch Islam geschieht das mit dem Jüngsten Gericht, von Michelangelo unübertrefflich dargestellt in der Sixtinischen Kapelle. Endzeitreden gibt es im Neuen Testament mehrfach, doch die „Naherwartung“ des baldigen Reiches Gottes bzw. dann der Wiederkehr Christi war wohl doch ein Irrtum von Johannes dem Täufer, von Jesus selbst und von der Urkirche. Gott lässt sich Zeit. Und sagt uns: Kehrt um, wenn ihr in der Sackgasse seid. Also jetzt.

Adventmail 2025/8 (Anfang/Ende)

Sehe ich ein Anfänger-Warnschild im Heck eines Autos, bin ich gleich milder in Bezug auf Fehler der/des betreffenden Lenkerin/s. Ich war ja selbst einmal Anfänger hinter dem Steuer – nein: eigentlich zweimal. Das erste Mal, als ich im Sommer nach der Matura die Führerscheinprüfung ablegte und danach mehr als ein Jahr lang keine Fahrpraxis erwarb. Dann hatte ich eine Freundin, die mich regelmäßig mit ihrem VW-Käfer fahren ließ. Das zweite Mal, als ich nach jahrelanger Fahrpause in Korneuburg Teil eines Carsharing-Projekts wurde, für das nette Nachbarn ihr Zweitauto zur Verfügung stellten.

Mein erstes Auto als Mitbesitzer nutzte ich, als ich noch in der autofreien Siedlung in Floridsdorf wohnte – es stand in der Garage unter der Wohnung von Claudia zwei Straßenbahnstationen entfernt, wo auch ich jetzt lebe (nicht in der Garage, Anm.). Und wir sind am Überlegen, ob der mittlerweile 9 Jahre alte Renault Captur nicht das letzte Auto in unserem Besitz sein wird. In Wien kommt man mit Öffis bzw. dem Fahrrad so gut wie überall hin, Einkaufsmöglichkeiten sind in unmittelbarer Nähe, und Ausflüge/Urlaube könnten wir auch mit Leih- oder Sharing-Wagen bewältigen.

Von meinen drei in der fußgängerfreundlichen Seestadt lebenden Söhnen (38, 37 und 29 Jahre alt) hat nur einer einen Führerschein – und der nutzt ihn nicht wirklich.

Ich bin übrigens dafür, dass Autofahrer:innen ab einem gewissen Alter Fahreignungstests machen müssen – auch wenn mich das selbst bald betreffen würde. Ich denke an meinen 84-jährigen, vielfahrenden Vater, der einen Augenarztbesuch scheut, weil ihm dann womöglich der Führerschein abhandenkäme. Immerhin meidet er inzwischen das Fahren bei Regen und Dämmerung/Dunkelheit…

Adventmail 2025/7 (Anfang/Ende)

Heute die besten Songs über Anfang/Ende, anzuhören über DIESE Spotify-Liste:

Nina Simone: Feelin‘ Good „It’s a new dawn, it’s a new day. it’s a new life for me. And I’m feeling good“, singt Nina Simone hier Mitte der bewegten Sixties. Und man glaubt es der selbstbewussten Ikone der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, in deren Version dieses oft gecoverten Songs die Instrumentierung erst in Sekunde 39 einsetzt.

John Lennon: (Just Like) Starting Over Ein Song aus Lennons Todesjahr 1980, die letzte Single zu seinen Lebzeiten – und seien wir ehrlich: Die von ihm als „Elvis-Orbison-Nummer“ gedachte Komposition ist bei weitem nicht seine beste, nicht mal in meinen Top 10. Und sie war zunächst auch nicht sonderlich erfolgreich, wurde das erst nach der Ermordung der Legende. Aber es ist John! Lennon!!

Rolling Stones: Start Me Up Mit diesem einfach gestrickten 3-Akkorde-Song von Jagger/Richards eröffnen die Stones seit dem Paläolithikum ihre Konzerte. „If you start me up, I’ll never stop“, singt der 82-jährige Mick, und ich hoffe mit vielen, dass er noch lange mit seinen Steinen rollt.

Stevie Wonder: Isn’t She Lovely Mein Soul-Liebling at his best. Dieses Lied aus seinem wunderbaren Doppelalbum „Songs in the Key of Life“ (1976) schrieb er anlässlich der Geburt seiner Tochter Aisha (die Lebendige), in der Langversion ist auch Babygeplapper beim Baden zu vernehmen. Ich hörte das Album in einem Urlaub vor 25 Jahren mit meinen drei Söhnen rauf und runter; zwei von ihnen bekamen heuer ebenfalls Töchter.

Bright Eyes: First Day Of My Life Eine hübsche Komposition des US-Alternative-Stars Conor Oberst, der die Band Bright Eyes bereits als 15-Jähriger gründete. Seine brüchige Stimme auf seinem (inzwischen auf Spotify meistangeklickten) Folk-Song hat Charme und verbreitet Lagerfeuerfeeling.

Simply Red: Something Got Me Started Bei Simply Red war ich in den 1990ern in der Stadthalle in einem Life-Konzert, weil ich die funkig-soulige und gut arrangierte Musik von Mick Hucknall mochte. Allerdings merkte ich, dass die große Halle in Bezug auf Atmosphäre kleineren Spielorten klar unterlegen ist, heute gehe ich viel lieber in kleine Räume.

Ella Fitzgerald/Duke Ellington: I’m Beginning To See The Light Über die Zusammenarbeit von Ella und dem „Duke“ sang Stevie Wonder, manche Musikpioniere dürften einfach nicht vergessen werden. „The king of all Sir Duke / And with a voice like Ella’s ringing out / There’s no way the band can lose“. Stimmt genau, das hört man auch auf dieser Ellington-Komposition aus dem Jahr 1944.

David Bowie: Absolute Beginners Pop-Chamäleon Bowie schrieb diesen Hit für den gleichnamigen Film über „Absolute Beginners“, also Erwachsene ohne Beziehungserfahrung, im Londoner Stadtteil Notting Hill. „As long as we’re together / The rest can go to hell“, textet hier der großartige Songschreiber, der viel zu früh verstarb.

Carpenters: We’ve Only Just Begun Ja klar, dieses Lied des Geschwisterduos Richard und Karen Carpenter hat was Schnulziges. Aber die wunderbare Alt-Stimme der lange magersüchtigen, bereits 32-jährig verstorbenen Karen adelt die Soft-Pop-Songs der beiden, die in den 70ies ein breites Publikum fanden.

Beginner: Hammerhart Rap ist ja an sich nicht so meins, aber bei dieser Hamburger Band mit ihrem adventmailpassenden Namen mach ich ma ne Ausnahme. Die Vorzüge des nunmehrigen Trios formuliert der Refrain: „Ihr seid Zeuge, wie Denyo ’n neuen Hit schreibt / Eißfeldt die fetten Beats holt, aus’m Zip-Drive / Mad seine neuesten Technics Tricks zeigt / Arfmann an den Reglern macht den Shit tight.“ Jan Eißfeldt/Jan Delay ist auch solo einer meiner deutschen Lieblinge.

Beatles: Hello, Goodbye Dieser Beatles-Song bildet sozusagen die Bridge zu den Songs über Aufhören/Abschied/Ende. Es thematisiert Gegensätze – neben hello/goodbye auch ja/nein, stop/go, high/low … und zeigt das unglaubliche Talent McCartneys für eingängige Melodien. Lennon mochte den Song nicht besonders, hätte lieber „I Am The Walrus“ auf der A-Seite der Single aus dem Jahr 1967 gesehen. Was für eine produktive Konkurrenz das doch war!

Georg Danzer. Ruaf mi ned an Dieses so wienerische Beziehungsende-Lied ist mein favourite und das meistgecoverte vom Schurl. „Weit host mi brocht / i steh auf in der Nacht / und dann geh i spazier’n / Ganz ohne Grund, i hob net amoi an Hund / zum Äußerln fiarn…“ Selten ist Seelenpein so anschaulich und berührend geschildert worden. Und auch der Reim „Porsche“ und „Oasch geh‘“ ist genial.

Reinhard Mey: Gute Nacht, Freunde Einer der großen Texter der deutschen Liedermacherszene verdient hier auch Erwähnung. Mey-Lieder wie „Ihr Lächeln war wie ein Sommeranfang“ sang ich schon als Jungstudent an den Ufern der Isar während meines Wienerwald-Ferienjobs; später als Theologe, als wir statt „Über den Wolken“ grinsend „Unter Soutanen“ sangen. Und „Sommermorgen“ ist eines der schönsten Liebeslieder, das ich kenne.

Sarah Brightman/Andrea Bocelli: Time To Say Goodbye An dieser Melodie und diesen Stimmen komme ich nicht vorbei: 1996 nahmen Andrea Bocelli und die englische Sopranistin Sarah Brightman das italienisch „Con te partirò ( „Mit dir werde ich fortgehen“) betitelte Lied von Francesco Sartori. Kurios: Das Stück wurde als Eröffnungslied beim Boxkampf von Henry Maske gegen Virgil Hill unter dem heutigen Titel Time to Say Goodbye bekanntgemacht.

Madonna: The Power Of Good-Bye Es gibt ein Album der davor allzu sehr als „Material Girl“ agierenden Madonna, das ich in meine All-Time-Favourites einreihe: Ray Of Light (1998). Neben „Frozen“ einer der schönsten Songs darauf ist dieser für ihren Ex-Mann, den Schauspieler Sean Penn, komponierte. Im Text spricht sich Madonna dafür aus, sich von etwas zu lösen, das einem nicht guttut.

Adele: Someone like You Noch ein Beziehungsendelied – und vielleicht das schönste, das ich kenne. Adele singt hier auf ihrem zweiten Album „21“ über die ambivalenten Gefühle bei einer Trennung: „Never mind, I’ll find someone like you. / I wish nothing but the best for you too. / Don’t forget me, I beg! / I remember you said, / ‚Sometimes it lasts in love but sometimes it hurts instead.“ Ganz schön reif für eine am Beginn ihrer 20er. Und was für eine mitreißende Interpretin!

Bob Dylan: It’s all over now, Baby Blue „Jetzt ist alles vorbei, Baby Blue“… An wen His Bobness diese Abschiedsworte richtete, bleibt unklar (vielleicht weiß es mein Freund, der Dylanologe Dr. No?). Es wurde darüber spekuliert, ob Dylan mit dem Song seine Trauer über die vergebliche Liebe zu Joan Baez besingt oder vielleicht seine Distanzierung von puristischer Folkmusik. Eine musikalisch beachtliche Version des Songs stammt übrigens von Van Morrison und Them.

Wolfgang Ambros: Heite drah i mi ham „Es lebe der Zentralfriedhof“ war 1975 ein Meilenstein des Austropop, das Duo Ambros/Prokopetz war auf dem Höhepunkt seiner Kreativität. Das genannte Lied über Suizid mittels aufgeschnittener Pulsadern stammt jedoch von Georg Danzer, wie auch „A Gulasch und a Seidl Bier“. Alle anderen komponierte Ambros, der heute leider ein vom Leben Gezeichneter ist.

Earl Grant: The End Als Posthum-F1-Weltmeister Jochen Rindt 1970 auf dem Wiener Zentralfriedhof begraben wurde, spielte man sein Lieblingslied, gesungen vom akustischen Nat-King-Cole-Lookalike Earl Grant, der nur drei Monate vor Rindt auch bei einem Autounfall starb. Eine deutschsprachige Version („Jeder Traum hat ein Ende und Schatten folgt dem Licht / Jeder Tag geht zur Neige, doch unsre Liebe nicht…) sang Grant kurz nach der englischen in den USA ein.

The Doors/The Beatles: The End Etwas langatmig klingt heute die rauschgiftgeschwängerte 11‘43‘‘-Version des längsten Songs der US-Kultgruppe rund um Jim Morrison. „My only friend, the End“ singt der 27-jährig Verstorbene darin etwas morbid. Wie eine Kontrastversion dazu in Länge und Inhalt dazu wirkt das gleichnamige Liedfragment der Beatles, das das großartige Abbey-Road-Album beschließt. „And in the end, the love you take, is equal to the love you make“ textete Paul McCartney nach dem Vorbild von Shakespeare-Zweizeilern. John Lennon nannte das „a very cosmic, philosophical line“ von Paul. Und fügte ironisch dazu. „Which again proves, that if he wants to, he can think.“

Adventmail 2025/6 (Anfang/Ende)

Ich war um die 30, als ich, angeregt durch die pointierten, unfassbar belesenen Bücher Egon Friedells über die „Kulturgeschichte der Neuzeit“ das Hauptwerk von Oswald Spengler (1880-1936), „Der Untergang des Abendlandes“, las. Und ich finde, die kulturpessimistisch-deterministische Sicht, die der deutsche Kulturphilosoph wortreich entfaltet, hat ein Jahrhundert nach der Veröffentlichung noch mehr Plausibiität.

Spengler kurzgefasst: Geschichte verläuft nicht linear, sondern zyklisch. Jede Hochkultur durchläuft die Phasen Kindheit, Blütezeit, Alter und Verfall. Worauf der Mensch nur begrenzten Einfluss hat. Kulturen sterben „natürlich“ ab. Das „Abendland“, also der Westen, befindet sich nach seiner Blüte im Mittelalter und in der Renaissance im letzten Stadium, im „Winter“ seiner Kultur. Diese wandelt sich zur Zivilisation, wenn geistige Schöpfungskraft nachlässt und nur noch Technik und Macht zählen. Genau das war aus Spenglers Sicht Anfang des 20. Jahrhunderts der Fall. Politik wird dabei zunehmend von „Caesaren“, machtbewussten Führerfiguren, bestimmt.

Spenglers in zwei Bänden 1918 und 1922 erschienenes Opus Magnum ersetzt die vor dem Ersten Weltkrieg noch weitverbreitete Vorstellung eines kontinuierlichen, ja sogar notwendigen Fortschritts der Menschheitsgeschichte.

Spätestens seit den enttäuschten Erwartungen nach dem Fall des Kommunismus und mit 9/11 schwindet der Fortschrittsglaube erneut, auch bei mir. Wie auch anders – angesichts von Umweltzerstörung, Krieg als Mittel der Politik, Verlust demokratischer Errungenschaften, Polarisierung und Horizontverengung durch das Internet? Und ich denke, nicht nur mein Lebensgefühl hat sich seit geraumer Zeit sehr verändert. Ich bin pessimistischer geworden, was die Zukunft der Menschheit betrifft. Yuval Noah Harari nennt den Homo sapiens nicht umsonst einen „ökologischen Serienmörder“.

Eine geistreiche, unterhaltsam pessimistische Kulturdiagnose bietet der kanadische Spielfilm „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“ (Denys Arcand, 1986, Stream auf Amazon Prime). Eine Freundesgruppe mittleren Alters, beschäftigt am Institut für Geschichte der Uni Montreal, trifft sich in einem Landhaus. In ihr intellektuelles Geplänkel über den Zustand der Welt mischt sich immer wieder oberflächliche Lust an Freuden des Lebens wie gutem Wein und Sexaffären, hinter denen Einsamkeit, Relativismus und Resignation lauern.

„Melt“ (Nikolaus Geyrhalter, Ö 2025) **

Mehr als eine Stunde Schneegeschiebe, bis er endlich zu seinem Thema kommt. Um die mit der Schnee- und Gletscherschmelze verbundene Klimakatastrophe und deren Folgen für die an Küstenregionen lebenden Menschen ging es explizit erst am letzten und spannendsten Schauplatz – einer deutschen Forschungsstation auf dem Schelfeis in der Antarktis. Davor Schneemassen in Japan, Kanada, Osttirol, Schweiz. Ein Kapitel ist dem Ischgl-ähnlichen Après-Ski-Getöse in Val d’Isère gewidmet, wo eine hochkomplexe Infrastruktur zur Erzeugung von Kunstschnee geschaffen wurde. Ein weiteres führt in eine Höhle im Vatnajökull-Gletscher auf Island, die es wegen der zu hohen Temperaturen auch im Winter schon bald nicht mehr geben wird. Und vom sich rapide schrumpfenden Dachsteingletscher, wo sich auf 2500 m Seehöhe der Liftbetrieb nicht mehr rechnet, haben aufmerksame Medienkonsument:innen in Österreich schon mehrfach gehört.

Ich gestehe: Ich habe mich gelangweilt bei Geyrhalters von 2021 bis 2025 gedrehter, mit vielen Standbildern und ohne Musik auskommenden Doku. Der hat schon viel Besseres gedreht (Unser täglich Brot 2005, Homo Sapiens 2016). Wäre der 125-Minuten-Film auf arte oder Sat1 gelaufen, hätte ich schon lange vorm Ende umgeschaltet.

Adventmail 2025/5 (Anfang/Ende)

Er bekam einen stieren Blick. Fletschte die Zähne. Packte die Stöcke, als wollte er Blut aus ihnen herauspressen. Schien die Piste fressen zu wollen.

Die Rede ist von Skistar Hermann Maier, genannt Herminator in Anlehnung an den über Leichen gehenden Terminator. Der Olympiasieger (2x), Weltmeister (3x) und Gesamtweltcupsieger (4x) ist einer der Sportler mit einem besonders auffälligen Startritual. Auf Youtube gibt es sogar eine Zusammenstellung mit „Start Impressionen“ von Maier. Noch extremer, wenn auch nicht so erfolgreich wie der Herminator, gestaltete Slalomweltmeister Manfred Pranger sein Startritual. Wenn er mit Tunnelblick und Schaum vor dem Mund unverständliche Wortkaskaden ausstieß, fragte ich mich immer: Was um Gottes willen hat der eingenommen?

Das Startritual des „Herminators“. Unvergessen.

Überaus minutiös, ja zwanghaft legte Rafael Nadal (Tennis) den Beginn und auch den weiteren Verlauf seiner Wettkämpfe an: Wasserflasche millimetergenau ausrichten, vor jedem Punkt die Hosen und das Shirt zurechtzupfen, sich über Haare und Nase streichen – immer in derselben Reihenfolge. Für ihn sei das ein Mittel, „Ordnung im Kopf“ zu schaffen, sagte er 22-fache Grand-Slam-Sieger.

Sprintweltrekordler Usain Bolt inszenierte sich gerne vor dem Publikum: Vor dem Start und nach Siegen zeigte der Jamaikaner seine ikonische „Lightning Bolt“-Pose, bei der er schräg in den Himmel zeigte.

Tormaschine Cristiano Ronaldo stellt sich vor Freistößen breitbeinig hin, atmet tief ein, blickt konzentriert auf das Tor und führt dann den typischen Anlauf aus. Nach Toren springt er mit Drehung in die Luft und landet mit ausgebreiteten Armen, bereit für Ovationen (mehr bekommt bei mir aber Messi).

Für Aufsehen sorgt immer wieder das Ritual von Neuseelands Rugby-Team, der „All Blacks“: Vor jedem Spiel führen sie den traditionellen Haka, einen Maori-Kriegstanz, auf. Dieses Ritual ist nicht nur Einschüchterung der Gegner, sondern Ausdruck von Identität, Stolz und Teamgeist.

Und auch ich habe ein Ritual vor wichtigen Fußballspielen: Fenster abdunkeln, Getränk vorbereiten, Polster richten, Füße hochlagern, an der Aufstellung herummäkeln, „Pscht!“ zur Liebsten sagen.

Adventmail 2025/4 (Anfang/Ende)

Wann beginnt menschliches Leben? Kaum eine Frage berührt Ethik, Religion, Medizin und Recht gleichermaßen tief. In der Geschichte der abrahamitischen Religionen war der Beginn des menschlichen Lebens nie nur eine biologische Feststellung, sondern immer auch eine Glaubensfrage: Wann erhält der Körper eine Seele, wann beginnt moralische Verantwortung? Judentum, Christentum und Islam eint, dass sie den Beginn menschlichen Lebens nicht primär medizinisch, sondern theologisch verstehen: als Moment, in dem Gott Leben gibt.

Im Christentum wurde die Frage nach dem Beginn des Lebens früh mit der Idee der Beseelung verbunden. Augustinus und später Thomas von Aquin übernahmen von Aristoteles die Lehre der „verzögerten Beseelung“ – beim Mann etwa nach 40 Tagen, bei der Frau erst nach 90. Erst danach galten der Fötus als beseelt und der Schwangerschaftsabbruch als Tötung. Mit der modernen Embryologie im 19. Jhd. und dem moralischen Universalismus der Neuzeit verschob sich die Position: Heute lehren die christlichen Kirchen, dass das menschliche Leben mit der Befruchtung beginnt. Jede Abtreibung gilt seither als moralisch verwerflich, auch wenn seelsorglich mittlerweile stärker zwischen individueller Schuld und tragischer Lebenssituation unterschieden wird.

Die Humanbiologie definiert den Beginn eines individuellen menschlichen Organismus heute weitgehend einheitlich: Mit der Befruchtung entsteht eine Zygote mit eigenem, unverwechselbarem genetischem Code. Entwicklung und Identität setzen kontinuierlich ein. Doch Biolog:innen betonen zugleich, dass diese Feststellung deskriptiv, nicht normativ ist: Sie sagt nichts darüber aus, wann „Personsein“ oder rechtliche Schutzwürdigkeit beginnt. In der Forschungsethik hat sich daher ein pragmatischer Kompromiss etabliert – die 14-Tage-Regel. Bis zum Auftreten des sogenannten „primitiven Streifens“ darf an Embryonen geforscht werden; danach nicht. Diese Grenze soll den Punkt markieren, an dem sich eine individuelle Entwicklung unumkehrbar festlegt.

Das europäische Rechtssystem spiegelt diesen Spagat wider. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat keinen einheitlichen Beginn rechtlicher „Personschaft“ definiert. Stattdessen lässt er den Staaten einen weiten Ermessensspielraum: Ob und bis wann eine Abtreibung erlaubt ist, bleibt nationale Angelegenheit – solange die Grundrechte der Frau nicht unzumutbar eingeschränkt werden. In fast allen europäischen Ländern sind Abbrüche in den ersten zwölf bis vierzehn Wochen legal, danach nur bei medizinischen Indikationen oder schweren Fehlbildungen.

So entsteht ein bemerkenswertes Nebeneinander: Während religiöse Traditionen vom göttlichen Ursprung des Lebens ausgehen, betrachtet die moderne Wissenschaft den Menschen als biologischen Prozess, und das Recht sucht praktikable Grenzen in einem moralisch aufgeladenen Feld.

Die Frage, wann menschliches Leben beginnt, hat damit nicht an Schärfe verloren – sie hat nur die Arena gewechselt. Zwischen Zygote, Seele und Selbstbestimmung bleibt sie der Punkt, an dem sich Glauben, Wissenschaft und Recht berühren – und manchmal unversöhnlich widersprechen.

Adventmail 2025/3 (Anfang/Ende)

„Schön. Wow!“ Das waren laut seinem Schriftstellerbruder Daniel Glattauer die letzten Worte, die der fast ebenso bekannte Journalist, Pädagoge und Autor Niki Glattauer vor seinem Tod am 4. September sagte. Die Entscheidung, seinen assistierten Suizid schon Tage vor dessen Durchführung in einem Interview anzukündigen und zu begründen, hat die österreichische Öffentlichkeit sehr bewegt. Auch ich, der zu diesem Zeitpunkt radelnd in Skandinavien unterwegs war, verfolgte den Fall aufmerksam.

Und ich war gespalten: Die Motive des unheilbar krebskranken Glattauer konnte ich gut nachvollziehen. Auch seinen Wunsch, dass mehr über das Tabuthema Sterbehilfe diskutiert wird. Dennoch fürchte ich mich vor der möglichen Tendenz, dass ein selbst festgelegter Todeszeitpunkt als würdigere oder gar als einzig würdige Art des Sterbens gesehen wird. Und dass auf Schwerkranke der Druck normal wird, anderen nicht länger zur Last zu fallen und sich selbst zu „entsorgen“.

Glattauers „Schön. Wow!“ scheint immerhin darauf hinzuweisen, dass sein Abschied aus dieser Welt, umgeben von ihm lieben Menschen, wunschgemäß verlief. Ganz ähnlich schied Apple-Mitgründer Steve Jobs 2011 erst 56-jährig aus dem Leben: Seine letzten Worte „Oh wow. Oh wow. Oh wow.“ verstand seine Schwester Mona Simpson als Ausdruck von Staunen im Angesicht des Todes.

Weitere „famous last words“ gefällig? Sokrates mahnte 399 v. Chr. nach dem Leeren des Schierlingsbechers seinen Begleiter: „Kriton, wir schulden Asklepios einen Hahn. Vergiss nicht, ihn zu opfern.“ Allen bekannt ist wohl das „Es ist vollbracht“ von Jesus am Kreuz (Joh 19,30). Auch Goethes schwer zu deutendes „Mehr Licht!“ 1832 auf seinem Sterbebett wird oft zitiert.

Gute Manieren bis zuletzt bewies Marie Antoinette († 1793), die zu ihrem Henker sagte, nachdem sie ihm auf dem Weg zur Guillotine auf den Fuß getreten war: „Pardon, Monsieur, ich habe es nicht mit Absicht getan.“ Typisch für den bissigen Humor von Karl Marx († 1883) war seine Antwort an seine Haushälterin, die ihn nach letzten Worten fragte: „Gehen Sie raus! Letzte Worte sind für Narren, die noch nicht genug gesagt haben.“ Auch von Oscar Wilde († 1900) ist eine ironische Bemerkung in seinem Pariser Sterbezimmer überliefert: „Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich.“ Den Vogel hinsichtlich Humors bis zum letzten Atemzug schoss James Donald French ab. Zu den journalistischen Beobachtern seiner Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl 1966 in den USA sagte der verurteilte Mörder: „How’s this for your headline? ‘French Fries’.“

Was würde ich selbst gerne zuletzt sagen? Keine Ahnung. Ich denke, ich halte es mit dem tödlich getroffenen mexikanischen Revolutionsführer Pancho Villa (†1923), dem der Schlusssatz an einen Journalisten zugeschrieben wird: „Lass es nicht so enden. Schreiben Sie, dass ich etwas gesagt hätte!“ Soll heißen: Wenn mir nix G’scheites einfällt, möge man mir etwas andichten.

Margaret Atwood: Der Report der Magd (Piper 2024/5. Aufl.) ******

Die jüngst 87 gewordene Kanadierin Margaret Atwood begann mit den Arbeiten zu „The Handmaid’s Tale“, wie ihr Buch im Original heißt, schon in den 1960ern. Damals erschien die Vorstellung, dass sich in Amerika jemals eine antidemokratische, theokratische Gewaltherrschaft etablieren könnte, aber zu abwegig. Erst 1985 erschien der nunmehrige Klassiker der dystopischen Literatur, der an Orwell und Huxley denken lässt. Und heute erscheint ein Szenario, bei dem eine christlich-fundamentalistische Gruppierung wie Atwoods „Söhne Jakobs“ durch einen Staatsstreich an die Macht kommen und die Verfassung außer Kraft setzen, nicht mehr so völlig abwegig.

Die titelgebende „Magd“ oder „Handmaid“ Desfred (im Englischen: Offred wie „offered“) ist eine der wenigen fruchtbaren Frauen in den durch Umweltkatastrophen, Pestizide und Verhütung schrumpfenden USA. In der neuen Republik Gilead wird ihr eine entsprechende Aufgabe zugewiesen, ja unter strengster Strafandrohung aufoktroyiert: Die völlig entrechtete, als Magd erkennbar gekleidete Frau soll im Haus eines Kommandanten für Nachwuchs sorgen und ist dabei dem Hausherren und seiner alt und unfruchtbar gewordenen Gattin Serena Joy in entwürdigenden monatlichen Zeremonien rund um den Eisprung „zu Diensten sein“.

Desfred selbst ist Mutter eines von ihr erzwungen getrennten Mädchens, ihren früheren Mann Luke hat sie nach einem missglückten Fluchtversuch aus der Republik Gilead aus den Augen verloren. Ihre rebellische beste Freundin endet in einem Bordell, das den Privilegierten des Regimes als Ventil dient. Aber auch in den Klassen der Rechtlosen zeigen sich Risse, die die tief in den Alltag eingreifenden Regularien unterminieren. Dabei ist die Gefahr, entdeckt und bestraft zu werden, allgegenwärtig. Atwoods Darstellung, wie individuelle Freiheiten und menschliche Würde unter dem Deckmantel göttlicher Ordnung vernichtet werden, ist beklemmend; die Opfer ereilt Folter, Wahnsinn, Suizid und auch die Günstlinge erscheinen alles andere als glücklich.

Das Ende des als eine Art Tagebuchaufzeichnung konzipierten Romans ist überraschend und soll hier nicht gespoilert werden. Denn es lohnt sich, dieses packende Buch zu lesen – und sei es nur als Warnung, wohin die Aushöhlung demokratischer Freiheiten führen kann.