Die Aufregung kam reichlich spät, umso heftiger wird sie nun im Advent von Entrüstungswettläufern geschürt: Die Rede ist von der Ausstellung „Du sollst dir ein Bild machen“, mit der das Wiener Künstlerhaus noch bis 8. Feber 2026 eine Brücke zwischen der christlichen Bildtradition und zeitgenössischer Kunst schlägt. Mehr als einen Monat nach der Eröffnung der Schau und nach wohlwollenden Einschätzungen von kirchlichen Kunstkennern wie „Kulturbischof“ Glettler, Dompfarrer Faber, Jesuit Schörghofer und „Kultum“-Graz-Leiter Rauchenberger brach ein Empörungssturm los.
Die „Österreichische Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“, eine Gruppe katholischer Traditionalisten, sammelt – mit mäßigem Zuspruch – Unterschriften für die sofortige Schließung der Schau; FP-Politiker von Kickl abwärts und der rechte ÖVP-Flügel surfen auf der Empörungswelle mit. Der Tenor: Das Künstlerhaus vertrete eine Agenda von Wokeness und Sexualisierung, agiere antichristlich in einer Weise, wie sie gegenüber dem Islam undenkbar wäre, und dürfe nicht mit Steuergeld gefördert werden.
Was sind die Steine des Anstoßes, mit denen Kritiker die Ausstellungsgestalter und mit ihnen die Wiener Kulturpolitik bewerfen? Inkriminiert werden vor allem ein Pietà-Bild mit Maria als Transfrau mit angedeutetem Penis, eine Priesterfigur als betender Wolf im Schafspelz, ein mit Latexnoppen überzogenes Kruzifix sowie der schon 1990 skandalisierte „gekreuzigte Frosch“ von Martin Kippenberger, den einst auch der über jeden Progressismusverdacht erhabene Bischof Egon Kapellari gegen Blasphemievorwürfe verteidigte.
Das zweite der zehn Gebote besagt, man solle sich kein Bild von Gott machen. Mit ihrem titelgebenden Verstoß dagegen provoziert das Künstlerhaus natürlich – wie dies auch viele kirchlich beauftragte Großwerke der Kunstgeschichte tun. Manche Exponate mögen befremden, verstören. Aber man kann darauf auch anders reagieren als mit Schaum vor dem Mund, nämlich: sich herausrufen (pro-vocare) lassen aus einer allzu vertrauten Ikonographie, einem bequemen Glauben, einem musealen Gott. Wie sagte Bischof Glettler nach der Eröffnung so schön: „Die Ausstellung ist ein Beleg für das unendliche Ringen, dem Geheimnis Gottes, der sich in eine verwundete Welt eingeschrieben hat, irgendwie gerecht zu werden.“ Und die Linzer Kirchenzeitung empfahl: „Du sollst dir selbst ein Bild machen.“ (leicht verändert erschienen in DIE FURCHE 51/52, 18.12.2025)