Säulenheilige gehören zu den sonderbarsten Erscheinungen der christlichen Mystik. Wenn zu lesen ist, dass der heilige Daniel Stylitis (=Säulensteher) 33 Jahre seines Lebens auf einer Säule verbrachte, kommen da nur mir Assoziationen zu Bestleistungen wie 30 Stunden Dauerküssen oder 30 Kilometer mit dem Fahrrad rückwärts fahren aus dem Guiness-Buch der Rekorde?
Den spätantiken Säulenheiligen ging es natürlich nicht um äußeren Ruhm in Form einer Eintragung ins „Guiness-Heiligenlexikon“, sondern sie pflegten Askese zur höheren Ehre Gottes – in diesem Fall durch Unbehaustsein und möglichst stehendes Verweilen am immer selben Ort.
Besondere Steherqualitäten hatte wie gesagt Daniel (409-493). Der wie viele andere Heilige (Paulus, Nikolaus) aus der heutigen Türkei stammende Fromme begegnete dem Syrer Symeon (+459), dem Begründer der Säulenaskese, also quasi „Erstbesteiger“. Davon beeindruckt fand Daniel bei Konstantinopel eine eigene freie Säule und verharrte fortan dort oben auf einer kleinen Plattform, betend, predigend und seinen zahlreicher werdenden Besuchern Rat gebend. Daniel starb hoch angesehen im bemerkenswerten Alter von 84 und wurde am Fuß seiner Säule begraben.
Eine moderne Variante sind jene „Säulenheiligen“, die stundenlang und unbeweglich auf allerdings kleinen Säulen in Fußgängerzonen stehen, fotogen gekleidet in mitunter einfallsreiche Gewänder. Einen von ihnen sah ich einmal nach einem harten Arbeitstag seine Utensilien packen. „Und – lohnt sich das?“, wollte ich wissen. Nun ja, antwortete der junge, sogar im Gesicht goldschimmernde Mann: An die 100 Euro verdiene er an guten Tagen schon mal…