Lesung in der autofreien Siedlung, 10.12.2025

Es war nicht meine erste Lesung aus eigenen Texten, somit ordne ich diesen Beitrag auch unter „biografiert“ ein. Aber der bisher letzte Auftritt mit Selbstgeschriebenem fand während meiner Studienzeit in den 1980ern in Graz statt. Und ich weiß nicht, war es bei einem Event mit anderen Jungpoeten in der „Brücke“ oder der auch vom ORF eingefangene in der Grazer Herrengasse, als ich auf einem Tennisschiedsrichterstuhl sitzend von oben herab auf ein mäßig interessiertes Publikum las. Egal.

Diesmal eine Art „Heimspiel“, wie ich einleitend sagte. Denn in der autofreien Siedlung lebte ich 14 Jahre lang, von 2004 bis 2018. Und ich kenne dort immer noch etliche Bewohner:innen so gut, dass meine vorangegangene Werbung via Rundmail und Zettelaushang in den Stiegenhäusern Interesse weckte. Zusätzlich zu den acht von mir von außerhalb eingeladenen (darunter meine drei Söhne) kamen nochmal so viele aus der Siedlung (darunter eine meiner Mieterinnen). Krankheitsbedingt kamen auch Absagen, sogar Claudia musste wegen ihrer fiebrigen Erkältung passen.

Meine davor von mir angefragte Lesepartnerin war Sonja Rosenzweig, die über ihren Freund Stefan seit längerem Kontakt zur Siedlung hat und im „Aquarium“ auch schon mal gelesen hat. Vereinbart war, dass ich sie „umrahme“: erst ein halbstündiger Block mit sieben Adventmails von mir, dann Sonja mit einem neuen Text und nach einer Pinkelpause mein zweiter Block mit acht Texten, nochmals ca. 30 Minuten lang.

Ich hatte davor etwas „geübt“, denn so vorzulesen, dass Leute gerne zuhören, ist gar nicht so einfach. Und der Besuch von Lesungen davor – von Milena Michiko Flasar bzw. Nicholas Ofczarek legte die Latte ganz schön hoch, was Ausdruckskraft betrifft. Und auch Sonja las ihren Text über den jüdischen Festkreis, der humorvoll auf ihr früheres Nahverhältnis zum Judentum Bezug nahm, wie eine Schauspielerin. Chapeau!

Ein Wohlfühlabend: Lesung im „Aquarium“ der autofreien Siedlung

Ich kenne meine Texte ja nicht, wie Sonja ihre, „fast auswendig“, aber auch mir gelang das Vorlesen ganz okay, wie ich finde. Und ich erhielt manchmal Applaus nach einem Adventmail, vor allem, wenn es witzig und sprachspielerisch war. Und auch danach sprachen mich einige auf vorgelesene Themen wie Chat GPT, das Tourenradeln oder Kosenamen an.

Für mich war’s ein Wohlfühlabend, der auch nach dem letzten Text noch länger nicht endete. Und eine Ermutigung, sowas mal zu wiederholen…

Meine „Tracklist“: www.robertmitschaeibl.eu/?p=557, www.robertmitschaeibl.eu/?p=1459, www.robertmitschaeibl.eu/?p=999, www.robertmitschaeibl.eu/?p=969, www.robertmitschaeibl.eu/?p=1626, www.robertmitschaeibl.eu/?p=757, www.robertmitschaeibl.eu/?p=1594, nach der Pause www.robertmitschaeibl.eu/?p=488, www.robertmitschaeibl.eu/?p=560, www.robertmitschaeibl.eu/?p=1190, www.robertmitschaeibl.eu/?p=869, www.robertmitschaeibl.eu/?p=467, www.robertmitschaeibl.eu/?p=1373und als Abschluss den zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichten Text …

Adventmail 2025/12 (Anfang/Ende)

Das Christentum ist eine Tochterreligion des Judentums. An keinem Thema wird das deutlicher als bei Erschaffung der Welt (Gott erschuf die Welt, der Mensch erschöpft sie). Das Christentum hat keinen eigenen Weltentstehungsmythos, sondern übernahm die beiden Texte am Anfang des Buches Genesis in der hebräischen Bibel.

Laut dem ersten, literarisch durchkomponierten „priesterlichen“ Schöpfungsbericht aus dem 6. Jhd.v.Chr. erschuf der allmächtige Gott (hier „Elohim“ genannt) aus dem Nichts an sechs Tagen den Himmel (Universum) mit Sonne und Mond, die Erde mit Land und Meeren, Pflanzen und Tieren, den Tag und die Nacht. Und er erschuf mit Adam und Eva das erste Menschenpaar – nach seinem Ebenbild. In der Ruhe Gottes am siebten Tag gipfelt die Erzählung. Und gibt einen bis heute gültigen Wochenrhythmus vor.

Die „jahwistische“ Schöpfungsgeschichte in Genesis 2 (mit dem Gottesnamen Jahwe/JHWH) ist um 400 Jahre älter und zeigt weniger Interesse an der Erschaffung der Welt als an jener des Menschen. Diesen formte Gott aus Ackererde (Adam, hebr. ădāmāh = „Erdboden“) und hauchte ihm Leben ein; später folgte die Frau (Eva, hebr. ḥawwāh = „die ins Leben Rufende“) aus der Rippe des Mannes. Diese Reihenfolge ist feministischen Theolog:innen deutlich weniger sympathisch.

Schöpfungsmythen gab es auch bei anderen Hochkulturen (Sumerer, Zoroastrismus, Hinduismus, Griechen, Germanen, Inka…), der für mich schönste ist die erwähnte Priesterschrift der Genesis wegen seiner poetischen Kraft und seinem Hinweis auf die Gottebenbildlichkeit von Mann und Frau. Mehr Würde geht nicht.

Adventmail 2025/11 (Anfang/Ende)

Wo begann Anfang? Und womit wurde Ende nicht fertig?

Es gibt Familiennamen, die passen wie die Faust aufs Auge zum diesjährigen Adventmailthema. Zum Beispiel Markus Anfang, 1974 in Köln geborener Fußballspieler und jetzt -trainer. Er spielte zuerst beim TSV Bayer Dormagen, trainiert von seinem Vater. Als aktiver Kicker war er von 1998 bis 2002 beim FC Tirol Innsbruck engagiert und wurde mit Teamkollegen wie Michi Baur, Radoslaw Gilewicz, Robert Ibertsberger oder Alfred Hörtnagl dreimal Meister unter den Trainern Kurt Jara und Jogi Löw. Nach dem Konkurs des Tiroler Klubs wechselte Anfang zum 1. FC Kaiserslautern, mit dem er 2003 im Finale des DFB-Pokals dem FC Bayern München unterlag. Es folgten Stationen bei weniger prominenten Klubs und 2008/09 nochmal ein kurzes Gastspiel beim FC Wacker Innsbruck.

Spannend finde ich, dass der Nachname „Anfang“ in Nordamerika und Europa gar nicht so selten ist. Er könnte ursprünglich ein Spitzname für jemanden gewesen sein, der mit Neuanfängen oder vielleicht einer bedeutenden Veränderung in Verbindung gebracht wurde.

Von Michael Ende (der Name geht auf jemanden zurück, der am Ende einer Siedlung oder Straße lebt https://dieherkunft.com/ende) dürften schon mehr von euch gehört und gelesen haben. Ich z.B. verschlang den Welterfolg „Momo“ (1973), meinen Söhnen las ich „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ (1960) vor. Geboren wurde Michael Ende 1929 in Garmisch. Sein Vater, ein Maler, wurde von den Nazis wegen „entarteter Kunst“ schikaniert, was erklärt, dass der 15-jährige Michael 1945 wenige Wochen vor Kriegsende seinen Stellungsbefehl zerriss und sich einer Widerstandsbewegung anschloss. Nach Anfängen als Schauspieler und Filmkritiker wurde er durch den Bestseller „Jim Knopf…“ finanziell unabhängig.

Interessant, wie Ende den Beginn dieses Buches schilderte: „Das Land, in dem Lukas der Lokomotivführer lebte, war nur sehr klein. Das war der erste Satz, und ich hatte nicht die geringste Vorstellung, wie der zweite heißen würde… Ich ließ mich einfach ganz absichtslos von einem Satz zum anderen, von einem Einfall zum nächsten führen. So entdeckte ich das Schreiben als ein Abenteuer. Die Geschichte wuchs und wuchs, immer mehr Gestalten stellten sich ein, Handlungsfäden begannen zu meinem eigenen Erstaunen sich durcheinander zu weben.“

Na, wenn’s so leicht ist, probiere ich das auch mal. Unendlich wird die Geschichte ja wohl nicht werden: „Wo begann Anfang? Und womit wurde Ende nicht fertig? …“ Geht doch…

Ach ja: Endes letzte Arbeit nach seiner Krebsdiagnose und vor seinem Tod im August 1995 war das Libretto zu „Mamonella oder der Geist in der Flasche“. Es blieb unvollendet.

Adventmail 2025/10 (Anfang/Ende)

Warum meine Karriere als Religionslehrer 1988 nach drei Jahren an fünf Wiener Schulen zu Ende ging, hat auch was mit Anfängen zu tun: Zu Beginn jedes Schuljahres standen Erstauftritte in den mir zugewiesenen Klassen auf dem Programm, in denen es darum ging, Religion als Fach schmackhaft zu machen. Also eine Art Bewerbungsgespräch vor „Kunden“, die sich bei Nichtgefallen „aus Gewissensgründen“ einfach abmelden konnten.

Für mich war das jedes Mal ein unangenehmer Eiertanz zwischen Anspruch und Zugeständnis. Einerseits weitgehender Verzicht auf Leistungs- und Notendruck, andererseits Klarstellung, dass ich Reli nicht als Unterricht sehe, in dem man so einfach die Hausübungen anderer Fächer machen kann. Es solle hier um Fragen gehen, die sich jeder Mensch stellt, versuchte ich zu vermitteln: Wie kann Leben glücken? Was könnte ein liebender Gott für jedeN persönlich bedeuten? Was könnte Hamlet meinen, wenn er sagt, es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen unsere Schulweisheit nichts träumen lässt? Was können wir wissen, was dürfen wir hoffen? Woher kommen wir, wohin gehen wir? Was könnten wir tun, um unsere Welt ein Stück besser zu machen?

All das sollte man sich als reifes Individuum gefragt haben – unabhängig davon, ob die Antworten darauf religiöse sind oder nicht. Und außerdem, so versuchte ich weiters darzulegen, das Christentum ist DIE prägende Weltanschauung in Europa. Wer unsere Kultur verstehen will, unsere Geistesgeschichte, unser Sozialwesen, muss zumindest Grundkenntnisse über das Christentum haben.

Klingt überzeugend, oder? Jedoch zeigte sich, dass etliche Schüler:innen meinen Verlockungen widerstanden und statt Horizonterweiterung lieber zwei Freistunden pro Woche hatten. Und auch mit dem verbliebenen Rest war nicht immer gut Kirchen messen, das Durchdringen zu Grundsätzlichem scheiterte oft am Bodensatz an Wurschtigkeit.

Ich zog die Konsequenzen und Leine, wechselte in den Nachrichtenjournalismus. Da stört es nicht weiter, wenn das Publikum nach den ersten Sätzen weiterblättert – weil man das gar nicht mitbekommt.

Auch wenn es hier nicht so aussieht – Nachrichtenjournalismus hat mir viel Spaß gemacht.

Adventmail 2025/9 (Anfang/Ende)

1832 war das erste Jahr in der Geschichte der Menschheit, in dem zwei Kometen angekündigt waren. Die sich daraus ergebende Furcht vor einem Weltuntergang griff Johann Nestroy in seinem 1833 uraufgeführten „Kometenlied“ auf. Als Schuster Knieriem sang er im Stück „Der böse Geist Lumpazivagabundus“ über die aus den Fugen geratene Welt am Himmel und auch hier auf Erden im Refrain: „Da wird einem halt angst und bang, / Ich sag’: D’Welt steht auf kein’ Fall mehr lang.“

Die Kollision der Erde mit einem Kometen oder mit einem Asteroiden gilt in der Astronomie immer noch als ein mögliches, wenn auch nicht unmittelbar bedrohliches Szenario für unser aller Ende. Der NASA zufolge nähern sich uns regelmäßig Objekte aus dem All. Die Gefahr des Weltuntergangs oder zumindest einer globalen Katastrophe durch einen Einschlag wird unter Experten tatsächlich so ernst genommen, dass Fachleute aus aller Welt Szenarien durchspielen, um bestmögliche Verteidigungsstrategien auszuarbeiten. Dass der Aufprall eines nur rund 10 km breiten Asteroiden vor 66 Millionen Jahren zu einem Massenaussterben führte und alle Dinosaurier außer den Vögeln vernichtete, gilt in der Wissenschaft als plausibel.

Was bliebe noch übrig, wenn aus den Tiefen des Alls eine Katastrophe hereinbräche?
Wir Menschen wohl nicht.

Als weitere apokalyptische Bedrohungen aus dem All werden gigantische Sonnenstürme, die Kollision von Neutronensternen, die Explosion eines Schwarzen Lochs oder in ferner Zukunft die Verwandlung der Sonne in einen Stern vom Typ „Roter Riese“ genannt.

Wahrscheinlicher sind freilich „hausgemachte“ Gefahren. Die US-Regisseurin Kathryn Bigelow schildert in ihrem jüngsten Film „A House of Dynamite“ eindrucksvoll und nachvollziehbar, wie es 80 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki zu einem selbstmörderischen Atomkrieg kommen könnte. Mit über 14.000 Nuklearwaffen weltweit hätte ein atomarer Konflikt katastrophale Folgen für das Leben auf der Erde.

Beim politisch aktuell ins Hintertreffen geratenen Klimawandel ist immer wieder von Kipppunkten die Rede, die irreversible, lebensbedrohliche Zustände schaffen. Schon ab 2050 könnten tödliche Hitze, Wasserknappheit und Lebensmittelmangel Milliarden Menschen betreffen und zumindest das Ende des Anthropozäns einläuten.

Verursachen könnte dies aber auch ein „Supervulkan“: Etwa alle 100.000 Jahre ereignet sich eine Eruption, die das Sonnenlicht für Jahre blockieren könnte. Asche und Gestein in der Atmosphäre sorgen für einen permanenten Winter, das Pflanzenwachstum würde verhindert. Als am wahrscheinlichsten gilt so etwas aktuell durch den Yellowstone-Vulkan.

Weitere Nahrung für Pessimisten böten die Gefahr einer globalen Epidemie, von Gendefekten durch Mikroplastik, durch den Rückgang der Biodiversität oder eine außer Kontrolle geratene künstliche Intelligenz.

Fast alle Weltreligionen haben neben Schöpfungs- auch Weltuntergangsmythen. Denn was anfängt, muss auch enden, sagt die Logik. Bei Judentum, Christentum und auch Islam geschieht das mit dem Jüngsten Gericht, von Michelangelo unübertrefflich dargestellt in der Sixtinischen Kapelle. Endzeitreden gibt es im Neuen Testament mehrfach, doch die „Naherwartung“ des baldigen Reiches Gottes bzw. dann der Wiederkehr Christi war wohl doch ein Irrtum von Johannes dem Täufer, von Jesus selbst und von der Urkirche. Gott lässt sich Zeit. Und sagt uns: Kehrt um, wenn ihr in der Sackgasse seid. Also jetzt.

Adventmail 2025/8 (Anfang/Ende)

Sehe ich ein Anfänger-Warnschild im Heck eines Autos, bin ich gleich milder in Bezug auf Fehler der/des betreffenden Lenkerin/s. Ich war ja selbst einmal Anfänger hinter dem Steuer – nein: eigentlich zweimal. Das erste Mal, als ich im Sommer nach der Matura die Führerscheinprüfung ablegte und danach mehr als ein Jahr lang keine Fahrpraxis erwarb. Dann hatte ich eine Freundin, die mich regelmäßig mit ihrem VW-Käfer fahren ließ. Das zweite Mal, als ich nach jahrelanger Fahrpause in Korneuburg Teil eines Carsharing-Projekts wurde, für das nette Nachbarn ihr Zweitauto zur Verfügung stellten.

Mein erstes Auto als Mitbesitzer nutzte ich, als ich noch in der autofreien Siedlung in Floridsdorf wohnte – es stand in der Garage unter der Wohnung von Claudia zwei Straßenbahnstationen entfernt, wo auch ich jetzt lebe (nicht in der Garage, Anm.). Und wir sind am Überlegen, ob der mittlerweile 9 Jahre alte Renault Captur nicht das letzte Auto in unserem Besitz sein wird. In Wien kommt man mit Öffis bzw. dem Fahrrad so gut wie überall hin, Einkaufsmöglichkeiten sind in unmittelbarer Nähe, und Ausflüge/Urlaube könnten wir auch mit Leih- oder Sharing-Wagen bewältigen.

Von meinen drei in der fußgängerfreundlichen Seestadt lebenden Söhnen (38, 37 und 29 Jahre alt) hat nur einer einen Führerschein – und der nutzt ihn nicht wirklich.

Ich bin übrigens dafür, dass Autofahrer:innen ab einem gewissen Alter Fahreignungstests machen müssen – auch wenn mich das selbst bald betreffen würde. Ich denke an meinen 84-jährigen, vielfahrenden Vater, der einen Augenarztbesuch scheut, weil ihm dann womöglich der Führerschein abhandenkäme. Immerhin meidet er inzwischen das Fahren bei Regen und Dämmerung/Dunkelheit…

Adventmail 2025/7 (Anfang/Ende)

Heute die besten Songs über Anfang/Ende, anzuhören über DIESE Spotify-Liste:

Nina Simone: Feelin‘ Good „It’s a new dawn, it’s a new day. it’s a new life for me. And I’m feeling good“, singt Nina Simone hier Mitte der bewegten Sixties. Und man glaubt es der selbstbewussten Ikone der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, in deren Version dieses oft gecoverten Songs die Instrumentierung erst in Sekunde 39 einsetzt.

John Lennon: (Just Like) Starting Over Ein Song aus Lennons Todesjahr 1980, die letzte Single zu seinen Lebzeiten – und seien wir ehrlich: Die von ihm als „Elvis-Orbison-Nummer“ gedachte Komposition ist bei weitem nicht seine beste, nicht mal in meinen Top 10. Und sie war zunächst auch nicht sonderlich erfolgreich, wurde das erst nach der Ermordung der Legende. Aber es ist John! Lennon!!

Rolling Stones: Start Me Up Mit diesem einfach gestrickten 3-Akkorde-Song von Jagger/Richards eröffnen die Stones seit dem Paläolithikum ihre Konzerte. „If you start me up, I’ll never stop“, singt der 82-jährige Mick, und ich hoffe mit vielen, dass er noch lange mit seinen Steinen rollt.

Stevie Wonder: Isn’t She Lovely Mein Soul-Liebling at his best. Dieses Lied aus seinem wunderbaren Doppelalbum „Songs in the Key of Life“ (1976) schrieb er anlässlich der Geburt seiner Tochter Aisha (die Lebendige), in der Langversion ist auch Babygeplapper beim Baden zu vernehmen. Ich hörte das Album in einem Urlaub vor 25 Jahren mit meinen drei Söhnen rauf und runter; zwei von ihnen bekamen heuer ebenfalls Töchter.

Bright Eyes: First Day Of My Life Eine hübsche Komposition des US-Alternative-Stars Conor Oberst, der die Band Bright Eyes bereits als 15-Jähriger gründete. Seine brüchige Stimme auf seinem (inzwischen auf Spotify meistangeklickten) Folk-Song hat Charme und verbreitet Lagerfeuerfeeling.

Simply Red: Something Got Me Started Bei Simply Red war ich in den 1990ern in der Stadthalle in einem Life-Konzert, weil ich die funkig-soulige und gut arrangierte Musik von Mick Hucknall mochte. Allerdings merkte ich, dass die große Halle in Bezug auf Atmosphäre kleineren Spielorten klar unterlegen ist, heute gehe ich viel lieber in kleine Räume.

Ella Fitzgerald/Duke Ellington: I’m Beginning To See The Light Über die Zusammenarbeit von Ella und dem „Duke“ sang Stevie Wonder, manche Musikpioniere dürften einfach nicht vergessen werden. „The king of all Sir Duke / And with a voice like Ella’s ringing out / There’s no way the band can lose“. Stimmt genau, das hört man auch auf dieser Ellington-Komposition aus dem Jahr 1944.

David Bowie: Absolute Beginners Pop-Chamäleon Bowie schrieb diesen Hit für den gleichnamigen Film über „Absolute Beginners“, also Erwachsene ohne Beziehungserfahrung, im Londoner Stadtteil Notting Hill. „As long as we’re together / The rest can go to hell“, textet hier der großartige Songschreiber, der viel zu früh verstarb.

Carpenters: We’ve Only Just Begun Ja klar, dieses Lied des Geschwisterduos Richard und Karen Carpenter hat was Schnulziges. Aber die wunderbare Alt-Stimme der lange magersüchtigen, bereits 32-jährig verstorbenen Karen adelt die Soft-Pop-Songs der beiden, die in den 70ies ein breites Publikum fanden.

Beginner: Hammerhart Rap ist ja an sich nicht so meins, aber bei dieser Hamburger Band mit ihrem adventmailpassenden Namen mach ich ma ne Ausnahme. Die Vorzüge des nunmehrigen Trios formuliert der Refrain: „Ihr seid Zeuge, wie Denyo ’n neuen Hit schreibt / Eißfeldt die fetten Beats holt, aus’m Zip-Drive / Mad seine neuesten Technics Tricks zeigt / Arfmann an den Reglern macht den Shit tight.“ Jan Eißfeldt/Jan Delay ist auch solo einer meiner deutschen Lieblinge.

Beatles: Hello, Goodbye Dieser Beatles-Song bildet sozusagen die Bridge zu den Songs über Aufhören/Abschied/Ende. Es thematisiert Gegensätze – neben hello/goodbye auch ja/nein, stop/go, high/low … und zeigt das unglaubliche Talent McCartneys für eingängige Melodien. Lennon mochte den Song nicht besonders, hätte lieber „I Am The Walrus“ auf der A-Seite der Single aus dem Jahr 1967 gesehen. Was für eine produktive Konkurrenz das doch war!

Georg Danzer. Ruaf mi ned an Dieses so wienerische Beziehungsende-Lied ist mein favourite und das meistgecoverte vom Schurl. „Weit host mi brocht / i steh auf in der Nacht / und dann geh i spazier’n / Ganz ohne Grund, i hob net amoi an Hund / zum Äußerln fiarn…“ Selten ist Seelenpein so anschaulich und berührend geschildert worden. Und auch der Reim „Porsche“ und „Oasch geh‘“ ist genial.

Reinhard Mey: Gute Nacht, Freunde Einer der großen Texter der deutschen Liedermacherszene verdient hier auch Erwähnung. Mey-Lieder wie „Ihr Lächeln war wie ein Sommeranfang“ sang ich schon als Jungstudent an den Ufern der Isar während meines Wienerwald-Ferienjobs; später als Theologe, als wir statt „Über den Wolken“ grinsend „Unter Soutanen“ sangen. Und „Sommermorgen“ ist eines der schönsten Liebeslieder, das ich kenne.

Sarah Brightman/Andrea Bocelli: Time To Say Goodbye An dieser Melodie und diesen Stimmen komme ich nicht vorbei: 1996 nahmen Andrea Bocelli und die englische Sopranistin Sarah Brightman das italienisch „Con te partirò ( „Mit dir werde ich fortgehen“) betitelte Lied von Francesco Sartori. Kurios: Das Stück wurde als Eröffnungslied beim Boxkampf von Henry Maske gegen Virgil Hill unter dem heutigen Titel Time to Say Goodbye bekanntgemacht.

Madonna: The Power Of Good-Bye Es gibt ein Album der davor allzu sehr als „Material Girl“ agierenden Madonna, das ich in meine All-Time-Favourites einreihe: Ray Of Light (1998). Neben „Frozen“ einer der schönsten Songs darauf ist dieser für ihren Ex-Mann, den Schauspieler Sean Penn, komponierte. Im Text spricht sich Madonna dafür aus, sich von etwas zu lösen, das einem nicht guttut.

Adele: Someone like You Noch ein Beziehungsendelied – und vielleicht das schönste, das ich kenne. Adele singt hier auf ihrem zweiten Album „21“ über die ambivalenten Gefühle bei einer Trennung: „Never mind, I’ll find someone like you. / I wish nothing but the best for you too. / Don’t forget me, I beg! / I remember you said, / ‚Sometimes it lasts in love but sometimes it hurts instead.“ Ganz schön reif für eine am Beginn ihrer 20er. Und was für eine mitreißende Interpretin!

Bob Dylan: It’s all over now, Baby Blue „Jetzt ist alles vorbei, Baby Blue“… An wen His Bobness diese Abschiedsworte richtete, bleibt unklar (vielleicht weiß es mein Freund, der Dylanologe Dr. No?). Es wurde darüber spekuliert, ob Dylan mit dem Song seine Trauer über die vergebliche Liebe zu Joan Baez besingt oder vielleicht seine Distanzierung von puristischer Folkmusik. Eine musikalisch beachtliche Version des Songs stammt übrigens von Van Morrison und Them.

Wolfgang Ambros: Heite drah i mi ham „Es lebe der Zentralfriedhof“ war 1975 ein Meilenstein des Austropop, das Duo Ambros/Prokopetz war auf dem Höhepunkt seiner Kreativität. Das genannte Lied über Suizid mittels aufgeschnittener Pulsadern stammt jedoch von Georg Danzer, wie auch „A Gulasch und a Seidl Bier“. Alle anderen komponierte Ambros, der heute leider ein vom Leben Gezeichneter ist.

Earl Grant: The End Als Posthum-F1-Weltmeister Jochen Rindt 1970 auf dem Wiener Zentralfriedhof begraben wurde, spielte man sein Lieblingslied, gesungen vom akustischen Nat-King-Cole-Lookalike Earl Grant, der nur drei Monate vor Rindt auch bei einem Autounfall starb. Eine deutschsprachige Version („Jeder Traum hat ein Ende und Schatten folgt dem Licht / Jeder Tag geht zur Neige, doch unsre Liebe nicht…) sang Grant kurz nach der englischen in den USA ein.

The Doors/The Beatles: The End Etwas langatmig klingt heute die rauschgiftgeschwängerte 11‘43‘‘-Version des längsten Songs der US-Kultgruppe rund um Jim Morrison. „My only friend, the End“ singt der 27-jährig Verstorbene darin etwas morbid. Wie eine Kontrastversion dazu in Länge und Inhalt dazu wirkt das gleichnamige Liedfragment der Beatles, das das großartige Abbey-Road-Album beschließt. „And in the end, the love you take, is equal to the love you make“ textete Paul McCartney nach dem Vorbild von Shakespeare-Zweizeilern. John Lennon nannte das „a very cosmic, philosophical line“ von Paul. Und fügte ironisch dazu. „Which again proves, that if he wants to, he can think.“

Adventmail 2025/6 (Anfang/Ende)

Ich war um die 30, als ich, angeregt durch die pointierten, unfassbar belesenen Bücher Egon Friedells über die „Kulturgeschichte der Neuzeit“ das Hauptwerk von Oswald Spengler (1880-1936), „Der Untergang des Abendlandes“, las. Und ich finde, die kulturpessimistisch-deterministische Sicht, die der deutsche Kulturphilosoph wortreich entfaltet, hat ein Jahrhundert nach der Veröffentlichung noch mehr Plausibiität.

Spengler kurzgefasst: Geschichte verläuft nicht linear, sondern zyklisch. Jede Hochkultur durchläuft die Phasen Kindheit, Blütezeit, Alter und Verfall. Worauf der Mensch nur begrenzten Einfluss hat. Kulturen sterben „natürlich“ ab. Das „Abendland“, also der Westen, befindet sich nach seiner Blüte im Mittelalter und in der Renaissance im letzten Stadium, im „Winter“ seiner Kultur. Diese wandelt sich zur Zivilisation, wenn geistige Schöpfungskraft nachlässt und nur noch Technik und Macht zählen. Genau das war aus Spenglers Sicht Anfang des 20. Jahrhunderts der Fall. Politik wird dabei zunehmend von „Caesaren“, machtbewussten Führerfiguren, bestimmt.

Spenglers in zwei Bänden 1918 und 1922 erschienenes Opus Magnum ersetzt die vor dem Ersten Weltkrieg noch weitverbreitete Vorstellung eines kontinuierlichen, ja sogar notwendigen Fortschritts der Menschheitsgeschichte.

Spätestens seit den enttäuschten Erwartungen nach dem Fall des Kommunismus und mit 9/11 schwindet der Fortschrittsglaube erneut, auch bei mir. Wie auch anders – angesichts von Umweltzerstörung, Krieg als Mittel der Politik, Verlust demokratischer Errungenschaften, Polarisierung und Horizontverengung durch das Internet? Und ich denke, nicht nur mein Lebensgefühl hat sich seit geraumer Zeit sehr verändert. Ich bin pessimistischer geworden, was die Zukunft der Menschheit betrifft. Yuval Noah Harari nennt den Homo sapiens nicht umsonst einen „ökologischen Serienmörder“.

Eine geistreiche, unterhaltsam pessimistische Kulturdiagnose bietet der kanadische Spielfilm „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“ (Denys Arcand, 1986, Stream auf Amazon Prime). Eine Freundesgruppe mittleren Alters, beschäftigt am Institut für Geschichte der Uni Montreal, trifft sich in einem Landhaus. In ihr intellektuelles Geplänkel über den Zustand der Welt mischt sich immer wieder oberflächliche Lust an Freuden des Lebens wie gutem Wein und Sexaffären, hinter denen Einsamkeit, Relativismus und Resignation lauern.

„Melt“ (Nikolaus Geyrhalter, Ö 2025) **

Mehr als eine Stunde Schneegeschiebe, bis er endlich zu seinem Thema kommt. Um die mit der Schnee- und Gletscherschmelze verbundene Klimakatastrophe und deren Folgen für die an Küstenregionen lebenden Menschen ging es explizit erst am letzten und spannendsten Schauplatz – einer deutschen Forschungsstation auf dem Schelfeis in der Antarktis. Davor Schneemassen in Japan, Kanada, Osttirol, Schweiz. Ein Kapitel ist dem Ischgl-ähnlichen Après-Ski-Getöse in Val d’Isère gewidmet, wo eine hochkomplexe Infrastruktur zur Erzeugung von Kunstschnee geschaffen wurde. Ein weiteres führt in eine Höhle im Vatnajökull-Gletscher auf Island, die es wegen der zu hohen Temperaturen auch im Winter schon bald nicht mehr geben wird. Und vom sich rapide schrumpfenden Dachsteingletscher, wo sich auf 2500 m Seehöhe der Liftbetrieb nicht mehr rechnet, haben aufmerksame Medienkonsument:innen in Österreich schon mehrfach gehört.

Ich gestehe: Ich habe mich gelangweilt bei Geyrhalters von 2021 bis 2025 gedrehter, mit vielen Standbildern und ohne Musik auskommenden Doku. Der hat schon viel Besseres gedreht (Unser täglich Brot 2005, Homo Sapiens 2016). Wäre der 125-Minuten-Film auf arte oder Sat1 gelaufen, hätte ich schon lange vorm Ende umgeschaltet.

Adventmail 2025/5 (Anfang/Ende)

Er bekam einen stieren Blick. Fletschte die Zähne. Packte die Stöcke, als wollte er Blut aus ihnen herauspressen. Schien die Piste fressen zu wollen.

Die Rede ist von Skistar Hermann Maier, genannt Herminator in Anlehnung an den über Leichen gehenden Terminator. Der Olympiasieger (2x), Weltmeister (3x) und Gesamtweltcupsieger (4x) ist einer der Sportler mit einem besonders auffälligen Startritual. Auf Youtube gibt es sogar eine Zusammenstellung mit „Start Impressionen“ von Maier. Noch extremer, wenn auch nicht so erfolgreich wie der Herminator, gestaltete Slalomweltmeister Manfred Pranger sein Startritual. Wenn er mit Tunnelblick und Schaum vor dem Mund unverständliche Wortkaskaden ausstieß, fragte ich mich immer: Was um Gottes willen hat der eingenommen?

Das Startritual des „Herminators“. Unvergessen.

Überaus minutiös, ja zwanghaft legte Rafael Nadal (Tennis) den Beginn und auch den weiteren Verlauf seiner Wettkämpfe an: Wasserflasche millimetergenau ausrichten, vor jedem Punkt die Hosen und das Shirt zurechtzupfen, sich über Haare und Nase streichen – immer in derselben Reihenfolge. Für ihn sei das ein Mittel, „Ordnung im Kopf“ zu schaffen, sagte er 22-fache Grand-Slam-Sieger.

Sprintweltrekordler Usain Bolt inszenierte sich gerne vor dem Publikum: Vor dem Start und nach Siegen zeigte der Jamaikaner seine ikonische „Lightning Bolt“-Pose, bei der er schräg in den Himmel zeigte.

Tormaschine Cristiano Ronaldo stellt sich vor Freistößen breitbeinig hin, atmet tief ein, blickt konzentriert auf das Tor und führt dann den typischen Anlauf aus. Nach Toren springt er mit Drehung in die Luft und landet mit ausgebreiteten Armen, bereit für Ovationen (mehr bekommt bei mir aber Messi).

Für Aufsehen sorgt immer wieder das Ritual von Neuseelands Rugby-Team, der „All Blacks“: Vor jedem Spiel führen sie den traditionellen Haka, einen Maori-Kriegstanz, auf. Dieses Ritual ist nicht nur Einschüchterung der Gegner, sondern Ausdruck von Identität, Stolz und Teamgeist.

Und auch ich habe ein Ritual vor wichtigen Fußballspielen: Fenster abdunkeln, Getränk vorbereiten, Polster richten, Füße hochlagern, an der Aufstellung herummäkeln, „Pscht!“ zur Liebsten sagen.