Adventmail 2025/6 (Anfang/Ende)

Ich war um die 30, als ich, angeregt durch die pointierten, unfassbar belesenen Bücher Egon Friedells über die „Kulturgeschichte der Neuzeit“ das Hauptwerk von Oswald Spengler (1880-1936), „Der Untergang des Abendlandes“, las. Und ich finde, die kulturpessimistisch-deterministische Sicht, die der deutsche Kulturphilosoph wortreich entfaltet, hat ein Jahrhundert nach der Veröffentlichung noch mehr Plausibiität.

Spengler kurzgefasst: Geschichte verläuft nicht linear, sondern zyklisch. Jede Hochkultur durchläuft die Phasen Kindheit, Blütezeit, Alter und Verfall. Worauf der Mensch nur begrenzten Einfluss hat. Kulturen sterben „natürlich“ ab. Das „Abendland“, also der Westen, befindet sich nach seiner Blüte im Mittelalter und in der Renaissance im letzten Stadium, im „Winter“ seiner Kultur. Diese wandelt sich zur Zivilisation, wenn geistige Schöpfungskraft nachlässt und nur noch Technik und Macht zählen. Genau das war aus Spenglers Sicht Anfang des 20. Jahrhunderts der Fall. Politik wird dabei zunehmend von „Caesaren“, machtbewussten Führerfiguren, bestimmt.

Spenglers in zwei Bänden 1918 und 1922 erschienenes Opus Magnum ersetzt die vor dem Ersten Weltkrieg noch weitverbreitete Vorstellung eines kontinuierlichen, ja sogar notwendigen Fortschritts der Menschheitsgeschichte.

Spätestens seit den enttäuschten Erwartungen nach dem Fall des Kommunismus und mit 9/11 schwindet der Fortschrittsglaube erneut, auch bei mir. Wie auch anders – angesichts von Umweltzerstörung, Krieg als Mittel der Politik, Verlust demokratischer Errungenschaften, Polarisierung und Horizontverengung durch das Internet? Und ich denke, nicht nur mein Lebensgefühl hat sich seit geraumer Zeit sehr verändert. Ich bin pessimistischer geworden, was die Zukunft der Menschheit betrifft. Yuval Noah Harari nennt den Homo sapiens nicht umsonst einen „ökologischen Serienmörder“.

Eine geistreiche, unterhaltsam pessimistische Kulturdiagnose bietet der kanadische Spielfilm „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“ (Denys Arcand, 1986, Stream auf Amazon Prime). Eine Freundesgruppe mittleren Alters, beschäftigt am Institut für Geschichte der Uni Montreal, trifft sich in einem Landhaus. In ihr intellektuelles Geplänkel über den Zustand der Welt mischt sich immer wieder oberflächliche Lust an Freuden des Lebens wie gutem Wein und Sexaffären, hinter denen Einsamkeit, Relativismus und Resignation lauern.

2 Gedanken zu „Adventmail 2025/6 (Anfang/Ende)

  1. Sehr interessant, danke! Was halt beim Spengler in all dem fehlt ist, wie Menschen miteinander umgehen (also nicht nur jetzt in der „Zivilisation“, sondern auch früher in der „Hochblüte“. Die Stände damals, Männer und Frauen usw. usw. da sind wir mit dem heutigen Kommunikationswissen schon um einiges weiter – es ist viel gleichrangiger geworden. Leider wirds halt viel zu wenig angewendet (außer in bestimmten bubbles ) – und schon gar nicht von den „Cäsaren“. 🙁

  2. Die Zyklik des ganzen lässt Behauptungen von „Progressivität“ schon oftmals sehr naiv und hohl wirken. Man hat doch wohl kaum die Qualifikation, etwas als progressiv zu bezeichnen, wenn man nicht mal hinterfragt hat, ob die Werte, die man als solche ansieht, schon oftmals in der Vergangenheit erschienen und wieder verworfen wurden, und wenn ja warum. Ist aber natürlich bequemer so – solange alles auf einem Zyklus läuft, kann sich jeder immer als progressiv bezeichnen, man muss sich nur auf die zwei Schritte vorwärts konzentrieren und die damit verbundenen zukünftigen zwei Schritte rückwärts ignorieren.

    Demokratie kann ich kaum als „Errungenschaft“ bezeichnen, bis wir verstehen und mit Rückhalt vermeiden können, dass es über Zeit mehr und mehr zum puren Populismus wird, bis es sich schließlich nicht mehr tragen lässt und wieder durch andere Staatsformen ersetzt wird. Das ist keine Errungenschaft, nur ein temporärer Zwischenzustand, der sich nunmal nicht selbst erhalten kann. Wird auch schwer, motiviert dafür zu sein, irgendwas gegenwärtiges zu erhalten, wenn „früher woa nu ois besser…“ quasi Dauergefühl ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert